2009

Bilder

PERFORMANCE III Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Jahrgang: 2009,
PERFORMANCE III
Gender, Politik, soziale Fragen und Intercultural Studies
BILDER Nr. 241
Der diesjährige Schwerpunkt der FOTOGALERIE WIEN widmet sich der PERFORMANCE IM BILD UND IM MEDIALEN ÜBERTRAG. Der Titel der Ausstellungsreihe verweist auf die komplexe Beziehung zwischen Performance und Bild: Die Flüchtigkeit der Performance in ihrer Form als Handlungsablauf trifft auf die Fixierung der Performance durch bildgebende Medien wie Fotografie und Video. Die drei Ausstellungen präsentieren, entgegen einer traditionellen Perspektive, in der Performances vor allem durch die gleichzeitige räumliche und zeitliche Anwesenheit von KünstlerInnen und BetrachterInnen definiert werden, vorwiegend Performances für die Kamera und performative Installationen. So werden alternative Rezeptionen von Performances möglich.

Die dritte Ausstellung – PERFORMANCE III – Gender, Politik, soziale Fragen und Intercultural Studies – vereint Positionen aus Europa, den USA und Asien und bietet einen vielfältigen Einblick in künstlerische Auseinandersetzungen mit politischen Thematiken. In ihren Fotografien und Videos befassen sich die KünstlerInnen als AkteurInnen vor der Kamera mit der Geschichte und der sozialen und kulturellen Spezifik der Gesellschaften, in denen sie leben und arbeiten. Die ausgestellten Videos und Fotografien verdeutlichen, wie Kunst das „Sichtbare, Sagbare, Machbare“ (Jacques Rancière) neu verhandeln kann.

Die Fotocollagen aus ihrer frühen, erstmals ausgestellten Werkserie LOCATION: bathroom zeigen Katrina Daschner maskiert in hybriden Räumen. In der transgressiven Auseinandersetzung mit binären Geschlechterkonstruktionen kommen Schleier, Perücken und Bärte ebenso zum Einsatz wie fetischisierte Masken, die von der Künstlerin als „Zuhälter“ bezeichnet werden. Diese „Zuhälter“, die Besitz von Körperteilen ergreifen, kehren spezifische Verlangen hervor anstatt sie maskenhaft zuzudecken.
Die Künstlergruppe G.R.A.M. (Günther Holler-Schuster und Martin Behr) verbildlicht Handlungen völlig unterschiedlichen Ursprungs, von denen zuvor keine Bilddokumente existierten: In der Fotoserie unsichtbar werden Widerstandshandlungen verschiedener sozialer Gruppen gegen das nationalsozialistische Regime in der Steiermark visualisiert. Das Video Musikalische Komödie für’s Fernsehen (Farbfernsehen) zeigt die Realisierung einer niemals zuvor aufgeführten Performance-Partitur Rudolf Schwarzkoglers.

Die Fotos aus Nilbar Güres Serie Unbekannte Sportarten im Öffentlichen Raum dokumentieren eine Performance, die die Künstlerin im Istanbuler, religiös-konservativen Stadtteil Fatih durchführte, der für seine Brautmodengeschäfte stadtbekannt ist. Über einem Boxeroutfit trug Güres ein Brautkleid und eine Art strangulierende Version des traditionellen roten Bandes, das als Zeichen für Jungfräulichkeit gilt. Die Künstlerin bat die PassantInnen, ihr die einzelnen Kleidungsstücke auszuziehen. Auf den Fotos lässt sich das ganze Spektrum menschlicher Reaktionen auf die Performance, die Geschlechternormen unterläuft, ablesen.

Lena Lapschinas Video Innere Werte spielt auf ironische Weise mit Stereotypen von Ost und West und regt zu einer Reflexion über Mythen, Desillusion und Empathie an. Das Video erzählt die Geschichte einer Migrantin aus der ehemaligen Sowjetunion, die sich den langgehegten Traum von „westlichen“ Markenturnschuhen erfüllt. Am Ende lösen sich jedoch nicht nur die Sohlen der Schuhe in ihre Einzelteile auf, sondern auch die Illusion, dass im Westen alles besser wäre.

In Tatsumi Orimotos Performance Punishment steht das Brot als Symbol für eine fehlgeschlagene Kommunikation, aber auch – in der christlichen Konnotation – für den Körper. Die Performance verweist auf die Kreuzigung christlicher Missionare in Nagasaki im Jahr 1597. Die Missionare wurden zunächst als Verbindung zu Europa, schließlich aber als systemdestabilisierend angesehen. Die Performer in Punishment symbolisieren als Brotträger die Überbringer einer Botschaft, die von den Regierenden als Bedrohung verstanden und daher bestraft wurden.

Katarina Ševic ´s ´s Video Social Motion zeigt eine Massenchoreographie, die die Künstlerin im Berliner Skulpturenpark initiierte. Die Faszination für das „Ornament der Masse“ (Siegfried Kracauer) wird hier jeglicher parteiischer oder ideologischer Konnotation enthoben. Ohne Probe, in einer einmaligen Aktion, schritten 120 TeilnehmerInnen unter Befolgung von Regeln, wie etwa der Aufforderung still zu sein und langsam zu gehen, durch den Park. Die Performance wirft damit die Frage nach der Lenkbarkeit und Handlungsfähigkeit des Einzelnen in der Masse auf.

