2005

Bilder

Realitäten III Jahrgang: 2005,
Realitäten III
Ausnahmesituationen
BILDER Nr. 209
Die dritte und letzte Ausstellung des diesjährigen Schwerpunktes REALITÄTEN der FOTOGALERIE WIEN, ist sicherlich der schwierigste Teil dieses engagierten Projekts. Unterschiedlichste Arbeiten von KünstlerInnen umrunden Themenbereiche wie: Schicksale am Rande-, oder außerhalb unserer Gesellschaft, - oder außerhalb davon, was man gängig als Normalität bezeichnen würde.

KünstlerInnen / Arbeiten:

NORBERT BECWAR
giorni 2005: MÜHE / giorni di Gloria 4 / Genick und Kopfschüsse und stürze in ein Massengrab / Lukas Stefan Christoph Lukas Franz / in diesem September nachts 2005, lautetet ein Titel seiner Arbeiten. Becwar greift Bilder, die uns via Medien über Gewalt, Machtmissbrauch,... berichten, auf und stellt diese mit Freunden und Dingen des Haushalts in seiner Wohnung nach. Hört sich simpel an, - wirkt bei erster Betrachtung der Bilder auch fast komisch, erheiternd – sie hinterlassen jedoch in Folge ein beklemmenderes und eindringlicheres Gefühl als jene Bilder, die uns so oft ins Haus flattern.

MARTIN BRUCH erkrankte vor einigen Jahren an Multipler Sklerose. Er dokumentiert in seiner Fotoarbeit Bruchlandungen, 1996-2001 die Situation seiner Gehbehinderung und seiner oftmals schwierigen Fortbewegung, im Rollstuhl oder Handbike, im öffentlichen Raum. Durch Gleichgewichtsprobleme und Bodenunebenheiten wie: Kanaldeckel, Gehsteigkanten, Stiegen etc. kam er dabei des öfteren zu Sturz. Seine Fotografien sind unmittelbare und eindringliche Dokumente dieser Stürze. Krankheit und Behinderung werden nach wie vor aus dem normalen Alltag und damit verbundenen Bedingungen ausgeklammert, oder zu wenig berücksichtigt.

HERMANN P. HUBER beschäftigt sich in seiner Arbeit Cairo Zabbalin, 2004-2005 mit einem sozio-ökonomischen Phänomen in Cairo. Die Zabbalin sind landlose nach Cairo eingewanderte Bauern, die zum größten Teil der koptischen Minderheit zugehörig sind und für die es im muslimisch dominierten Cairo keinen anderen Arbeitsplatz gab, als den der Müllabfuhr. Sie leben seit Generationen nur vom Recycling des Abfall der 22-Millionen Einwohnerstadt, den sie sammeln, tauschen, verkaufen und aufbereiten. Cairo besitzt seit 60 Jahren die wahrscheinlich höchste Recyclingrate der Welt, 80 %, auf Grund der Arbeit der Zabbalin.

ERFAN KHALIFA, als Sohn palästinensischer Flüchtlinge aufgewachsen in Lybien und Syrien, erzählt er in dem Video Der kleine Flüchtling, 2003 die wahre Geschichte, die sich in seiner Kindheit zugetragen hat. Seine Arbeit ist ein sensibler und emotionaler Appell sich der Tragödie seines Landes und der mehr als 4 Millionen palästinensischer Flüchtlinge zu erinnern. Menschen die keine Hoffnung haben, jemals wieder in das Land ihrer Vorfahren zurückkehren zu können und abgeschnitten von ihrer Heimat, ihrem ursprünglichen Lebensstil – als Menschen ohne Identität – leben.

ULRIKE MYRZIK & MANFRED JARISCH verstehen sich als FotografInnen, in deren Bildern die Architektur als Spiegel des Zustands einer Gesellschaft fungiert. 2002 reisten sie für drei Monate nach Bangkok, Tokyo, Osaka und Hongkong, um mit Unterstützung von Hilfsorganisationen Orte und Wohnformen obdachlosloser Menschen zu dokumentieren. In Tokyo und Osaka stießen sie auf Hunderte von Hütten in den Niemandszonen der Großstadt, festgehalten in ihrer Arbeit Blue Boxes, 2003. Sie variieren in Form, Größe und Material, haben aber eines gemeinsam: Alle sind mit blauer Plastikfolie umhüllt, zum Schutz vor der Witterung.

ALEX McQUILKIN behandelt in ihrem Video Teenage Daydream – It’s only Rock and Roll, 2002 die Zeit der Pubertät. Pendelnd zwischen Kindsein und Erwachsensein wollen, zwischen Ängsten, Sehnsüchten, Abhängigkeiten und Aufbegehren. Ein permanenter Ausnahmestand am Weg zur Selbstfindung. McQuilkin visualisiert diesen Zustand in einer schrillen und schonungslosen Selbstinszenierung.

TOMMY SCHNEIDER
s Video stadt nach dem krieg. Sarajevo, 1999 erzählt von Menschen, wie sie überleben in einer Stadt nach dem Krieg. Die Erinnerungen an die Schrecken des Krieges sind dabei ebenso präsent, wie die Ausweglosigkeit der gegenwärtigen Lage. Die Schilderungen der portraitierten Personen in Bezug auf Improvisation und Meisterung ihrer schwierigen wirtschaftlichen Lage, sowie ihren Vorstellungen, Utopien und Wünsche an die Zukunft, geben jedoch Hoffnung auf Veränderung und Normalisierung der Situation.

EVA THEBERT, bekämpft Sprachlosigkeit mit Bildern. In ihrer Videotrilogie Im Schatten deines Hauses, 2003 und in der Installation Spurenmemory, 2002 macht sie sich auf die Suche nach ihrer Kindheit. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: "Wenn du einen Feind hast, so suche ihn im Schatten deiner Hütte". Die Wahrheit dieses Satzes bestätigt sich, wenn Eva Thebert in einer verschlüsselten und dennoch deutlichen Bildsprache von frühem sexuellen Missbrauch in der Familie erzählt.

BARBARA UNGER-WIPLINGER & CARLA DEGENHARDT Heimat ist dort, wo mein Bett steht-? Eine tragisch-komische Doku-Dada. betiteln die Künstlerinnen ihren 2004 entstandenen Videofilm. 5 Altersheime; 8 Menschen zwischen 70 und 94; geboren in Mähren, Böhmen, Siebenbürgen und im Banat. Deutsche die vertrieben wurden. Der Film gibt die zum Teil schon ungenauen und verworrenen Lebenserinnerungen dieser alten Menschen, die fast am Ende ihrer Lebenszeit angekommen sind, wieder. Die Betten in denen sie liegen oder das Heim in dem sie wohnen wird zum maximalen Aktionsradius - ihrer letzten Heimat.

