Ausstellungen




ABSTRAKT II

von 03.06.1999 bis 03.07.1999

Kilian Breier

Kilian Breier (geb. 1931 in Saarbrücken) ist einer der wichtisten, zeitgenössischen Vertreter der nicht-apparativen Fotografie in Deutschland. Seit seinen künstlerischen Anfängen in den fünfziger Jahren bis in die Gegenwart hinein beschäftigt er sich mit den Bedingungen und Möglichkeiten, die die kameralose Fotografie bereithält, wobei Breier – und dies erscheint mir entscheidend für das Verständnis seiner Arbeiten – weder einem strengen Konzept verpflichtet noch vom freien Experiment geleitet ist, sondern innerhalb dieser beiden Extreme eine Position des „Dazwischen“ einnimmt. Die generative Fotografie Breiers mit ihrem reduzierten Umgang fotografischer Gestaltungsmittel gründet sich zwar auf einer methodischen und systematischen Vorgehensweise beispielsweise nach Reihentechnik als strukturierendes und rhythmisierendes Moment und einem rationalen Prinzip der visuellen Untersuchung, bleibt aber gleichermaßen offen für „Fehler” oder Zufälle, die integrativer Bestandteil der Arbeit sind und auf die Reaktionen des Materials im Arbeitsprozeß zurückzuführen sind.
Breier ist ein Repräsentant für die Emanzipation der traditionellen Darstellungsmittel von der handwerklichen Individualität und Materialität herkömmlicher fotografischer Bildverfahren und für die Möglichkeit, Bildordnungen bewußter zu steuern. Auslöser für die Auseinandersetzung mit den grundlegenden medium- und materialspezifischen Eigenschaften der Fotografie war sicherlich die Erkenntnis, daß die kameralose Arbeit das Herstellen direkter Wirklichkeit im Bild ermöglicht, wohingegen die motivabhängige Kameraarbeit immer das Abbilden von Wirklichkeit bedeutet - eine Problematik, die die Fotografie seit ihren Anfängen begleitet.
Breiers komplexes künstlerisches Werk ist geleitet von den Fragen „Was ist das Medium?”, „Was ist Zeit?” und „Was ist Chemie?” (Thilo Koenig) und läßt sich nach Meinrad Maria Grewenig in fünf Perioden fassen: In den fünfziger Jahren entstehen Fotogramme und Chemiegrafiken. Bereits in den frühen Fotogrammen deutet sich ein Strukturwille des Künstlers an, der sich später in den Rasterbildern mit mathematisch-regelmäßig gegliederten Strukturen verfeinert - gleichsam manifestiert - und der Breier in den sechziger Jahren in das Umfeld der Düsseldorfer ZERO-Gruppe führt. Die ZERO-Gruppe strebte eine Objektivierung der Bildmittel und die direkte Arbeit mit dem (immateriellen) Licht als Bestandteil der Gestaltung im Bild an, ein Ansatz, der Breier sehr nahe war und ist, wenngleich Breier mit seiner Kunst das Prozeßhafte der Kunst zu betonen versuchte und neben dem Faktor Licht immer den Faktor Zeit als dynamisches Mittel stark machte – ein Um-stand, der ihn wiederum in die Nähe der kinetischen Kunst bringt. Deshalb ist es nur folgerichtig, daß Breier auch an den Chemigrafiken in den sechziger Jahren weiterarbeitet, denn vor allen Dingen hier zeigte sich das Bild nicht länger als ein stati-sches, abgeschlossenes Werk. An die chemische Oberflächen-behandlung des Fotopapiers mit Fixierlösung, die aufgrund des steten Oxidationsprozesses, dem das Bild bei Lichteinwirkung ausgesetzt ist, nur bedingt kontrollierbare Effekte nach sich zieht, schließen sich Versuche von Sondierungen des Lichts an – es entstehen Luminogramme, die für die systematische Erfor-schung von Lichteinwirkungen in der Fotografie stehen.
Seine Berufung als Professor für Fotografie an die Hochschule der bildenden Künste in Hamburg 1966 führt Breier in den siebziger Jahren in ein breites Feld der Medien- und Kommunikationsarbeit, die ihn jedoch nicht davon abhält, seine eigene fotografische Praxis weiter zu verfolgen. Die Chemiegrafiken blei-ben bis in die achtziger und neunziger Jahre hinein zentral in der entwicklerfreien Arbeit Breiers. Nach wie vor interessieren ihn die Zersetzungs- und Veränderungsprozesse des Fotopapiers als Ausdruck und Dokument von Zeit. Erfahrungszeit und Erinnerungsarbeit sind die Stichworte, die diese Arbeiten begleiten. Sie eröffnen für den Betrachter einen Wahrnehmungsraum, der neben der vordergründig abstrakten Bildkomposition reale und optisch sinnliche Erfahrungen im Wahrnehmen der Metamorphosen, die die Bildoberflächen Breiers durchleben, bereit hält.

Maren Lübbke

1) Vgl. Meinrad Maria Grewenig, Kilian Breier – Fotografik 1952–1990. Bild als Potential des Materials, in: Kilian Breier – Fotografik 1953–1990, Kat. des Saarland Museums Saarbrücken und des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg, 1991, S. 31.