Ausstellungen




ANDERSWO II

Stipendiaten des BMWFK (Abteilung Fotografie) der letzten 5 Jahre für Rom, London, Paris und New York

von 04.07.1996 bis 03.08.1996

Max Aufischer, Thomas Freiler, Susanne Gamauf, Robert F. Hammerstiel, Sigrid Kurz, Paul Albert Leitner, Eva Maria Ocherbauer, Hanns Otte, Gue Schmidt, Christian Wachter, Robert Zahornicky, Margot Pilz, Barbara Holub, Ralf Hoedt, Michael Michlmayr, Angelika Kampfer, Ella Raidel, Klaus Schuster, Johannes Wegerbauer, Matthias Hammer, Rudolf Macher, Thomas Redl, Elfriede Baumgartner

. . . sich den anderen Ort bestimmen . . .

In eine fremde Stadt reisen – nicht vorbeiziehende Bilder der Reisebewegung, der Reisezustand oder Transit selbst sind das Thema, sondern der Aufenthalt an einem fremden Ort, das befristete Sicheinrichten im anderen Raum. Lange genug anderswo sein, um die unvertraute Umgebung in ihren Besonderheiten zu erkunden, um eigene „Fremde“ Gewohnheiten zu entwickeln, sich einen anderen Alltag zu konstruieren.
In der Beschäftigung mit dem Ort entstehen mitunter Blickweisen, die an ihn gebunden sind, Sehgewohnheiten gehen verloren oder verstärken sich. Das subjektive Befinden und Interesse beim Bestimmen des Draußen, der Objekte des Schauens, und das eigene innere Verorten ergeben einen Prozeß von Blickum-wandlungen zwischen bekannt – unbekannt, fremd – vertraut, der die künstlerischen Verarbeitungen bestimmt.
Die Metropolen Rom, Paris, London und New York evozieren als Orte eine Flut präfigurierter Bild- und Handlungsphantasien, sie haben gewisse Strukturen, die großen Städten gemeinsam sind und weisen dennoch ausgeprägte historische und ästhetische Differenzen auf. Stadt als architektonischer Raum und Stadt als soziales Verhältnis, als Erlebniszustand und menschlicher Lebensraum, definiert sich über menschliche Aktivitäten. In der künstlerischen „Abbildung“ verweist das materielle Objekt häufig auf das menschliche Subjekt, selbst wenn dieses nicht physisch präsent, nicht Gegenstand des Bildes ist.
Die KünstlerInnen dieser Gruppenausstellung sind den vielschichtigen Aspekten mit unterschiedlichen formalen, theoreti-schen und inhaltlichen Überlegungen nachgegangen. Dabei entstanden Arbeiten, die eine Auseinandersetzung mit der fremden Stadt jenseits gängiger Klischées formulieren.
Die Stadtstruktur bedingt das Sehtempo und die menschliche Wahrnehmungsgeschwindigkeit, die für Gamauf oder Kurz das Thema sind – die aus dem Augenwinkel wahrgenommene Umgebung, das Aufspüren einer bestimmten „Stadtzeit“, atemloses Verschwimmen der Konturen oder Schnelles, Beiläufiges, Blicke auf öffentliche Gebäude, Szenen und Räume, Übergänge von außen und innen, wie sie beim Autofahren oder beim schnellen Durchgehen mit der Videokamera festgehalten oder fotografiert werden; Menschen sind zufällig im Bild, nichts bestimmtes ist gesucht. Bei Baumgartners Beschäftigung mit gotischer Kirchenarchitektur in Paris ist das langsame, genaue Betrachten Notwendigkeit, erzwungen von den Distorsionen der Dämonen und Chimären der Kathedralen. Dieses notwendige Fokussieren wiederholt sich in der Darstellungsstrategie – der Betrachter muß sich den Bildinhalt durch Konkav/Konvex-Linsen blickend erarbeiten.
Touristisch kodierte Konnotationen der Städte und ihrer sogenannten Wahrzeichen werden aufgebrochen: das Wachsfigurenkabinett Madame Tussaud’s ist fester Bestandteil jeder London-rundfahrt – bei Schuster wird das fotografische Portraitieren der Wachsgesichter zu einer irritierenden Auseinandersetzung mit der Eigenschaft des lebendigen Auges und individueller Identität; bei Wegerbauer erhält das Empire State Building die gleiche Bildbehandlung wie das Portrait des Transvestiten Carolin, Stadt und Bewohner bilden eine ikonische Kategorie.