BEGLEITPROGRAMME ZU REALITÄTEN III:
Donnerstag, 12. Jänner 2006, 19 Uhr FOTOGALERIE WIEN - KINO MARTIN BRUCH - handbikemovie Video, 2003, 99 min.

Mittwoch, 25. Jänner 2006, ab 19 Uhr FOTOGALERIE WIEN + KINO 19.00 Finissage + Katalogpräsentation REALITÄTEN
20.00 HUBERT LOBNIG - Zivomir der Sammler Video, 1996-2003, 40 min.
21.00 ADIEU-PARTY
MOTION PARADE Jahrgang: 2005,
MOTION PARADE
Junge Kunst aus Rumänien
BILDER Nr. 208
MOTION PARADE
In der von Alina Serban kuratierten Ausstellung mit insgesamt 8 KünstlerInnen aus Rumänien, begibt sie sich auf eine innere und äußere Betrachtung auf das Kunstgeschehen in Rumänien und reflektiert lokale-, gesellschaftliche- und politische Rahmenbedingungen, sowie historische Altlasten und Erneuerungstendenzen im Land.
Noch immer wird Rumänien vom Westen als eines der exotischten Länder des ehemaligen Ostblocks betrachtet. Statt interessiert hinter den Vorhang zu gucken und somit ein besseres Verständnis für örtliche Spezifika zu entwickeln, wird kategorisiert, schematisiert, ausgeklammert und vereinnahmt.
MOTION PARADE gibt die Möglichkeit, den Vorhang zu lüften und ein klein wenig von der Atmosphäre dieses Landes im Aufbruch und den Veränderungen zu erahnen.
MOTION PARADE reflektiert die neue Kunstpraxis und den Übergang von einer "Ästhetik des Widerstandes" zu einer "Ästhetik der Alternativen".
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KünstlerInnen / Arbeiten:

MATEI BEJENARU / Electric Wonders, 2005
Nachtaufnahmen kleiner Bahnhöfe aus dem Osten Rumäniens. Die "Modernisierungswelle des rumänischen Schienenverkehrs" beginnt bei diesen fern gelegenen Bahnhöfen lediglich in kleinen Dingen, wie den Informationslichtboxen, aber nicht an der Gebäudesubstanz selbst. Die Aufnahmen dieser altmodischen, fast zerstörten Gebäude, die mit diesen Lichtboxen "dekoriert" wurden, erzeugen eine seltsame esoterische Atmosphäre.
CRISTINA DAVID / Size doesn´t matter, 2003
Diese Arbeit thematisiert das Paradigma von Identität durch das eigene Erscheinungsbild. Seit ihrer Geburt stellte sie fest, dass Menschen sie nur auf Grund ihrer zu klein geratenen Größe bemerkten. Aus der Augenhöhe der Künstlerin, wird die Relation zwischen ihr und der Welt analysiert. Ihre Botschaft: Auch wenn man auf Grund spezieller Eigenschaften atypisch innerhalb dieser Gesellschaft ist, kann man dieses Faktum auch zum eigenen Vorteil nutzen und sogar soweit gehen, dass man ein Standardmaß daraus mach; es ist immer nur eine Frage von Beziehungen und Macht.

CIPRIAN MURESAN / Untitled, 2005
Die Fotografien zeigen eine Tür übersäht mit Spuren von Nägeln und eine Hand mit einer Narbe über den Adern des Handgelenks. Ob es sich um einen Selbstmordversuch oder Unfall handelt, das ist eine Frage auf die selbst der Künstler keine Antwort weiß. Die abgebildete Hand ist die Hand seines Vaters. Untitled - ein Erinnerungsprojekt.
IOANA NEMES / Monthly Evaluations, 2005
Die Geschichte scheint einfach: Wenn man sich auf jeden einzelnen seiner Tage konzentriert, und versucht zu verstehen was ein Tag in sich selbst bedeutet, indem man ihn aus unterschiedlichsten Perspektiven (physisch, intellektuell, emotional, finanziell,....) analysiert, werden sich am Ende jedes Monats bestimmte "Wahrscheinlichkeiten" ergeben. Aus denen sich wiederum, mit ein wenig Glück und Recherche, etwas Solides und Fassbares herauskristallisiert.
Die Geschichte berichtet von meinem begierigen Bedürfnis die unsicheren Konstanten unsere Lebens und die Zeit in gewisser Weise kontrollieren zu wollen.
CATALIN RULEA / 30s / 8 Tracks, 2005
30 Sekunden.....das ist die Verschlusszeit meiner unprofessionellen Kamera, der Canon A70, mit der höchstmöglicher Auflösung (840 x 480 dpi). Das ist exakt die Zeit die man verwenden könnte um " Auf Wiedersehen" zu sagen, um einer unbekannten Person beim Seufzen zuzusehen, um auf deiner Retina ein Bild einzubrennen, das du nie mehr vergessen wirst.
30 Sekunden können so lange dauern wie wir wollen. Das ist meine persönliche Relativitätstheorie.
PETER SZABO / The copybook-project, 2002-2005 (work in progress)
Das Buch ist die absoluteste Möglichkeit von Narration. Es verhilft uns zu besonderen und unbeschreiblichen Erfahrungen. Ich habe Objekte und Phänomene entdeckt, Situationen erlebt, die dokumentiert werden müssen: Das Notizbuch eines Schülers voll mit Schwindelcodes für Computerspiele, die gezeichnete Kopie eines Fitnessvideos, Schnee auf dem Glasdach eines Einkaufzentrums, oder kopierte Bücher über Filmtheorie.
Alle meine copy-books haben eine starke gesellschaftliche Bedeutung und veranschaulichen die Distanz und den Unterschied zwischen dem Westen und dem Osten, zwischen
high-tech und low-tech.
MONA VATAMANU & FLORIN TUDOR / Persepolis, 2002-2005 (work in progress)
Persepolis untersucht post-sozialistisches Leben und Wohnen in Bukarest. Diese Stadt unterliegt bestimmten Mustern und utopischen Ideen, ohne jeglicher seriöse Stadtplanung.
Eine der agressivsten Arten von Bebauung und gleichzeitiger Zerstörung der Stadt fand in der sozialistischen Periode statt. Die Ideologie die sie kreierte ist verschwunden Dennoch leben immer noch viele Menschen in diesen sozialistischen "machines a habiter".
Vatamanu und Tudor stellen unterschiedliche Nuancen heutiger Betrachtung der Wohnblocks fest und zeigen verschiedene Lebensbedingungen und Reaktionen von Bewohnern auf.

