Ausstellungen




WERKSCHAU V - ELFRIEDE MEJCHAR

von 03.02.2000 bis 26.02.2000

Elfriede Mejchar

Sensible Ortungen
Reflexionen über Fotografie als Methode der Wahrnehmung



Ich möchte ein Bildermärchen erzählen,
das nicht sagt „es war einmal“, sondern „so ist es“.

Elfriede Mejchar

Die Faszination, mittels des fotografischen Blicks eine subjektive Wahrnehmung realer Gegenwart zu bezeugen, um damit nicht mehr und nicht weniger als sinnliche Gewißheit zu erlangen, bildet das entscheidende Charakteristikum des facettenreichen Oeuvres Elfriede Mejchars. Getrieben von einer unstillbaren Lust nach einem Leben in Bildern und gelenkt von einem sicheren Gefühl für ästhetische Qualitäten gestaltete die umtriebige Altmeisterin, die Otto Breicha liebevoll als „unruhige Ruheständlerin“ titulierte, in den letzten fünf Jahrzehnten einen in seiner Art einmaligen Beitrag zur heimischen Fotokunst. Mit ausgewogenen, bis ins letzte Detail durchkomponierten Bildfindungen gelang ihr ein erfrischendes Kontrastprogramm zu den allgegenwärtigen Trends Glamour, Intellekt und Konstrukt, welches zu den wohl bemerkenswertesten heimischen Zeitzeugnissen der vergangenen Jahrhunderthälfte gezählt werden kann
Beachtlich sind zudem die Konditionen, unter denen dieses hochkarätige Werk erarbeitet wurde. Elfriede Mejchar stand ein ganzes Berufsleben lang im Sold des österreichischen Bundesdenkmalamtes, in dessen Auftrag sie landesweit eine Vielzahl historischer Kunstschätze fotografisch dokumentierte. Im Zuge der damit verbundenen Reisen und in einer spärlich bemessenen Freizeit generierte sie, quasi nebenher, eine Vielfalt freier künstlerischer Arbeiten, die mit den professionellen Dokumentationen eines gemein haben: den aufmerksamen Blick, der konsequent nach der Eigenart und Einmaligkeit des Geschauten forscht und noch im Nebensächlichen Momente lebendiger Schönheit ortet. Dieser bedient sich in beiden Fällen einer gleichermaßen neutralen wie monumentalen Bildersprache, die das Darstellungsobjekt nobilitiert. Geschult an der Archivierung unseres kulturellen Erbes, wohl auch eingeengt durch wissenschaftliche Vorgaben, die es dabei zu beachten galt, und überfrachtet mit Erfahrungen ästhetischer Vollkommenheit, wandte sich die begnadete Regisseurin der Wahrnehmung schon früh dem Alltäglichen zu. Das zentrale Interesse galt dabei vorerst dem Status quo, einer Bestandsaufnahme des urbanen Lebens im Wien der Nachkriegszeit, die zugleich aber auch als Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen des Mediums konzipiert ist. So sind die schon um 1950 begonnenen Experimente mit Licht und Schatten einerseits berührende Impressionen weithin menschenleerer Stadträume. Aus heutiger Sicht wecken sie dank ihrer kompositorischen Kargheit und einer nachgerade existentialistisch anmutenden Symbolik Erinnerungen an die Tage des Wiederaufbaus, in welchen nicht zuletzt auch um neue geistige und kulturelle Positionen gerungen wurde. Menschen spielen in diesen Ansichten eine untergeordnete Rolle, werden als anonyme, von Licht und Schatten modellierte Volumina beschrieben, die sich im Straßenbild klein und unbedeutend ausnehmen. Andererseits repräsentieren diese frühen, von starken Kontrasten geprägten Schwarzweißaufnahmen den Versuch, mit dem Licht zu zeichnen, seinen Brechungen und Reflexionen nachzuspüren und wenn möglich die Lichtquelle selbst abzubilden. Die Palette der daraus resultierenden Darstellungen ist reichhaltig: Sie umfaßt die Studie eines schlichten Trinkglases im Gegenlicht