2010

Bilder

IDENTITÄT III Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2010,
IDENTITÄT III
Verortung
BILDER Nr. 249

Ein grünes Idyll als kleines Glück: In gleißendem Sonnenlicht posieren Familien
und Pärchen im Kleingartenverein „Auf der Schmelz“. Gianmaria Gavas Serie Little Austria (2007/2008) zeigt Schrebergärten in Wien. Das verwendete Hochglanzformat in überzeichneter Tonalität verschafft den lupenreinen Refugien einen zusätzlichen Glanz. Denn die einstigen Erholungsparzellen aus der Zeit der Industrialisierung entwickelten sich während der Nachkriegsjahre vom informellen Kartoffelacker zu einem Mikrokosmos parzellierter Gartengrundstücke. Inzwischen haben Wochenendhäuschen – im Format von Puppenstuben – die einstigen Gartenschuppen abgelöst: der Baustil verrät den individuellen Geschmack der „Häuslbauer“. Deren Gestaltungswille verweist auf die menschliche Sehnsucht nach Landbesitz, war doch der Heimatbegriff die längste Zeit mit Grund und Boden assoziiert.

Orit Ishays Serie Public Domain (2007–2009) nimmt Schutzbunker gleichsam ins Visier: Schutzbunker, deren Typologien ganz Israel überziehen. Die Bauformen der aus der Erdoberfläche herausragenden Gebäudeteile wiederholen sich, als Treppeneinstiege, als Luftschächte oder als Notausgänge. Ihre zunächst harmlos bunte Erscheinung banalisiert ein Angstgefühl, die das Alltagsleben unterschwellig im Griff hat, eine Gesellschaft, die sich konstant in Alarmbereitschaft befindet. Denn unter den winzigen Bauten verbirgt sich ein ausgehöhltes Fundament voller Bunker, deren wahre Größe – und dunkle Bedeutung – unter der Erde verborgen bleibt. Die kitschigen Farben deuten zwar auf eine Form sozialer Interaktion, entlarven jedoch einen alarmierenden Gewöhnungseffekt. Die Bedrohung zeigt Normalisierungstendenzen –
längst scheinen die AnwohnerInnen die Bunker eingemeindet zu haben.
In Südafrika, in einem Land, in welchem die meisten Menschen ein kleines oder größeres Stück Land bewohnen, markieren die umgebenden Zäune und Mauern – ob in Johannesburgs Townships oder in den wohlhabenden nördlichen Vororten – dass es selbst ein winziges Eigenheim angesichts der Sicherheitslage konstant zu schützen gilt.

Julia Müller-Maenhers Serien Soweto (2006) und HOUGHTON ESTATE (2006) sollten allerdings nicht auf eine Polarisierung von realen und imaginierten Gegensätzen zwischen Arm und Reich reduziert werden. Vielmehr legt die Künstlerin als Fortsetzung ihrer behutsamen archivalischen Herangehensweise früherer Serien das Augenmerk auf Verfahren des Katalogisieren und Typologisierens: Insbesondere die vorgenommenen Anbauten und farbigen Hausanstriche in Soweto verdeutlichen den Wunsch nach Individualisierung angesichts des seriellen Charakters der sogenannten „Matchbox Houses“.

In ihrem Film Comuna im Aufbau (2010) untersuchen Oliver Ressler und Dario
Azzellini Formen der Selbstorganisation in Venezuela in zwei Armenvierteln in Caracas und einer sogenannten ‚kommunalen Stadt in Planung’ auf dem Land – ein partizipatorischer Prozess, an dessen Ende ein neuer Sozialismus stehen könnte. Die aktuell 30000 kommunalen Räte (Consejos Comunales) ermöglichen es den beteiligten Menschen, über die Zukunft und die Details der lokalen Infrastruktur in ihrem Umfeld selbst aktiv zu entscheiden. Der Film zeigt auf, wie trotz zahlreicher Hindernisse – beispielsweise Konflikte mit staatlichen Organisationen – der Weg zu einer direkten Demokratie eine deutliche Verbesserung der Lebensbedingungen herbeiführen kann, sei es durch Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr oder die Gründung von Schulen und Kindergärten.

Tim Sharps Serie FIRST CONTRACT (2010) reflektiert, wie der indigenen Bevölkerung in Nordamerika systematisch das Anrecht auf Landbesitz entzogen wurde, ohne auf die ortspezifische Interaktion ansässiger Siedlungen Rücksicht zu nehmen. Anhand von linien- und dreieckförmig positionierten Bändern, mit denen gegenwärtig Grundstücksgrenzen gekennzeichnet werden, zitiert Sharp die euklidische Geometrie, mithilfe derer das Land einstmals von Kolonisatoren vermessen und in Besitz genommen wurde.
Wie Land weiterhin als Ware oder Spekulationsobjekt gehandelt wird, markiert auch die Zweikanalvideoarbeit Little Mountain (2010). Der Künstler rückt einen endlos rotierenden Rasenmäher symbolisch ins Blickfeld. Während ein sozialer Wohnungsbau längst für den Abriss freigegeben ist, erfahren die humanitären Konsequenzen damals wie heute keine Beachtung, zumal ein überproportional hoher Anteil der kanadischen UreinwohnerInnen obdachlos ist.