 

Stichwort: "Anonyme Portraits" Jahrgang: 2005,
Stichwort: "Anonyme Portraits"
Leo Kandl, Melanie Manchot, Rabea Eipperle
BILDER Nr. 207
"Seeking models + artists for candid portraits for artphoto book 'in the streets' " annonciert Leo Kandl bevor er ein Land, eine neue für ihn fremde Weltstadt betritt. Übers Internet, auf der Straße, in Fitnessclubs oder über regionale Printmedien begeben sich die KünstlerInnen der Ausstellung auf die Suche nach ihren bis dahin anonymen Modellen. Die Absicht eines Portraits ist, das Wesen, die Persönlichkeit des porträitierten Gegenübers zum Ausdruck zu bringen sei es nun eine Person oder eine Stadt. Leo Kandl, Rabea Eipperle und Melanie Manchot haben sich auf unterschiedlichste Weise dem Thema Portrait gewidmet.

Leo Kandl sucht für seine Arbeit Free Portraits verschiedene Weltstädte auf, etabliert sich gleich zu Beginn als Fotograf, in dem er in regionalen Zeitungen eine Annonce schalten lässt, die ihn als Fotografen und Künstler auf der Suche nach Modellen ausweist. Mit der Schaltung einer Annonce und einer fixen Kontaktmöglichkeit entfällt der erste Schritt der Anonymität der eigenen Person in einer fremden Stadt. Der Künstler muss sich nicht erklären, hat seine Position definiert, ist somit Teil des sozialen Systems. Ganz anders hingegen seine auf diese Weise gefundenen Modelle. Sie suchen in der Rolle des anonymen Modells eine Benennung ihres Selbst. "Meine Modelle bestimmen weitgehend wo und wie sie sich vor der Kamera zeigen. Als Gegenleistung für das Risiko, sich auf die Begegnung und das Fotografieren einzulassen überlasse ich ihnen einige Bilder ihrer Wahl."

Rabea Eipperles Fotoserie Mit uns ein Gefühl geht der Frage von Privatheit und Intimität nach, indem sie die Bildproduktion bürgerlich konservativer Beziehungskultur aufgreift. Das Portrait eines Paares inmitten häuslichem Interieur. Rabea Eipperle suchte im Speziellen nach Bodybildern bzw. muskulösen Männern. " Ich sprach sie an und erklärte ihnen, dass ich sie gerne zu Hause besuchen möchte, um mit ihnen ein Photo zu machen, auf dem ich mich als ihre Freundin mit ihnen zusammen als Paar inszenieren möchte." Das Bild des Bodybuilders, des männlich konotierten Prototypen von Kraft und somit Schutz vor der bedrohlichen Welt da draußen gepaart mit der anschmiegsamen Frau. Die Künstlerin zeigt in ihrer Arbeit die bis dato festgeschriebenen Anordnungen hierarchischer Geschlechteranordnung auf, entlarvt den Wahrheitsgehalt von Paar-Portraits und setzt eine interessante Note im Bereich Selbstportrait.

Eine Annäherung an Moskau unternimmt Melanie Manchot mit ihrer Fotoarbeit Groups + Locations (Moscow). Sie begibt sich dafür vorerst in einen Diskurs mit der im späten 19.Jahrhundert gebräuchlichen russischen Dokumentarfotografie, die für ihre "Land - und Leute" Aufnahmen bekannt war. Markante Landschaften oder Denkmäler Russlands wurden als Hintergrund für Gruppenportraits der dort ansässigen Bevölkerung verwendet. Aufgrund der Grösse des Landes, dienten diese Bilder dazu, Russen eine bessere Vorstellung von ihrem eigenen Land und der Vielfalt der Kulturen und Menschen zu geben. Melanie Manchot erweist dieser Tradition Referenz indem sie ebenfalls vor wichtigen Plätzen Moskaus die jeweils zufällig dort anzutreffenden Personen persönlich anspricht, zum Innehalten motiviert und diese als Gruppe einander Unbekannter portraitiert. "Diese einfachen und momentanen 'Performances' tragen zudem politische Bedeutung, da es seit April 2004 ein neues Gesetz in Russland gibt, welches das Recht zu öffentlicher Versammlung stark begrenzt."

Realitäten II Jahrgang: 2005,
Realitäten II
Gesellschaftswerte
BILDER Nr. 206
Mit gesellschaftlicher Werteproduktion beschäftigt sich die 2. Ausstellung des diesjährigen Schwerpunkts REALITÄTEN, der FOTOGALERIE WIEN. Werte sind wandelbare Eigenschaften innerhalb eines Sozialsystems. Woraus wird ein Wertesystem gespeist, innerhalb welcher tradierten und neu definierten, neu kreierten Werte bewegen wir uns? Insgesamt 14 KünstlerInnen aus dem In- und Ausland wurden zu dieser Ausstellung eingeladen und gehen auf unterschiedlichste Weise diesen Fragen nach.

Ein Punkt innerhalb eines Wertekanons westlicher Demokratien ist die Achtung und der Schutz der Person und deren Eigentum. In Martin Krenns Beitrag geht es um die Missachtung dieses Wertes. Er erarbeitet in seiner 2005 begonnenen Fotoserie Lost History Today Geschichte dort wo sie gelöscht oder vergessen wird und. Er fotografiert Orte der „Arisierung“ und Restitution in Wien, München und Berlin. Die Normalität mit welcher diese Orte ihrer Geschichte beraubt werden, zeigt auf, wie Geschichtskonstruktion und die systematische Verdrängung von „Arisierung“ und Restitution seit 45 in das Heute wirken.

Franz Kapfer reflektiert in seinen Arbeiten Zentaur und Rom 2003 die Situation des Vater-Seins, die Definition von Familie und spielt auch auf die wertekonservative Haltung speziell christlich dominierter Gesellschaften an. Dafür stülpt er sich die Hülle des Zentauren - der Verkörperung des Lehrenden, Gesetzlosen und des Künstlers über, um zu seiner Tochter Kontakt aufzunehmen: "Höre, höre Tochter, alles ist Lüge" sagt Kapfer und kündigt das Scheitern der elterlichen Bestimmungen an.

Zusammengehörigkeit und Identitätsmechanismen werden seit Jahrhunderten während diverser Festivitäten konstruiert. Iris Andraschek führt uns mit ihren Zeichnungen und Fotografien The passion of the real in ländliches Feld. Die vielzitierte Idylle des Ländlichen findet sich in ihrer Arbeit nicht. Stattdessen sind Menschen zu sehen, die sich bei diversen Festen Rollen zulegen wie aus einem Versandhauskatalog.

