Ausstellungen




FRAUKE HÄNKE & CLAUS KIENLE
MICHAELA KROBS

von 02.04.1997 bis 03.05.1997

Frauke Hänke, Claus Kienle, Michaela Krobs

FRAUKE HÄNKE & CLAUS KIENLE
Fallenstellerei

„When I came home I expected a surprise and there was no surprise for me, so, of course, I was surprised.“
Diese als paradox formulierte Feststellung über Erwartung, Überraschung und Enttäuschung, ca. 1944 von Ludwig Wittgenstein in seinen Vermischten Bemerkungen notiert, kann als roter Faden für das Verständnis des fotografischen Werkes von Frauke Hänke und Claus Kienle dienen. Ihre künstlerische Arbeit besteht im Entdecken und Sichtbarmachen des schon Vorhandenen. Doch wer sich vorschnell abwendet, übersieht das häufig versteckt ausliegende Fangseil, das den Betrachter auf eine Frage, einen Zweifel, einen Moment der Überraschung oder des Wiedererkennens stößt.
Das Tryptichon „Dolomiti“ (1996) von Frauke Hänke erzählt von dem jedem vertrauten Wunsch, Urlaubserlebnis und Landschaftsereignis zu konservieren und zu erhöhen. Das Alpenglühen wird zum Altarthema. Durch das Fortschreiten der Industrialisierung ist die Natur zunehmend aus der Landschaft verschwunden. Die Sehnsucht nach Ferne und Fremde blieb jedoch. Die Zahl der Fernreisen ist hiefür nur ein Indiz. Nach und nach bevölkerte sich auch das schöne Heim mit Haustier und Topfpflanze – die Natur im gezähmten handhabbaren Bonsaiformat. Die nahe und ferne Erlebniswelt des Städters wird als Bildtrophäe dokumentiert oder in Form von Stellvertretern dem häuslichen Ambiente gleich einverleibt. Tiere als beliebtes Motiv für Hobby-Fotografen werden in Claus Kienles Serie „Amateur“ (1996) kombiniert mit technischen Handlungsanweisungen. Texte lügen nicht – Vorsicht, dieser Glauben kann in die Irre führen. Gebrauchsanleitungen können alles sein zwischen funktionierender Anleitung, angewandtem Alltagsdadaismus und Fiktion, die dem Gutgläubigen trotzdem Kauf- oder Handlungsanreiz ist. Statt Erkenntnis zu vermitteln, porträtieren die scheinbar harmlosen Tierbilder eher die Arglosigkeit der technisch Rat Suchenden Amateure.
„Drücken Sie diesen Knopf, die Macht ist an, sonst ist die Macht ab“, charak-terisiert treffend das Powerplay zwischen Mensch und Maschine. Diese „poesie pure“ ist keine Anweisung für den Fotoamateur, sondern der taiwanesische Versuch, die Bedeutung einer Stereoanlage zu erklären.
Die Bildweiten von Frauke Hänke und Claus Kienle dokumentieren Sehnsüchte sowie ihre Widersprüche. Die in ihren Werken gestellten Fallen zwingen die Betrachter ihre Wahrnehmungsmuster zu überprüfen. Daraus resultiert die Erkenntnis, daß auch in der Fotografie Sichtweisen auf die Wirklichkeit immer konstruiert sind. Ceci est plus que réalité.

Emma Delp

MICHAELA KROBS
Zeichnungen nach der Fotografie

Nicht erst seit der jüngsten Diskussion um das Internet gibt es den Streit ums Bild, der je nach Sichtweise der Beteiligten in Euphorie oder Ächtung ausschlagen kann. Manches erinnert dabei auch heute noch an den Ikonoklasmus des 8. Jahrhunderts, als der byzantinische Kaiser Leo III. ein Bilderverbot für das christliche Europa verhing, was von der klugen Kaiserin Irene wenige Jahrzehnte später wieder aufgehoben wurde. Dieses wiederum hielt protestantische Fanatiker im 16. Jahrhundert nicht davon ab, Luthers Absage an das Bild zum Vorwand für einen radikalen Bildersturm auf die Kirchenbauten der refor-mierten Länder zu nehmen.
Der Ikonoklasmus unseres Jahrhunderts scheint sich nun darin zu generieren, dem Bilde durch das Bild, besser gesagt durch eine Unzahl von Bildern den Garaus zu machen. Zerzappte Fernsehbildschirme oder die in ihrem ganzen Umfang noch im Wartestand kauernden Internet-Terminals und eine noch nie gekannte Flut von Zeitungen und Magazinen erzeugen Dank der Erfindung der Fotografie und ihrer neuen digitalen Mobilität Bilder bis zum Zustand des weißen Rauschens, bis zum Stadium des visuellen Overkills.
Die Bilder von Michaela Krobs bilden dagegen eine Art von „Fotografie rückwärts“. Dem fotografischen Schnellschuß stellt sie eine in manischer Detailarbeit verfaßte, aber auf den ersten Blick identische Zeichnung daneben. Mit Akribie und zeichnerischer Perfektion wiederholt sie ein einziges Mal das zuvor schon tausendfach reproduzierte Abbild. Fotografie und Zeichnung treten dabei für den Betrachter in eine Konkurrenz, denn zunächst rätselt man, was denn nun fotografisches Vorbild und was zeichnerisches Nachbild ist. Bedingt durch das klein gewählte Format, geht der Betrachter näher heran und wird zum Voyeur des Unterschieds. Da diese Unterschiede aber nur in winzigen Details stattfinden, fällt der Blick vom Inhalt auf die Struktur. Wie in einem Vexierbild springt das Auge zwischen scheinbar Identischem und Gleichem, interessiert sich der Betrachter zwangsläufig für die Sättigung einer Fläche oder für die Modulation einer Linie. Diese veristisch anmutende Kunst wird so auch zur Auseinandersetzung mit der Konkretion bildnerischer Elemente.
Und doch verlieren die Sujets dieser Bilder nie ihren motivischen Reiz. Das vom Auge durchforstete Bild offenbart die Schönheit einer Landschaft, eines Menschen oder eines possierlichen Tieres. Durch Drehungen und Spiegelungen entstehen neue Bilder aus der gekoppelten Foto- und Zeichnungsreproduktion, die eine abstrakte und neue Eigenwelt erzeugen und die ihre eigene Logik und Gesetzmäßigkeit entwickeln. Das Spiel aus Form und Anmutung ist stets präsent.
Diese neuen Bilder von Michaela Krobs entstehen aus einem Konzept der Wahrnehmungsaneignung, das sich der Faszination des Gegenständlichen nicht verschließt und das die Emotion nicht aus-, sondern einblendet. So artikuliert sich in diesen künstlerischen Arbeiten ein romantischer Konzeptismus, der Caspar David Friedrich akzeptiert, ohne Alan Kaprow zu verleugnen.

Dr. Klaus Klemp, Leiter der städt. Galerie im Karmeliterkloster, Frankfurt a.M.