Ausstellungen




OLIVIER CHRISTINAT
DAVID MURRAY

von 01.07.1998 bis 01.08.1998

David Murray, Olivier Christinat

OLIVIER CHRISTINAT
Apocryphe Photographien, „Das Mahl“

Der Fotograf Olivier Christinat stellt unter einem Titel, der auf das Evangelium Bezug nimmt, einen Fotozyklus vor, der aus den Quellen religiöser Bildkunst und großen Mythen der christlichen Kultur schöpft.
Die Geschichte der religiösen Malerei seit der Renaissance zeugt von der Phantasie der Künstler und den vielfältigen Möglichkeiten des Zugangs in den verschiedenen Traditionen der Darstellung. Die Idee, mittels Fotografie biblische Bilder wiederzugeben ist im 19. Jahr-hundert ausgiebig durch den Symbolismus und Piktoralismus ausgelebt worden. Vor allem der Amerikaner Fred Holland Day (1864–1933) hat eine Reihe von Märtyrerdarstellungen und Kreuzigungen in Szene gesetzt, wobei er selbst die Rolle Christi übernahm. In diesen schwer subtil zu realisierenden Arbeiten bevorzugten die Fotografen die Verwendung zahlrei-cher Symbole und Archetypen der religiösen Bildkunst, immer dem Risiko ausgesetzt, im Rahmen der Reflexion über den Sinn des Lebens lächerliche und unzeitgemäße Märtyrer-Darstellungen zu schaffen. In seiner Darstellung des letzten Abendmahls Christi – dem Thema der Ausstellung – benutzt Olivier Christinat seine eigene Gestalt um in dreizehn Fotoarbeiten den Sinn von Leben und Tod, das Profane wie das Heilige und die Rolle des Menschen in der göttlichen Schöpfung zu hinterfragen.
Aufgrund ihres realen Charakters fordert Fotografie in jener Art von präziser Darstellung, Distanz und höhere Schulbildung, die einen unmittelbar mystischen Zugang erlauben. Dieser Zugang ist paradoxerweise auch in der protestantischen Tradition durch das Verbot des Abbilds vertreten, und beruht auf zwei dynamischen Kräften, einerseits der inneren Reflexion, und, andererseits dem Licht. Das Licht wird als „konsubstantielle“ Materie an der Grenze zwischen Geist und Fleisch gesehen.
Was an dieser Arbeit besticht, ist die gelungene Synthese der Gebote des Realismus und des Abstrahismus, geschaffen durch das Licht, der Grundlage der Fotografie.
Christinats Werk enthält vielleicht sogar Anklänge an die Ursprünge der Fotografie. Ein Wis-senschafter hat erst kürzlich gemeint, daß das Heilige Schweißtuch, hergestellt gegen Ende des 13. Jahrhunderts, die erste fotografische Darstellung in der Geschichte der Menschheit sein könnte.

