Ausstellungen




GAST BOUSCHET / JIM FORSTER / MARKUS LANG

von 02.11.2000 bis 01.12.2000

Markus Lang, Jim Forster, Gast Bouschet

Gast Bouschet

Bilder, fotografische Abzüge.. Von was? Wozu? Bilder haben keine klare Mission. Die Fotografie hat viel mehr mit Denkprozessen zu tun: mit der Verworrenheit des Denkens. Realität ist ein Kompromiß von vielen, sehr subjektiven Wahrnehmungen. Wenn man sich für Geschichten über Realität interessiert, darf man sich nicht mit dem Überprüfen von Spuren begnügen, sondern man muß über die Übertragungsweisen von Realität nachdenken.
Derjenige, der meine Ausstellung besucht, wird Teil eines kreativen Prozesses. Natürlich kann sich jeder die Bilder ansehen, sie als schön oder häßlich befinden und wieder gehen. Ich versuche nicht durch irgendwelche Tricks die Betrachter zu einer direkten Partizipation zu animieren, aber es liegt mir sehr daran, diese Grenze offen zu halten, die Geschichten nicht fertig zu erzählen. Das trifft auch auf meine Filme zu. Geschichten in einer klassisch narrativen Form zu erzählen interessiert mich nicht. Vielmehr liegt mir daran Bezüge aufzubauen zwischen meinen Bildern und denen im Kopf desjenigen, der sie sich ansieht: verschieden Realitäten kurzzuschließen.
Die Arbeit ist nicht theoretisch angelegt. Es geht mir um Vermittlung von Geschichtsmodellen, die unaufhörlich entstehen und wieder einstürzen. Konfusion ist Realität... Wahrnehmen kann man nur durch Konfrontation. Zusammenhänge leuchten kurz auf und verschwinden dann wieder. Die Bilder verbergen so viel, wie sie zeigen. Sie tragen einen Verlust in sich, der schwer benennbar aber spürbar ist. Veränderlichkeit und Vergänglichkeit bestimmen Bindungen mehr als Gewissheiten. Die Medien Fotografie und Film scheinen mir geradezu ideal, dieses ständige Werden von Ereignissen und auch deren Zufälligkeiten offenzulegen.

Gast Bouschet, August 2000


Jim Forster

Meine Arbeit untersucht die fotografische Bildersprache mittels fiktiver Geschichten und setzt sich spielerisch mit einigen ihrer grundlegenden Voraussetzungen auseinander. Sie bezieht sich auf den Massenkonsum wie sie in Werbebroschüren, Fotoromanen, in Zeitschriften und auch in Unterrichtsmaterialien für Kinder vorkommt. Sie alle beinhalten Subtexte über die Welt die sie beschreiben.
Geschichten durch Bilder zu erzählen bietet eine Möglichkeit, in einer direkten, fast verkürzten Art und Weise zu kommunizieren. In unserer gegenwärtigen bildüberfluteten Kultur ist die Fotostory eine triviale Form der Kommunikation geworden und wird vor allem verwendet um elementare, menschliche Gefühle darzustellen.
Diese direkte Form interessiert mich. Ich versuche natürlich nicht Wirklichkeit zu simulieren – dennoch erzeugen die Bilder den Anschein von Dokumentationen. Für mich wird die Fotostory komplexer, wenn der narrative Inhalt sich der Illusion zuwendet und eine Art von Rätselhaftigkeit bezüglich Charaktere, Objekte und Setting die Geschichten dominiert. Die 2 Fotoserien in dieser Ausstellung zeigen durch und durch konstruierte „Rollenspiele“ bei denen die Darsteller bei der Aufführung von „ Minidramen“ fotografiert werden. Die Bilder sind beispielhaft, die Rollen klischeehaft und die Umgebung stilisiert. Diese Künstlichkeit gibt ihnen eine humoristische, zum Teil auch etwas unruhige Qualität. Die Protagonisten sind „Objekte“ sowohl im bildlichen wie auch im narrativen Sinn.
Die Bilder erforschen nicht nur die Vorstellungen von „wirklicher“ und „angenommener“ Identität durch Verkleidung und stilisierter Kostüme, sie spielen auch auf den Vorgang des Schauens und Gesehen Werdens. Diese voyeuristische Handlung innerhalb der Bilder erfordern vom Betrachter größte Aufmerksamkeit. Die Bilder haben eine rituelle und auch eindringliche Art, Rollenspiele in banalen Alltagssituationen darzustellen. Sie zeigen Handlungen von Begegnung und Konfrontation, in denen das Verhältnis zwischen vordergründigem Auftreten, Handeln und dahinter liegenden Assoziationen oder Gefühlen erforscht wird.

Jim Forster, Juli 2000


Markus Lang

What am I seeing here?

Unsere Sehgewohnheiten sind ganz und gar auf das Erkennen ausgerichtet, auf das möglichst rasche Identifizieren von Dingen, Menschen, Farben, Strukturen.
In den Fotoarbeiten von Markus Lang wird dieser erkennungsdienstliche Aspekt der visuellen Wahrnehmung auf verschiedenen Ebenen thematisiert und zugleich konterkariert. Das Ausgangsmaterial sind Bilder aus Filmen (Momente aus einem aufwendig inszenierten Kontinuum), die angehalten, ausgeschnitten, digital bearbeitet und vergrößert werden. Indem sich der fotografische Blick in das visuell verdichtete Geschehen des Films einhakt, entsteht so etwas wie eine Kunstpause, ein intermedialer Betrachtungsraum. Durch eine Serie von Entscheidungen und Eingriffen (Ausschnitt, Farben, Bildschärfe und Größe betreffend) wird schließlich ein bestimmtes Bild zur Ansicht gebracht – eines, das so im Film nie existiert hat und dennoch keine andere Herkunft vorzuweisen hat, als diese.
Das, was der Fotograf gefunden und ins Bild gesetzt hat, wird im selben Akt aus seiner Geschichte / Herkunft entlassen - gleichsam zur imaginären Verfügungfreigestellt. Welcher Bildwirklichkeit gehört er an, der Himmel, den die beiden Flugzeuge „erforschen“? Sein geklittertes Blau würde keiner Realitätsprüfung standhalten und wird gerade dadurch zu einem Träger für mögliche Vorstellungen von Licht und Raum. Die wiedererkannten und dadurch mit Bedeutung ausgezeichneten Objekte (ein Auto, eine bestimmte Geste, ein Feuerball, eine Stimmung) wirken dem Prozeß der bildtechnischen Abstraktion entgegen – jenem immer gegenwärtigen Auflösungsmoment, das das Gesehene in der Struktur des Sichtbaren zum Verschwinden bringt.
Die für das filmische Medium zentralen Faktoren von Bewegung und Zeit spielen auch in der Bild-Ästhetik dieser Fotoarbeiten eine wichtige Rolle. So treffen hier unterschiedlichste Zeit-qualitäten in einem virtuellen Moment aufeinander: die flüchtige Laufzeit der Filmbilder, die angehaltene Zeit der screen-shots, schließlich die gedehnte Zeit des Druckvorgangs, wenn das vergrößerte Bild Zeile für Zeile aufgebaut wird. Indem solche komprimierten Moment-aufnahmen dann wiederum zu Serien angeordnet werden, kommt ein weiterer Zeitfaktor ins Spiel. Dieser verweist, indem er das additive Prinzip des Films zitiert, auf den Lauf eines Geschehens, doch sind es hier gerade die Auslassungen, die nicht gezeigten Shots, welche die Bilderfolgen auf einen dramaturgischen und erzählerischen Raum hin öffnen.

Dr. Gisela Steinlechner