Christian Wachter zeigt Teile seines ausgedehnten Werkkomplexes Impressions D’AFRIQUE, darunter das Video L’INTANNABLE – Le Docteur CONOMBO et (d’après) ses ÉCRITS (2004), welches den ehemaligen Premierminister von Burkina Faso (vormals Obervolta), Joseph Issoufou Conombo, mittels seiner Schriften portraitiert. Die zweite Videoarbeit, surplus (krebsgang) (1998/99) umkreist die Basilika Notre-Dame de la Paix, die afrikanische Kopie des Petersdoms in Yamoussoukro (Côte d’Ivoire). Indem die Marschgeräusche der Tonspur die (Seitwärts)bewegung noch potenzieren, dynamisiert der Künstler das paradoxe Feld von Annäherung und Zurückweisung in Dekolonisierungsprozessen sprichwörtlich. Die Serie von Schwarzweißfotografien, Koda (1998), läuft schließlich jeglichen Verortungsversuchen zuwider, hier vermischen sich Aufnahmen aus Yamoussoukro und (Conombos Wohnhaus) in Ouagadougou.
Claudia Marion Stemberger [www.artandtheory.net]

DISPLAY Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2010,
DISPLAY
Monat der Fotografie
BILDER Nr. 248

In DISPLAY werden Schönheitsdiktate „zur Schau gestellt“ und die Macht der Werbung und des Marktes auf Körper im Allgemeinen und in Bezug auf den idealisierten weiblichen Körper im Speziellen beleuchtet. Unsere Körper sind durch wechselnde gesellschaftliche Normen, Schönheitsideale, sich verändernde Hygiene-Diskurse, Mode-Trends sowie technische Neuer-ungen ständigen Veränderungen ausgesetzt und unterworfen. Die Normierung des Körpers lässt sich insbesondere an binären Geschlechter-Konstruktionen, an der Konnotation von Gesten und Posen als „weiblich“ oder „männlich“ ablesen. Die vier ausgestellten Künstlerinnen stellen durch ihre Fotoarbeiten und Installationen als einschränkend erfahrene Körperkonzepte und Normen mittels künstlerischer Methoden wie Aneignung, Überzeichnung und Neuordnung in Frage.
 
Käthe Hager von Strobele  untersucht in ihren Arbeiten die Funktion von Kleidung als Ausdruck gesellschaftlicher Vorstellungen und deren Potenzial als Körper-Wirklichkeit. Für ihre Fotoserie Left Over hat sie in privaten Wohn- und Außenräumen männliche und weibliche Kleidungsstücke inszeniert. Die Körper, die diese Kleidung – deren Stil meist dem der Räume ähnelt – getragen haben könnten, sind aus diesen verschwunden. Befremdlich und gleichzeitig vertraut "stehen" die Kleidungsstücke wie Objekte im menschenleeren Raum. Käthe Hager von Strobele untersucht die menschliche Existenz an deren zurückgelassenen Überbleibseln (left over) von Tätigkeiten und Verwendungen, die – nicht zuletzt durch die Art und Weise der Inszenierung – de utlicher auf den dahinter stehenden Menschen und seine Weltsicht verweisen als es das realistische Bild einer bekleideten Person vermag.
 
Maria Hahnenkamps Arbeiten sind Untersuchungen stereotyper weiblicher Darstellungen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen und Genres. Sie setzt sich mit der Wechselbeziehung zwischen medialen Bildern und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Körperkonzepten auseinander. Konstruktionen weiblicher Darstellungen werden mittels Bildzitat, Aneignung, Neuordnung und Neubestimmung hinterfragt. Textzitat Video: „Im Bild triumphiert seit Jahrhunderten die kleine, überschaubare Fläche über den großen, unabsehbaren Raum. Das ist mit einer Täuschung gekoppelt (…). Die Täuschung besteht darin, dass die Herrschaft scheitert, weil alle Räume schließlich virtuell werden. Die Menschen verlieren mit ihren Körpern den Raum als Umgebung und behalten nichts als das Blickfeld der Bildfläche“. (Dietmar Kamper)

Im Mittelpunkt von Ulrike Lienbachers Serie Double steht die korrekt gestylte Frisur als Stereotypisierung von Weiblichkeit. Als Vorlage diente ein Buch für Friseure aus den 1970er Jahren. Die Gesichter lässt Lienbacher verblassen – die Individualität der Frau ist dem Schönheitsideal geopfert. Double wirft so Fragen nach gesellschaftlicher Unterordnung, nach Austauschbarkeit und der visuellen Einschreibung sozialer Normen auf. Der Titel bezieht sich nicht nur auf die Bilderpaare, sondern auch auf das Spiel zwischen "Original"-Bild und manipuliertem Doppelgänger. Ihre  Fotoserie Tattoo  fokussiert, im Gegensatz zu Double, vordergründig auf individualisierte Körper, denn Tätowierungen symbolisieren generell die Sehnsucht, sich von der Masse abzuheben. In der Kombination von Tätowierungen mit Beauty-Bildern thematisiert Lienbacher auch hier die Normierungen und geschlechtlichen Zu- und Einschreibungen von zeitgenössischen Körpern.
 