Feldforschung der anderen Art betreibt auch Sabine Jelinek mit ihren Videoarbeiten Aponia und Spaß nach Anleitung. Sie begibt sich damit auf die Spuren des winterlichen Tourismus, der sogenannten Freizeitgestaltung. Jelinek zeigt welche Formen die „Jagd nach Glück“ annehmen kann und unterstreicht den Kontrast zu dem eigentlichen Ziel der Wohlstandsgesellschaft, nämlich frei und individuell zu sein.

Mit dem Verhältnis Mensch und Arbeit beschäftigen sich Jasmin Trabichler und Nina Bauer in ihrem Projekt Auszeit - L’ emploi du temps. Identität und Entfremdung in der modernen Arbeitswelt – der Arbeitsplatz als Ort individueller und visueller Vereinheitlichung. Trabichler / Bauer erforschen die Spuren von Strategien sich Rückzugsmöglichkeiten, private Nischen zu schaffen - den genormten Zeitplan zu durchbrechen.

Tina Bara und Alba D’Urbano zeigen in ihren großformatigen Portraitfotografien Schwimmerinnen die im Zeitraum der 50er bis 70er Jahre in der DDR erfolgreiche, damals sehr junge, Leistungssportlerinnen waren. Siegerehrungen thematisiert nicht nur das Phänomen der Körperpolitik die in unserem komplexen politischen und wirtschaftlichen System einen wichtigen Stellenwert einnimmt, sondern auch das indentitätsstiftende Rezept von Sport, Leistungsschau und Erfolg.

Auch Oriana Fox geht es in ihren Videos Our Bodies, Ourselves und Tales of Narcissus um Körperpolitik, sexuelle Rechte und Freiheiten. Fox lässt feministische Körpertheorien der 70er Jahre in Form der populären Fernsehserie „Sex and the City“ Revuepassieren. Sie kombiniert feministische Kunstproduktion von Judy Chicago und Hannah Wilke mit aktueller medialer Repräsentation von Frau.

Wie eine Gesellschaft zu ihren Bildern und über diese zu ihrer Identität kommt, zeigen Lisl Ponger und Tim Sharp in ihrem CD-R Projekt ImagiNative, Recherche als künstlerische Strategie. Darin wird eine Geschichte der künstlerischen Aneignung des Exotischen, das nie im eigenen Land oder dem eigenen Selbst gesucht wurde, recherchiert.

Um kulturelle und religiöse Werte geht es in Soody Sharifis Fotografien Moslim Teenagers. Sharifi interessiert das Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne des islamischen Alltags, der Einfluss des Westens und der Bruch mit tradierten Medienbildern von moslemischen Frauen, die es zu hinterfragen und zu durchbrechen gilt.

Individuelle Freiheiten von Frauen zwischen Wunsch und Realität in Syrien und dem Libanon beschreibt Marika Seidler in ihren Videoprojekten. Imagine dokumentiert Frauen-Fantasien von nicht existierenden Plätzen. Dabei geht es ihr um die imaginative Vorstellungskraft eines anderen Ortes als dem des real existierenden, den die Frauen in politisch untragbaren Situationen neben ihrer aktiv politischen Handlungen auch einzusetzen verstehen.

Den Ausstieg vom Wertekanon einer eurozentristischen Weltsicht lässt Per Hüttner in seiner inszenierten Fotografie anklingen. Der Künstler stellt sich als Projektionsfläche zur Verfügung und spricht damit die Ängste vor Einsamkeit oder die Überforderung des Einzelnen, in einer anything goes - Gesellschaft an.
Brüche und Realitäten - Fotografie aus dem Iran Jahrgang: 2005,
Brüche und Realitäten - Fotografie aus dem Iran
Konzept: Leo Kandl
BILDER Nr. 205
Schah, Khomeini, Islamische Revolution, Iran – Irak Krieg, Unterdrückung der Frau, Verletzung der Menschenrechte, Atomindustrie. Das Thema Iran hat durch den Irakkrieg wieder zunehmend an Aktualität gewonnen. Doch was wissen wir in Europa eigentlich über dieses faszinierende Land und den Alltag seiner BewohnerInnen jenseits medial transportierter Bilder wie “Mullah-Regime” oder “Achse des Bösen”?

Rund 64 Millionen EinwohnerInnen, 1,648 Millionen Quadratkilometer, 46 Millionen Wahlberechtigte, davon mehr als ein Drittel unter 30 Jahren, ehemaliges Persien mit einer bedeutenden tausende Jahre alten Kultur.

Was es hinter diesen Daten und Fakten zu entdecken gibt, zeigt Leo Kandl in seiner Gastausstellung
Brüche & Realitäten in der FOTOGALERIE WIEN.
Leo Kandl, selbst in der künstlerischen Fotografie angesiedelt, hat vor zwei Jahren im Zuge eines Projekts den Iran besucht und eine dynamische, junge Generation von KünstlerInnen voll neuer Energie getroffen und einen Austausch evoziert.
Entstanden ist eine Ausstellung, die versucht, ein anderes, differenzierteres Bild der künstlerischen Gegenwart im Iran zu vermitteln. Die ausgewählten fotografischen Positionen sind inspiriert von einem Dialog mit der Vergangenheit und der Gegenwart, von der eigenen Geschichte oder eben jener der Anderen. Mit viel Spürsinn setzen die TeilnehmerInnen die Kunst als sozio-kulturelles Werkzeug ein.
Die Schau will weder ein negatives noch ein positives Bild des Iran zeichnen, sondern nur einen anderen Blickwinkel auf ein Land richten, das trotz seiner traditionellen Ausrichtung wie jedes andere andauernden Veränderungen unterworfen ist.

Iranische KünstlerInnen wollen raus aus der Isolation, einen Platz haben, der ihnen zusteht in der globalisierten Welt des Ästhetischen.
Der iranische Weg soll also ein eigener sein, aber er soll in die Welt führen.
WERKSCHAU X - Branko Lenart Jahrgang: 2005,
WERKSCHAU X - Branko Lenart
Photo Concept 1965 - 2005
BILDER Nr. 204
WERKSCHAU X – ist die Fortsetzung der seit 10 Jahren jährlich stattfindenden Ausstellungsreihe der FOTOGALERIE WIEN, welche zeitgenössische KünstlerInnen präsentiert, die wesentlich zur Entwicklung der künstlerischen Fotografie hierzulande beigetragen haben und ist 2005 dem 40jährigen künstlerischen Schaffen des Grazer Künstlers BRANKO LENART gewidmet.