Das neueste Projekt Milica Tomic´s mit dem Titel One day, instead of a night, machine-gun fire will burst through the night, if light cannot come otherwise basiert auf einer Auseinandersetzung mit antifaschistischen WiderstandskämpferInnen in Jugoslawien vor dem Hintergrund der Frage, wie sich das Verständnis von Krieg und Widerstand durch den aktuellen „Krieg gegen den Terrorismus“ verändert hat. In einem Akt des Erinnerns suchte Tomic mit einem Maschinengewehr in der Hand Plätze in Belgrad auf, an denen die KämpferInnen der „People Liberation Movement“ im Zweiten Weltkrieg erfolgreich Aktionen durchführten.
Martha Wilsons Video-Performances Premiere und Deformation entstanden in den frühen 1970er Jahre, noch bevor die Künstlerin „Franklin Furnace“, das legendäre Avantgarde-Archiv in New York gründete. In Premiere liest Wilson ein Skript über die Zusammenhänge von Identität, Performance und Alltag vor. Deformation vereinigt die Reflexion der Selbstwahrnehmung mit einer schonungslosen Demontage von Schönheitsidealen: Zunächst präsentiert sich Wilson vor der Kamera mit Make-up so „schön“ als möglich, um schließlich, ebenfalls mit Make-up und der Veränderung des Kamerawinkels, das Gegenteil zu erreichen.

Text: Astrid Peterle
Poiesis Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2009,
Poiesis
BILDER Nr. 240
Die Ausstellung Poiesis vereint 3 zeitgenössische künstlerische Positionen, in deren Arbeiten der Moment des aktiven Suchens und Vorfindens des Zufälligen ebenso eingefangen und visuell materialisiert wird, wie die poetische Verschmelzung von Raum-Zeit. 
Der fotografische Schnitt kreiert gleichsam neue Welten. Referiert wird auf den Moment der medialen Transformation des Zustandes, jene konzentrierte visuelle Veränderung wenn das „Ist“ zu etwas anderem wird.

Michael Goldgruber hinterfragt Beobachtungsebenen und vorformulierter Perspektiven auf Landschaften in der Übertragung auf das fotografische Bild und Installation. Dem Panoramablick und dem Naturschauspiel stehen Architekturen zum Konsum gegenüber.
Die geleiteten Blicke sind jene Aspekte, die sich in Goldgrubers künstlerischer Arbeit zu Experimentalräumen des vorgegeben Sehens verdichten. „Wo Menschen sich in Wirklichkeit auf die Konstruktionen und Apparaturen begeben, um die Aussicht zu bewundern, herrschen in Goldgrubers Videoarbeiten Abgrund und Beton, paranoides Stimmengewirr und unheimliche Weite vor. Zum Genuss scheinbar authentischer Naturwahrnehmung mischt sich immer ein Beigeschmack von Künstlichkeit.“ (Nora Dejaco) 

Michael Inmann untersucht in der Serie left spaces den Übergangsstatus verlassener Räume und fängt in seinen Großformataufnahmen die Stimmung von Leere und Relikte des Zurückgelassenen in diffusen Schärfenebenen ein. Jenseits der Inszenierung erzeugen die schwarz/weiß Fotografien mittels exaktem Einsatz fotografischer Einstellungen, Technik und Modalitäten der Produktion ein Bild der Verlassenheit, in dem Raumrealitäten zu verschwimmen beginnen und der Blick vom Allgemeinen auf das Spezifische gelenkt wird. „Das Emotionale war hier der Ausgangspunkt; einen Raum erfahre ich zunächst über das Emotionale, über das Atmosphärische. Alle rationale Wahrnehmung kommt immer nachher. Das Momentum der Zeit wird hier zu einem Moment des Raumes, das Monument Raum zu nichts anderem als purer Licht-Zeit.“ (Carl Aigner)

In Heike Kaltenbrunners Monitor/Soundinstallation Über das Leben und Sterben von Neutronensternen und T.V. Geräten überträgt die Künstlerin akustische Signale von Pulsaren auf zu Oszilloskopen umgebaute schwarz-weiß Fernsehbildschirme. Die resultierenden visuellen Signale erinnern wiederum an Bilder des Weltalls. Durch den gebündelten Elektronenstrahl zerstören sich die Geräte sukzessiv selbst und erlöschen gleich einer Supernova. In Verbindung von Klang und Licht sowie der Umsetzung von Signal auf Aktion spielt Kaltenbrunner mit den Grenzen des Wahrnehmbaren und der Übertragung von Tod als klassisches Sujet der Kunstgeschichte und Kulturanthropologie auf eine technologische Ebene. „Die Projekte von Heike Kaltenbrunner handeln vom Bewusstsein, vom Bewusstwerden, vom Verhältnis kosmisch bedeutender und kosmisch unbedeutender Dimensionen. Vom Kosmischen als Hauptthema der Kunst.“ (Irina Tchmyreva)
space Shuttle 2.0 Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2009,
space Shuttle 2.0
kunstaustausch Dortmund Wien
BILDER Nr. 239

Das Projekt space shuttle ist ein durch das Künstlerhaus Dortmund initiiertes mehrteiliges Ausstellungsprojekt. Es beruht auf dem Gedanken des räumlichen und gedanklichen Austauschs mit Künstlerinitiativen aus Wien, die dem Künstlerhaus Dortmund inhaltlich und konzeptuell verbunden sind. Ausschlaggebend für die Auswahl der Projektpartner war die Haltung im Umgang mit den eigenen Ressourcen und Räumlichkeiten, sowie Programmatik und Engagement in Bezug auf die kuratorische Tätigkeit (Projekte und Ausstellungen), in der die eigene künstlerische Arbeit meist ausgeklammert wird.