Margret Wibmer konstruiert mit alten Kameras und ausgedienten Apparaturen aus dem Alltag oft absurde Objekte, in denen die technischen Instrumente ihrer Funktion enthoben sind. Durch Zufügung von Pelz und anderen Textilien werden den Objekten menschliche Eigenschaften eingeschrieben. „Einerseits lassen sich ihre Arbeiten als spielerische Abwandlung der Präsentation von Kleidung (…) lesen, andererseits als Reminiszenz an die absurden Kombinatoriken des Surrealismus. Die Arbeit  l.e.a. erinnert direkt an Meret Oppenheims Pelztasse, wobei das Fell hier einen Diaprojektor überzieht“. (Ludwig Seyfarth) Die Beziehung zwischen dem Objekt und dem menschlichen Körper steht sowohl in ihren fotografischen Werken als auch in den skulpturalen Arbeiten im Mittelpunkt, wobei der Begriff 'Objekt' als Drehscheibe zwischen Apparat und Körper eingesetzt wird.
 

ÜBER DAS REISEN... Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2010,
ÜBER DAS REISEN...
BILDER Nr. 247

Special Sponsor: Hans O. Mahn KG

Die Ausstellung präsentiert die Arbeiten von drei KünstlerInnen-Reisenden. Wie alle, kehren auch sie von einer Reise mit Bildern, Eindrücken und Erinnerungen zurück. Jede Reise gestaltet sich anders, entsteht aus einer anderen Motivation. Und doch spielen immer Bewegung und Offenheit, Impuls und Aktion sowie sinnliches Erleben eine große Rolle. Über die reine Fortbewegung hinaus geht es in erster Linie um die geistige Bewegung. Für die hier vertretenen KünstlerInnen öffnet das Reisen zusätzliche Reflexionsräume für neue, „andere“ künstlerische Konzepte. Ihre Arbeiten basieren auf der Beschäftigung mit den sich auf Reisen ständig verändernden Faktoren „Raum und Zeit“, der „wissenschaftlichen Arbeit“ des Sammelns, Analysierens und Forschens sowie der Auseinandersetzung mit den „Reise“-spezifischen Faktoren „Spannung und Abenteuer“.

Birgit Graschopfskonzeptuelle Fotoarbeit Urban Creatures versteht sich als künstlerische Umsetzung der Ergebnisse einer wissenschaftlich anmutenden Forschungs- und Entdeckungsreise, die sie im Jahr 2008 mit dem Zug durch das süditalienische Apulien unternommen hat. Hier hat sie auf analytische Weise Grundrisse von Altstädten untersucht und einer Neustrukturierung unterworfen, mit der sie sozialpolitische Aussagen trifft. Großformatige, auf Zeichnungen basierende Fotomontage-Diptychen zeigen die Grundrisse der Altstädte, aus denen Graschopf jeweils den wichtigsten, den formgebenden Teil, die Kirche, entnommen hat. Die formale Umsetzung der Grundrisse als freischwebende Hybride vor schwarzem Hintergrund,die wie organisch anmutende Gebilde (Urban Creatures) wirken, rekurriert auf die Sinnentleerung, die real in den zitierten Städten durch die Abwanderung der Bevölkerung gegeben ist. 

Eine Reise durch Raum und Zeit unternimmt Johann Lurf in seinen filmischen Arbeiten. Als ein „durch-die-Bilder-Reisen“ ist der Film Zwölf Boxkämpfer jagen Viktor über den großen Sylter Deich zu verstehen, in dem in rasender Geschwindigkeit Schriften (Titelgrafik) sowie die unterschiedlichsten, jeweils aus einem anderen Kinofilm entnommenen Szenen im wahrsten Sinne des Wortes vorbeijagen. Der Film 12 Explosionen setzt auf sinnliches Erleben durch Spannungselemente. Gefilmt wurden nächtliche Orte in Wien, die alle eins gemeinsam haben: Sie wirken wie Tatorte eines Kriminalfalls und bauen die Erwartung auf, dass sich dort gleich etwas ereignen wird. Explosionen „wie aus dem Nichts“ zerreißen die nächtliche Stille der Stadt. Lurf erforscht die dem Film und auch der Reise immanenten Eigenschaften wie„Stillstand und Bewegung“ sowie „Spannung und Entspannung“.

Klaus Mähring gehört mit seinem Projekt On The Road Productions zur Spezies der „Nomadenkünstler“, entsprechend der Vorstellung des physisch und psychisch sich ständig in Bewegung befindlichen Künstlers, derimmer auf der Suche ist, immer in Kommunikation mit dem Außen, dem Fremden, dem sich ständig verändernden Neuen. Auf seinen Reisen lebt und arbeitet er in einem zur Werkstatt umgebauten Bus der ihm ermöglicht, gleichzeitigin der Fremde und zu Hause zu sein. Die auf seinen Touren entstandenen Arbeiten werden als raumübergreifende Installationen präsentiert. In der Fotogalerie Wienbesteht diese aus mit Fotoemulsion aufgebrachten wandfüllenden Belichtungen, Prints verschiedener Formate, Boxen mit Sammelstücken von Reisen sowie aus „mural stones“, Relikte von an verschiedenen Reiseorten durchgeführten Fotoaktionen.

