2011

Bilder

TECHNIK & METHODE Künstlerische Prozesse der Bildfindung Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Jahrgang: 2011,
TECHNIK & METHODE Künstlerische Prozesse der Bildfindung
Teil III: Räumliche Übersetzungen
Autoren: Thomas Freiler

BILDER Nr. 257

Experiment, Forschung, Erfindung, Untersuchung - das sind Stichworte des diesjährigen Schwerpunktes TECHNIK & METHODE - künstlerische Prozesse der Bildfindung, den das kuratorische Team der Fotogalerie Wien in Zusammenarbeit mit dem Fotokünstler Thomas Freiler entwickelt hat. Heutzutage, wo der Wandel von der analogen Fotografie zur digitalen vollzogen zu sein scheint und die Fotografie in den Bereich des "Selbstverständlichen" und "leicht Handhabbaren" gerückt ist, treten vermehrt KünstlerInnen in Erscheinung, die eigene Apparaturen konstruieren, auf alte vorindustrielle Verfahren zurückgreifen und sich mit fotografischen Grundparametern auseinandersetzen. Die dreiteilige Ausstellungsserie fokussiert erfindungsreiche und unorthodoxe künstlerische Methoden und Prozesse der Bildfindung.

Betrachten wir ein Foto, sehen wir das Abgebildete, selten den Gegenstand, den wir vor uns haben und den uns das Bild zeigt. Seit Erfindung der Fotografie trat ihre objekthafte Wahrnehmung allgemein immer stärker in den Hintergrund. Hielt man mit einer Daguerrotypie noch eine kleine silberne Platte in einem Samtumschlag in Händen, war es später eine Kartonkarte, dann nur noch dünnes Papier und schließlich nur mehr Licht auf einer Leinwand oder auf einem Computerschirm. Die dritte Ausstellung des Schwerpunkts TECHNIK & METHODE rückt unter dem Titel Räumliche Übersetzungen verschiedene Formen fotografischer Präsenz in den Fokus der Aufmerksamkeit. Das Foto als dreidimensionales Objekt konstruiert durch seine Form, sein Material und
seine verwendete fotografische Technik für den Betrachter mögliche Bilder.
Die scheinbare Eindeutigkeit von Fotografien wird dabei allerdings unterlaufen und das einzelne Bild wird als Fragment sichtbar. Ist doch das Foto als Objekt bzw. Ding, Objekt und eigene Form und gleichzeitig Form dessen, wessen Bild es ist.


Clemens Fürtler beschreibt sich als Maler, Zeichner, Konstrukteur, Video- und Installationskünstler. Von 1998 bis 2005 entstanden beispielsweise Serien von Malereien, die fast immer Straßenbauten und Verkehrswege zeigen - eine Auseinandersetzung mit Formen der Fortbewegung in unserer modernen Welt und der Wahrnehmung dieser Welt eben durch das Unterwegssein. Ausgangspunkt des von Clemens Fürtler in der Ausstellung gezeigten Videos ist ein von ihm konzipiertes und gebautes Objekt, ein Schienenbahnsystem: Bildmaschine 03, ein über viele Etagen aufgetürmter Rundkurs. Diese Bildmaschine erfahren wir allerdings nicht im Überblick von außen, sondern aus der Sicht eines Vehikels, das sich, mit LEDs als Scheinwerfer und einer Kamera ausgestattet, endlos durchs System bewegt. Indem es Kurve für Kurve und Etage für Etage mit dem Scheinwerfer erhellt und auf Video aufzeichnet, entsteht ein Bild, ein Eindruck des Ganzen. Die Konstruktion bildet sich im Lichtkegel und in ihren Schatten an den Wänden des Raumes ab, in dem es sich befindet -  eine Konstruktion, die an Platos Höhlengleichnis erinnert.