Basierend auf diesem Gedanken fiel die Entscheidung für eine Kooperation mit drei Gruppen: dem Kollektiv der Fotogalerie Wien, dem Team der Medienwerkstatt Wien und der masc foundation/39 dada mit der weiteren Idee, einen Blick „hinter die Kulissen“ zu werfen und somit den Fokus auf die Werke der KünstlerkuratorInnen selbst zu richten.
Die KünstlerInnen dieser Institutionen wurden in der ersten Runde des Projektes space shuttle 1.0, das im Juni 2008 stattgefunden hat, in das Künstlerhaus Dortmund eingeladen, um hier ohne thematisches oder formales Korsett selbst gewählte Arbeiten aus ihrem eigenen künstlerischen Repertoire zu präsentieren.

Für alle war diese Ausstellung eine spannende Erfahrung, sowohl im Bezug auf den Diskurs zwischen den unterschiedlichen künstlerischen Arbeiten als auch in der Auseinandersetzung mit dem Künstlerhaus Dortmund und seinen KünstlerInnen, verbunden mit einem regen Informations- und Erfahrungsaustausch.

Im Oktober/November 2009 findet nun die zweite Runde space shuttle 2.0 statt, die Ausstellung der Mitglieder des Künstlerhauses Dortmund in den Wiener Institutionen Fotogalerie Wien, Medienwerkstatt Wien, masc foundation/39 dada und komplettiert somit das Projekt.

Auch das Wiener Ausstellungskonzept bleibt dem Prinzip treu, keinerlei inhaltliche Vorgaben zu machen, um so eine Sicht auf die Vielfalt der künstlerischen Produktion aus Dortmund zu ermöglichen.
Ein geführter Ausstellungsrundgang am Dienstag, den 27 Oktober bietet das „räumliche Pendeln“ durch die drei Institutionen und bietet somit eine Gesamtsicht der Werke.

PROFIL KÜNSTLERHAUS DORTMUND
Das Künstlerhaus ist Spielstätte für Werke aller Kunstrichtungen - Malerei, Bildhauerei und Grafik ebenso wie Fotografie, Film, Video, Rauminstallationen und Neue Medien. Dieses Spektrum spiegelt sich sowohl in den Arbeitsfeldern der Mitglieder als auch in den Ausstellungen wider, die von den Mitgliedern als Gruppenausstellungen und ausschließlich für KünstlerInnen von außerhalb des Hauses organisiert werden. Der Schwerpunkt auf zeitgenössischer und experimenteller Kunst fördert insbesondere junge, nicht etablierte KünstlerInnen.
Neben ortsansässigen Museen, Kunstvereinen und Galerien mit ihren traditionellen Einzelpräsentationen oder primär wirtschaftlichen Interessen, belebt das Künstlerhaus die Kunstszene Dortmunds mit einem in dieser Form einzigartigen Ort. Das Künstlerhaus schafft einen Freiraum für die Kunst, bietet KünstlerInnen aus dem In- und Ausland ein gutes Arbeitsklima und baut durch direkte Vermittlung Schwellenängste bei Besuchern ab.

PERFORMANCE II Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2009,
PERFORMANCE II
Übertragung und Übersetzung
BILDER Nr. 238
Der diesjährige Schwerpunkt der FOTOGALERIE WIEN widmet sich der PERFORMANCE IM BILD UND IM MEDIALEN ÜBERTRAG. Der Titel der Ausstellungsreihe verweist auf die komplexe Beziehung zwischen Performance und Bild: Die Flüchtigkeit der Performance in ihrer Form als Handlungsablauf trifft auf die Fixierung der Performance durch bildgebende Medien wie Fotografie und Video. Die drei Ausstellungen präsentieren, entgegen einer traditionellen Perspektive, in der Performances vor allem durch die gleichzeitige räumliche und zeitliche Anwesenheit von KünstlerInnen und BetrachterInnen definiert werden, vorwiegend Performances für die Kamera und performative Installationen. So werden alternative Rezeptionen von Performances möglich.
Die zweite Ausstellung – PERFORMANCE II : Übertragung und Übersetzung – fokussiert auf die Möglichkeiten und Formen der Übertragung von Performance in verschiedene künstlerische Medien. Das Spiel mit Live-Elementen und den Bedingungen ihrer Aufzeichnung, Dokumentation und Reproduktion durch Fotografie und Video prägt diese Übertragungen. Durch den Eingriff in die Handlungsabläufe mittels technischer Möglichkeiten und Manipulationen des Bildmaterials werden konventionelle Perspektiven vermieden: Die sieben KünstlerInnen der Ausstellung entwickeln durch interaktive Sound- und Bildinstallationen, Objektinszenierungen, Videotechnikexperimente und RNA-Laborbilder neuartige Formen von Performances.