IDENTITÄT II Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2010,
IDENTITÄT II
Identitätsstiftung
Autoren: Claudia Marion Stemberger

BILDER Nr. 246

„Was konstituiert Identität heute?“, fragt das kuratorische Team der Fotogalerie Wien anlässlich des Themenschwerpunkts für das Jahr 2010. Die dreiteilige Ausstellungsserie fokussiert Identit ät der Gegenwart in ihrer vielfältigen wie prozessualen Gestalt, ebenso wie die gezeigten künstlerischen Positionen die gleichsam unabschließbaren und vor allem uneindeutigen Facetten der Identitäten heutiger spätmoderner Subjekte widerspiegeln: Die KünstlerInnen visualisieren, wie die miteinander verwobenen Ausformungen personaler und kollektiver Identitäten zwischen Selbst- und Fremdbestimmung paradox changieren.

Das Themenfeld der zweiten Ausstellung, Identität II – Identitätsstiftung, hinterfragt die ambivalenten Interpretationsmodelle der Identitätsstiftung, die je nach Kontext zwischen Identifikation und Ideologisierung divergieren:
Kollektive Identität ist nach Jan Assmann immer nur „so stark oder so schwach, wie sie
im Denken und Handeln der Gruppenmitglieder lebendig ist […]“. Sie ist Ausdruck dessen, was Personen an einheitlichen Selbst- und Weltbeschreibungen miteinander verbindet und auf welche Weise sich Individuen damit identifizieren.
Identitätsstiftung gerät jedoch unter Ideologieverdacht, sobald sich in Gesellschaften die Annahme kultureller Homogenität oder geschichtlicher Kontinuität abzeichnet.
Der manipulative Gebrauch des Identitätsbegriffs zur Stiftung einer symbolischen Einheit zeigt, wie dieser zur Konstruktion von Großgruppen instrumentalisiert wird. Solche Universalisierungstendenzen entlarven sich als normierende Suggestion, welche die begriffliche Verwandtschaft von Identität mit Autonomie umso bedeutsamer erscheinen lässt.

Nicht nur Identität, auch Identitätskonstruktion reflektiert Oreet Ashery in ihrer Intervention in Delhi: Für Portrait Sketch (2006) kleidet sich Ashery zunächst als jüdischer Mann und lässt sich von einem Straßenkünstler ein Portrait anfertigen. Noch am selben Tag erscheint sie dort erneut, mit Palästinensertuch, und verlangt wiederum ein Portrait. Asherys performative Intervention bedeutet nicht nur ein „cross-cultural dressing“, das sich der Stereotype des Judentums und des Islam bedient, sondern ebenso eine Konfrontation mit Geschlechteridentitäten.
Auch Can I Join You Just This Once? (2007) wirft ein Schlaglicht auf religiös getriggerte Geschlechterdifferenzen, als Ashery bei einer Demonstration anti-zionistischer orthodoxer Juden in London aufgefordert wird, sich aufgrund ihres (weiblichen) Geschlechts von der Gruppe zu entfernen.

Hubert Blanz entwickelt seine Arbeit public tracks (2010), die im Rahmen des
European Month of Photography 2010/2011 bei Mutations III. Public Images – Private
View erstmals ausgestellt wird, für die Fotogalerie Wien zu einer Audio-/Videoinstallation weiter. Ausgehend von einer beliebigen Person auf Facebook verknüpft Blanz zunächst die Namen der Kontakte zu einem zweidimensionalen Netzwerk. Indem der Künstler dieses nun für die Audio-/Videoinstallation in die Dreidimensionalität überträgt, navigieren die BetrachterInnen durch das digitale Netzwerk. Anders als virtuelle Identitäten, wie in Second Life oder Chat-Foren, enthalten Identitäten in Facebook durchaus authentische Aspekte. Dieser virtuelle Raum als Spielwiese alternativer Identitätsentwürfe darf daher nicht als Verfremdung einer realen Identität oder als Täuschungsmanöver interpretiert werden, sondern versteht sich als Mittel der Selbsterkundung, wirkt sich doch eine virtuelle Identitätserfahrung auf das reale Identitätserleben aus.

Katharina Cibulkas Videoinstallation gettittitting mymy name up there (2009/
2010) konfrontiert die BetrachterInnen mit einem Reality Check, der weder als Scheitern noch als Dokumentation missverstanden werden darf. Zehn Jahre nach ihrem Film fireflies (1999) befragt Cibulka fünf Musikerinnen erneut nach ihren Lebensträumen. Doch nun löst die Künstlerin den biografischen Erzählstrom von den Bildern – eine Irritation, die bei den BetrachterInnen nicht notwendigerweise Verwirrung auslöst, sondern die fortlaufende Variabilität von Identität markiert.
Cibulkas Videoarbeit stressed out (2006) ist eine Aneignung der Performance
Waiting (1972) von Faith Wilding. Während Wildings Zeitbezug als Kritik an Vorstellungen von linearen Identitätsentwürfen im Kontext von Erik Eriksons Stufenmodell psychologischer Entwicklung gelesen werden kann, spricht Cibulkas Bezug zur Gegenwart davon, wie das heutige selbstbestimmte Identitätsmodell durchaus zweischneidig erlebt wird: „Stressed out about not knowing what to want, what to choose“, lautet eine Textzeile.
 

