Ausstellungen




STILLEBEN II

Themenschwerpunkt

von 31.08.2004 bis 29.09.2004

Walter Ebenhofer, Elfriede Mejchar, Frauke Hänke, Frederick Bell, Christoph Premstaller, Marko Johann Zink, Tina Enghoff

Interieur

Interieurs im traditionellen Sinn zeigen Darstellungen von Innenräumen. Sie gehören strenggenommen nicht zum Gattungsbegriff Stilleben, da das Stilleben nach dem Stillebenforscher Charles Sterling eine Gruppe von Objekten zum Thema nimmt. Ist jedoch in der Historie der Gattungsbegriff Stilleben schon verschwommen, wenn z.B. lebendig dargestellte Menschen oder Tiere zu Dingen gruppiert werden bzw. wenn der Bildausschnitt so gewählt wird, dass neben den arrangierten Gegenstände weiteres wie z.B. Szenen mit Figuren zu sehen sind. Auch bei Interieurs der Kunstgeschichte lässt sich somit streiten, ob es sich hier um ein Nature morte handelt, da das Dargestellte – Möbel, Raumteile u.a. – der unbelebten Materie zuzuordnen ist. Interieurs nehmen in diesem Verständnis den Charakter von „still leben“ an; sie haben die gleiche Atmosphäre.

Dem Kollektiv der FOTOGALERIE Wien ging es bei ihrer Einteilung des heurigen dreiteiligen Themenschwerpunktes nicht um die alten Gattungsbegriffe. Vielmehr möchte man unter den drei Titeln „Arrangement“, „Interieur“ und „Objekt“ das Charakteristische der Stilleben in der gegenwärtigen Kunst mit Fotografie erfassen. Bei der Zuordnung der einzelnen Exponate zu den drei Gruppen war zum einen der Darstellungsinhalt, zum anderen die künstlerische Arbeitsweise und Haltung ausschlaggebend. Der Titel „Interieur“ spielt auf beide Zuordnungskriterien an.

Wie schon in der ersten Ausstellung „Arrangement“ fällt bei der Ausstellung „Interieur“ auf, dass der fotografische Begriff erweitert und durch Objekte bzw. installative Hängung zum Raum bzw. zum Dreidimensionalen hin geöffnet wird. Beim Thema „Interieur“ ist dies jedoch nicht nur in der allgemeinen Tendenz des gattungsüberschreitenden künstlerischen Arbeitens begründet zu sehen, sondern hängt mit dem in „Interieur“ manifestierten Grundthema – dem Raum an sich – zusammen. Die in der Ausstellung versammelten Arbeiten zeigen Innenansichten, d.h., sie sind in Innenräumen aufgenommen. Wesentlicher erscheint jedoch, dass sich in ihnen eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Raum und den sich darin befindenden oder abwesenden Objekten oder Menschen manifestiert: ein räumliches Denken, was einen anderen Raum jenseits des Dargestellten mit einbezieht.

Elfriede Mejchars (A) Serie „O.T.“ von 1985 zeigt Arbeitssituation von jenen Fotografen, welche im Auftrag Kunstobjekte dokumentieren. Dafür wird in einem Raumeck des Gebäudes des Auftraggebers ein provisorisches Fotostudio aufgebaut: Schirme für diffuses Licht, Scheinwerfer, Reflexwände, Hintergründe, ein Stativ, ein Stuhl, ein Tisch und mehrere Kabel dienen zur Dokumentation des Kunstwerkes. Mejchars Schwarzweißaufnahmen halten diese Situation von einiger Entfernung gesehen fest. Meist ist das „Hauptwerk“, das zu dokumentierende Kunstwerk, nicht mehr vorhanden, oder ist aus dem Zentrum weg gerückt. Auch der Akteur, der Fotograf , ist nicht im Bild. Die Aufnahmen sind so entwickelt, dass die weißen Dinge, die aufgespannten Schirme und hellen Gründe, kaum noch Körpermodellierung aufweisen. Sie sind gleißend hell – erscheinen wie Leerstellen in den Aufnahmen. Das, was dem Fotografen als Hilfsmittel dient und sonst eigentlich nicht zu sehen ist, ist hier der Bildmittelpunkt, jedoch ein Großteil davon gleichzeitig als Negativum, als Lücke interpretiert. Das Nachdenken über den fotografierten Raum kann bei Mejchars „Gegenstandsaufnahmen“, so die Bezeichnung der Künstlerin, auch als Allegorie der Fotografie gelesen werden, die anfänglichen magischen Vorstellungen der Fotohistorie beschwörend: das Licht, ohne dem die Fotografie nicht existiert, brennt sich förmlich ins Bild, prägt seinen eigenen Abdruck und eliminiert damit das ursprüngliche Objekt: wir sehen nun etwas, was man ansonsten (die Rahmenbedingung des Studios) nicht sieht.