Die Ausstellung spannt einen Bogen über drei Jahrzehnte: von einer frühen Videoinstallation aus den 1970er-Jahren bis hin zu zeitgenössischen Performances, die die neuesten Möglichkeiten der Reproduktion und Transformation des Ausgangsmaterials durch digitale Bilderproduktion und Labortechnik nutzen.

Clarina Bezzolas Fotoserien Wearable Sculptures und Lamentation zeigen die Künstlerin in Kleidungsskulpturen, die das Innere nach Außen stülpen und damit im Gegensatz zu Schutzpanzern den umschlossenen Menschen nicht verdecken, sondern die Innenwelt freilegen und materialisieren. Während die tragbaren Skulpturen auf die Verletzlichkeit des Individuums verweisen, thematisiert das Video Judgement Day den Drang, ständigen seine Meinung kundtun zu müssen. Die Künstlerin schlendert, mit überdimensionalen Zeigefingern an Stelle ihrer Hände, durch New York City und äußert lautstark ihre Meinung über alles, was ihr begegnet. Am Ende führen die richtenden Äußerungen zu Erschöpfung und Isolation des Individuums in der anonymen Masse der Großstadt.

Katharina Gruzeis Videoinstallation Dialoge I-IV richtet den Fokus auf die Gesichter zweier Frauen, die einander gegenüber sitzend ausschließlich über Mimik und Gestik kommunizieren. Was zunächst wie ein Standbild erscheint, erweist sich nach einiger Zeit der Betrachtung als Slowmotion-Aufnahme eines nonverbalen Konfliktes. Aggressiv konnotierte, zwischenmenschliche Handlungsmuster werden durch den Zeitraffer verfremdet; die Grenze zwischen Fotografie und Video verschwimmt. Der Sound, der die Videos begleitet, fügt den Bildern eine weitere, unheimliche Wahrnehmungsebene hinzu.

Die Installation Zwillinge wurde von Richard Kriesche erstmals auf der documenta 6 im Jahr 1977 präsentiert. Eine räumliche, visuelle und zeitliche Irritation des Publikums macht dabei auf die Reproduktion und Manipulation der „Realität“ durch Medien wie etwa der Fernsehübertragung aufmerksam. Durch zwei identische Räume, eineiige Zwillinge bei der Lektüre von Walter Benjamins „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ und durch die Echtzeit-Videoübertragung in den jeweils anderen Raum werden die gleichzeitige, die vergangene und die medialisierte Realität miteinander verwoben. Das begleitende Video „Malerei deckt zu, Kunst deckt auf“ widmet sich den Blickkonstellationen von Moderator und Zusehern, der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit und somit auch der Eigenart des Mediums Fernsehen.

Das Eindringen in den eigenen Körper als Gegenhandlung zur gesellschaftlichen Regulierung von Körpern stand bisher im Mittelpunkt von Roberta Limas Performances. Mit ihrem neuen Projekt RNA Chips and Butterflies, einer weiteren Auseinandersetzung mit den Regeln der Biopolitik, dringt die Künstlerin in das Innere ihres Körpers vor: Mit Hilfe eines Molekularbiologen und modernster Labortechnik wurde ihr Blut mutiert und der dabei entstandene Chaoszustand in Abbildungen von RNA Chips festgehalten. Fotografien und Videos bieten einen Einblick in den Prozess des Mutierens, in dem das Labor als ein neuer performativer Raum erobert wird.

Jan Machacek lotet in seinen Live-Video-Performances mit Hilfe von Kameras und Videotechnik Perspektiven auf den eigenen Körper aus. Das Publikum wird dabei Zeuge der Konfrontation und Kommunikation zwischen dem „realen“ Performer und der transformierten Version seines eigenen Gegenübers auf der Videoleinwand. Während die Live-Performances von einer ständigen Übersetzung zwischen Realbild und Videobild geprägt sind, überträgt die Installation me and video vis-à-vis die Live-Performances in Form von Fotos und Videos als Objekte und Dokumente in den Ausstellungsraum. Ein Staubsauger mit eingebauter Kamera und ein Monitor ermöglichen den BesucherInnen ungewohnte Sichtweisen ihrer Körper.

Mit Droom entwickelt Benjamin Tomasi speziell für diese Ausstellung eine raumbezogene Klang- und Objektinstallation. Durch das Zusammenspiel von Raum, RezipientInnen und technischen Geräten entsteht eine Performance, die Sound-Zustände erzeugt, indem sie vorhandene, jedoch herkömmlich nicht wahrnehmbare Klänge aufnimmt und zu generativen, musikalischen Mustern verwandelt. Magnetfelder, Kupferdrähte, durch die Wand laufende Rohre und Computer nehmen in der Installation ebenso eine wichtige Rolle ein, wie die BesucherInnen, die durch ihre Anwesenheit im Raum und durch das Verstellen von Lautstärkereglern die poetische Klangsphäre mitgestalten können.

