Ausstellungen




BIOGRAFIE II - WIR

von 02.09.2014 bis 27.09.2014

Miriam Bajtala, Eva Thebert, Tiago Casanova, Ahu Dural, Alba d'Urbano / Tina Bara, Christian Kurz / Maria Porsch / Bastian Schwind / Flo Staffelmayr, Evgeniy Pavlov / Tatiyana Pavlova, Maja-Iskra Vilotijevic, Dariusz Kowalski

Eröffnung: Montag, 1. September 2014 um 19.00 Uhr
Einführende Worte:
Elke Krasny

Begleitprogramm / Filmpräsentation:
Dariusz Kowalski
, "Richtung Nowa Huta", AT 2012, 78:00 min.
Dienstag, 23. September um 19.00 Uhr
Kino Fotogalerie Wien
 
sponsored by: BKA Kunst; MA7-Kultur; Cyberlab; Bezirkskultur 9, Wien

Das zeitgenössische „Ich“ ist ein bedrängtes. Es muss sein „Ich“-Kapital behaupten zwischen den technologisch expansiven sozialen Netzwerken und der neoliberal geforderten leistungsnachweisenden Selbstveröffentlichung. Das „Ich“ muss ebenso effektiv wie affektiv agieren. Gleichzeitig erfolgt ein Dauerzugriff auf die zunehmend entprivatisierten Daten. Die Fotogalerie Wien zeigt in ihrem diesjährigen Schwerpunkt BIOGRAFIE künstlerische Arbeiten, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem komplexen Thema der Lebenserfahrung beschäftigen. Das kuratorische Team entwickelt in intensiver dialogischer Auseinandersetzung mit den teilnehmenden KünstlerInnen, die in den Medien Fotografie, Video und Film arbeiten, diese dreiteilige Ausstellungsserie mit den Titeln: ICH, WIR und DU.

Die zweite Ausstellung BIOGRAFIE – WIR geht das Wagnis einer umkämpften Kategorie ein. Wer sind WIR? Wer kann von WIR sprechen? Wer kann WIR zeigen? Was zeigt sich im WIR? Seit den repräsentations- und identitätspolitischen Debatten der 1980er-Jahre ist WIR eine umstrittene Kategorie. In wessen Namen wird gesehen und gesprochen? Welche politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und ästhetischen Prozesse konstruieren die Verhältnisse zwischen Individuen und Kollektiv? Es geht um die Einflüsse und Prägungen verschiedener Gesellschaften – mit ihren unterschiedliche Traditionen, Lebensumständen, Verhaltens-, Ordnungs- und Disziplinierungsmustern – auf die individuelle Biografie einer Person. Globalisierte Migration und mediatisierte Kollektivitäten führen zu komplexen Spannungen zwischen Realitäten und Imaginationen von Zugehörigkeiten.


Fragen nach den eigenen Wurzeln führen zu Recherchen in der Vergangenheit und zur Auseinandersetzung mit den Auswirkungen auf das Leben eines Menschen. Relevant ist hier auch die Beschäftigung mit persönlicher und kollektiver Erinnerung sowie mit translokalen Beziehungen zu Herkunftsländern oder transhistorischen Bezügen zu historischen Regimen. Wo und wie positioniert sich das ICH im WIR und das WIR im ICH?

Miriam Bajtala
greift mit ihrer Arbeit Erster Preis die Logiken von Wettbewerb, Leistungsfähigkeit und Migration auf. Bis zu ihrem 17. Lebensjahr war Bajtala erfolgreiche Leistungssportlerin. Dies erleichterte den Integrationsprozess der als Kind mit ihrer Familie im Jahr 1977 von der Slowakei nach Österreich migrierten Bajtala. Die Künstlerin parallelisiert ironisch und kritisch Sport und Kunst(markt). Als Geräteturnerin gewann sie viele Pokale. Diese wirft sie nun auf den Kunstmarkt und dreht Beziehung und Abhängigkeit um. Als Künstlerin definiert sie den Ersten Preis und vergibt diesen an Kunstinstitutionen, KuratorInnen oder KritikerInnen. Die Tauschgeschäfte werden fotografisch dokumentiert. Auf den Fotografien mit den Pokalen spiegelt sich das Selbstporträt der Künstlerin in diesen.

Tina Bara & Alba D’Urbano
setzen sich in ihrem vielteiligen visuellen Rechercheprojekt Covergirl: Wespen-Akte mit (Re)Appropriation und dem Recht auf das eigene Bild auseinander. Bara war bei der oppositionellen Friedensbewegung in der Gruppe „Frauen für den Frieden“ in der ehemaligen DDR aktiv. 2007 entdeckte sie sich im Büro von Alba D’Urbano als nacktes Covergirl auf einem von Dora Garcia gemeinsam mit der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig herausgegebenen Künstlerbuch. Die „Wespen“, Teil der Staatssicherheit der DDR, hatten 1983 dieses Kleinbildnegativ, das als private Amateurfotografie bei einem der Ausflüge von „Frauen für den Frieden“ entstanden war, in ihre Archive aufgenommen. Die Künstlerin Garcia hatte das Foto entdeckt und in den Kunstkontext eingespeist. Covergirl: Wespen-Akte verfolgt, befragt und erweitert die Historiografie der (eigenen) Fotografie.

