Ausstellungen




ANDERSWO IV

von 05.12.1996 bis 18.01.1997

Branko Lenart, Christoph Dahlhausen

. . . Subjektive und mediale Topographien – Heimaten, Zwischenwelten und Andernorts . . .

CHRISTOPH DAHLHAUSEN beschäftigt sich mit einer alltäglichen und doch besonderen Art von Ortsveränderung - er bereist die Welt im konstruierten Raum der Medienwirklichkeiten. In der Werkgruppe Reisebilder thematisiert er den gesellschaftlichen Umgang mit täglicher Fernsehinformation und das Verhältnis von Wahrnehmung und Wirklichkeit. Eine spezifische Beziehung von ästhetischer Beschaffenheit und politisch - sozialer Bedeutung charakterisiert diese medial implantierten Wirklichkeitsvorstellungen, die in den Fotoarbeiten untersucht und hinterfragt wird.
Ausgangsmaterial für die Arbeiten sind die Bilder von Schreckensszenarios oder Katastrophenberichten der täglichen Nachrichtensendungen. Diese werden direkt vom Bildschirm abfotografiert oder auf Video gespeichert und als isolierte Einzelbilder fototechnisch bearbeitet. Dahlhausen selbst war an keinem der in den Fotoarbeiten gezeigten Orte, diese sind nicht persönliche "Erinnerungsfotos", sondern visuelle Fragmente normierter internationaler Berichterstattung.
Die Fotoarbeiten sind in beunruhigender Weise "schön", regen zu widersprüchlichen Assoziationen an, das Bild läßt sich nicht eindeutig fixieren oder einordnen - antike Ausgrabung oder Bombenruine, Sonnenuntergang oder Waldbrand, auf dem Asphalt zerrinnendes Blut oder Flechtpflanzen auf einer Mauer; oder blickt man doch auf die Spuren einer bewaffneten Auseinandersetzung? Die Bilder funktionieren als Kontrollpunkte der Überprüfung von Wirklichkeit und Bedeutung.
Ihre flimmernde farbige Ästhetik erinnert vage an ihre Nachrichtenherkunft - durch extreme Vergrößerung und Rasterung entstehen Farbveränderungen, Unschärfe und Konturlosigkeit. Der vertraut geglaubte Bildgehalt verändert sich: "Vermeintliche Zeugnisse des Vorortgewesenseins werden den Betrachtern, die Fernsehende sind, erneut gezeigt, diese glauben die Orte zu kennen und kennen sie doch nicht".
In der Auseinandersetzung mit dem Wirklickeitsanspruch der Nachrichtenbilder geht Dahlhausen davon aus, daß beim Betrachten von Nachrichten "eine Art der Wahrnehmung erzeugt wird, die das eigentliche Sehen auslöscht". Die gleichförmige, sich wiederholende Bilderflut verdeckt Ortsbestimmung und Sinnzusammenhang, die behauptete Bedeutung des Gezeigten hebt die eigentliche Aussagekraft des Bildhaften auf. In der Konsequenz etabliert sich ein sozialer Bedeutungszerfall im Verhältnis von Bild, Wahrnehmung, Empfindung und Realität. Fernsehbilder existieren zeitversetzt, die Angst, die Gewalt und der Schmerz geschehen für immer dort an jenem anderen Ort - die Zuschauer sind im Wohnzimmer, sicher und gefangen zugleich.
Die Form der Präsentation der Arbeiten als Montagen auf großen Bodenplatten aus Holz, hinter dickem Glas, gibt den Bildern eine Art Monumentalität. Das einzelne Bild liegt mit räumlicher Präsenz auf dem Boden, erzwingt Wahrnehmung, "Darüber-Hinweg-Gehen" ist nicht möglich. Auf diese Weise rekonstituiert Dahlhausen die Aufmerksamkeit beim Sehen und das Bild erhält seine eigene Aussagefähigkeit zurück.