Der Titel von Zsolt Vásárhelyis Video Yamakasi bezieht sich auf das, in den 1990er Jahren entstandene, urbane Phänomen der Wegzurücklegung von A nach B durch Überwindung sämtlicher Hindernisse. Symbolisch für den Kampf des Individuums mit seiner städtischen Umgebung hantelt sich der Künstler scheinbar kletternd, mühsam durch den Stadtraum. Das Video 35 minutes Rome vermittelt den BetrachterInnen den Blick durch eine Kamera, die der Künstler während eines Laufs entlang des Flusses Tevere in Rom in den Händen hielt. Die BetrachterInnen werden nicht nur mit dem unsteten Bild konfrontiert, sondern vor allem auch mit den Kontrasten zwischen Armut und Tourismus entlang des Weges und den physischen Grenzen des Laufenden. 
WERKSCHAU XIV – INGE DICK Jahrgang: 2009,
WERKSCHAU XIV – INGE DICK
Arbeiten 1989-2007
BILDER Nr. 237
Eröffnung und Katalogpräsentation: Montag, 22. Juni um 19.00 Uhr
Einleitende Worte: Ruth Horak
Klanginstallation: Roland Dahinden
Begleitprogramm - Werkstattgespräch Inge Dick: Donnerstag, 23. Juli um 19.00 Uhr

Mit der jährlich stattfindenden WERKSCHAU-Reihe – Retrospektiven österreichischer KünstlerInnen, die wesentlich zur Entwicklung der künstlerischen Fotografie und neuer Medien hierzulande beigetragen haben, weist die FOTOGALERIE WIEN auf herausragende und innovative Leistungen hin und bietet einen geschichtlichen Überblick.
Gezeigt wurde bisher ein Querschnitt durch das Schaffen von Jana Wisniewski, Manfred Willmann, VALIE EXPORT, Leo Kandl, Elfriede Mejchar, Heinz Cibulka, Renate Bertlmann, Josef Wais, Horakova+Maurer, Gottfried Bechtold, Friedl Kubelka, Branko Lenart und INTAKT - Die Pionierinnen (Renate Bertlmann, Moucle Blackout, Linda Christanell, Lotte Hendrich-Hassmann, Karin Mack, Margot Pilz, Jana Wisniewski).

Die Bewegung der Farben

Rot. Tag-Rot, Boston Red, Zinnoberrot. In zahlreichen Arbeiten ist Rot bisher das Motiv von Inge Dick gewesen. Und Rot ist auch die überwiegende Farbe in ihrer Werkschau in der Fotogalerie Wien. Dabei ist Rot nur ein Hilfsausdruck für die nuancenreiche Palette an Rottönen, die Inge Dick für die vielteiligen Polaroidserien seit den frühen 1980er Jahren bzw. zuletzt für den 13 1⁄2 -stündigen Film zinnober den Apparaten entlockt hat.
Der Schriftsteller Bodo Hell hat für sie eine „rote Liste“1 geschrieben, nach der im deutschen Sprachgebrauch zumindest 81 Rottöne einen eigenen Namen tragen, noch ohne Berücksichtigung der Pantone-Nummerierungen oder der RGB-Werte.

Gleichzeitig ist Rot aber auch nur ein Modell, ein Statist, nur ein Vorwand, denn, was Inge Dick eigentlich darstellen will, ist das Licht und seine Intensitätsschwankungen – die Veränderungen des natürlichen Lichts mit der Tageszeit, bzw. die Auswirkungen der apparativen Einstellungen auf das Kunstlicht. An den Farben (neben Rot verwendet Inge Dick vor allem Weiß, Schwarz und Blau) lässt sich das Licht visualisieren. Die Farben selbst nehmen sich dabei zurück, besitzen keine eigenständigen Farbkörper und keine ursprüngliche Stofflichkeit, erst wieder jene des darstellenden Mediums. Damit hebt sich auch der Unterschied zwischen Abbild und Bild auf: die Farben sind weniger abgebildet, als dass sie selbst Bild sind.

Mit der Entscheidung, das Spektrum der natürlichen Lichtintensitäten auch filmisch zu erfassen, macht Inge Dick den Schritt zur kontinuierlichen Bewegung - in zinnober ist der Tag wieder ganz. Während in den fotografischen Serien einzelne Farben abhängig von bestimmten Zeit- und Lichtwerten herausgegriffen werden, bewegt sich das Rot nun. In den Polaroidserien regen die Einzelbilder zum Vergleich an – die Dunkelheit des Rots frühmorgens, seine Blässe tagsüber und seine Ähnlichkeit mit der Vorlage gegen Abend – im HD-Video zinnober hingegen lässt unser schlechtes Farbgedächtnis ähnliche Vergleichsmomente kaum zu. Wir registrieren Veränderungen, aber die vorangegangenen Rot-Töne sind unserem Gedächtnis längst wieder entschwunden. Dafür liegt ein ganzes Taglicht ununterbrochen und in Echtzeit vor uns.

Bei all diesen Experimenten mit der Kausalität von Farbe, Licht und Zeit – sei es mit der kleinen SX 70 Polaroidkamera oder den mittel- und großformatigen Polaroids seit 1995, sei es in den Malereien (die in ebenso großem Umfang wie die Fotografien entstehen) oder in ihrem ersten Filmprojekt: es geht Inge Dick immer um das „Programmieren“ einer Serie, um den Prozess der Umsetzung, um Strukturelles, das sie in Form von Zeitcodes etwa mit ins Bild holt. Inge Dick versteht es, Wahrnehmungsschwellen zu initiieren und deren Immaterialität eine Form zu verleihen. Und sie versteht es, die strenge Programmatik ihres Konzepts immer neu zu bezaubern.

