Ausstellungen




ANDERSWO III

von 05.09.1996 bis 28.09.1996

David Damoison, Avi Holtzmann

. . . Erinnerungsspuren für die Zukunft . . .

Holtzman und Damoison gehören im weiteren Sinn Diaspora-Gesellschaften an – der jüdischen und der afrikanischen Diaspora, jede hat spezifische historische Erfahrungen, territoriale Bereiche und eine unterschiedliche, sich ständig verändernde Situation und Lokalisierung in der Gegenwart. Den beiden Fotografen gemeinsam ist die Auseinandersetzung mit Begriffen von Erinnerung und Identität. Kollektives und subjektives Gedächtnis, Gewalt, Verlust und Widerstand spielen thematisch in ihren Fotoarbeiten eine wichtige Rolle, jeweils auf ganz verschiedene fotografische Weise in menschlichen Gesichtern, materiellen Zeichen oder leeren Landschaften vermittelt. Beide unternehmen eine individuelle Selbstpositionierung über ihre künstlerische Arbeit, suchen nach Wurzeln zwischen und jenseits örtlicher, sprachlicher und politischer Grenzen, denn sie sind „drinnen und draußen zugleich“. In ihren Bildern entwerfen sie dabei eine humanistische Vision, die ihre Arbeit motiviert und ordnet – Suchen nach einer möglichen Zukunft.

DAVID DAMOISON – CARAIBES/KARIBIK
„In Paris aufwachsend habe ich über das Kreyol, die Sprache meines Vaters, die Karibik geträumt. Seit einigen Jahren nun sind meine Reisen eingeschrieben in die Recherche nach Herkunft und Identität, in das Wiederentdecken der kulturellen Wurzeln. Diese Arbeit hat nichts oder kaum etwas mit ideologischen Vorstellungen zu tun, die Beziehung oder die Wiederentdeckung von Wurzeln ist verankert im Kontext der Gegenwart, sie bezieht sich auf eine universelle menschliche Kondition. Das Reisen ist dabei zugleich eine Reflexion über die Fotografie als den Raum, in welchem sinnliche Eindrücke, Esprit und ästhetische Emotionen zusammenfallen. Fotografie ist Schreiben mit Licht – in Bildern kann ich Spuren von Erfahrungen und flüchtigen Erscheinungen notieren, um eine Materialisation von Teilen meiner Erinnerung zu schaffen.“
Das Karibikprojekt stellt er unter ein Zitat von Saint-John Perse:
„Denn es ist der Mensch, um den es sich handelt, seine menschliche Präsenz, und um eine Vergrößerung des Auges hin zu den großen inneren Ozeanen. Sich Beeilen! Zeugnis ablegen für den Menschen!“
Manchmal ist Damoison auf der Suche nach dem absoluten Realismus, das Foto als ein gewählter Ausschnitt der Wirklichkeit, die Frontalität der Betrachtung ein Mittel, um den Menschen ins Zentrum zu stellen und eine Begegnung und Verbindung mit den Betrachtenden zu erzeugen. Manchmal arbeitet er mit Unschärfe, Bewegung und „dem unmöglichen Licht der Nacht“, betreibt eine „Ästhetisierung der Spuren bis hin zum Vertigo“ – um die Konturen der Wirklichkeit zum Verschwinden zu bringen, um alle möglichen Gewißheiten aufzulösen. Damoison macht Portraits von den Menschen der karibischen Inseln, den Städten, heiligen Plätzen und Mythen, Militärs in Haiti und Aristides Rückkehr, Boat-People in Kuba, Tabakarbeiter und Nachtclubtänzerinnen, Heiler und Geschichtenerzähler in Martinique – die Bilder sind Teile des Prozesses der Lokalisierung, die Lebenswelten der afrikanischen Diaspora fremd und doch die eigene Geschichte.
Seine Fotografien sind poetische Dokumentationen, ein behutsames Abgehen von Gesichtern und Atmosphären, zeigen verdichtete Ausschnitte von alltäglichen Wirklichkeiten. Gleichzeitig erlauben sie Zugänge zum ideellen Raum jenseits der körperlichen Beschaffenheiten, zu Denkweisen, Gefühlen und Erwartungen und zur Poesie der Orte.
„Indem ich die Karibik zum Feld kreativer Reflexion machte, habe ich mir meine Herkunft angeeignet jenseits der Klischees, mit dem Wunsch, ihr Inneres zu benennen, das Brennende, das Verletzte, das Gefühl des unerklärlichen Bruches; um mich der Wirklichkeit anzunähern mit dem Blick auf die Spiritualität, die diese Menschen, und auch mich selbst, ausmacht.“
Damoison dokumentiert in klassischer Tradition, ist weder ein mitbestimmender Teilnehmer noch Voyeur, er wahrt beobachtend Abstand und ist doch mit seinen Motiven und den portraitierten Menschen spürbar verbunden – Distanz bedeutet hier nicht Gleichgültigkeit, sondern Zuneigung.