BRANKO LENART arbeitet zusammen mit seiner Frau Friederike an langfristigen dokumentarischen Projekten. Im Zusammenwirken von Interviews und Fotografien entstehen "dichte Beschreibungen" (Clifford Geertz).
Tito in Reproduktionen hat den ein Portrait umgebenden Ort als Ausschnitt sozialer und bildlicher Wirklichkeit zum Thema. Titos Portrait, das sich auch nach seinem Tod an öffentlichen und privaten Orten befand - Geschäfte, Portierlogen, Hauswände, Lagerräume - ist als Ikone politischer Macht Ausgangspunkt für die Erkundung der Alltagserfahrung der Bewohner des Landes. Aus den Fotografien und den am "Portraitort" von Friederike Lenart aufgezeichneten persönlichen Aussagen der Menschen, die den jugoslawischen Sozialismus gelebt haben ergibt sich ein gültiges Dokument jenes historischen Projektes.
"Krkavce" ist die präzise Langzeitstudie eines Dorfes in Istrien. Erinnerung und Erfahrung von zehn Dorffamilien, lokale Auswirkung globaler und historischer Veränderungen wird über Jahrzehnte mitverfolgt:: "Branko fotografierte, wir redeten mit den Leuten und mit jedem Mal veränderte sich das Bild vom Dorf und seinen Bewohnern...". Dieses Projekt wurde 1981 begonnen und ist noch nicht abgeschlossen, bis jetzt gibt es mehr als tausend Fotografien und Hunderte Seiten Gesprächsnotizen.

"Millerton" ist die strukturelle Bestandsaufnahme einer amerikanischen Kleinstadt um 1980. Der Ort Millerton in der Nähe von New York wird über die Lebensgeschichten von dreißig ansässigen Familien erschlossen, die zu verschiedenen Themen wie Rassendiskriminierung, Beruf, Wohnung, Freizeit, Politik, über ihr Leben und ihre Ansichten Auskunft geben. Die Fotos geben bezeichnende Orte und subjektiv wichtige Momente aus dem Dasein der portraitierten Familien wieder. Das Projekt umfaßt ca 220 Fotos mit dazugehörigem Text.
Die Serie "Heimatbilder" beschäftigt sich mit dem persönlichen Lebensraum einzelner Personen verschiedener Gesellschaftsschichten und Altersgruppen. Der Wohnort beinhaltet gleichsam die Kurzbiographie der Person, zeigt ihre soziale Eingeschriebenheit an. Er bedeutet auch subjektive Heimat, und da die abgebildeten Wohnbereiche Freunden und Bekannten gehören, hat Lenart darin auch seine "eigene Heimat widergespiegelt".
Aus den Reisen in Ex-Jugoslawien entwickelten sich die Projekte "Krkavce" und "Tito in Reproduktionen", im Zeitraum von 1979 bis 1987 erarbeitet, "Millerton" ist das Ergebnis eines mehrmonatigen USA-Aufenthaltes, "Heimatbilder" wurde 1982/83 in Ex-Jugoslawien und Österreich gemacht.
Lenarts Art der Reise ist eine Bewegung des "an zwei Orten zuhause sein". Durch das Sammeln von Informationen kann jeder Aufenthaltsort zum vertrauten Territorium werden, die zunächst fremden Bewohner werden durch das Foto-Gespräch zu Bekannten, doch ihre Besonderheit bleibt bestehen. Lenart geht es in seinen "Subjektive Topographien" nie um das Festschreiben von Differenz oder Andersheit. ). Er selbst definiert die Arbeiten "als soziologische Untersuchungen mit visuellen Mitteln, im weiteren Sinn politisch". Im Aufzeichnen der materiellen Spuren kulturell spezifischer Lebensäußerungen lassen sich allgemeine Zusammenhänge ablesen und doch vermitteln Lenarts Arbeiten ein Gefühl der Nähe zu den Bewohner- Benützern der abgebildeten Orte. Das Verhältnis von Realität und Abbildung ist künstlerisch reflektiert und ohne jegliche Naivität in Herangehensweise und visueller Ausdrucksform.
Lenart arbeitet meist im strengen Schwarz/Weiß, die Farbigkeit der "Heimatbilder" durchbricht diesen Zugang, bezeichnet hier Wunschebenen der Bewohner und paraphrasiert die genormte Konsumästhetik von Innenarchitekturzeitschriften.
Lenarts Fotografien sind gemacht mit einer Art Tiefenschärfe des inneren Auge, haben vielfältige Bedeutungsebenen und eine jeweils dem Realort des Abgebildeten verbundene Ästhetik.

Dahlhausen und Lenart verbindet ein gesellschaftskritischer Ansatz, der in ihren Arbeiten zu völlig verschiedenen ästhetisch - formalen Lösungen gelangt. In dieser Gemeinschaftsaustellung entfalten und verstärken sie das diskursive Spannungsfeld um die vielzähligen Bedeutngen und Begriffe von Reise.

Ulrike Davis-Sulikowski