Shahram Entekhabis Augenmerk gilt häufig der Hinterfragung von kulturellen und geschlechtsspezifischen Identitäten. Seine Figuren migrantischer Doppelgänger exponieren prototypische männliche Identitäten und die damit verbundenen Klischees. In seinen drei performativen Videoarbeiten Mehmet, Mladen, und Miguel (2005) finden besonders die Einflüsse medialer Stereotypisierungen auf die Zuschreibungen kultureller ebenso wie männlicher Identität Berücksichtigung. Nicht nur seine eigene, migrantisch geprägte Identität steht dabei im Zentrum, sondern vor allem zahlreiche ‚fremde‘ kulturelle Identitäten, die der Künstler humorvoll überzeichnet. Entekhabi pointiert das Aggressionspotential von und gegen MigrantInnen und verweist gleichzeitig auf die (negative) mediale Instrumentalisierung von Lebenswelten der ‚Anderen‘.

In ihrer Serie Sammlungen (2007/2008) zeigt Astrid Korntheuer bizarre Arrangements von Alltagsobjekten, die von PrivatsammlerInnen in winzigen Privatmuseen ausgestellt werden. Jenseits des dokumentarischen Aspekts von Korntheuers Fotografien lässt die Fülle der inszenierten Objekte den einzelnen Schlumpf oder Fußball-Fanartikel zugunsten eines unfreiwilligen Wandteppichs in den Hintergrund treten. Was wie eine Wunderkammer der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anmutet, verschafft Gegenständen, die einen Ausdruck von Alltagskultur vermitteln, mithilfe des laienhaften Ordnungssystems eine neue Relevanz. Indem die Hobby-SammlerInnen den Gegenständen retrograd eine besondere Bedeutung zuschreiben, vermag deren subjektive Reihung für eine Gemeinschaft Sinn und auch Identität zu stiften.

Für ihre performative Serie Front (2005–2007) führt Trish Morrissey die Indexikalität des Mediums der Fotografie mit dem anzweifelbaren Realitätsversprechen von Familienportraits zusammen. An den Stränden von Großbritannien und Australien tauscht die Künstlerin in (ihr unbekannten) Familien- und Freundesgruppen mit einer weiblichen Person, zumeist der Mutter, die Rolle. Erst der serielle Charakter von Morrisseys vermeintlichen Schnappschüssen entlarvt die zunächst ‚unauffällig‘ wirkende Künstlerin gleichsam als Kuckuck, der die Grenzen zwischen ‚eigenem‘ und ‚fremdem‘ Familiennest überschritten zu haben scheint: Die familiären Rollenbilder geraten ins Wanken.

Claudia Marion Stemberger [www.artandtheory.net]

WERKSCHAU XV: LISL PONGER Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Jahrgang: 2010,
WERKSCHAU XV: LISL PONGER
FACT OR TRUTH
Autoren: Tim Sharp, Kurt Kladler

BILDER Nr. 245

Einleitende Worte: Kurt Kladler, Charim Galerie

Werkstattgespräch mit Lisl Ponger und Katalogpräsentation: Dienstag, 20. Juli um 19.00 Uhr
 
Mit der jährlich stattfindenden WERKSCHAU-Reihe – Retrospektiven österreichischer KünstlerInnen, die wesentlich zur Entwicklung der künstlerischen Fotografie und neuer Medien hierzulande beigetragen haben – weist die FOTOGALERIE WIEN auf herausragende und innovative Leistungen hin und bietet einen geschichtlichen Überblick. Gezeigt wurde bisher ein Querschnitt durch das Schaffen von Jana Wisniewski, Manfred Willmann, VALIE EXPORT, Leo Kandl, Elfriede Mejchar, Heinz Cibulka, Renate Bertlmann, Josef Wais, Horakova+Maurer, Gottfried Bechtold, Friedl Kubelka, Branko Lenart, INTAKT – Die Pionierinnen (Renate Bertlmann, Moucle Blackout, Linda Christanell, Lotte Hendrich-Hassmann, Karin Mack, Margot Pilz, Jana Wisniewski) und Inge Dick.

Im Gegensatz zu bisherigen Ausstellungen der Werkschau-Reihe handelt es sich bei Lisl Pongers WERKSCHAU nicht um eine Retrospektive im klassischen Sinn, sondern um eine Art „dekonstruierter Werkschau“ (Ponger), einer installativen Arbeit bestehend aus einem Fotostudio, einer Dunkelkammer und einem Kino. Ponger arbeitet über Stereotype, Rassismen und Blickkonstruktionen an der Schnittstelle von Kunst, Kunstgeschichte und Ethnologie. Der Werkschau-Untertitel Fact or Truth zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung und verweist auf Pongers thematische Anliegen und Untersuchungen innerhalb ihres Werkes. Die Installation kann als eine Art Visualisierung ihrer Arbeitsmethode, als ein begehbares Beispiel gelesen werden.
 