Ruth Horak
PERFORMANCE I Jahrgang: 2009,
PERFORMANCE I
Identität und Inszenierungsstrategien
BILDER Nr. 236
Eröffnung: Montag, 11. Mai um 19.00 Uhr

Der diesjährige Schwerpunkt der FOTOGALERIE WIEN widmet sich der PERFORMANCE IM BILD UND IM MEDIALEN ÜBERTRAG. Der Titel der Ausstellungsreihe verweist auf die komplexe Beziehung zwischen Performance und Bild: Die Flüchtigkeit der Performance in ihrer Form als Handlungsablauf trifft auf die Fixierung der Performance durch bildgebende Medien wie Fotografie und Video. Die drei Ausstellungen präsentieren, entgegen einer traditionellen Perspektive, in der Performances vor allem durch die gleichzeitige räumliche und zeitliche Anwesenheit von KünstlerInnen und BetrachterInnen definiert werden, vorwiegend Performances für die Kamera und performative Installationen. So werden alternative Rezeptionen von Performances möglich.

Die KünstlerInnen der ersten Ausstellung – PERFORMANCE I – Identität und Inszenierungsstrategien – stehen selbst als AkteurInnen im Mittelpunkt ihrer Fotografien und Videos. Die Handlungsabläufe der KünstlerInnen, die sie, mit einigen wenigen Ausnahmen, ohne Publikum für die Kamera inszenierten, werden den BetrachterInnen durch Fotografie und Video zugänglich und erfahrbar. Der Blick durch die Kamera eröffnet Perspektiven, die in einem Live-Erlebnis nicht möglich wären. Die performative Installation vermittelt oder genauer erzeugt die Performance durch verschiedene Medien: durch Eingriffe in den Ausstellungsraum ebenso wie durch Videoprojektionen. Als Rauminstallation umfängt die performative Installation die BetrachterInnen die sich so inmitten der Performance wieder finden können.

In der performativen Rauminstallation des Berliner/Londoner KünstlerInnen-Kollektivs Artists Anonymous verschmelzen Bilder und Worte über Gewalt, Exzess, Opfer, Täter, Privates und Öffentliches, Psychostrip via Fernsehen und dem Tatort Wohnzimmer zu einer Performance. Die KünstlerInnen versuchen nicht nur durch die Verschränkung von Videos und Rauminstallation neue Wege der Performance zu gehen, sondern auch durch technische Mittel: Das Negativ-Verfahren, das ein essentieller Aspekt ihrer Performances ist, wird erst durch Video und Fotografie ermöglicht.

Die 10 Monitore der Videoinstallation ich und andere leuchten von Miriam Bajtala fungieren als Leuchtmittel – die Bildschirme zeigen verschiedene Lampenmodelle und die Künstlerin, die sich in diese Lampen verwandelt. Diese Videoskulpturen vermitteln Transformationen, in denen Subjekt und Objekt ihre Rollen tauschen, genauer ineinander übergehen: Der menschliche Körper wird zum schwenkbaren Gegenstand, während die Lampen eine Persönlichkeit erhalten.

Peter Dresslers Bildergeschichte Business Class macht unkonventionelle Handlungsweisen in einem Hotelzimmer sichtbar: Der Künstler, seriös gekleidet und diskret agierend, zerlegt das Mobiliar und die Dusche des Zimmers und versucht Einrichtungsgegenstände, wie etwa die Bettwäsche, in einen Koffer zu packen. Normen des legitimen Handelns werden in Peter Dresslers Bildergeschichten und Künstlerbüchern auf ironische Weise in Frage gestellt.

Judith Huemers Videoinstallationen machen auf unterschiedliche Weise erfahrbar, wie Sprache individuelle Identität beschneidet und einschränkt: in Judith, du bist ja keine 17 mehr eignet sich die Künstlerin die titelgebende, in-die-Schranken-weisende Aussage sprachlich an und kontrastiert sie mit einer Körperinszenierung, die in ihrer Nachdrücklichkeit bis zur körperlichen Erschöpfung an eine kindliche Antwort auf Tadel, an ein „Jetzt erst recht“ erinnert. Tourist_Terrorist_Artist, entstanden als Reaktion auf die selbst erfahrene Schwierigkeit, als KünstlerIn von US-Visa-Behörden ein Visum zu bekommen, verdeutlicht, dass der Übergang zwischen stereotypen Identitätszuschreibungen durchaus fließend ist.

Johanna Kirschs Video No Track Walk 1.0 entstand aus einem fünftägigen Wanderexperiment, in dem die Künstlerin versuchte, vorgegebene Wege zu vermeiden. Das Video zeigt nicht nur absurde, teils waghalsige Möglichkeiten der Wegzurücklegung, sondern bietet auch ungewohnte Perspektiven auf eine scheinbar vertraute Landschaft.

In den drei Videos von Michaela Moscouw, Candy, store storage storten und tülfüle, können die BetrachterInnen die Künstlerin dabei beobachten, wie sie eine Waschmaschine aus Karton nachbaut, am Boden eines eisigen Flussufers aus Tüll und Erde eine Art Fotogramm anfertigt und ein Fotogramm unter lautstarker Proklamation eines Monologs zerstört. Die serielle Photographie, für die Michaela Moscouw bekannt ist, kommt mit den erstmals ausgestellten Videos ins Fließen. Neben der Akteurin spielt die Zeit die weitere Hauptrolle in den Videos: Sie zeigt sich in Form des Durchhaltens der Künstlerin, aber auch in Form des Durchhaltens der Beobachtung durch die BetrachterInnen.

