Ausstellungen




IDENTITÄT III

Verortung

von 14.12.2010 bis 31.01.2011

Christian Wachter, Oliver Ressler, Tim Sharp, Gianmaria Gava, Dario Azzellini, Orit Ishay, Julia Müller-Maenher

Eröffnung: Montag, 13. Dezember, 19.00 Uhr
22.12.2010 – 6.1.2011 geschlossen

Begleitprogramm Oliver Ressler: Freitag, 14. Jänner 2011 um 19.00 Uhr
Finissage und Katalogpräsentation: Montag, 31. Jänner 2011 um 19.00 Uhr

 
Patronanz: Alsergrund Kultur – Bezirksvertretung
 
„Was konstituiert Identität heute?“, fragt das kuratorische Team der FOTOGALERIE WIEN anlässlich des Themenschwerpunkts für das Jahr 2010. Die dreiteilige Ausstellungsserie fokussiert IDENTITÄT der Gegenwart in ihrer pluriformen wie prozessualen Gestalt, ebenso wie die gezeigten künstlerischen Positionen die gleichsam unabschließbaren und vor allem uneindeutigen Facetten der Identitäten heutiger spätmoderner Subjekte widerspiegeln: Die KünstlerInnen visualisieren, wie die miteinander verwobenen Ausformungen personaler und kollektiver Identitäten zwischen Selbst- und Fremdbestimmung paradox changieren.
 
Für die Abschlussausstellung IDENTITÄT III – Verortung hat das kuratorische Kollektiv der Fotogalerie Wien künstlerische Positionen eingeladen, die sich mit der Verortung des Subjekts in der Spätmoderne kritisch auseinandersetzen. Während in der frühen Moderne kollektive Identitäten ein sicheres Bezugssystem bereit hielten, in denen die individuellen Identitäten ihren Platz kannten, erfuhren ehemals stabilisierende Rahmenbedingungen wie Klasse, Nation, Ethnie, Kultur, Religion oder Geschlecht in der Spätmoderne Auflösungstendenzen. Aus der gegenwärtigen Sehnsucht nach Verortung spricht ein Bedürfnis, ein Gefühl von Zugehörigkeit und sozialer Anerkennung zu erleben. Denn die spätmoderne, (post)postkoloniale Welt steht infolge der Globalisierung unter dem Einfluss eines entgrenzten Welthorizonts, in welchem zusätzlich die Mediatisierung normierend auf Identität wirkt. Solche gesellschaftlichen Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse münden in eine Destabilisierung und Fragmentierung von Identitäten. Stärker denn je tritt dabei die Bedeutung von Machtgefügen in den Vordergrund, in denen sich die Frage von Zugehörigkeit als Kampf um Inklusion und Exklusion bisweilen drastisch abzeichnen.

Gianmaria Gavas Serie Little Austria zeigt Familien und Pärchen, die in Wiener Schrebergärten in gleißendem Sonnenlicht posieren. Während der Nachkriegsjahre entwickelten sich aus informellen Kartoffeläckern parzellierte Gartengrundstücke. Inzwischen haben Wochenendhäuschen – im Format von Puppenstuben – die einstigen Gartenschuppen abgelöst: der Baustil verrät den individuellen Geschmack der „Häuslbauer“. Deren Gestaltungswille verweist auf die menschliche Sehnsucht nach Landbesitz, war doch der Heimatbegriff die längste Zeit mit Grund und Boden assoziiert.  
Orit Ishays Serie Public Domain nimmt Schutzbunker in Israel, die das ganze Land überziehen, ins Visier. Die Bauformen der aus der Erdoberfläche herausragenden Gebäudeteile banalisieren in ihrer zunächst harmlos wirkenden Buntheit ein in Israel allgegenwärtiges Angstgefühl. Unter den winzigen Bauten erstreckt sich ein ausgehöhltes Fundament voller Bunker, deren wahre Größe – und dunkle Bedeutung – verborgen bleibt. Die bunten Farben deuten zwar auf eine Form sozialer Interaktion, entlarven jedoch einen alarmierenden Gewöhnungseffekt.   
 
Julia Müller-Maenhers Serien Soweto (1+2) und Houghton Estate  sind in Südafrika entstanden, in einem Land, in dem angesichts der Sicherheitslage – ob in Johannesburgs Townships oder in den wohlhabenden nördlichen Vororten – bereits kleinste private Areale mit Zäunen und Mauern geschützt werden müssen. Müller-Maenher geht es aber nicht um die Darstellung der Gegensätze zwischen Arm und Reich, vielmehr nähert sie sich der Thematik in einer archivalischen Herangehensweise. Insbesondere die Anbauten und farbigen Hausanstriche in Soweto verdeutlichen den Wunsch nach Individualisierung.
 
In ihrem Film Comuna im Aufbau untersuchen Oliver Ressler und Dario Azzellini Formen der Selbstorganisation in Venezuela in zwei Armenvierteln in Caracas und einer sogenannten ‚kommunalen Stadt in Planung’ auf dem Land – ein partizipatorischer Prozess, an dessen Ende ein neuer Sozialismus stehen könnte. Die aktuell 30000 kommunalen Räte (Consejos Comunales) ermöglichen es den beteiligten Menschen, über die Zukunft und die Details der lokalen Infrastruktur in ihrem Umfeld selbst aktiv zu entscheiden. Der Film zeigt auf, wie trotz zahlreicher Hindernisse eine direkte Demokratie zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensbedingungen führen kann.
 
Tim Sharps Serie FIRST CONTRACT reflektiert, wie der indigenen Bevölkerung in Nordamerika systematisch das Anrecht auf Landbesitz entzogen wurde. Anhand von linien- und dreieckförmig positionierten Bändern, mit denen gegenwärtig Grundstücksgrenzen gekennzeichnet werden, zitiert Sharp die euklidische Geometrie, mithilfe derer das Land einstmals von Kolonisatoren vermessen und in Besitz genommen wurde. Wie Land weiterhin als Ware oder Spekulationsobjekt gehandelt wird, markiert auch die Zweikanalvideoarbeit Little Mountain.  
 
Christian Wachter zeigt Teile seines ausgedehnten Werkkomplexes Impressions D'AFRIQUE, darunter das Video L'INTANNABLE – Le Docteur CONOMBO et (d'après) ses ÉCRITS (2004), das den ehemaligen Premierminister von Burkina Faso mittels seiner Schriften portraitiert. Die Videoarbeit, surplus (krebsgang) umkreist die Basilika Notre-Dame de la Paix, die afrikanische Kopie des Petersdoms in Yamoussoukro (Côte d’Ivoire). Indem die Marschgeräusche der Tonspur die (Seitwärts)bewegung noch potenzieren, dynamisiert der Künstler das paradoxe Feld von Annäherung und Zurückweisung in Dekolonisierungsprozessen sprichwörtlich. Die Serie von Schwarzweißfotografien, Koda, läuft schließlich jeglichen Verortungsversuchen zuwider.
 
Pressetext: Claudia Marion Stemberger