Exhibitions




ARCHITEKTUR IV

von 04.12.1997 bis 17.01.1998

Sabine Bitter, Helmut Weber, Ernst Logar

in frame

„Nicht versuchen, allzu schnell eine Definition der Stadt zu finden; das ist viel zu groß, man hat alle Aussichten, sich zu irren.“ Georges Perec

Stadt ist ein abstraktes Regelwerk, ein komplizierter Aggregatzustand in konkreten räumlichen Formationen. Geologischen Schichtmodellen vergleichbar, präsentiert sich der urbane Raum als System von Faltungen, Brüchen und Sedimenten, die sich aus historischen, sozialen, ökonomischen bzw. politischen Prozessen entwickelten. Das Wesen der Stadt ist so allgemein wie speziell, so undurchsichtig wie erkennbar. Ihre sichtbare Erscheinung wird in unterschiedlichen Bildformen verbreitet, ihre Struktur jedoch verschließt sich weitgehend dem zweidimensionalen Zugriff. Zwar existieren unzählige Planungs- und Abstraktionsmodelle von Stadt, doch entzieht sich das urbane System immer wieder einer eindeutigen Erklärung. Die Spannung zwischen Chaos und Systematisierungsversuchen macht auch den Reiz der Städte aus, erschreckt und/oder zieht einen in Bann, motiviert den wachsamen Geist und fordert zur Auseinandersetzung heraus. Die Geschichte der Stadt ist immer auch vom Versuch ihrer Beherrschung und ihres Verlustes begleitet. In der Genese des urbanen Feldes dominiert die Tendenz, den Raum und die Bewohner zu kontrollieren, um gleichzeitig feststellen zu müssen, daß dieses lebendige System rational nicht in Griff zu bekommen ist.
Die Fotografie wurde von Anfang an unter anderem als Instrument zur Versprachlichung von Stadt und als Orientierungshilfe in ihr verwendet. In zahlreichen Bildern wurde das breite Spektrum des urbanen Geflechts abgelichtet, um zumindest bildhafte Eindeutigkeit zu vermitteln. Von den klassischen Stadtportraits bis hin zur Hinterhofästhetik, von den urbanen Randzonen bis zu den Orten der sogenannten Macht reicht die Bandbreite der foto-grafischen Annäherung an das Faszinosum. Das Thema Stadt wurde in verschiedenen Zeiten und unter unterschiedlichen Gesichtspunkten vermessen und/oder katalogisiert. Die Fotografie in Verbindung mit anderen Beschreibungssystemen faltet die Stadt auf und vermittelt einen kursorischen Einblick in ihre Struktur und dessen Wandlungen.
Auf unterschiedliche Art und Weise beschäftigen sich Sabine Bitter und Helmut Weber mit der Strömungslehre des Urbanen. In den verschiedenen Projekten und Ausstellungen spüren sie jenen dynamischen Systemen nach, die die Städte durchziehen und ihr Leben bestimmen. Mittels Fotografie und Video vermessen sie Orte und Räume, zeichnen entweder ihre eingeschriebenen Mechanismen auf oder fixieren die darin feststellbaren Bewegungslinien. Prototypisch dafür verwenden sie immer wieder Bildmaterial von Flughäfen, jener Kristallisationszentren verdichteter Verkehrsströme, die sich außerhalb der Städte befinden, zunehmend aber innerstädtische Funktionen übernehmen. In gewissem Sinne haben sich diese Terminals in den vergangenen Jahren zu invertierten urbanen Zentren entwickelt, die längst nicht mehr nur als Drehscheibe für Abflug bzw. Ankunft fungieren. Ausgestattet mit fast allen infrastrukturellen Einrichtungen, Dienstleistungszentren, Angeboten für die Freizeitgestaltung und Hotels (und dies alles mit direktem Anschluß an die ganze Welt), definieren sie für viele heutige Geschäftsreisenden den ausschließlichen Bewegungsrahmen und Wahrnehmungsradius. Die Stadt im Hintergrund verschwindet von der Bildfläche oder wird per Ansichtskarte mitgenommen. Verloren geht die unmittelbare Erfahrung des urbanen Raumes, jenes identitätsstiftende Zeichensystem, das auf Kosten der funktionalen Optimierung aufgegeben wird. Ohne diese Entwicklung kommentieren zu wollen, setzen sich Bitter/Weber mit diesen neuen räumlichen wie wahrnehmungstechnischen Bedingungen auseinander, untersuchen die Beziehung zwischen Individuum und Masse und legen Schichten der neuen urbanen Verhältnisse frei. Bestimmend für diese Auseinandersetzung ist ihr lapidarer Umgang mit diesen Gegebenheiten, ihr unaufgeregter allgemeiner Ton.
Auf vergleichbar direkte Weise setzt sich Ernst Logar mit dem Thema Hong Kong auseinander. Er nähert sich dieser dynamischen Agglomeration von Menschen und Gebäuden mit Hilfe einer Lochkamera, jener primitiven black box, die ohne Objektiv und Belichtungsmesser den Außenraum einfängt. Mit Belichtungszeiten von 15 Minuten bis zu einer Stunde pro Bild, fixierte er die statischen Verhältnisse dieser Metropole. Diese Fotos lösen die Menschen und Bewegungsströme auf, sie inhalieren förmlich die unterschiedlichen Geschwindigkeiten und atmen gespannte Dauer aus. Hong Kong als gebaute Landschaft verfließt zu ihrer eigenen Kulisse, wird zum sichtbaren Hintergrund für ihr sprichwörtliches Treiben. Die Dynamik der Stadt wird bildhaft ausgeklammert, sie repräsentiert sich nur in ihrer Architektur und in den dafür notwendigen Baustellen bzw. im eigentlichen Sinne über unser Wissen von den dortigen Verhätnissen. Die Fotos von Ernst Logar sind mentale Ausgangspunkte für strukturelle Reisen im Kopf, sie liefern nicht dynamische Informationen, sondern den nötigen Hintergrund für eine weitere Beschäftigung.

Arno Ritter