Branko Lenart, der 1948 in Ptuj, Slowenien geboren wurde und 1954 mit seinen Eltern nach Österreich emigriert , heute in Graz lebt, ist ein kritischer Geist, mit politischem Engagement . Als Künstler wie auch als Mitinitiator des Artikel - VII- Kulturvereins, der sich für die politischen und kulturellen Rechte der slowenischen Minderheit in der Steiermark einsetzt.

Lenarts Werk ist geprägt durch den stetigen Wechsel von Reportagefotografie, angesiedelt in den Bereichen von subjektiver Fotografie und subjektiver Topographie, in denen gesellschaftliche und politische Themen fokussiert werden - und - konzeptueller Fotografie in denen Phänomene der Wahrnehmung und Bilderweiterung im Vordergrund stehen.

Die Ausstellung spannt einen Bogen von den frühen Reportagefotografien der 70er Jahre über seine topographischen und sozialdokumentarischen Arbeiten der 80er Jahre, wie dem Millerton-Project, einem umfangreichen Fotoprojekt, einer Art soziologischer Studie von über 30 amerikanischen Mittelstandsfamilien, den Arbeiten mit politisch, historischem Bezug der 90er Jahre zu denen die Arbeit Kaddisch zählt, in der Lenart an die in zahlreichen Konzentrationslagern ums Leben gebrachten Grazer Juden erinnert, bis hin zu der neuesten konzeptuellen Arbeit ManuScript in der Lenart die Verknüpfung von Schrift/Text und Bild verstärkt aufgreift.

Die Werkschau beinhaltet einen Querschnitt aus ca. vierzig Zyklen aus vierzig Jahren. Die wichtigsten Serien/Portfolios , bestehend aus jeweils 16 bis 220, vorwiegend S/W Fotografien, sind hier repräsentativ vertreten.

PHOTO CONCEPT 1965 - 2005 ist in sieben Werkgruppen gegliedert:

„ON THE ROAD“ / „SELFPORTRAITS“ / „ÜBER.FORMAT“

„SUBJEKTIVE TOPOGRAPHIE“ / „RES PUBLICA“ / „DIPTYCHEN“ „HAND.WERK“


Alle Arbeiten sind authentische, nicht nachträglich manipulierte Fotografien. Branko Lenart

Alle Fotografie geht von der Sprache aus. Vierzig Jahre Fotogeschichte im Werk Branko Lenarts. (Auszug aus dem Katalogtext WERKSCHAU X – BRANKO LENART, von Kurt Kaindl)

(…)Branko Lenart ist kein Fotograf, der das Kürzel „o.T.“ verwendet und die Betrachter auf Ihre Findigkeit und Kenntnis der Kunstgeschichte zurückverweist. In seiner Retrospektive auf ein 40jähriges Schaffen findet sich keine Fotografie, die nicht einen Bildtitel und zumeist auch einen Serientitel trägt. Seine Bildtitel sind integrale Elemente der Arbeit. Nur in seinen dokumentarischen Fotografien begnügt er sich mit Namen, Orts- oder Zeitangaben. Die anderen Bilder und Serien besitzen Titel, die sich einer flüchtigen Lektüre widersetzen. Die Fotografie selbst mag schnell zu erfassen sein – der Bildtitel gibt auch dem geübten Leser eine Nachdenkpause auf. Branko Lenart verwendet dafür nicht nur poetologische Fachbegriffe wie „Kryptogramm“ oder „Anagramm“ sondern auch Prägungen, in denen er durch Interpunktion auf den ursprünglichen bildhaften Charakter der Worte verweist, wie „Augen:Blicke“, „Hand.Werk“ oder „ManuScript“, die als moderne Erweiterungen der Sprachbedeutung zu sehen sind. Einige der neuen Arbeiten ab dem Jahr 2000 enthalten Texte auch als wesentlichen Teil des Bildraumes. Die Arbeit „Hommage an M., Bordeaux, 2002“ könnte exemplarisch für Branko Lenarts fotokünstlerische Entwicklung der letzten Zeit stehen.(…) )

(…)Häufig wird dem Bild die Emotion, das spontane Erkennen zugeordnet; dem Text der Intellekt und die analytische Konstruktion. Das eine wird in einem Augenblick erfasst (dies hat sich ja auch auf die Vorstellung vom „Schnappschuss“ in der Fotografie übertragen), das andere gut geplant und zu recht geschliffen. Für die Fotografie Branko Lenarts scheint diese Einteilung nicht zu gelten. Obwohl er meist mit einer schnellen Kleinbildkamera arbeitet, sind selbst seine dokumentarischen oder reportagehaften Aufnahmen fremder Kulturkreise und Städte genau geplant und formal streng komponiert. Selbst Bilder, in denen die disparate Bewegung das zentrale Thema ist (wie etwa „Ptuj, 1970“) wirken bis in das letzten Detail konstruiert. So als hätte der Autor an der „Bildsprache“ wieder und wieder gefeilt um auch den letzten Rest Zufall oder Ungenauigkeit aus der Aussage zu entfernen. Bei zahlreichen anderen Arbeiten wie bei den „Selbstportraits“ oder „Representig Reality“ ist die Konstruktion sogar Teil des inhaltlichen Anliegens. Branko Lenarts Fotografien lassen sich ohne analytischen Aufwand nicht lesen. Der Bildtitel gibt den entscheidenden Hinweis darauf, wie die Arbeit zu sehen ist. Bildinhalte werden durch medienreflexive Bezeichnungen verändert, der formale Aufbau der Fotos erhält durch den Titel eine weitere Bedeutung, die über das auf den ersten Blick sichtbare hinausgeht. )

So funktionieren Branko Lenarts Fotografien wie die Lektüre eines komplexen Textes: das Motiv ist spontan zu erkennen, doch in der weiteren Betrachtung schleicht sich die Vermutung ein, dass der Bildsinn damit noch nicht entschlüsselt ist. Der Betrachter kehrt zurück zum Bild, zieht den Titel zu Hilfe und kann nach dieser Analyse erst die Bedeutung und die Beziehungen der Bilder zur Kunst- und Fotogeschichte entschlüsseln. Es sind Fotografien für den Intellekt und das Formempfinden, auch wenn sie sich fallweise als Reportagen oder spontane Schnappschüsse maskieren. Branko Lenarts Bilder öffnen sich der Analyse und der sprachlichen Zuschreibung, sie verweigern sich allerdings der flüchtigen und naiven Betrachtung. )

Stichwort: Stadt / Landschaften / Eingriffe Jahrgang: 2005,
Stichwort: Stadt / Landschaften / Eingriffe
BILDER Nr. 203
Stichwort: Stadt / Landschaften / Eingriffe