Über die Arbeit von Ilse Haider schreibt Manisha Jothady: "Besonders in den Arbeiten, in denen sie Peddigrohr in diagonalen, vertikalen und horizontalen Anordnungen über teils gebogene, teils flache Holzplatten spannt, entsteht ein faszinierender, sogartiger Hologrammeffekt, der den Betrachter dazu auffordert, sich räumlich permanent neu zu positionieren, um das Abgebildete in seiner Vielschichtigkeit und Komplexität wahrnehmen zu können. Haider erzeugt hier einen oszillierenden Bildraum, der an Werke der Op-Art erinnert". Es erstaunt also nicht, wenn sich neben Skulpturen des klassischen Altertums und Portraits von Filmstars auch ein Portrait von Victor Vasarely auf einem mit Photoemulsion beschichteten Holzobjekt aus Peddigrohr und Grundfläche im Werk von Ilse Haider findet. Auf dessen Spuren und auf denen seines Sohnes Yvaral (1960 Mitbegründer der Groupe de Recherche d'Art Visuel ) hat Ilse Haider für die Ausstellung dreidimensionale Skulpturen mittels fotografischer Prozesse entwickelt.
                                                    
Den Arbeiten von Frauke Hänke und Claus Kienle gemeinsam ist, von der technischen Seite betrachtet, die Verwendung des Gummidruckes. Dabei werden Chromsalze in Verbindung mit Gummiarabicum und Farbpigmenten vermischt und als Emulsion auf den späteren Bildträger aufgebracht. Nach einer Kontaktbelichtung unter einem Negativ kann der nicht belichtete Teil der Emulsion ausgewaschen werden und das Positivbild bleibt in der vorher gewählten Farbe zurück. An der Wende zum 20. Jahrhundert war der Gummidruck eine bevorzugte Technik der Kunstfotografie. Frauke Hänke und Claus Kienle arbeiten mit scheinbar belanglosen, nicht repräsentativen, meist auf Reisen entstandenen Fotografien, von denen sie selber sagen, dass sie wahrscheinlich als Bilder keinen Eingang in ein Fotoalbum finden würden. Erst durch ihre Übertragung, die Gestaltung der Bildobjekte und deren Titelgebung entstehen für die Betrachter individuell mögliche Bedeutungen und Assoziationen. So zieht zum Beispiel in Ay dedeye misafir olmak - Ich habe den Mond besucht von Frauke Hänke der Mond als eine aus den Bildern geschnittene Kreisfläche seine Bahn.

Michaela Moscouw fotografiert nicht, folgt nicht den üblichen medienspezifischen Handlungsweisen und Manipulationen des fotografischen Materials, um die Dinge ihrer Umgebung abzubilden. Alltägliche Möbel und Gegenstände werden von ihr direkt mit großen Blättern Fotopapier wie Pakete verpackt. Sie bildet diese ab, aber nicht wie der/die Fotografin in der Kamera auf den Film, sondern direkt auf dem Bildträger, dem Fotopapier; denn nach einer Belichtung wird die Verpackung wieder abgenommen, entfaltet, grob fotografisch weiterverarbeitet und schließlich glatt auf eine Holzplatte
kaschiert. Das abschließende Objekt ist schließlich ein großformatiges, vorgewölbtes flächiges Bild, das in unterschiedlich hellen Flächen, Flecken und Linien in den Faltungen und Bruchlinien des Fotopapiers für den/die Betrachterin Spuren zum Abgebildeten legt. Der fotografierte Gegenstand ist nicht durch sein fotografisches Bild, sondern durch Indizien des abbildenden Prozesses mit Fotopapier repräsentiert.

Thomas Freiler und Petra Noll, im Namen des Kollektivs

REAL Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2011,
REAL
BILDER Nr. 256

In der Ausstellung REAL werden künstlerische Positionen präsentiert, die sich „dokumentarisch“ mit dem Thema „Lebensraum“ auseinandersetzen. Im Zentrum stehen Personen und ihre Lebensbedingungen, ihr soziales Umfeld und Hintergrund sowie persönliche Wunschvorstellungen, Reflexionen und Utopien.
In den Arbeiten geht es um persönliche „Erinnerungs“-Räume wie das eigene Zuhause, sozial prekäre Orte, die auf gesellschaftliche Systeme und Phänomene schließen lassen, oder auch um inszenierte, virtuelle Wunschwelten. Die objektive Darstellung von Realität wird durch die modellhafte, abstrakte und fragmentarische Rekonstruktion der Lebensräume und den starken emotionalen Aspekt von Seiten der KünstlerInnen auf eine neue Ebene gehoben. Die suggestive Kraft von Räumen zeigt sich in fotografischen Neuinszenierungen und Rekonstruktionen der Realität.