Der Fotograf Edward Sheriff Curtis (1868–1952), der durch seine „Indianer“-Fotos, die er im Laufe von mehr als dreißig Jahren anfertigte, Bekanntheit erlangte, ist Ausgangspunkt des Denkmodells, auf dem die Installation aufbaut. Ausgehend von Curtis’ Fotos und Pongers eigenen Bildern, die während eines Rechercheaufenthalts in Vancouver entstanden, wird in der Installation die dichotome Unterscheidung von dokumentarischer versus inszenierter Fotografie, Dokumentarismus versus Pictorialismus in Frage gestellt und eine exotisierende Blickperspektive dekonstruiert.

Das Kernstück der Installation ist Pongers inszenierte Fotoarbeit Indianer Jones I – Fact or Truth: Indianer Jones steht als Rückenfigur in einem Fotostudio und blickt auf eine Landschaft, ähnlich Caspar David Friedrichs Der Wanderer über dem Nebelmeer (1818). Die Figur Indiana Jones – fiktiver Charakter, Archäologe, Abenteurer und Professor mit Beziehungen zu Museen – eignet sich insbesondere, um über die Gleichzeitigkeit der Zerstörung außereuropäischer Kulturen und der (Auf-)Bewahrung ihrer materiellen Objekte (in Museen, als Fotos etc.) zu reflektieren. Ponger demontiert mittels des Mediums der Fotografie – das ja vermeintlich ein Mittel zur ‚Abbildung der Wirklichkeit’ ist –, den Begriff der Authentizität, der im Wunsch nach Bewahren und Festhalten eine zentrale Rolle einnimmt. So wollte noch Curtis mit seinen „romantischen“ Fotos die „Indianer“ Nordamerikas vor ihrem „Verschwinden“ (Curtis) bewahren, ihre „Sitten und Gebräuche“ vor der Inbesitznahme durch die weißen Kolonisatoren dokumentieren, oder besser gesagt, inszenieren.

Im Fotostudio sowie in der Dunkelkammer werden neben Kulissen, Foto-Equipment, einer Sitzecke mit Büchern auch einige Fotoarbeiten Pongers zu sehen sein. In der Installation spielt das X eine bedeutende Rolle – wie auf einer Schatzkarte verweist es auf Spuren, die in der Installation gelegt werden. An Hand von Texten, Zitaten, Fotos, Ansichtskarten und beschrifteten Objekten können die Spuren, die durch viele Schichten von Bedeutungen führen, enträtselt werden. Alles innerhalb der Installation ist miteinander verbunden – ob inhaltlich, über unterschiedliche Medien oder formale Aspekte. Es liegt an den BesucherInnen, sich auf die Spurensuche einzulassen und die Fährten zu entschlüsseln.
 
Ergänzend zur Installation werden im Kino der Fotogalerie Wien, dem dritten Schauplatz innerhalb der WERKSCHAU, alte und neue Filme Lisl Pongers gezeigt.

IDENTITÄT I Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Jahrgang: 2010,
IDENTITÄT I
Biografie
Autoren: Claudia Marion Stemberger

BILDER Nr. 244

Friedl Kubelka, Peter Köllerer, Natascha Stellmach, Conny Habbel, Liza Nguyen

„Was konstituiert Identität heute?“, fragt das kuratorische Team der Fotogalerie Wien anlässlich des Themenschwerpunkts für das Jahr 2010. Die dreiteilige Ausstellungsserie fokussiert Identität der Gegenwart in ihrer vielfältigen wie prozessualen Gestalt, ebenso wie die gezeigten künstlerischen Positionen die gleichsam unabschließbaren und vor allem uneindeutigen Facetten der Identitäten heutiger spätmoderner Subjekte widerspiegeln: Die KünstlerInnen visualisieren, wie die miteinander verwobenen Ausformungen personaler und kollektiver Identitäten zwischen Selbst- und Fremdbestimmung paradox changieren.

Die Eröffnungsausstellung Identität I – Biografie reflektiert die Relation von Biografie und Identität als ‚Entwicklungslinie alltäglicher Identitätsarbeit’. Wie lässt sich biografische Selbsterfahrung heute bewältigen? Wie je nach Lebensphase und Handlungsaufgaben jeweils unterschiedliche, widersprüchliche und divergente Teilidentitäten in einer Biografie dominieren, die es im Wechselspiel mit den Anforderungen von außen und von innen zu synthetisieren gilt, zeigen auch die für den Auftakt des Jahresschwerpunkts ausgewählten KünstlerInnen. Insbesondere der Seriencharakter aller fünf künstlerischen Statements verweist indirekt auf die fragmentierte wie inkonstante Beschaffenheit heutiger Subjekte.

Conny Habbel legt in ihrer SerieGo and fight! (ab 2002 – work in progress) die Kontingenz privater sozialer Strukturen sensibel offen. Die akribische Detailgenauigkeit, mit der sie „unbedeutsame“ Fotografien aus privaten Beständen vor Ort in originalen Settings rekonstruiert, verweist darauf, wie sich Rollen spezifisch während bestimmter Lebensphasen konstituieren. Gleichzeitig illustrieren die reinszenierten Aufnahmen Gefühle von Haltlosigkeit einer jungen zeitgenössischen Generation, deren retrospektiver Blick auf die eigene Biografie nicht nur eine sehnsüchtig aufgeladene Nähe zur persönlichen Vergangenheit herstellt, sondern vor allem ein unheimliches Gefühl aufkeimen lässt.