AVI HOLTZMAN – WAR TRILOGY/KRIEGSTRILOGIE: NO NEUTRAL TERRITORY, FRONTIER, MODES OF WAR / KEIN NEUTRALES TERRITORIUM, GRENZE, FORMEN DES KRIEGES
Diese Landschaftsfotografie scheint auf den ersten Blick in ästhetische Refugien und idyllische Landschaftsszenerien wie sonniges Hügelland und die endlosen Horizonte der Wüste zu führen. Sanfte Dünen, blauer Himmel, spielende Kinder, weiße Häuser, halbverdeckt von saftiggrünen Sträuchern. Doch mitten unter grasenden Kühen steht ein kleines Schild, bei genauer Betrachtung zerschossen, angerostet – „Firing Zone“. Auf dem Kinderspielplatz entdeckt man wieder ein Schild, zunächst nicht auffällig – es zeigt einen Bombenschutz an. Das Gefühl für die Landschaft verwandelt sich beim Betrachten in Verstörung, Unruhe, naives Vertrauen in die oberflächliche Erscheinung ist aufgelöst. In der Wüste situieren sich die Spuren menschlicher Gewalt, verrosteter Stacheldraht, ausgebrannte Tanks, Minenfelder, die der Wind langsam freilegt, das Amphitheater im Hügelland ist ein Memorial für den Holocaust.
„Jenseits all des Humors und der Lebenskraft ist Israel eine Nation der Trauernden. Die Kultur ist geprägt durch Opfer und unvergessenen Verlust, erlebt von einer Gesellschaft, die sich in der Konsequenz immer drastischer militarisiert.“
Um die Bildinhalte genau zu bestimmen, braucht man eigentlich ein kriegstechnologisches Wörterbuch – „Intrusion-Tracking Road, Protective Fence, Anti-Tank Ditch, Pre-Ranged Artillery Target Area“ – die „War Trilogy“ entstand zwischen 1990 und 94 im israelischen Kriegsgebiet von 1967 und die Bilder verweisen direkt ins Zentrum politisch historischer Konflikte.
Es gibt keine vorgefertigte Übereinstimmung von „gut“ und „schön“, vielmehr ist die formale Schönheit und bildliche Ästhetik in der Fotografie ein Weg, um über die Erinnerung, die konkreten Zonen des Schmerzes, dem Militarismus und die kulturelle Gewalt zu sprechen. Es entsteht ein topographisches Portrait der jetzigen israelischen Gesellschaft und Holtzman hält dabei eine analytische Distanz, als jemand der am Ort geboren ist, aber schon lange nicht mehr dort lebt (seit mehr als 15 Jahren wohnt Holtzman in Holland).
Die visuellen Reste des Krieges und die Kraft der Landschaft verschwimmen zu Bildern von „schrecklicher Schönheit“, werden Metaphern politischer und physischer Gewalt.
Die Landschaft selbst wird zum sinnlichen Gedächtnis, ein physisch erfahrbarer Ort und zugleich der Raum, den Holztman aufsucht, um die Geschichte zu lokalisieren und dabei sich selbst zu positionieren.

Ulrike Davis-Sulikowski