Ausstellungen




TECHNIK & METHODE Künstlerische Prozesse der Bildfindung

Teil II: Mediale Untersuchungen

von 30.08.2011 bis 24.09.2011

Thomas Freiler, Stephan Reusse, Edgar Lissel, Beatrix Bakondy

Eröffnung: Montag, 29. August um 19.00 Uhr

Experiment, Forschung, Erfindung, Untersuchung – das sind Stichworte des diesjährigen Schwerpunktes TECHNIK & METHODE – künstlerische Prozesse der Bildfindung, den das kuratorische Team der Fotogalerie Wien in Zusammenarbeit mit dem Fotokünstler Thomas Freiler entwickelt hat. Heutzutage, wo der Wandel von der analogen Fotografie zur digitalen vollzogen zu sein scheint und die Fotografie in den Bereich des „Selbstverständlichen“ und „leicht Handhabbaren“ gerückt ist, treten vermehrt KünstlerInnen in Erscheinung, die eigene Apparaturen konstruieren, auf alte vorindustrielle Verfahren zurückgreifen und sich mit fotografischen Grundparametern auseinandersetzen. Die dreiteilige Ausstellungsserie fokussiert erfindungsreiche und unorthodoxe künstlerische Methoden und Prozesse der Bildfindung.
 
Als John Herschel einen Aufsatz an die Royal Society 1839 „Notes on the art of photography“ betitelte, führte er nicht nur den Namen für diese neue Erfindung ein, sondern es begann auch ein Diskurs über das, was man das „Fotografische“ nennen könnte: auf der einen Seite ein auf rationalen chemischen und optischen Gesetzmäßígkeiten beruhender Vorgang, auf der anderen Seite eine scheinbar magische Erscheinung oder eine spezifische Darstellungsweise, die uns Bilder als „fotografische“ erkennen lassen. Der zweite Teil des diesjährigen Schwerpunkts aktualisiert unter dem Titel Mediale Untersuchungen exemplarisch diesen Diskurs durch das Zusammenführen von vier vordergründig sehr unterschiedlichen Positionen. Ist, was wir als Fotografie zu erkennen glauben, tatsächlich Fotografie? Wo könnte eine Grenze zwischen Fotografie und anderen Abbildverfahren gezogen werden? Wie könnte diese Grenze beschrieben werden? Entpuppen sich Bilder, die nicht Sichtbares in Bildern von magischer Geisterhaftigkeit präsentieren, dann doch als Resultat rationaler technologischer Entwicklung, zerlegbar in einfache Grundmuster von Farbsystemen und Projektionsregeln?
 
Beatrix Bakondy zeigt in der Ausstellung sogenannte „kinetische Fotogramme“ aus der Serie Aerosole. Sie platziert dreidimensionale Dinge wie Taschen, Flaschen oder Stäbe auf einer Ebene und besprüht sie mit schwarzem Spraylack. Die direkte „Belichtung“ erfolgt über freie Partikel, d.h. Aerosole, die aus der Spraydose kommen und den Schatten des Objekts auf dem Trägermaterial sichtbar machen. Die Objekte wirken dennoch wie positiv durchstrahlt, seltsam visionär leuchtend. Das Abbild zeigt das Objekt, aber vielmehr noch den Raum, den es eingenommen hat: „Ich bilde den taktilen Luftraum der Objekte ab“ (B.B.) In diesen konzeptuellen und gleichzeitig sehr sinnlichen Arbeiten geht es um die Gegensätze Hell und Dunkel bzw. Tag und Nacht, um den Kontrast zwischen Gefühl und Denken, zwischen Vision und Realität, aber auch um die Auseinandersetzung mit Raum sowie Bild und Abbild.
 
In seinen Arbeiten beschäftigt sich Thomas Freiler analytisch mit dem Medium der Fotografie bzw. mit bildgebenden Apparaturen; seine Verfahrensweise ist die des Experiments und der Versuchsanordnung, sein Ziel nicht nur die Hervorbringung eines künstlerischen Bildes, sondern vor allem die Untersuchung des Einflusses der  Technik auf die Bildproduktion. „Wo ein Bild beginnt oder endet“, so Andreas Spiegl, „ist keine Frage des Formats oder der Schärfe, sondern ein Produkt der Erwartungen gegenüber dem Bild. Und aus dieser Perspektive ist der eigentliche Apparat, der hier zur Diskussion gestellt wird, das Subjekt selbst“. Seit ca. zehn Jahren baut Thomas Freiler auch eigene Kameras für spezielle Bildproduktionen, die sonst nicht möglich wären. In der Ausstellung präsentiert er die von ihm 1992 entwickelte Camera obscura (CO _1) auf einem Sockel mit den damit entstandenen Fotografien.

Edgar Lissel beschäftigt sich seit langem mit der Bildfindung durch Algen und Bakterien, eine Auseinandersetzung mit Zeit, Licht und Reproduktion. In der FOTOGALERIE WIEN zeigt er Bakterienbilder auf Leinwänden oder Gips bzw. Fotografien zur Entstehung dieser Arbeiten (aus den Serien: Domus Aurea, Myself II und Natura Viva). In der Selbstporträtserie Myself II, die Fortführung einer bereits 2004 begonnenen Arbeit, ist es ihm erstmals gelungen, seine Hautflora auf einem Leinenstoff wachsen zu lassen und dort zu dauerhaft zu konservieren. Frühere Abdrucke wurden mit der Fotografie fixiert und so zum Bild. In Domus Aurea beleuchtete er die Bakterien, die am Originalschauplatz römische Fresken zersetzen, mit dem Bild eines bereits zerstörten Freskos. Durch die Tatsache, dass diese Bakterien sich zum Licht hin bewegen, ist ein neues Bild entstanden – aus einem zerstörerischen Prozess wurde ein konstruktiver.
 
Der experimentell-konzeptuell arbeitende Medienkünstler Stephan Reusse zeigt thermografische Arbeiten. Bei diesem Verfahren werden mit einem speziellen Apparat Wärmedifferenzen von Sensoren aufgefangen und digital übertragen. Bei der thermografischen Bildgewinnung können Wärmespuren eines Menschen, der beispielsweise vor drei bis höchstens 15 Minuten seinen Platz verlassen hat, aufgenommen werden (z.B. die Serien Zeitstühle oder Leaving Shadows). Je schneller die Aufnahme erfolgt, desto präziser werden die Körperumrisse („Schatten“) abgebildet.  Anders als die Fotografie, die etwas Vergangenes als scheinbar Anwesendes zeigt, handelt es sich hier um Bilder physischer Abwesenheit, sie zeigen „etwas Unsichtbares“ und erweitern somit das Terrain der Fotografie. Von den wenig detailgetreuen Aufnahmen geht eine magische, geisterhafte Wirkung aus, weshalb Reusse seine Arbeiten auch „Thermovisionen“ nennt.
 
Thomas Freiler und Petra Noll, im Namen des Kollektivs