Ausstellungen




SOLO IV - MARKUS GUSCHELBAUER

plica ex plica

von 26.02.2013 bis 27.03.2013

Markus Guschelbauer

Eröffnung: Montag, 25. Februar um 19.00 Uhr  
Einführende Worte:  Ruth Horak
Werkstattgespräch mit Markus Guschelbauer: Mittwoch, 20. März um 19.00 Uhr
 
Seit 2010 wird eine der acht jährlich stattfindenden Ausstellungen in der FOTOGALERIE WIEN einem/einer jungen aufstrebenden KünstlerIn als Einzelausstellung gewidmet. Diese Ausstellungsreihe, SOLO, fungiert als Plattform und Sprungbrett für KünstlerInnen, die gerade am Beginn ihrer Karriere stehen, aber bereits über ein umfangreiches Werk verfügen, das einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden soll. Ziel ist es, eine nachhaltige Bekanntheit für die/den ausgewählte/n KünstlerIn zu schaffen; dies inkludiert auch die Vermittlung von Kooperationen und Wanderschaften. Für 2013 haben wir den österreichischen Künstler Markus Guschelbauer eingeladen.

Markus Guschelbauer (*1974 in Friesach/AT, lebt und arbeitet in Wien) hat von 2003 bis 2009 an der Universität für angewandte Kunst Wien bei Gabriele Rothemann Fotografie / Bildende Kunst studiert. Er thematisiert in seinen Arbeiten das vielschichtige Verhältnis von Natur und Kultur. In seinen installativen Landschaftsfotografien bearbeitet und verfremdet er Natur und setzt sich intensiv mit dem Landschaftsbegriff auseinander, indem er Materialien aus scheinbar kunstfremden Lebenswelten – wie Plastikplanen und Kleiderstoffe – vor die Kamera spannt, durch die Landschaft zieht oder indem er sie zu ephemeren Architekturen zusammenbaut. Dies ermöglicht vielfältige Assoziationen – vom Kirchenraum bis zum Biotechnologielabor.
In seinen jüngeren Arbeiten fokussiert er auf die in seinen Fotografien als Arbeitsmittel verwendeten Stoffe als solche. Er untersucht ihre Materialität, ihre Texturen und holt einen Begriff der Kunstgeschichte, den Faltenwurf, aus dem Tafelbild der Gotik in die Gegenwart, um ihn intermedial durchzuspielen: Stoffe hinter Museumsglas verweisen auf die Fotografie ebenso wie auf die abendländische Porträtmalerei. Kunstvoll gefaltete Stoffe hinterfragen den Skulpturbegriff und führen die in den früheren Arbeiten ins Zweidimensionale transferierten Installationen wieder in die dritte Dimension zurück.
In seiner Ausstellung in der FOTOGALERIE WIEN versucht Markus Guschelbauer, ausgehend von der Fotografie, zwischen den Bereichen Landschaft und Architektur, Porträtmalerei und Mode zu pendeln und ihnen neue Aspekte abzugewinnen.

Petra Noll



Plica ex plica – Markus Guschelbauer


Der blaue Vorhang war zugezogen. Seine regelmäßigen Falten bewegten sich unmerklich, wenn ein neuer Gast hinzutrat. Die vom Licht modellierten Falten übten einen starken Sog auf mich aus und das leichte Schwingen hatte eine hypnotische Wirkung.
Der Auftritt war gut vorbereitet. Das Publikum würde die Dramaturgie verstehen.