Daniel Girardin, Conservateur am Musée de l’Elysée, Lausanne, Schweiz


DAVID A. MURRAY
„Love Story“

Die Fotoarbeiten aus der Serie „Love Story“, die zwischen 1994–1997 entstanden sind, sind das Endresultat früherer Arbeiten, in denen ich im Freien, aber auch im Atelier gefundene Objekte wie Türen, Autoreifen, Schubladen und Spielfiguren zusammengestellt habe. Nach dieser Serie wollte ich wirklichkeitsnahe Enviroments bauen, um mich mit dem Thema Kon-sum sowie den damit verbundenen Traumwelten auseinanderzusetzen.
Das zentrale Figurensymbol dieser Serie ist das ideale Hochzeitspaar. Multiple Klone der Braut und des Bräutigams als Statuen, die die gesellschaftliche Norm verkörpern sollen, in einer Gesellschaft, in der Besitz zur Schau gestellt wird. Die Frau im Hochzeitskleid und der Mann im schwarzen Maßanzug ist ein Image-Stereotyp das oft in Werbungen eingesetzt wird, um Autos, Küchen, Möbel, aber speziell, um Häuser zu verkaufen. In solchen Reklamen schauen die Paare immer gleich aus, Mannequin-Typen mit „plastic faces with permanent smiles“. Eine Märchenwelt, eine fiktive Scheinwelt in der alles perfekt erscheint und ein fabriziertes Ideal erzeugt wird, um in uns eine Sehnsucht für das Perfekte hervorzurufen. Etwas das wir beneiden und auch erreichen möchten.
Solche Beobachtungen interessieren mich sehr und sind in meinen Arbeiten zum zentralen Thema geworden. „Bride and Groom“, als wirtschaftliches Ziel angepeilt von der Werbeindustrie. Von den Medien als konsumierende Einheit eingesetzt, immer dargestellt im Konsum-rausch, im ekstatischen Zustand, in einer oberflächlichen Scheinwelt. Jung, frisch, konsum-freundlich, am Beginn ihrer Zukunft, voll von Versprechungen, Abwaschmaschinen, Bilder-buch-Häusern, schönen Gartenanlagen, teuren Autos und immer noch besseren Waschpul-vermarken. Die Sonne scheint und der Himmel ist immer blau. Ein Paar ist meistens auf riesigen Säulen plaziert, vergleichbar mit der „Statue of Liberty“ oder mit russischen kommunisti-schen Monumenten von Lenin und Stalin. Das „Plastikpaar“ weiß, blond und jung nimmt die-sen Platz in meinen Enviroments ein, in denen seine Träume wahr werden können: Haus, Heim, Glück, Reichtum und Besitz.
Religion und politischer Glaube (Sozialismus und Kommunismus) verlieren täglich ihren Stellenwert in unserer „Society“. Stattdessen ergänzt der Konsumerismus dieses Vakuum und sofort wird ein neuer Glauben, gefüttert von Millionen von identitätsformenden TV-Bildern, geboren.
Auf engstem Raum baue ich meine Miniaturwelten auf, über die ich totale Kontrolle ausübe. Ich bin Fotograf, Drehbuchautor, Regisseur und Bühnenbildner. Die Szenen werden nach einer einfachen Idee arrangiert und inszeniert, dann gestalte ich die Kulissen, die Hintergrün-de, die Vordergründe, besorge die Requisiten dafür und bemale sie. Ich wähle die Darsteller-Modellfiguren aus und inszeniere das Ganze mit Spielzeughäusern, Autos, Miniaturflugzeu-gen, Modelleisenbahnen und Landschaften aus Miniaturbäumen zu einer Art „Assemblage“, um eine fiktive Wirklichkeit mit gesellschaftstypischen Idolen und fetischhaften Markenzei-chen zu repräsentieren. Diese kleinen Welten werden von mir im Großformat fotografiert, damit ich sie dann in Plakatgröße als Bilder reproduzieren kann. Somit komme ich der Tech-nik der Werbeindustrie – die süße, kontrastreiche Farben anwendet, um uns zu verführen – sehr nahe. Durch den Vergrößerungsprozeß verliert sich auch die spielerische Qualität.
Abstürzende Flugzeuge, Insektenschwärme (eine Art biblische Rache für das Sündigen) und von Autounfälle, die unsere Traumwelten demontieren, sollen die Realität ins Bild zurückbringen. Hierbei gehe ich ähnlich vor wie in Hollywood Desaster Movies, in denen am An-fang alles friedlich verläuft. Man sieht „happy“ glückliche Familien mit Kindern die in der Sonne spielen, oder im Wasser planschen. Alles ist ganz normal und dann plötzlich passiert ein schreckliches Unglück (wie z. B. am Anfang von „Terminator 2“, „Titanic“, „Towering Inferno“ oder „Earthquake“) und kratzt an der glänzenden Oberfläche der Fassade. All die verschiedenen Einflüsse aus sozialem Umfeld, TV und Politik, die die idyllischen Träume und Versprechungen der Konsumindustrie widerspiegeln, bringe ich als Elemente in einer simulierten Welt zusammen. Jedoch gibt es hier zum Schluß kein „Happy End“.

David Murray, 1998