Ausstellungen




ZYKLON IV - REFLEXION ZUR JAHRTAUSENDWENDE

von 01.12.1993 bis 23.12.1993

Leo Kandl

LEO KANDL

" ... So meinte man, jähe Entschlossenheit dem blauen Samt anzusehen, eine Stimmung der Zugänglichkeit im weißen Taft zu erkennen, und glaubte, etwas wie letzte, vornehme Reserviertheit in der Art, etwa den Arm auszu-strecken, habe, um recht sichtbar zu werden, den strah-lenden Glanz des Lächelns, von dem die ganz großen Opfer begleitet sind, in der Gestalt von schwarzem Crepe de Chine angelegt. Gleichzeitig aber fügte diesen so le-bendig wirkenden Kleidern das Raffinement der,Garnituren' ohne praktischen Nützlichkeitswert und ohne sichtbaren Grund überhaupt etwas Selbstloses, Nachdenkliches und Geheimes hinzu ... fand man auf dem Kleide selbst ein farbiges Muster, das sich auf einem Ein-satz aus anderem Materialfortsetzte, etwa eine Reihe klei-ner Seidenknöpfe, die nichts knöpften und auch nicht auf-geknöpft werden konnten, oder einen Soutachebesatz . . . " Diese und ähnliche Textstellen Marcel Prousts haben sich mir vor Leo Kandls jüngsten Fotografien geradezu in den Weg gestellt - obwohl Proust von weiblicher Kleidung spricht und Kandl vor allem männliche thematisiert, obwohl der Dichter mit der Trägerin des Beschriebenen vertraut war, der Fotograf "namenlose", vom Trödler stammende Objekte vor sich hat. Marcel Prousts Blick auf Kleidungsstücke ist geprägt vom Fluß der Gedanken, die zwischen dem Konstatieren materiellen Gegebenheiten und Reihen von weit schweifenden Assoziationen pendeln. Sie finden bestimmte Charakterzüge im Arrangement der Kleidung bestätigt, wandern zur verselbständigenden In-terpretation von Details, um in Erinnerungen zu münden. Vor allein jene Bilder mit knappen Ausschnitten, die kei-nen Blick auf den Hintergrund freigeben, wo Oberflächen-struktur und Volumen, Schnitt und Muster nicht nur die Bildfläche füllen, sondern wir mit ihr verschmelzen, schei-nen den Betrachter in ähnlicher Weise zu führen wie die Sätze Prousts. Wir sind so nahe, daß wir den Überblick verlieren, über der Anhäufung von Details bleibt uns schmerzlich bewußt, nur mit einem Ausschnitt konfrontiert zu sein. Die Fülle an Informationen kann jederzeit in ein abstraktes Muster umschlagen. Hier wölbt sich eine Reihe unterschiedlich tiefer Falten, kerben sich Nähte wie mit dem Messer gezogene Schnitte in die rauhe Stofflichkeit des Tweed, stoßen Muster aus mehreren Richtungen auf-einander. Hier werden auch der Tast- und vielleicht der Geruchsinn angesprochen, als könnten Finger über das grobe Gewebe gleiten, könnte die Nase einen Hauch von Abgestandenheit und Staub verspüren. Je nach dem, wel-che Bilder und in welcher Abfolge Leo Kandl präsentiert, sie in Rahmen oder als Laser-Prints direkt an die Galerie-wände "tapeziert", erhält das Ensemble eine jeweils eige-ne Tönung - von der Stille, vielleicht Zärtlichkeit, bis zum Schrillen, Aggressiven, zum Abstoßenden. Unversehens verknüpfen sich mit der Anschauung des Objekts - das wir mit seiner Abbildung in fast navier Weise zu identifizieren wir uns in raffinierter Weise gedrängt se-hen - Momente der eigenen Vergangenheit, Angelesenes, Phantasiertes. In der Tiefe der Falten nisten Geheimnisse, der Blick fällt in ein stufenloses Schwarz, eine stumpfe Enklave des Nichts, aus dem man sich nur unter Mühen auf die Höhen der Faltenkämme zu retten vermag. Sie geben Hinweise, mit welchen Geschichten wir jene Jacke, jene Hose in unserer Phantasie verweben werden, sie erzählen von jahrelangem Gebrauch und der Vergänglichkeit modischer Trends. Gleichzeitig vermögen sie uns von einer Dynamik zu überzeugen, die dem Moment des Fotografiertwerdens vorangegangen sein mag: Die Tiefe dieser Einbuchtung des Stoffes, jener Knick im Ärmel scheinen nicht vom Künstler willkürlich oder nach formalen Gesichtspunkten angeordnet, wir vermuten uns auf den Spuren eines Geschehens, so dramatisch oder trivial es auch sei. Das Objekt der Kunst verwandelt sich in ein Corpus delicti.

Monika Faber