Nina Rike Springers Animationen, wie Tanzgrafik und Springschnur Springer, zeigen Handlungen, die gleichzeitig absurd-unwirklich und vertraut erscheinen. Die Darstellungen der individuellen Befindlichkeiten der „Ich“-Figur, ausgedrückt in bunten, trickfilmartigen Bewegungssequenzen, fordern alltägliche Wahrnehmungsmuster heraus, indem Skurriles und Ernsthaftes, Vertrautes und bisher Ungesehenes verwoben werden.

Jennifer Wille thematisiert in ihrer performativen Rauminstallation Frame of reference – or – corner myself in a dead end street and i will turn and bite den Ausbruch aus auferlegten Normen des Kunstfeldes. Das Blau, mit dem die Künstlerin eine Raumecke ausfüllt und sich dabei immer mehr selbst in die Ecke drängt, fungiert als Referenz auf das Schon-Dagewesene, die großen Ikonen der Kunstgeschichte. Die Akteurin erscheint zunächst im künstlerischen Referenzrahmen in die Ecke gedrängt, überschreitet und verlässt diesen aber in einem abschließenden Akt der Befreiung, in dem sie aus der Ecke heraustritt.

(DE)KONSTRUKTIONEN Jahrgang: 2009,
(DE)KONSTRUKTIONEN
BILDER Nr. 235
Eröffnung: Montag, 6. April 2009 um 19.00 Uhr

Die Ausstellung (DE)KONSTRUKTIONEN vereint 4 künstlerische Positionen, die eine erweiterte Raumdefinition festlegen und eine Neuinterpretation von Ortzuschreibung veranlassen. Es ist das Spiel zwischen der Konstruktion neuer Realitätsebenen und der vorangegangene Dekonstruktion von inhaltlichen und visuellen Bedeutungen und Orientierungspunkten. Der Raum zersplittert in seiner festgelegten Vorgabe, das Innen und Außen wird peripher, Vertrautes diffus, die Grenzen liegen im Auge des Betrachters.

Wiebke Elzels und Jana Müllers Fotografien zeigen Räume die an medial vermittelte Orte der Gewalt und Zerstörung erinnern, jedoch durch ihre kontextuelle Loslösung keine Erklärung bieten. Die globale Bildsprache von dramatischen Ereignissen wird zur illusorischen Bildwerdung - zur Katastrophe im Kopf. Ziel ist es, durch Reduktion von Indikatoren wie Zeit, politischer oder ökologischer Faktoren und räumlicher Verortung die menschenleeren Räume als emotionale Auslöser von Beunruhigung und Ängsten - im Sinne eines Déjà Vu – aufzuladen. Die Ambivalenz von Schrecken und Schönheit und die Ästhetik, die in der Bildhaftigkeit von Zerstörung liegen kann, werden zum zentralen Thema. „Von dem Ereignis, welches den Künstlerinnen Anlass für ihre Inszenierungen gab, bleibt nichts als ein kulturell signifikantes Zeichen und dessen allegorische Reinterpretation.“ (Christin Krause)

„Claudia Larchers Videoanimation HEIM, aus Fotos und Laufbild zu einem scheinbar unendlichen Panoramaschwenk montiert und mit einer unbehaglich dröhnenden Tonspur unterlegt, fördert das Unheimliche im Alltäglichen zutage.“ (Thomas Miessgang) Die Kamera schwebt durch die Räume ihres Elternhauses, zeigt Interieurs mit Widererkennungswert und perspektivisch aus den Angeln geratende Zimmerfluchten. Die Bildspur entgleitet zu einer surreal bedrohlichen Reise, die zwischen Ängsten der Kindheit und Beklemmung psychischer Enge mutieren. Mit Präzision trifft Larcher genau jenen subtilen Punkt, an dem das Vertraute zur undefinierbaren Gefahr wird, gegen die es kein Erwehren gibt – diese Furcht ist in uns eingeschrieben.

„In seiner Kurzfilmserie Rauminvasionen lässt Klaus Pamminger die eigenen Wohnräume von Filmstills überwuchern. Jeder der bisher acht Kurzfilme ist einem Genreklassiker gewidmet: Alfred Hitchcocks The Birds und Vertigo, Luis Buñuels Belle de Jour, David Lynchs Blue Velvet, Quentin Tarantinos Pulp Fiction, Ridley Scotts Alien, Michael Hanekes Die Klavierspielerin oder Claude Faraldos Themroc.“ (Maya McKechneay) Der private Raum wird zum Filmsetting, Fragmente der Originalfilme mit dazugehörenden Soundsplittern dringen in collageartigen Ausschnitten wie mediale Erinnerungsbilder in den Kopf des Zusehers. Abstrakte Bildelemente dekonstruieren die reale Raumaufteilung und werden zu „Raumintarsien“. Es ist eine Neuschreibung gewohnter Umgebung, die Pammingers Kurzfilme zu zusammengesetzten Projektionsflächen der Wahrnehmung werden lassen.