Die Wirkungsweise des Lichtes im Raum und auf den Objekten ist ebenfalls das Grundthema von Christoph Premstaller (A). Er untersucht mit Hilfe von unterschiedlichen Lichtprojektionen das Zusammenfügen bzw. Trennen oder Hervorheben von Bildteilen. Seine Fotografien zeigen meist eine Zimmerecke. Auf Fensterbänken oder auf einem Tisch hat er Obststilleben als einen Bestandteil seiner Bilder inszeniert. Ein zweites wesentliches Kunstmittel von Premstaller sind Lichtprojektionen unterschiedlicher Art. Er arbeitet mit Diaprojektionen, farbigem und natürlichem Licht. Das Licht dient ihm neben der horizontalen und vertikalen Gliederung der Räume als Kompositionsmittel, das er sozusagen gegen die räumlichen Gegebenheiten einsetzt: denn es verbindet oder isoliert Raumebenen, lässt Flächen ineinander fließen oder trennt und setzt weitere vertikale und schräge Kompositionslinien. Sein Fotografieren ist gleichsam ein Malen mit Farb- und Formelementen, von denen das im Bild inszenierte Obststilleben ein Bestandteil ist. Die Innenräume liefern die formalen Vorraussetzungen für diese strengen, aber lyrischen Kompositionen.

Bei den drei folgenden Künstlern wird die Methode der De- und Rekonstruktion von realen räumlichen Bezügen und Bedeutungszusammenhängen anhand des Stillebens deutlich: Frederick Bell (GB/B) hat für „Still Life After J.B.S. Chardin/Musée du Louvre“ von 1992 im Louvre einen Ausschnitt der Hängung von Chardin-Stilleben fotografiert. Er nimmt einerseits auf die ursprüngliche Präsentationsweise Bezug, indem er von drei Gemälden Chardins nur einen Teil des Rahmens zeigt und den Rest mit Umrisslinien andeutet. Einzig ein Chardin-Ölbild ist ganz wiedergegeben. Dieses hat Bell mit Gegenständen unserer Zeit nachgebaut und fotografiert sowie den angedeuteten Gemälden und dem abfotografierten Stilleben gegenübergestellt. Seine Arbeit ist wie ein Blick vor- und zurück: zurück auf die betreffende Wand im Louvre und vor auf die Überprüfung bzw. Aneignung der Ästhetik Chardins für heute.

Walter Ebenhofer(A) isoliert aus Illustrationen in Magazinen Gegenstände wie eine Schale, die auf einem Tisch steht, ein Heft, das auf einem Sofa liegt, eine Buddhastatue im Regal, Handtücher auf einem Badezimmerschemel. Diese Objekte wurden bewusst arrangiert, um ein bestimmtes Gefühl, das des behaglichen und komfortablen Wohnens, zu inszenieren. In den Bildern Ebenhofers befremden die eigenartige Farbigkeit und die Rasterpunkte, welche auf den ursprünglichen Zusammenhang, eine bereits gedruckte Abbildung, verweisen. Der Künstler hat kleinste Ausschnitte fokusiert bzw. ist so tief in die vorgefundenen Bildgründe eingetaucht, dass der einstige Zusammenhang nicht mehr rekonstruiert werden kann. Dies ist auch unerheblich. Die Objekte sprechen für sich – auch ohne Kontext funktionieren sie als Zeichen für Behaglichkeit. In der Verschiebung von ihrer einstigen Funktion als Nebenschauplatz zum Hauptmotiv haben sie an auratischer Wirkungskraft gewonnen. Im Raum verteilt der Künstler die einzelnen Bilder so, dass sie auf verschiedenen Höhen an der Wand hängen. Gibt er ihnen dadurch einerseits die Chance, sich gegenseitig in ihrer Wirkungskraft zu steigern, so unterläuft die ungewohnte Nachbarschaft diese andererseits.