Als pointierte De/Konstruktion virtueller (pseudo-digitaler) Identitäten lesen sich Peter Köllerers Verfahren, welche die sinnentleerten Betreffzeilen von Spam-Mails auf eine sinnlichere Ebene transferieren. Für The Person (2008) überträgt er Sprache von der Kommunikations- in die Bildebene, indem er die Staccato-Sätze mit der Schreibmaschine abtippt und die Papierblätter anschließend seriell rahmt. Auch für seine Serie Zeichen und Wunder (2008) erprobt der Künstler das Potential möglicher Verschiebungen zwischen Sinnverlust und Sinnverheißung. Hier entlockt Köllerer den anonym konstruierten Cybersubjekten zunächst die emotionalisierten Untertöne ihrer Betreffzeilen und ritzt deren Wortfolgen in Baumrinde ein.

Die Jahresportraits von Friedl Kubelka haben sich in den Kanon der Kunstgeschichte eingeschrieben: Unter Bezugnahme auf das erste Jahresportrait (1972-73) beschreibt Abigail Solomon-Godeau Kubelkas serielles Verfahren und die damit einhergehende Fragmentierung als vorausweisende Ablehnunghomogener oder unverrückbarer Identitäten. Seit fast 40 Jahren portraitiert sich die Künstlerin zyklisch alle fünf Jahre über ein Jahr hindurch täglich. Für die in der Fotogalerie Wien ausgestellten Auto-Portraits negiert die Künstlerin zwar aufgrund der Bildselektion den implizierten Seriencharakter, und unterstreicht aber gleichzeitig die Kontinuität der Melancholie in ihrer Lebensgeschichte.

Nicht ihrer eigenen Biografie, sondern der ihres Vaters folgt Liza Nguyen in chronologischer Reihenfolge und dabei insbesondere jenen Orten in Paris, an denen dieser seit seinem Studienabschluss lebte und arbeitete. Ihr Buch my father (2003) reiht irritierend menschenleere Aufnahmen im Dämmerlicht aneinander, aus denen einige Fenster in gleißendem Licht herausstrahlen. Der früheren Heimat ihres Vaters begegnet Nguyen in Souvenirs du Vietnam (2004/05): Die 19 unterschiedlichen Haufen Erde, die die Künstlerin von ihrer Vietnamreise mitnahm, zielen zwar auch auf Fragen von Verortung und Migration, jedoch vor allem darauf, wie sich die traumatische Kriegs/Geschichte in das kollektive Gedächtnis eingegraben hat.

Die ausgewählten Fotografien, multi-medialen Installationen und auch die filmische Arbeit vonNatascha Stellmach verdeutlichen, dass sich ein Individuum in keinem machtfreien Raum bewegt. Stellmachs vielschichtiger, imaginierter wie realer Blick auf ihre eigene Biografie legt auf geradezu unheimliche Weise frei, wie sich ihre ausgewanderte Familie in Australien mit den ideologisierten Bildern ihrer (vermeintlich) deutschen Identität konfrontiert sah. Stellmachs The Book of Back verdeutlicht, wie Selbstkonstruktion im Sinne einer narrativen Identität dialogisch hergestellt wird: Solche Narrationen verknüpfen vergangene Erlebnisse mit der Gegenwart und betonen Identitätsarbeit als unabschließbaren Umbauprozess.

Claudia Marion Stemberger

WUNDERWELT Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Jahrgang: 2010,
WUNDERWELT
BILDER Nr. 243

Julie Monaco, Chloe Potter, Simona Reisch, Magda Tóthová

Die Ausstellung WUNDERWELT vereint vier zeitgenössische, internationale, künstlerische Positionen, die in ihren Arbeiten das Phantastische einfangen und damit eigene Welten erschaffen. Dabei spielt die Methode des Konstruierens und Collagierens eine bedeutende Rolle. Durch das Neuzusammensetzen von Fragmenten der Realität und durch die Neuschöpfung mit Hilfe digitaler Technik entstehen Erfahrungsräume, die das Vertraute aus einer ungewohnten Perspektive teils unheimlich, teils verzaubernd erscheinen lassen. 

Julie Monacos Arbeiten erinnern an stimmungsvolle Landschaftsbilder, an vertraute Naturdarstellungen. Doch das vermeintlich Natürliche ist eine Illusion. Monacos Bilder zeigen eine künstliche, abstrahierte Realität, die durch mathematische Prozesse digital erzeugt wird. Die Naturdarstellungen basieren nicht auf Bildvorlagen, sondern werden gänzlich durch Computersoftware generiert. Monacos ebenfalls ausgestellte, neuere Serie nimmtdirekten Bezug auf die bisherigen Arbeiten, indem sie die Vorgänge, die den früheren zugrunde liegen, bloßlegt, aufdeckt. In ihrer äußeren Erscheinung ist die neue Serie aber nur bedingt mit den früheren Arbeiten verwandt, da sie eine andere Methode, die unter dem Begriff „non-photorealistic rendering“ (npr) zusammengefasst wird, mit einbezieht. Weiters zeichnen sich die neuen Arbeiten durch malerische und zeichnerische Elemente aus, die mit dem Digitalen verwoben werden.

