Ausstellungen




PORTRAIT II

von 08.06.1995 bis 01.07.1995

Dieter Huber, Michael Mauracher, Walter Mirtl, Robert Hehlke, Robert Kocan, Ivan Pinkava

Posen als Model

Wie angesichts gentechnologischer Dispositive heute menschliche Identität (be-)denken? Wie dabei das Genre der Portraitphotographie neu konstituieren? Und wie könnte dabei "das menschliche Antlitz" ein Ort des Erkennens sein und welches Erkennen? Sechs künstlerische Arbeiten in der Ausstellung "Portrait II" formulieren diese Fragen, indem sie per se das Sujet "Portrait" als "Modell" verstehen, mit dem keine personalen Identitäten gestiftet werden, sondern Annäherungen und Umschreibungen, gewissermaßen ein endloser Rekurs auf das "Portrait" in seiner heterogenen Wahrnehmbarkeit entworfen wird.
Die photographische Strategie der Langzeitbelichtung ist kennzeichnend für die Arbeiten von Robert Hehlke; das Moment der Zeit als personaler Identitätsfaktor wird so medial transferiert und komprimiert. Schatten und Lichten konturieren Gesichtswahrnehmungen, die sich einer photographischen Realistik entziehen und nach der Wahrnehmbarkeit von Gesichtern generell fragt. Für die Arbeit von Dieter Huber ist die Frage nach der Wahrnehmung "jenseits des Auges" zentraler Ausgangspunkt seiner Portraitserie; unter Verwendung eines gänzlich lichtdurchlässigen Filmes wird optisch nur mehr eine schwarze Fläche sichtbar. Die Imagination als Wahrnehmungsmodell ist konstitutiv für "Takes". Auch Robert Koean realisiert seine Portraitserie mit medienspezifischen Möglichkeiten der Photographie; bei ihm ist es die Verfahrensweise der Doppelbelichtung und damit der Bildüberlagerung, mit der das Thema Portrait modellartig gesetzt wird. Über mehrere Jahre hinweg hat Michael Mauracher dieselbe Person photographisch "portraitiert"; "Portrait of a man" ist so eine (soziale) Studie über personale Identität und Differenz, über das Portrait als Modell der Posen und gleichzeitig eine subtile Wahrnehmungsarbeit, die von der (Un-)Möglichkeit psychologischer Portraits erzählt. Das Moment der Inszenierung, der symbolisierenden, metaphorisierenden (Selbst-)Darstellung steht bei Walter K. Mirtl im Vordergrund. Gerade die rätselhaften, immer wieder auf das Sehen bezugnehmenden Arbeiten verweisen auf die Tradition des "erweiterten" Portraits und ihrer Kontextualisierung, die auch die narrative Grundhaltung der Photographien bestimmt. Artifizielle Expressivität ist bestimmend bei der umfangreichen Serie von Ivan Pinkava. Besonders bei seinen Arbeiten ist der Charakter des Modells dezisiv. Die selbstbezüglichen Posen entwickeln sich im Spiel von Selbst- und Fremdwahrnehmung und stellen so die Frage nach dem Blick des Portraits generell.
Jedes Erkennen impliziert immer auch ein Verkennen dessen, was erkannt wird. In allen sechs Arbeiten ist diese Einsicht als Grundhaltung erkennbar: Bild und Sein decken sich nicht (immer), sondern bilden endlose retroaktive Verweisungen. Das Portrait ist eine Schnittstelle dieser Verweisungen und gleichzeitig deren Negation.

Carl Aigner