Die Atmosphäre der Stadt ist Produkt der Stadtarchitektur, welche die Lebensqualität und den Ausdruck öffentlichen Lebens mitbestimmt. Schmidt fasziniert die „Innerlichkeit“ Roms, der Stillstand der Zeit in Gebäuden. Dann gibt es einerseits das Erleben des städtischen Zeitlosen großer Plätze wie bei Leitner und andererseits den scheinbar zeitlosen Charakter der Monumentalarchitektur selbst, wie in den Camera Obscura-Aufnahmen von La Defense in Paris bei Freiler. Diesem steht der zeitbedingte und beliebige Zustand der römischen Gebrauchsarchitektur von Vorstädten der 50er bis 70er Jahren bei Hoedt gegenüber. Und Otte folgt ganz einfach dokumentarisch seiner Empfindung des Schönen, die in der Arbeit über die Ästhetik der Pariser Friedhöfe resultiert. Wenn bei Redl noch das Monument als Objekt im Bild ist, so wandelt Holubs konzeptueller Zugang wiederum in Global Roma Namen römischer Monumente und Texte zu Objekten um, konfrontiert sie mit verschiedenen Örtlichkeiten und Tönen, in der Kühlvitrine einer Geflügelhandlung installiert oder in den Händen von Nonnen am Petersplatz. Wachters London-Blick fällt auf eine Steinmauer, die zugleich Heimat und Fremde bedeutet, die die Ambiguität von Sehen und Erinnern eines Ortes bezeichnet.
Die Stadt ist vorwiegend definierbar über die Aktivitäten ihrer Bewohner, die wiederum besondere und charakteristische Atmosphären erzeugen. Zahornicky zeigt Bodenproben von Roms Via Appia Antica und Kirchentreppen, die Stadt als Ort der frommen Pilger und des Gebetes bei Tag und als Raum sexueller Aktivität bei der Nacht. Die Qualität der römischen Nacht mit ihrem Transfer des Banalen ins Rätselhafte bestimmt Aufischer’s filmischer Montage gleiche Bildsequenzen. Während van der Straeten die Stadt abgeht und den Jahreszeiten entsprechende Fundstücke, Schuhe und Handschuhe, aus Rom mitbringt und gleich diese selbst anstelle von Abbildungen installiert. Die Videobilder aus einer Arbeit Sete/Durst von Pilz spüren den mythologisch-kulturellen Aus-drucksformen eines Elements nach – dem Wasser, das Grundbe-dingung der Existenz der Stadt als menschlicher Ballungsraum ist.
Die Großstadt ist als Ort von Produktion und Konsum materieller Dinge, als Raum der Werbung und Verführung Thema anderer künstlerischer Annäherungen: Hammer erfindet in New York den Geschmacksverstärker, der bildlich „Instant pleasure“ verspricht, Hammerstiel geht seriell hergestellten Produkten wie Pariser Stuckrosetten als Elementen von Stadtarchiologie nach. Dabei ergeben und wiederholden sich Muster, Abstraktionen wie bei Michlmayr.
Ocherbauer untersucht in Paris sinnlich-konkrete Objekte fremder Schaufensterauslagen – Fische, Ledertaschen, Plüschtiere und isoliert sie fotografisch; Fragmente von Architektur, Maschinen oder Menschen finden sich gleicherweise und wie zufällig in der Londoner „Blicksammlung“ von Macher.
Im Umgang mit der fremden Stadt stehen Arbeiten wie Raidels Fotos von leeren Londoner Galerieräumen für eine bestimmte künstlerische Position: „Ich empfinde nahezu Ablehnung, durch eine fremde Stadt mit der Kamera zu laufen, um Stadt, Land und Leute zu fotografieren. Es würde das Gefühl des Fremdseins bloß verstärken.“
Die dokumentarischen Portraits von Kampfer, Menschen in der Altstadt Roms, entstehen aus einem vertrauten Verhältnis zu den Portraitierten, sie stehen in der Tradition ethnologischer Fotodokumentationen und formulieren damit die gegensätzlichste Thematik und Herangehensweise innerhalb dieser Ausstellung: „Ich habe mit den Arbeitern, Händlern und Handwerkern meiner unmittelbaren Umgebung gesprochen, sie kennengelernt und portraitiert.“
Dieser Querschnitt durch die künstlerischen Arbeiten der Stipendiaten zeigt das weite formale Spektrum der österreichischen aktuellen Fotografie: Unterschiedlichste Bildmedien, Darstellungsformen und künstlerische Verfahrensweisen, Abstraktes und die Auseinandersetzung mit der Konstruktion von Wahrnehmung, Konkretes wie klassische Architekturfotografie oder dokumentarische Portraitfotografie bis zu Mixed Media-Installationen, das Bild selbst ständig in Bewegung, von grafischer bis zu filmischer Verwendung, als Folie oder als Wandfries oder in seiner Rückführung und Aufhebung im Gegenstand selbst befindlich.
Die Arbeiten der Stadtaufenthalte sind somit Ergebnisse von Ortsbestimmungen, in welchen das Spannungsverhältnis zwischen eigenem künstlerischem Ausdruck und dem Einfließen und Übergreifen der Eigenheiten des fremden Ortes ins Bild wesentlich ist – als konkrete Teilrealisierungen vor Ort der jeweiligen künstlerischen Gesamtprojekte wie auch als subjektive Lokalisierungen der KünstlerInnen selbst.

Ulrike Davis-Sulikowski