Frauke Hänkes (D) Kissenobjekte von 2003/04 sind ein ironischer Kommentar zum Thema „Angenehmes Wohnen“, das der Bildtitel benennt. Mit der Technik der Gummigrafie wurden auf Stoffkissen Ausschnitte aus Wohn-, Schlaf- u.a. Zimmern angebracht – Abbildungen, wie wir sie aus Zeitschriften zum Thema „Schöner Wohnen“ kennen: Lichte, lufte Räume, eine Bettkante, dann Korbstühle mit zwei Weingläsern, dahinter eine schlanke Frau im Badeanzug auf dem Balkon. Auf einem anderen Bild: zwei Tennisschläger auf einer Bettkante, ein Armlehnstuhl am Fenster, der wie sehnsüchtig auf den Balkon hinauszuschauen scheint. Die Bilder erzählen für sich bestimmte Wunschvorstellungen. Durch ihre Applikation auf Kissen werden diese jedoch konterkariert, da die Kissen in ihrer haptischen Fülle leibhaftiger wirken als die Schwarzweißbilder. Eine weitere Befremdung wird durch die Grünpflanzen, welche nachgestickt sind und wie aus den Kissen zu sprießen scheinen, hervorgerufen. Wiederum ist Nebensächliches – Zimmerpflanze und Kissen –, das einen starken Zeichencharakter für Behaglichkeit besitzt, an vordergründige Stelle gerückt; bei Frauke Hänke gleichsam vom Innenraum nach außen gekehrt.

Ein anderes Thema behandeln Marko Zink und Tina Enghoff: Die Auseinandersetzung mit dem fotografierten Raum wird bei beiden zur Sozialstudie. Marko Zink (A) fotografiert 2002 – 2004 sein sich spiegelndes Konterfei in Haushaltsgegenständen, die er in seiner Wohnung vorfindet: im Kalenderball, in der Türschnalle, in einem Deckel, im Herd, im Zuckerstreuer, im Microwellengerät. Die Isolierung von alltäglichen, wenig beachteten Objekten folgt jenem Prinzip der Bedeutungssteigerung. Indem Marko Zink jedoch nur solche Objekte in seiner Wohnung heraussucht, bei welchen eine Spiegelung seines Konterfeis möglich ist, ist es, als ob er sich seiner selbst und gleichzeitig der Objekte – die Größe der Darstellung entspricht jener des fotografierten Objektes – vergewissern möchte. Die Spiegelung macht die Bilder gleichzeitig zu einer Sozialstudie des Alleinseins.

Soziale Recherchen betreibt auch Tina Enghoff (DK) in ihren Aufnahmen von verlassenen Wohnungen der Serie „the passage“ von 2002. Ihre Fotografien zeigen Wohnungen. Auch sie arbeitet mit dem Kunstgriff des Ausschnitts, wodurch der Betrachter sich den Raum und damit gleichzeitig die Geschichte vervollständigt. Ein Großteil der Wohnungen ist stark heruntergekommen: zerschlissene Matratzen, bekleckerte Teppiche, Müll und Dreck – in einer Wohnung gar ein totes Tier – auf dem Boden, Kleidung und Hausrat liegen häufig wahllos herum. Nur wenige Bilder zeigen aufgeräumte Zimmer. Das Unaufgeräumte, Wahllose, Schmutzige lässt vermuten, dass die Besitzer die Wohnungen schon lange verlassen haben oder dass Personen die Behausungen bewohnen, welchen der Ordnungssinn fehlt. Der Titel „the passage“ unterstützt solche Vermutungen. Die Wohnungen werden zu Übergängen, Durchgangsstadien und die Verwahrlosung ist ein Zeichen für den damit zusammenhängenden Verfall: Die Innenraumdarstellungen von Enghoff symbolisieren den Stilleben-Gedanken, das memento mori. Dies sei abschließend ein weiterer Beleg, dass das Interieur mit dem Stilleben in einer engen Verbindung steht.

Andrea Domesle