Eva Würdinger Die Fotografien von Eva Würdinger zeigen Orte, die in der Schwebe stehen, offen, ausgegrenzt und übersehen sind. Stillgelegte, anonyme oft verlassene Zwischenräume, die zwar benutzt, aber wegen ihrer Alltäglichkeit nicht wahrgenommen werden. Durch das Aufzeichnen einer bestimmten Atmosphäre des Ortes, erscheint das Alltägliche durch dessen Transformation in eine Fotografie irritierend. Das scheinbar selbstverständliche urbane Umfeld wird zu einem Ort der Ambivalenz. Das fotografische Bild entzieht sich seiner Festlegung, lässt etwas Uncodierbares offen.
Das Dokumentarische und Archivarische stehen nicht im Vordergrund, vielmehr konstruieren die Fotografien den Blick des Betrachters und verführen diesen die Orte neu zu durchqueren. Die formale Reduziertheit und die Leere im Bild evozieren ein Zusammenspiel von Wahrnehmung und Vorstellung. Auch die Aufnahmen einer stillgelegten Jetskibahn der Serie Speedworld geben dem Betrachter Raum für Assoziationen, Erinnerungen und Projektionen.
Die Arbeiten thematisieren Künstlichkeit und Fiktion und somit die Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt der Fotografie. Sie behandeln das Wechselspiel von Natürlichem und Künstlichem, zeigen Spuren zivilisatorischer Eingriffe, Schnittstellen und Grenzbereiche von Natur und Kultur. Die Fotografien deuten an, wie urbane Landschaftsräume entstehen, sich verflüchtigen, materialisieren oder verändern und somit Gesellschaft strukturieren.



Carola Vogt und Peter Boerboom Landschaften repräsentieren das ›Natürliche‹ – oder die Konvention des ›als natürlich Erscheinenden‹. Sie sind Projektionsfläche für alles Natürliche und gleichzeitig Umgebung für Gemachtes.
Uns interessieren die Landschaften an der Nahtstelle zur Zivilisation. Vorwiegend hier finden sich Orte und Situationen, an denen die ›schöne Landschaft‹ bzw. die sie konstituierenden Idealvorstellungen mit den Ausläufern der städtischen Bebauung konfrontiert werden. Vor einem landschaftlichen Hintergrund befinden sich anonyme, oft unerklärliche architektonische Versatzstücke, die in die Vegetation eingebettet und mit ihr verwoben sind.
Diese isolierten Bauten, die nicht in einem gewohnten städtischen oder architektonischen Zusammenhang stehen, zeugen vom erstaunlichen Gestaltungswillen des Menschen und den Gestaltungskonventionen einer Gesellschaft.
Mit unserer fotografischen Arbeit wollen wir nicht dokumentieren, sondern zeichenhafte Bilder erzeugen. Die beiden Komponenten, Landschaft und Zivilisation, lösen sich auf in einem Schwarzweiß-Gebilde aus Linien und Flächen. Und dabei geben sie zu erkennen, was Landschaft immer auch gewesen ist: eine Konstruktion und eine Erfindung in der Kunst.

aus: Carola Vogt | Peter Boerboom, „Landschaften, Fotografische Arbeiten 1997–2005“ Verlag für moderne Kunst Nürnberg, März 2005



Venice Pavillons von Lukas Schaller

Die Bilder der verlassenen, kunstfreien Länderpavillons der Biennale in Venedig stellen eine ästhetische Ungewissheit her, indem sie die Spuren der Vernachlässigung oder des Vandalismus ins Bild setzen und sie als Bestandteil einer künstlerischen Intervention zeigen. Hier geht es nicht um ein Täuschungsmanöver, nicht um eine bildliche Inszenierung von wertlosen Gegenständen im Kontext von Kunst, sondern um die grundsätzliche Unmöglich-keit eines Ausstellungsraums, nichts zu bedeuten, nichts zu sagen und auf nichts zu verweisen. Kunsträume stellen immer etwas zur Schau, selbst wenn sie – wie die Länderpavillons “after show” - nicht bespielt werden bzw. bis zum nächsten Kunstereignis von der Außenwelt abgeschieden sind.

Der weiße Kubus mit seiner ausstellungstechnischen Infrastruktur gibt dem Blick eine Richtung vor, sodass die zerstreut am Boden liegenden Gegenstände in ihrer ganzen Banalität als reizvolle Formation im Raum erscheinen, die etwas zu sagen hat, und sei es auch nur: ich bin, was vom Ereignis übrig blieb, Verpackungsmaterial, Zettelwerk – gehäufte Hinterlassenschaft künstlerischer Aktion, Schnee von gestern.

Die Zufälligkeit der herumliegenden Dinge, die nicht mehr gebraucht und im allgemeinen selten beachtet werden, kollidiert mit den Bedeutungszwängen des Kunstbetriebs und der Geometrie von Räumen, deren Konzeption darauf beruht, die darin gezeigten Gegenstände eben nicht dem Zufall von Wahrnehmung oder Nichtbeachtung auszusetzen, sondern sie aus dem Umfeld herauszuheben, sie gewissermaßen zu schärfen. Der Blick eines Betrachters (eines Fotografen) genügt, um das scheinbar Wert- und Bedeutungslose in jenen Rahmen zurückzuführen, in den es der Kunstraum selbst im Zustand gröbster Vernachlässigung unweigerlich rückt: in die Zeichenhaftigkeit ästhetischer Produktion. So gewinnt auch das Nebeneinander von stehender und flachgedrückter Transportkiste im Pavillon der nordischen Länder erst in diesem “reinen” wie ruinösen räumlichen Umfeld an Format, erzeugt jene Unsicherheit, die stets Voraussetzung dafür ist, genauer hinzusehen und die Muster eigener Wahrnehmung zu hinterfragen.