ebenso wie das Spiel mit dem indifferenten Spiegelbild der Fotografin in einer Klarglastür, sie weist nostalgische Straßenszenen im Schlaglicht eines späten Nachmittages auf, aber auch abstrakte Figurationen, die sich bei näherer Betrachtung als Fragmente eines Drahtgeflechts entpuppen. Trotz einer eindeutigen Chronologie, die sich stilistisch am Umgang mit dem Licht und an der Flächenorganisation ablesen läßt, ist keine inhaltlich lineare Abfolge und damit auch kein erzählerischer Zusammenhang auszunehmen. Die Blätter vermögen einzeln für sich stehen oder immer wieder neu arrangiert zu werden.
Diesem Arbeiten an Werkgruppen, die im Regelfall nicht als kontinuierliche Erzählungen angelegt sind und sich, da keine explizit definierte konzeptuelle Vorgehensweise dedektiert werden kann, auch nicht als Serien bezeichnen lassen, ist Elfriede Mejchar bis heute treu geblieben. Mit wenigen Ausnahmen erstreckt sich der Entstehungszeitraum der jeweils in Portfolien assemblierten Abzüge über mindestens zwei Jahre, wobei auch extrem lange Perioden keine Seltenheit sind. Zwischen 1965 und 1988 etwa entstanden idyllische Landschaftsaufnahmen in Splittingtonung, welche der rüden Schönheit des Hausruckviertels huldigen, deren sanfte, von alten Obstbaumalleen durchzogenen Hügellandschaften ein dramatischer Wolkenhimmel überspannt. Zugleich ortete der sensible Blick der Fotografin aber auch den sukzessiven, mit dem technischen Fortschritt einhergehenden Wandel und spürte im unvermittelten Nebeneinander von Hochspannungsleitung und Marterl, von Verkehrswegen und Waldesruh´ dem Erscheinungsbild der Industriegesellschaft nach, in dem sie trotz aller Unverhältnismäßigkeit und Häßlichkeit immer auch das Schöne, Besondere, Beachtenswerte entdeckt.
Mit traumwandlerischer Sicherheit gelingt dabei, da die inszenierende Wahrnehmung trotz aller Verbindlichkeit der Darstellung in Distanz zu ihren Objekten verharrt, der Grenzgang zwischen Kunst und Kitsch. So eindeutig die Aussagen in den dokumentarischen wie erzählerischen Aufnahmen sein mögen, die Neutralität des Blicks bleibt stets gewahrt, die visuelle Aufmerksamkeit zurückhaltend, die Perspektive auffallend unspektakulär. Und gerade in der Transparenz ihrer Inszenierungen beweist Elfriede Mejchar eine seltene Meisterschaft. So frei ihr Umgang mit verschiedenen fotografischen Gestaltungsmodi scheint, die innerbildliche Organisation ist durchwegs subtil, jedes Detail in Hinblick auf die Gesamtkomposition ausgerichtet. Bei den puristischen, in aufwendiger Äquidensitentechnik zwischen 1969 und 1975 realisierten Naturstudien handelt es sich um reduzierte Repräsentationen von Blättern, Blüten und Stengeln, die allerdings nicht nach Maßgabe eines wissenschaftlichen Interesses, sondern allein ob ihrer ästhetischen Qualität zu einem Herbarium versammelt wurden. Durch das unvermittelte, ästhetisch perfekt kalkulierte Nebeneinander gestochen scharfer, bis ins kleinste Detail durchstrukturierter Abzüge mit sanft verschwommenen Ansichten kommt die für Elfriede Mejchar spezifische Behandlung des Motivs deutlich zur Geltung. Ihr fotografischer Blick läßt der sinnlich wahrnehmbaren Welt ein gleichmäßiges Interesse zuteil werden und legitimiert noch den unbedeutendsten Vorwurf als bildwürdigen Augenblick. Dies zeichnet sie wiederum, zusammen mit einer von der Wahl des Bildausschnitts über die Belichtung bis zur Ausarbeitung technisch perfekten Realisation, als eine Kunstschaffende klassischen Zuschnitts aus. Denn auch wenn sie erprobten Gestaltungsmodi über den Wandel der Moden und Geschmäcker hin treu bleibt und ihr Schaffen zum Zeitpunkt seines Entstehens wohltuend unzeitgemäß wirken mag, so gelten heute viele ihrer Produktionen als moderner und relevanter, als so manche Schöpfungen einst international renommierter Kollegen.