Das Video To Destruct / To Lose / To Extinguish von Tiago Casanova beruht auf Found-Footage-Material aus dem Jahr 1977. Der portugiesische Künstler entdeckte den Super 8-Film, der Szenen eines Badeurlaubs in Spanien zeigt, auf einem Flohmarkt. Sie weckten seine Erinnerungen an eigene Familien-Badeurlaube. Das Individuelle ist geprägt von technologischen, ästhetischen und kulturellen Konventionen. Die eigenen Erinnerungen sind denen von anderen zum Verwechseln ähnlich. Tiago Casanova spielte den Film so lange ab, bis dessen physische Existenz an ihr Ende kam. Diesen Akt der Zerstörung hielt er mittels digitaler Kamera fest. Abspielen zerstört die Erinnerungen, Aufnehmen hält die Zerstörung der Erinnerungen fest. Diese Ambivalenz zeigt sich in seinem Video.

Ahu Dural geht in ihrem Video Birlikte I Zusammen Fragen von Identität und Herkunft nach. Die Eltern der deutsch-türkischen Künstlerin sind schon sehr früh nach Deutschland migriert, wo sie und ihre beiden Schwestern geboren wurden. Mutter und Vater haben sich später für ein gemeinsames Leben in der Türkei entschieden. Die Künstlerin lebt heute vorwiegend in Wien. Für viele transnationale Familien sind Familienfeste, wie Hochzeiten, nicht nur Anlässe der Zusammenkunft, sondern auch der zunehmend hochprofessionalisierten videografischen Dokumentation. Dural verwendet die Hochzeit eines Verwandten in Ankara für eine visuelle Ethnografie der eigenen Familie und reflektiert mit dem Porträt ihrer Eltern die Unterschiede in den verschiedenen Gesellschaftssystemen.

In der Gemeinschafts-Videoarbeit (Super 8-Film digitalisiert) Familienidylle haben sich Christian Kurz, Maria Porsch, Bastian Schwind und Flo Staffelmayr Stil und Machart von Super 8-Filmen angeeignet. Diese ermöglichten seit den 1960er-Jahren – zunächst noch sehr kostenintensive, dann aber zunehmend immer günstigere – massentaugliche filmische Dokumentationen von Festen sowie dem boomenden Urlaubs- und Ausflugstourismus. Erzählt wird in mehreren, durch Zeitsprünge voneinander getrennten Szenen die Geschichte eines jungen Paares aus der österreichischen Mittelschicht der 1960er-/1970er-Jahre, wobei Familienidylle zwischen der Sichtbarmachung eines ehrlichen Abbildes und einer Vergangenheit, wie sie nie war, oszilliert.

Das Projekt Home Life Book – Diary of a Photographer's Life ist eine Zusammenarbeit des viele Jahre im Untergrund tätig gewesenen ukrainischen Künstlers Evgeniy Pavlov und seiner Frau Tatiyana Pavlova. Die SW-Fotos und Texte zeigen die Situation in der ehemaligen Sowjetunion sowie die Umbruchsituation während der Perestroika, aber auch die Lebensumstände und Überlebensstrategien nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Ende der UDSSR. Privates und gesellschaftspolitisches Leben, persönliche und kollektive Emotionen vermischen sich. Pavlovs Fotografien, die Landschaften, Stillleben, Familien- und Selbstporträts, Interieurs und Straßenszenen zeigen, gewinnen durch die Texte seiner Frau eine präzise Lesbarkeit und poetische Kraft.

Eva Theberts Film Vom Reden und Schweigen basiert auf der Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft. Sie erzählt die Geschichte ihrer Großeltern, die, wie sie sagt, „eine Erzählung über mich selbst“ wurde. Ihre Erinnerungsarbeit, die sich mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzt, ist geprägt von Dialog und Konflikt im intergenerationalen Verhältnis. Schweigen ist die Antwort auf viele Fragen nach der NS-Zeit, die Thebert ihrer Großmutter in Interviews stellt. Krieg und Flucht bestimmte für die Großeltern das, was man das Privatleben nennt. Für Thebert wird die filmische Reflexion zur Auseinandersetzung mit Identifikation und der Frage nach dem eigenen Verhalten, hätte sie damals gelebt.

Maja-Iskra Vilotijević verarbeitet in der Film-Text-Installation Strange Fruits die komplexe Geschichte ihrer Familie während der Balkankriege. In den 1980er-Jahren im damaligen Jugoslawien geboren, wurde der Lebensweg der Künstlerin, die zehn Jahre in Kroatien und zehn Jahre in Serbien gelebt hat, von den politischen Ereignissen bestimmt. Jedes der vier Kapitel ihrer Arbeit ist einem Familienmitglied gewidmet: Sister, Mother, Brother und Father. Das Biografische wird für die Künstlerin zur Ressource, um kollektive Erinnerungen mit persönlichen Erfahrungen gleichzusetzen und die Verschränkung zwischen dem Politischen und dem Privaten als direkte Verbindung darzustellen.

Petra Noll und Elke Krasny,  im Namen des Kollektivs