Gabriele Kaiser


Laura Samaraweerová
Wieder gefunden

Zu den ausgestellten Arbeiten von Laura Samaraweerová
Bei diesen Arbeiten handelt es sich durchwegs um Naturinszenierungen, Inszenierungen in der Natur. Es scheint, als ob jede dieser Arbeiten einen verloren geglaubten Moment, ein solches Gefühl oder einen ebensolchen Raumteil wieder finden und authentisch erleben lassen will. Das Vorgehensprinzip scheint sich dabei zu wiederholen: Das ins Auge gefasste Geschehen – Geschehen, denn die Zeitkomponente (Wie kam es dazu? Was ist das? Was folgt?) lässt sich nicht ausblenden – wird abstrahiert, in die natürliche bzw. eigentümliche Umgebung hinausgetragen und dadurch erst „richtig“ in die Szene gesetzt. Die Ergebnisse erreichen den Kopf und das Herz. Der/die BetrachterIn, aufgrund des Denkanstoßes oder der Verwirrung, wird dazu bewegt, mit eigenen Erfahrungen und bekannten Alltagsgegenständen zu kombinieren, zu jonglieren oder gar diese neu zu kategorisieren. Dieses sinnliche Spiel erwirkt Laura Samaraweerová einerseits eben durch die Inszenierung, verstärkt es aber andererseits durch die zum Teil sehr auffällige, nachträgliche Handkoloration. Die Arbeiten scheinen hierdurch eine inhaltlich-visuelle Vollständigkeit vermitteln zu wollen, bleiben aber im Gesamten vor allem als Sequenzen und Querschnitte eines sich verfestigten menschlichen, gesellschaftlichen Zustandes in Erinnerung.

bruno batinic



Veronika Hofinger „Art is by nature self-explanatory. We call it art precisely because of its sufficiency. (...) If the audience lives in the same time and culture as does the artist, and if the audience is familiar with the history of the medium, there is no need to append to art a preface or other secondary apparatus.“
aus: Robert Adams – „Why People Photograph“, © Aperture, 1994



Through the Looking Glass
Karin Borghouts fotografiert Orte. Ihre Sujets findet sie auf der Straße und an öffentlichen Plätzen, wie Tiergärten oder auf Spielplätzen. Ihre Bilder zeigen Fragmente der Wirklichkeit, an denen man normalerweise vorbeigeht ohne ihnen Beachtung zu schenken.
Obwohl sich Borghouts eines dokumentarischen Stils bedient, haben ihre Fotografien eher einen traumhaften Charakter. Die Zweideutigkeit ihrer Bilder hängt von der präzisen Wahl des Bildausschnitts ab, der wiederum Spannung zwischen Wirklichkeit und Betrachter erzeugt. Die Bilder erwecken beim Betrachter Neugier, indem sie ihm ein Rätsel aufgeben.
Borghouts Fotografien weisen Referenzen zur Malerei und Installationskunst auf. Manche wirken wie theatralische Szenen, oder nehmen skulpturale Dimensionen an. Der Natur wird eine spezielle Rolle in den Aufnahmen zugewiesen. Natur, die dem Menschen ausgeliefert und wie auf einer Bühne konstruiert ist.
Es scheint, als ob alles zu einer künstlichen und konstruierten Welt gehören würde.
Borghouts Fotografien sind ein Balanceakt zwischen Imagination und Wirklichkeit.


Realitäten I Jahrgang: 2005,
Realitäten I
Machtfaktor Wirtschaft
BILDER Nr. 202
Realpolitisch, aktivistisch, engagiert aber auch humorvoll beginnt der erste Teil des Themenschwerpunktes. Der Fokus der künstlerischen Herangehensweisen liegt auf Themen wie: Wasser - das „blaue Gold“ der Zukunft, Tourismus, neue Marktstrategien, Makro- versus Mikrostrukturen, aber auch Formen der Resistance, des Widerstands gegen bestehende Ungerechtigkeiten, sowie Antiglobalisierungstrategien.

Kennen Sie eine ionische Zahnbürste oder haben Ihre Fingerspitzen gar schon einmal die Bekanntschaft mit dem „Multiwonder“ Gemüseraspler gemacht? Oliver Musovik präsentiert in seiner Arbeit „Mama Loves Teleshop“ diese und andere mehr oder weniger nützliche Produkte, die via Teleshopping weltweit vertrieben und teilweise kultartig verehrt werden. Musovik beschreibt neue Prozesse des Konsumierens und gibt Einblicke in die Psychologie von KonsumentInnen.

Gerda Lampalzer stellt in ihrer Video-Installation „How do you like the Philippines?“ den Blick des Philippinen-Reisenden, den von der Künstlerin in Wien gekauften philippinischen Export-Produkten gegenüber. Sie stellt die Titelgebende Frage. Als Antwort erhält sie: „they serve you well“, sie aber versteht „they surf you well“. Dieser Hörfehler, lässt die Vielschichtigkeit der Probleme von Asien-Tourismus erahnen.
br> Möglichkeiten der Resistance gegen ausbeuterische Systeme zeigt die philippinische Aktivistin und Künstlerin Corazon Amaya-Canete. Im Rahmen des Projekts „Chat(t)er Gardens. Stories by Filipina Workers“ von Moira Zoitl werden Fotoarbeiten der philippinischen Künstlerin gezeigt in denen sie Formen des Widerstandes gegen migrationsfeindliche Gesetze der Hongkonger Regierung dokumentiert. In Hongkong leben 218,236 ausländische HausarbeiterInnen, davon sind 98% Frauen und 68% Philippinen (Bericht „The Frontier). Für die Ausstellung wird Moira Zoitl einen Newsletter produzieren, der über neue Recherche-Ergebnisse und Aspekte des Hausarbeiterinnen Themas informiert.

Den Wirtschaftsfaktor „Betelnuss“ in Taiwan untersucht Karl-Heinz Klopf in seinem Film „By Way Of Display“. Die Betelnuss stellt einen wichtigen Teil der Genusskultur des Landes dar. Ihre Wirkung beim Kauen gibt dem Körper ein Gefühl von Wärme durch die Stimulation des Zentralnervensytems. Karl-Heinz Klopf folgt den Spuren der Vermarktung dieser Droge, die architektonische wie aktionistische Blüten hervorbringt: „Betelnutbeauties“ in von Manga Geschichten inspirierten Kostümen verkaufen an stark frequentierten Strassen in temporären Glasboxen ihre Waren und sind dabei auch soziale Anlaufstelle für durchfahrende Trucker und einsame Herzen.

Miriam Schünke schlüpft für ihre inszenierte Fotoarbeit in die Rolle eines Fotospys. Untersucht wird dabei das Machtzentrum der Wasserverteilung – das LA DWP (Los Angeles Department of Water and Power). „ ‚terror totale-ein wüstenstück’ ist das Porträt einer Gesellschaft, einer Stadt und ihres Mythos und zugleich Ausdruck der Ohnmächtigkeit des Einzelnen gegenüber mächtigen Institutionen“, so die Künstlerin und stellt weiter die Frage: „Wer terrorisiert wen?“

Unter dem Motto „think global, act local“ kann Carla Bobadillas künstlerische Arbeit zusammengefasst werden. Probleme der Makroökonomie sowie die fatalen Konsequenzen der Abhängigkeiten von ökonomischen Systemen werden thematisiert. In ihrer fotodokumentarischen Arbeit „Orte, die einladen“ porträtiert die Künstlerin kleine Geschäfte unter anderem in Favoriten. Sie stehen für lokale Kultur, Identität und Kommunikation.