Obwohl Elfriede Mejchar bezüglich ihrer Darstellungsmethoden relativ konstant bleibt, entwickelt sie keinem kohärenten Stil. Die Suche nach einem durchgängigen Konzept, einer „Masche“, scheint vergebens. Der Gefahr der Repetition beugt schon allein die häufig wechselnde Wahl der Motive vor, die ihrerseits sowohl von der Eigenart der Bildgegenstände als auch der inszenierten Wahrnehmung her zwangsläufig einen zeitlich genau definierbaren Moment bezeichnen. Eine faszinierende Entwicklung nahmen jedoch die subjektiven Vorlieben für bestimmte Themenkreise und Genres. Von den frühen dokumentarischen Ansätzen, welche bereits die Spezifika des Mediums implizit reflektierten, spannt sich der Bogen über das freie Spiel mit der Inszenierung von Materialien und Objekten bis zu einer medienkritischen Reflexion: Am Beispiel der luxurierenden Imaginationen des Weiblichen konterkariert sie die in den Massenmedien statthabende Konstruktion von Geschlechterrollen. Ob sie nun in collageartiger Manier die die idealtypischen Klischees fragmentiert und die Bildsplitter zu skurrilen, nachgerade surrealistisch anmutenden Geschöpfen montiert oder selbst Bildgeschichten mit eindeutig erotischer Konnotation vorlegt, wie den jüngst fertiggestellten Zyklus „Das Pelzchen“, die ästhetische Intention ist eindeutig und appelliert an ein gleichermaßen kritisches wie sinnenfreudiges Publikum.
So gesehen vollzieht das vielschichtige Oeuvre, in dem kaum eines der für die Fotografie des 20. Jahrhunderts relevanten Genres unbeachtet blieb, jenen historischen Wandel mit, der vielleicht am besten als „pictural turn“ bezeichnet werden kann. Innerhalb weniger Jahrzehnte ist das fotografische Bild gewissermaßen vom Abbild und Zeugnis realer Gegenwart zum einer Art Vorbild, bzw. mit der Durchsetzung der virtuellen Realität zu ihrem Derivat avanciert. Heute stellt die Bildwelt die Standards bereit, offeriert quasi die Software für unsere Perzeption der Alltagswelt. Sie illustriert aber auch, wie wir die Hardware sinnlicher Wahrnehmung, die realen Körper, zuzurichten haben, und propagiert darüber hinaus eine totale Instrumentalisierung, in der Bilder und Zeichen zu äquivalenten Funktionen eines symbolischen Handelns in einer übergreifenden Matrix werden. Per se zeichnet sich die reale wie die virtuelle Wirklichkeit ebenso wie die Kunst durch Mehrwertigkeit aus. Allein von letzterer wird erwartet, ihre Schöpfungen mögen klar, exakt, verdichtet und sublim sein. Ein Anspruch, dem Elfriede Mejchars Werk mit einer Prise hintergründigen Humors gerecht wird. Allen Trends zum Trotz, welche die Segnungen des Flüchtigen, des permanenten Verschwindens der Bilder preisen, insistieren ihre ausgewogenen, de facto durchwegs mit dem Stativ realisierten Kompositionen auf Konsistenz. Ausnahmslos bezeugen sie ein Wissen um den strukturierenden Einfluß des fotografischen Mediums auf die künstlerische Sichtweise und sie demonstrieren lebhaftes wie interessiertes Wohlgefallen an der sinnlich wahrnehmbaren Wirklichkeit. Sie bringen einen ästhetischen Hedonismus zum Ausdruck, eine ungebrochene Lust am Spiel mit den Bildern welcher die vitale und ungemein aktive Fotografin hoffentlich auch weiterhin frönt.

Edith Almhofer