Ausstellungen




MOBILITÄT III

Geld

von 17.12.2013 bis 29.01.2014

Lisl Ponger, Isa Rosenberger, Helmut und Johanna Kandl, G.R.A.M, Katharina Gruzei, Zanny Begg & Oliver Ressler , Chto Delat, Elke Uitentuis & Wouter Osterholt , Yorgos Zois

Eröffnung: Montag, 16. Dezember um 19.00 Uhr
Einführende Worte: Philipp Levar  
Finissage, Katalogpräsentation und Vortrag von
Elisabeth von Samsonow:
Leib – Werk – Schuld – Geld – Leib – Werk – Schuld – Geld …
Mittwoch, 29. Jänner 2014, 19.00 Uhr

Die Fotogalerie Wien ist vom 22. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014 geschlossen.
 
sponsored by: BMUKK, MA7-Kultur, Alsergrund Kultur, Cyberlab

Ausschweifende Mobilität ist – neben exzessiver Kommunikation – eines der bestimmenden globalen Phänomene am Beginn des 21. Jahrhunderts. Die FOTOGALERIE WIEN zeigt in ihrem diesjährigen Schwerpunkt künstlerische Arbeiten, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln den mannigfaltigen Aspekten dieses Themas widmen. Dabei umfasst die dreiteilige Ausstellungsserie Positionen zu den ineinander verwobenen Feldern der freiwilligen Reisen, der Grenzen und Grenzgebiete sowie der volatilen Kapital- und Informationsflüsse mit ihren physischen Konsequenzen für viele. Jeden Teil dieser Trilogie entwickelt das kuratorische Team in einem offenen Prozess gemeinsam mit den KünstlerInnen und begibt sich damit selbst auf eine Reise mit oftmals überraschenden Entdeckungen; in ihrem dialogischen Zusammenspiel machen die verschiedenen Arbeiten immer wieder neue Momente sichtbar und ermöglichen es, die Vielschichtigkeit des Themas Mobilität aufzuzeigen. Sich diesem gerade in und durch das Medium Bild zu nähern, kann auch als eine Referenz an ein wesentliches Merkmal der Globalisierung gelesen werden –  zählen doch gerade Bilder zu deren mobilsten Einheiten, die sich längst schon über alle Grenzen hinweggesetzt haben

"Geld", die dritte und letzte Ausstellung der FOTOGALERIE WIEN im Rahmen des diesjährigen Schwerpunkts MOBILITÄT, führt nach den Themenfeldern „Reisen“ und „Grenzen“ nun zur Auseinandersetzung mit den virtuellen wie volatilen Einflüssen eines globalisierten Waren- und Finanzmarkts und seinen realen Auswirkungen. Neben Recherchearbeiten, Dokumentationen und kritischen Analysen von den Machenschaften der Mächtigen wird die Schau durch auf emotionalen Zugangsweisen basierenden Arbeiten erweitert. Dabei werden die aktuellen, weltweit relevanten Themen der Finanz- und Wirtschaftskrise, des Immobilencrashs sowie der Korruption und des Machtmissbrauchs in unterschiedlicher Weise sichtbar gemacht. Der Zusammenhang von Ausbeutung und Gewinnabschöpfung, die sich vergrößernde Schere zwischen Reich und Arm kommen dabei ebenso zur Sprache wie die Ohnmacht und Existenzbedrohung der breiten Masse im Zuge der Krise.

In ihrem Video The Bull Laid Bear (2012) analysieren Zanny Begg (AU) und Oliver Ressler (AT) die Hintergründe der jüngsten Rezession und Finanzkrise (genannt „Bear Market“ – im Gegensatz zu „Bull Market“, dem Wirtschaftsboom). Das spannende Wechselspiel von Animationsfilm und klassischen Interviews spielt in einem Pub, wo sich ganovenartige Bären herumtreiben und zwei US-Ökonomen, eine Aktivistin und ein Kriminologe die harten Fakten zum Verfall der Wirtschaftsordnung zur Sprache bringen.

Die Künstlergruppe Chto Delat (RU) zeigt im Kino der Fotogalerie Wien das Video The Tower: A Songspiel (2010), das auf einem real geplanten Hochhaus-Projekt des Energie-Giganten Gazprom im Zentrum von St. Petersburg beruht. Die vielstimmige Szene, ein Chorgesang, ist geteilt zwischen denen, die darin eine glorreiche Zukunft sehen und den Kritikern, die es schließlich zu Fall bringen. Soziale Bruchlinien werden in dieser Arbeit ebenso sichtbar wie der Zusammenhang von Machtdemonstrationen, die sich als Fortschritt tarnen, und Korruption.

Die Künstlergruppe G.R.A.M. (AT) reinszeniert in ihrer Arbeit NixCheckCashing (2011) Pressefotos von Mimiken und Gesten entsetzter oder verwunderter Börsen-Broker, die auf drastische Kursverfälle während der Finanzkrise reagieren. Sonst eher selten in den Medien gezeigt, tauchen Bilder geschockter Börsianer immer dann als Signal auf, wenn sich die Krise verlängert, und geben ihr somit ein Gesicht. Bereits seit 1998 rekonstruiert die Künstlergruppe in einer Reihe von Projekten reale Ereignisse und macht auf diese Weise die Funktion der Bilder und die Mechanismen von Bildpolitiken sichtbar.   