Marja Piriläs Serie Speaking House zeigt Fotografien von Räumlichkeiten einer verlassenen ehemaligen Psychiatrie. Sie verwandelt den gesamten Raum in eine Camera Obscura und fängt das Endbild mit einer Großformatkamera ein. Die Orte, in die die Außenwelt in verkehrter Perspektive projiziert wird, eindringt und sich an den Wänden neu verortet, tragen die Spuren ihrer Vergangenheit in sich. Durch das gleichsam meditative Arbeiten mit Licht und Sonnenbewegung entsteht eine fragile Bestandsaufnahme, eine sensible Annäherung an Raum, Zeit, Geschichte und Bild. In dieser Zusammenführung der Ebenen von Außen und Innen liegt der poetische Zauber ihrer Arbeit. „Es gibt die Zeit der Steinwände, die Zeit des Lichts, und die Zeit unsichtbarer Existenz des Außenraumes, selbst wenn wir selbst die Bühne sind, auf der sich die Ereignisse abspielen.“ (Harri Laakso)
PORTRAIT Jahrgang: 2009,
PORTRAIT
BILDER Nr. 234
Eröffnung: 2. März 2009 um 19.00 Uhr

Das Portrait als Spiegelbild unserer Gesellschaft, an dem sich der Einzelne individuell orientiert – in dem vielschichtige Kommunikations- und Emotionsabläufe in komplexen Verarbeitungsmechanismen und Integrationssystemen münden.
7 KünstlerInnen erforschen das soziale Feld in seiner Veränderbarkeit bezüglich zeitkontextueller und ethnographischer Einordnungen und deren Bildsprache.


Jerry Galles computergenerierte Erinnerungsportraits gehen den Prozessen von Bildern in ihrer Veränderung durch Sehen, Abspeichern, Abrufen und Neugenerierung auf den Grund. Wie auch in den neuralen menschlichen Systemen können Computer als poetische Maschinen mit einer eigens dafür entwickelten Software über Algorithmen Fotografien und Sound in abstrakter Sprache neu entwerfen. So ist in Galles experimentellen Videoarbeiten Portrait jedes Bild einzigartig.

Caroline Heiders Faltbilder fragmentieren ikonografische Repräsentationsmechanismen der westlicher Werbung oder Kunst. Die Falte bricht die Oberflächlichkeit bekannter Sehmuster auf. Sie schafft Raum für veränderte Proportionen und Wahrnehmungen, für jenes Gesellschaftsbild, das sich hinter perfekter symmetrischer Ästhetik verbirgt. Like Models stehen ihre ProtagonistInnen im White Cube des Bildraumes – doch werden grosse Teile ihrer Identität verschluckt.

Oleg Kasumovics inszenierte und collagierte Selbstportraits sind eine poetische und zugleich schonungslose Zusammenführung und Verdichtung – eine Art Katharsis - aus eigener Lebensgeschichte, künstlerischer Biografie und persönlichem Outings.
Die Jugend im Tito-Jugoslawien, die Sehnsüchte bzw. Einflüsse der Hollywoodfilme, die Arbeit als Bühnenbildner - die Fotografie als Spiegel zur Eigenwahrnehmung und Selbstreflexion in der Schönheit und Vergänglichkeit, sowie sexuelle Orientierung und Begehren im Vordergrund stehen.

In der Videoarbeit Roulette zeichnet Andrea Loux das archetypische Bild familiärer und sozialer Konstellationen einer Tischgesellschaft. In einer zunehmend einengenden Kreisbewegung der Kamera, unterlegt mit teils bedrohlichem Sound, bricht Normalität und Konvention ins Unheimliche. Loux dechiffriert zwischenmenschliche Ambivalenzen, das Verdrängte in geschlossenen Systemen, Zuneigungen und unterschwellige Aggressionen, und die Einsamkeit im Familienritual.

Ein zentrales Thema in Lucia Nimcovás Werk sind die massiven Veränderungen denen zentral- und osteuropäische Gesellschaften in den letzten Jahren unterworfen sind, einhergehend mit dem Verschwinden von Traditionen, mit Generationskonflikten und dem Verlust an Lebensqualität. Die Fotoserie Instant Women beleuchtet den Alltag von Frauen der Mittel- und Unterschicht. In Nimcovás erzählerischer, einfacher, dennoch präziser Bildsprache wird die Diskrepanz zwischen Wünschen, Träumen und Plänen der Portraitierten und der sie umgebenden Realität offensichtlich.

Laura Riberos inszenierte Fotoserie electro-doméstica spielt im Aufnahmestudio einer kolumbianischen populären Telenovela. Sie portraitiert die Wünsche und klischeebeladenen Träume südamerikanischer Armut im Sujet des vorproduzierten und konstruierten Märchens von Reichtum und Glück; sie schlüpft selbst in die Rolle des Hausmädchens und der damit verbundenen Sehnsucht des möglichen gesellschaftlichen Aus- und Aufstiegs. Durch die Sichtbarmachung des Settings bricht sie die Aschenputtel-Thematik auf und dekonstruiert die Illusion.

In Daniel Stiers Fotoserie in my country treffen MigrantInnen in ihrer Originaltracht und das urbane Ambiente des globalisierten Londons aufeinander. Traditionelle Bekleidung als kultureller Widerstand gegen den Verlust der eigenen Identität, gegen das Verschwinden überschaubarer, fassbarer Gesellschaftsstrukturen und kulturellem Erbe. Die Menschen, die Stier in ihrem gewohnten Umfeld portraitiert, sind Teil dieses modernen Londons geworden und haben es durch ihre Geschichten geprägt und mitgeformt.