In Chloe Potters Serie Double Dare scheinen die anonymen Figuren, umgeben von einer Flut von Alltagsgegenständen, in einem undefinierbaren Raum zu schweben – „an exploded diary of life“ (Potter). Die Bilder werden in einem Collage-Verfahren aus konstruierten Installationen und vorgefundenen Umgebungen zusammengestellt. Mit dem Fokus auf den trügerischen Gegensatz zwischen „natürlich versus künstlich“ spielen die Bilder mit widersprüchlichen Elementen, um phantastische Szenarien zu kreieren. Die Serie thematisiert dabei Entfremdung und räumliche Verschiebung und zeigt das Scheitern des Versuchs, uns und unsere Umgebung zu kontrollieren.

Simona ReischsInstallationen Atomare Lurchecke und Staubfänger, die aus Fototeilen zusammengesetzt sind, versuchen die Aufmerksamkeit auf Un-Stellen des Ausstellungsraums zu lenken. Die amorphen Formen aus Körper und Strukturen beklettern die Wände und bringen so Kunst in jene Ecken und Enden der Galerie, in denen sonst der Staub liegt. Diese „Wandwucherungen“ geben sich zunächst als Verbindungen aus menschlichen und dekorativen Elementen zu erkennen. Erst bei näherer Betrachtung erschließen sich die teils makaberen Aspekte derInstallationen. Reischs neueste, fotografische Arbeiten zeigen kleine Modellkästen, die wie undurchdringbare und unbespielbare Bühnenbilder wirken und ursprünglich als Requisiten für Videos dienen sollten. Da die Videos nie entstanden sind, wurden die Modelle zu den eigentlichen Hauptobjekten, die den BetrachterInnen durch die Fotografien, die größer als die Modelle sind, zugänglich werden.

 Magda Tóthovás Installation In the Eye of the Cyclone lässt als utopischer Entwurf einen Wirbelsturm nicht nur als einen Akt der Zerstörung, sondern auch als eine Möglichkeit des Neuanfangs erscheinen. Was als irdische Existenz endet, wird innerhalb des Zyklons zu einer neuen Gesellschaft geformt. Im Inneren des Zyklons, einem Ort der Ruhe, bildet sich so aus den Objekten, die von der Erdoberfläche verschwunden sind, eine neue Ordnung mit neuen Gesetzen. Die ausgestellten „Dokumente“, bestehend aus Zeichnungen, Collagen, Fotografien und Videos, stellen das Davor, die Zerstörung und den Neuanfang im Auge des Zyklons dar. 

SOLO I Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Jahrgang: 2010,
SOLO I
Corinne L. Rusch
BILDER Nr. 242

Eröffnung: Montag, 22. Februar  um 19.00 Uhr

Einleitende Worte: Maren Lübbke-Tidow

Die FOTOGALERIE WIEN wird 2010 erstmals eine der acht jährlich stattfindenden Ausstellungen einem/einer jungen aufstrebenden KünstlerIn als Einzelausstellung widmen. Die neue Ausstellungsreihe fungiert als Plattform und Sprungbrett für KünstlerInnen, die gerade am Beginn ihrer Karriere stehen, aber bereits über ein umfangreiches Werk verfügen, das einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden soll. Ziel ist es, eine nachhaltige Bekanntheit für die/den ausgewählte/n KünstlerIn zu schaffen. SOLO ist eine Bestandsaufnahme aktueller Arbeiten und soll gleichzeitig den Fokus auf einen großen Werkblock der künstlerischen Arbeit des/der ausgewählten Künstler/In lenken. Unsere BILDER-Einladungszeitung fungiert hierfür im Sinne eines kleinen Katalogs; Kooperationen und Wanderschaften zu SOLO werden erarbeitet.

Die erste Ausstellung der neu konzipierten Reihe ist der in Wien lebenden Schweizer Künstlerin Corinne L. Rusch gewidmet.


Im Projekt badrutts palace & co, das im großen Ausstellungsraum der FOTOGALERIE WIEN gezeigt wird, sucht Corinne L. Rusch historisch relevante Grand Hotels auf. Diese Orte bergen auf eine ganz spezifische Weise makellose Schönheit und zahlreiche Geschichten in sich. Reich und Schön trafen sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in Hotelpalästen, wie z.B. im Kulmhotel, St. Moritz. Dort feierte man Feste, quartierte sich für Wochen und Monate ein, ließ sich bedienen, betrieb Sport, begann neue Liebschaften – Intrigen waren an der Tagesordnung. Diese Atmosphäre fasziniert Rusch. Sie wählt unterschiedliche Aktionsräume vom Tennisplatz bis zur Lobby und inszeniert in diesen Fin de Siècle-Settings ihre Bilder, um durch Interaktion aktuelle gesellschaftliche Aspekte neu in Szene zu setzten: ein Zimmer nach einem Gelage eines neureichen Bankiers oder Overtime, eine Art Traumbild, in der sich die Natur ihren Raum zurückerobert und eine vergessene Tennisspielerin beinahe mit der Natur verwächst.