Ausstellungen




ZYKLON I - REFLEXION ZUR JAHRTAUSENDWENDE

War Buildings

von 10.02.1993 bis 05.03.1993

Erasmus Schröter

ERASMUS SCHRÖTER
"Erasmus Schröter"

Die Bunker entlang der Atlantikküste sind museale Architektur, Grabsteine des deutschen Traum(a)s und topografische Chiffre des modernen Krieges. Als monolithische Kolosse ragen sie heute noch aus den Dünen empor und lassen den Spaziergänger das logistischstragegische Spiel zwischen Verbergen und Aufscheinen des Verbergens spüren. Ein Vierteljahrhundert nach Paul Virilios fotografischarchäologischer Spurenlese des Atlantikwalls (Bunker Archéologie, deutsch: München 1992) hat Erasmus Schröter eine neue, extrem verfremdende Lektüre dieser perzeptiven Bunker-Landschaft unternommen.

In grellen farblich gebrochenen Schattierungen ragen die memorialen Befestigungen der Abschreckung aus der Versunkenheit und der Verdrängung ihrer Geschichte hervor. Schröters Lichtinstallationen strukturieren diesen musealen Raum und verleihen ihm eine konstruierte Tiefe, aus der das Geschichtliche der Beton-Krypta herausscheint. Die War Buildings zeigen, daß die Fotografie, im Sinne Benjamins, weniger die Geschichte zu dokumentieren, als vielmehr sie gegen den Strich zu lesen vermag. Das Licht als Träger der Zeit und als Maß der Geschwindigkeit wird mit Schröters raumgebendem, monumentalen und an die expressionistische Bühneninszenierung erinnernden Schattenwurf selbst zu einem Projektil, das ortlos die Architektur des Krieges in die Zeitgenossenschaft des Betrachters übersetzt. Diese Fotografien betreffen uns, sie sind von einem Blick erschlossen worden, dem die Architektur der Bunker als die Konstruktion einer medialen Beherrschung des Raumes erschienen ist.

Die Bunker stehen allegorisch für eine massive und für die manifeste Repräsentation des Krieges; warum sollte man sie nicht als ein Manifest der Repräsentation (der Moderne) betrachten? Im Mai 1942 begann der Bau des Atlantikwalls, im Dezember waren die ersten vier großen Bunker, "Cyklopen" genannt, fertiggestellt - 15000 Bunker sollten gebaut werden -, am 6. Juni 1944 waren sie in wenigen Stunden erobert, die Dissimulation entlarvt und die Repräsentation zerstört. Die War Buildings stellen ein konzeptionelles Projekt dar, dieser (der) Geschichte im zweifachen Sinn zu begegnen: in der fotografischen Darstellung der Ruinen des deutschen Faschismus und in der Belichtung der Gegenwart, in der das Geschichtliche nur in der- Aus---blendung aufleuchtet.

Hubert von Amelunxen