In dem experimentellen Kurzfilm Die ArbeiterInnen verlassen die Fabrik (2012) bezieht sich Katharina Gruzei (AT) auf den ersten Film der Brüder Lumière La Sortie de l’Usine Lumière à Lyon (1895) und thematisiert gleichzeitig chronisch akute Probleme von Arbeitsbedingungen in der industriellen Produktion. Aufgenommen in einer aufgelassenen Tabakfabrik in Linz, deren Schließung hunderte Arbeitsplätze gekostet hat, begleitet der/die BetrachterIn eine immer größer werdende Schar von ArbeiterInnen beim Gang durch dunkle Fabrikkorridore, die nur kurzzeitig durch flackerndes Neonlicht ausgeleuchtet sind. Werden sie wiederkehren oder droht das Outsourcing?

Helmut & Johanna Kandl (AT) setzen sich in ihrer Arbeit sozialkritisch mit postmodernen Arbeitssituationen auseinander. Mittels eines künstlerischen Rückgriffs auf kolorierte Glasdiapositive aus der Zwischenkriegszeit, die sie mit affirmativen Slogans aus dem Repertoire des neoliberalen „Neusprechs“ in zynischer Weise aufladen, wird die Divergenz zwischen dem Versprechen angemessener Entlohnung von erbrachter Leistung und der realen Arbeitsmarksituation sichtbar (Your Way to the Top, 2001). Erweitert wird diese Arbeit durch das Video von Helmut Kandl Womit handelst Du? (2001), das Straßenkünstler und Straßenverkäufer in ihrem täglichen Kampf ums Überleben zeigt.

Mittels eines eigens angefertigten, fahrbahren Mini-„McMansion“ durchqueren Wouter Osterholt und Elke Uitentuis (NL) in der Videoarbeit Your House is in our Hands (2009) das Städtchen Victorville, Kalifornien, und porträtieren dessen BewohnerInnen. Rund hundert Meilen von Los Angeles gelegen, bietet diese Retortenstadt im Nowhere auch für einkommensschwache Schichten die Möglichkeit eines leistbaren Eigenheims mit Garten und somit ein Stück des „American Dream“. In ihrer konzisen dokumentarischen Analyse gelingt es dem Künstlerduo, die Wünsche und Sehnsüchte, die Veränderungen der Lebensbedingungen nach dem explosiven Anwachsen der Retortenhomes und somit des Ortes, sowie die Ängste und Kritik nach dem Immobiliencrash, einzufangen.

In ihrer Fotoarbeit No Futures! (2009) referiert Lisl Ponger (AT) auf das klassische Genre der „Marktbilder“ der frühkapitalistischen Niederlande. In der sorgfältigen Komposition thematisiert sie das Gewebe des Marktes, die sozialen Gefälle und den sinkenden Absatz im Zuge der Krise. Der Titel bezieht sich aber nicht nur auf Zukunftsängste, sondern steht auch als Forderung im Raum, Spekulationen auf Grundnahrungsmittel an den Börsen im Rahmen von „Futures“-Geschäften einzustellen. Darauf verweisen die Tulpen zur Linken der Verkäuferin; war doch einst der kostenintensive Kauf von Tulpenzwiebeln eine Spekulation auf eine prosperierende Zukunft.

Isa Rosenberger
(AT) reinszeniert im Video Espiral (2010/12) mit der chilenischen Tänzerin Amanda Piña Kurt Jooss‘ expressionistisches Ballett „Der grüne Tisch“ (1932), mit dem dieser die Verkettung von Macht, Ökonomie und Krieg im Zusammenhang mit der ersten Weltwirtschaftskrise tänzerisch verarbeitet hat. Vor dem Hintergrund der Österreichischen Nationalbank gedreht, konzentriert sich Rosenbergers Arbeit auf die Rolle
der österreichischen Banken und die Parallelen in ihrem (Fehl-)Verhalten damals wie heute. Der Titel Espiral („Spirale“) spielt dabei auf die gleichnamige, von Jooss´ Schüler Patricio Bunster gegründete Tanzschule in Santiago de Chile an, die Kindern unterprivilegierter Schichten eine Ausbildung ermöglichte, aber auch auf Abhängigkeiten innerhalb einer globalisierten Ökonomie.

Yorgos Zois (GR) zeigt in seinem Kurzfilm Titloi Telous (Out of Frame) (2012) leere Werbetafeln entlang der Straßen von Athen. In standfotografischer Manier fängt er in eindrücklichen und atmosphärischen Bildern die tragische Situation in Griechenland ein. Die leeren Tafel-Skelette des Kapitalismus sind als Parabel auf die Hoffnungslosigkeit, die die Krise vielerorts mit sich brachte, zu verstehen. Ein einsames Hundebellen durchbricht die gespenstischen Aufnahmen vor blauem Himmel. Eine griechische Flagge weht verlassen in der Weite.

Philipp Levar und Petra Noll