Kristina Leko beschäftigt sich in ihrem seit 2002 laufenden Aktions-Projekt „Cheese & Cream“ mit dem Phänomen der Zagreber Milchfrauen. Diese werden einerseits als lokale Attraktion im Rahmen des Tourismusmarketing gehandelt, und sind andererseits durch EU-Auflagen in ihrer beruflichen, sowie finanziellen Existenz gefährdet. Leko bietet mit ihrer Multimedia Installation den BesucherInnen die Möglichkeit für deren Fortbestand zu voten. Eine Deklaration kann vor Ort unterschrieben werden.

Katharina Mouratidi zeigt Ausschnitte ihrer Fotodokumentation „Globale Gerechtigkeit-Portrait einer Bewegung“. Von November 2002 bis Oktober 2004 besuchte sie einige der größten und wichtigsten Treffen der globalisierungskritischen Bewegung weltweit. Entstanden sind lebensgroße Porträtfotografien und Interviews mit international bekannten Persönlichkeiten wie Claudia von Werlhof, José Bové, Vandana Shiva, Horst-Eberhard Richter und vielen anderen. Ihnen allen wird von der Künstlerin die Frage gestellt: „Warum tun Sie, was Sie tun?“

Rahmenprogramm zur Ausstellung: „About EMPOWER“

Mittwoch, 13. April, 19 Uhr , FOTOGALERIE WIEN

Konzept: Gertrude Moser-Wagner
EMPOWER ist ein in Bangkok ansässiges Zentrum, das sich als Anlaufstelle, Ausbildungs- und Betreuungspool für Sexarbeiterinnen aber auch als Veranstaltungsort für performative Kunst und Intervention in Thailand versteht.
Gertrude Moser-Wagner - „thai i“ , Video Sabine Marte – „Entertainment“, Live-Performance gekoppelt mit Videos aus Thailand
Karl Bruckschwaiger – Performance-Lecture zur Grenzüberschreitung Burma/Thailand Radostina Patulova – (LEFÖ) Bericht zur Situation der Sexarbeit in Wien

Anschließend: Video-Interviews mit Betreiberinnen des EMPOWER House in Chiang Mai. Bericht von Valerian Maly und Klara Schilliger über eine Charity-Aktion in Bern. Bücher, Materialien und weitere KünstlerInnenprojekte zum Thema.
Stichwort - Mysteriös Jahrgang: 2005,
Stichwort - Mysteriös
BILDER Nr. 201
Licht spielt in allen Beiträgen der ersten Ausstellung 2005 der FOTOGALERIE WIEN eine wichtige Rolle. Licht als offenkundiger Eindringling in eine von aussen nicht einsehbare Welt. Das Verborgene, das was sich innerhalb der eigenen vier Wände oder innerhalb des Tagebuchdeckels zuträgt, das woraus Erinnerungen re-konstruiert werden, wird psychologisch - emotional - kriminalistisch untersucht bzw. beleuchtet.

In den Fotografien von Julian Burgin ist Licht das wesentliche Spannungselement. Seine ProtagonistInnen bewegen sich meist alleine, manchmal in Gruppen durch private Wohnräume, wie Insekten angezogen durch verschiedene Lichtquellen die aus Ritzen und Öffnungen treten und das Ensemble einer unheimlichen Spannung aussetzen. Birgit Graschopf spielt in ihrer grossformatigen Fotoarbeit "Türschlitze" mit dem Gefühl des Unheimlichen das, nach Sigmund Freud in jenen Momenten entsteht, in welchen hinter Vertrautem eine irritierende und angsterfüllte Dimension hervortritt. Nicht umsonst sind Türschlitze ein wichtiges Stilmittel des klassischen Psychothrillers. Das in einen dunklen Raum eindringende Licht, die schemenhaften Schatten des Dahinter vermitteln ein Gefühl von Klaustrophobie und Bedrohung. Jana Müller öffnet mit ihrer multimedialen Installation "TAGEBUCH eins" den Blick auf ihr Elternhaus, das sie zu einem kriminalistischen Schauplatz werden lässt. Eine Hausdurchsuchung hat stattgefunden. Geöffnete Schränke, Fächer, umherliegender Hausrat, der Grundriss des durchsuchten Hauses, Dokumente einer Spurensuche mit ungewissem Ziel. Jedoch steht hier nicht die eigene Erinnerung, die ja höchst subjektiv und wandelbar ist zur Disposition, sondern die Rekonstruktionsleistung der BetrachterInnen und die damit einhergehenden Projektionen auf ein Anderes, ein Fremdes. Das Fremdsein des eigenen Körpers in der zivilisatorischen Umgebung beschreibt Petra Warrass in ihrer Fotoserie "Da sitz’ ich so, ganz harmlos". Wir sehen Menschen in Momenten des unfreiwilligen Ausbruchs aus dem sozial vorgegebenen Normverhalten, so als hätte sich eine unbestimmbare Variable ihrer für einen Augenblick bemächtigt. Silvia Micheli wendet sich mit ihrer Fotobuchinstallation vertrauensvoll an die BetrachterInnen, die nach eigenen Erinnerungsfetzen suchend durch ihre kleinen Fotobücher mit Titeln wie "please do not tell anybody" oder "if i were to show you" tasten können. Die Künstlerin spielt mit Formen der Selbstinszenierung, wobei sie autobiografische Bezüge mit fiktiven Elementen vermischt. Gefühlszustände wie Traurigkeit, Einsamkeit, Müdigkeit oder pures Grauen, in Szene gesetzt durch Teppiche, Stoffmuster, Tapeten die an eigene Texturen der Vergangenheit erinnern und den PLAY-button des ganz individuellen Erinnerungsfilms der RezipientInnen bedienen.
Index 1 1985 - 2004 Jahrgang: 2005,
Index 1 1985 - 2004
KünstlerInnenindex Bilder Nr. 1 - 199
BILDER Nr. 200
Index 1 1985 – 2004I Nr. 200 ist ein KünstlerInnenindex in dem alle bisher (seit 1985) in BILDER vorkommenden KünstlerInnen, alphabethisch sortiert, aufgelistet und die entsprechenden Publikationen zugeordnet sind.

Diese Ausgabe ist auch separat, gegen Bezahlung der Versandspesen von EUR 1,50 im Inland [Europa 3,50 / ausserhalb Europa 5,50 EUR] oder gratis bei Direktabholung in der FOTOGALERIE WIEN erhältlich.