Ausstellungen




ABSTRAKT I

von 04.03.1999 bis 03.04.1999

Mina Mohandes

Mina Mohandes ist keine Fotokünstlerin. Nicht, weil es eine kameralose Fotografie ist, die sie betreibt und nicht, weil sie sich in ihrer Arbeit nicht explizit auf historische, experimentelle Formen der Fotografie wie beispielsweise das Fotogramm bezieht. Sondern weil sie sich keineswegs auf die kameralose Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmedium beschränkt. Neben ihren fotografischen Arbeiten kennen wir sowohl ihr zeichnerisches Frühwerk als auch ihre aktuellen Rauminstallationen, denen neben ihrer fotografischen Praxis kein geringerer Stellenwert beigemessen werden darf. Denn Mohandes ordnet ihr Thema keiner einmal getroffenen mediumspezifischen Entscheidung unter. Vielmehr eignet sie sich die unterschiedlichen Medien mit einer großen Selbstverständlichkeit an, um ihr Thema aus verschiedenen Perspektiven zu umkreisen. Referenzgröße bleibt dabei stets die Malerei, die Mohandes künstlerischen Ausgangspunkt markiert. Und obwohl Mohandes sich heute keiner traditionellen Malweise mehr bedient, könnte man ihre Arbeiten als Malerei - mit anderen Mitteln - bezeichnen. Insofern sind Mohandes Arbeiten “abstrakt” – Themenschwerpunkt der Fotogalerie in diesem Jahr - in zweifacher Hinsicht. Denn hier hat einerseits ein Abstraktionsprozeß im Sinne einer Emanzipation von einem tradiertem Bildmedium stattgefunden: Die Malerei wurde in andere künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten überführt und von ihnen überformt. Damit verweigern sich ihre Arbeiten einer eindeutigen fomalen Kategorisierung. Andererseits sind Mohandes Arbeiten abstrakt im bildnerischen Ausdruck.
Mit einer Geste der vermeintlichen Beiläufigkeit einen Raum herstellen, ihn ausdehnen, ihn aber nicht behaupten, sonder vielmehr gleichsam in Frage stellen – so könnte man Mohandes Thema beschreiben.
In ihren fotografischen Arbeiten bekennt zum Beispiel ein simpel gesetzter Strich auf einer zweidimensionalen Fläche von sich aus enorme Raumtiefe. Ein entwickelter Film wird hier nach der malerischen Oberflächenbehandlung belichtet und in verschiedenen Formaten ausproduziert. Neben verblüffenden Farbeffekten, die eine Auseinandersetzung mit der Farbtheorie nahelegen – denn auf dem Foto erscheinen die Farben grundlegend verschieden zu jenen, die tatsächlich zum Malen benutzt wurden – füllt Mina Mohandes die zweidimensionale Fläche, “um Räume zu erzeugen. Ihre Linien werden zu plastischen Strukturen, die einen eigentümlichen Schwebezustand einnehmen zwischen organischen Röhren aus einer nicht ganz geheuren Zukunft und computergenerierten Modellen einer molekularen Welt” (H. Kempinger)
Für ihre Rauminstallationen verwendet Mohandes einfache, für die Kunstproduktion untypische Mittel wie z.B. Gummiringe – ein Material, daß selbst im Alltag unter der Oberfläche der täglichen Arbeitsabläufe verschwindet und schon allein durch seine Form von sich aus zunächst keine Präsenz behauptet. Mit diesem kunstfremden Material schafft die Künstlerin Arbeiten, die ein Spannungsverhältnis zwischen Volumen und Leere erzeugen. Denn Mohandes behauptet in ihren Arbeiten Raumkapazität bzw. –ausdehnung und Raumauflösung zugleich. Einerseits könnte man sagen, daß es der Künstlerin gelingt, durch Anhäufung und Verdichtung eines Materials, das per se für sich keinen Raum beansprucht, sondern in der Regel Raum umschließt und zusammenhält, Präsenz herzustellen. Andererseits hat der Umkehrschluß die gleiche Berechtigung: Denn die Fülle, die Mohandes erzeugt, besteht gleichsam aus einem Vakuum, das auf die formalen Eigenschaften des Materials zurückzuführen ist. Mohandes Wandarbeiten, in denen Gummiringe zu ornamentalen Strukturen miteinander verknüpft und mit Stecknadeln an der Wand befestigt werden, leben geradezu von den Hohl- und Zwischenräumen, die sich bei der Installation ergeben. Aus der Ferne betrachtet, verschwindet das Material – wir nehmen die Arbeit als fragile Wandzeichnung wahr. Ihre Bodenarbeiten, in denen Gummiringe einerseits über den ganzen Raum verteilt werden und ihn nicht mehr betretbar machen, andererseits Bodenflächen von Gummiringen eingegrenzt, aber gleichzeitig permeable Übergänge zum Umraum beibehalten werden, entsteht ein anderer, wenngleich vergleichbarer Effekt. Hier referieren das Material und seine Form auf sich selbst: Verdichtung von Nichts. In ihren Ball-Objekten wird dieses Prinzip ad absurden geführt, indem die Gummiringe nichts als sich selbst umschließen.
Das Wechselspiel von Volumen und Leere und die plötzliche Verunmöglichung, zwischen diesen beiden Faktoren zu unterscheiden, um eine Eindeutigkeit in der künstlerischen Aussage zu erzwingen, erscheint mir als eine wesentliche Qualität in der konzentrierten Arbeit von Mina Mohandes. Kennzeichnend für ihre künstlerische Praxis erscheint mir weiterhin, ein einfaches Zeichen aus seiner Beiläufigkeit und seinem lapidaren Verwendungszusammenhang herauszulösen, es künstlerisch zu verwerten und umzuwerten und in und mit der Arbeit zu Konzentration und Präsenz zu verhelfen, ohne seine Eigenschaften zu verletzen oder zu negieren.

Maren Lübbke