Die Landschafts-Inszenierungen hatten bereits ihren Platz in den Köpfen des Kunstpub­likums: Große Bahnen transparenter Folien oder farbige Stoffe hinterfangen Bäume oder legen sich über die Steine eines Wildbaches, um in den großformatigen Fotografien dann Künstliches und Natürliches zu einer „plastic nature“ zu fusionieren. Fichten
werden in einen (Bild)Raum aus milchigen Kunststoffplanen verfrachtet, Buchen unterteilen „Grauzonen“ und Föhren begeben sich in eine Komposition mit Rot, Blau, Gelb, Mint und Lachs. Die Stämme der schlanken, hochgewachsenen Bäume, wie sie in der europäischen Forstwirtschaft überwiegen, lassen sich von den Stoffen tragen. Schließlich hatte ich große Teile meiner Kindheit mit den Bäumen verbracht – sie sind an meiner Seite gewachsen und ich an ihrer. Und kann man den Wald nicht ins Studio bringen, muss das Studio zum Wald kommen.

Der Betrachter wird unweigerlich an eine Art „analoges Freistellen“ denken, wie er es bei Thomas Ruff und den (historischen) Maschinen-Aufnahmen zuletzt gesehen hat. Dort improvisieren Mitarbeiter in einer Maschinenhalle eine Studiosituation, indem sie eine weiße Leinwand hinter die zu fotografierenden Maschinen halten. Diese werden dadurch sowohl aus ihrem räumlichen Zusammenhang als auch aus ihrem funktionalen Arbeitsalltag herausgehoben. Ziel war es wohl, ein Zuviel an Realismus, der das Ideal dieser Präzisionsgeräte stören würde, auszublenden. Mit meiner Natur geschieht letztlich Ähnliches: Stämme werden zu Säulen oder zu Linien, wie von einem Pinsel gezogen, zu Protagonisten auf einer eigens für sie errichteten Bühne. Das Bildwerden geschieht bereits am Set. Oder umgekehrt werden Wiesen und Bachläufe zu Bühnen für meine kleinen Darbietungen: Grundformen in den Grundfarben oder fotografischer, eine transparente Folie, die sich wie Wasser über Steine ergießt und mit dem realen Wasser um den Realitätseffekt buhlt.


Auf der Bühne, auf der ich mich nun selbst befand, war alles bereit. Dennoch dachte ich daran, einen Schritt auf die Seite zu machen, das Publikum mit seinen Erwartungen zu konfrontieren, vielleicht den Vorhang doch nicht zu öffnen, stattdessen seine wundersam gleichmäßigen Falten als eigentliches Arrangement vorzuführen. Mein Blick auf das blaue Tuch war längst unscharf gestellt. Da musste ich plötzlich an die Afrikanerin denken, deren Fingerfertigkeit mir in London aufgefallen war, wie sie behände ihre auffällig gemusterten Stoffe faltete, um etwas zu errichten, das mich an die Kopfbedeckungen von Herzoginnen erinnert, wie man sie auf Gemälden findet. Für die Afrikanerin war es nur ein Markt-Display, aber ich sah ihre Kreationen vor mir auf Sockeln thronen, wie in der Schatzkammer eines englischen Königshauses, unterschrieben mit „Catherine Douglas – Duchess of Queensberry“ oder so ähnlich. Überhaupt war London voll gewesen mit Faltenwürfen: Die üppigen Gewänder und Halskrausen in der National Portrait Gallery, die Stoffgeschäfte am Petticoat Lane Market, aber selbst die Wellen der Themse kräuselten sich an der Oberfläche ähnlich manieriert, wie die Darstellung derselben auf Gemälden. Vor meinen Augen gewannen die Tücher und Planen, die ich bis dahin in erster Linie als Backdrops eingesetzt hatte, immer mehr an Eigenleben, quollen aus den Bildern heraus und krochen über die Wände.

Als sich der Vorhang dann unerwartet plötzlich zur Seite schob, überkam mich die Sorge, wie ich mit dem menschengefüllten Saal umgehen würde, aber überraschenderweise war das, was sich da vor mir auftat, durchaus beruhigend: tausende Falten in Pullovern, Hemden, Blusen, Hosen und Röcken, Sakkos und Westen, in allen Farben um die großen, kleinen, dicken und dünnen Körper ihrer Träger drapiert. Ich atmete erleichtert auf

Ruth Horak