 
Der in New York geborene und seit den 1970er-Jahren in Südafrika lebende Roger Ballen, bekannt durch seine Serien von weißen Außenseitern, begreift seine Fotografien immer auch als psychologische Befragung des eigenen Ichs. In den beiden Serien Outland (2001) und Shadow Chamber (2005) die er in der Fotogalerie Wien präsentiert, tritt seine Faszination am Grotesken und Abgründigen zu Tage. Auf der „Suche nach dem Verborgenen“ setzt er Menschen, Tiere und/oder Objekte in eine surreale und gleichzeitig sehr emotional ausgerichtete Beziehung und inszeniert somit Raumsituationen mit psychologischer Tiefenwirkung. Durch die Wahl der Schwarzweiß-Fotografie erreicht Ballen eine zusätzliche Abstraktion der Wirklichkeit.
 
Die  Künstlerin Ilse Chlan hat in Zusammenarbeit mit der Radiomacherin Elise Penzias das 3-Kanal-Video utopie freiheit:privat (2005) über die in den 1970er-Jahren am Stadtrand von Wien von Architekt Anton Schweighofer gebaute „Stadt des Kindes“ realisiert. Dieses innovative, demokratische, in der Erziehung antiautoritär ausgerichtete und zur Umgebung hin offene Wohnmodell wurde 2002 geschlossen und in Folge zum größten Teil abgerissen: die Freiheit – eine Utopie? Der Ort fungiert als Projektionsfläche gesellschaftlicher Veränderungen. „Mit beschleunigtem Schritt“ wurden zwei Videos in zwei menschenleeren Häusern des ehemaligen Kinderheims gefilmt. Spuren der früheren BewohnerInnen werden hier flüchtig sichtbar. In einem weiteren Video kommen „mit verlangsamtem Blick“ ehemalige BewohnerInnen,  SozialpädagogInnen und der Architekt zu Wort.
 
Stefan Feiner (Wien) zeigt in der Arbeit Termination I-VI (2011) inszenierte Architekturfotografien. Ausgangspunkt sind die Erinnerungen an sein Zuhause, das infolge der Trennung der Eltern verloren gegangen ist. Diese Erinnerungsräume (re)konstruiert er als Modelle, die in ihrer Einfachheit und Unabgeschlossenheit als solche erkennbar sind, und fotografiert sie. Es geht ihm nicht darum, die Räume realistisch wiederzugeben, sondern um eine Objektivierung des von ihm Erinnerten. Den dargestellten Situationen liegen verstörende Ereignisse zu Grunde. Die knappen Titel geben Aufschluss über das im Bild schon Geschehene, z.B. einen Vorfall mit seiner Mutter, die im Zimmer seines Bruders nach Drogen gesucht hat: His room she turned upside down. In dieser Arbeit, in der Vergangenheit und Gegenwart verknüpft werden, geht es um Affirmation und gleichzeitig um Verdrängung von Erinnerung, um Distanz und Nähe, um Rückkehr und Flucht.

In seinem Film They untersucht Karl-Heinz Klopf die widersprüchlichen und oft undurchsichtigen Strukturen von realen Vorgängen. Der Film erzählt von einem Stadtgebiet in Liverpool, das als Folge von Werftschließungen, Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Grundstücksspekulation die einstmals betriebsame Gegend in eine Geisterstadt verwandelt und das soziale Gefüge seiner BewohnerInnen zerstört hat. Die verbliebenen Menschen kämpfen um den Zusammenhalt ihrer Gemeinden und sind gleichzeitig auf der Suche nach neuer Identität und besseren Bedingungen. They setzt sich präzise mit diesem Themenkomplex auseinander, entwickelt aber gleichzeitig auch eine eigene Narration, die bis zur Abstraktion führt.
 
Reiner Riedler (Wien). Seine Fotoserie Fake Holidays beschäftigt sich mit von der Entertainment-Industrie geschaffenen, künstlich kreierten Freizeitparadiesen, in denen Erlebnis und Abenteuer als Ware angeboten werden. In diesen oft aufwändig konstruierten Welten vermischen sich Realität und Simulation, „echte“ und „künstliche“ Natur zu hyperrealen Kulissenlandschaften. Es entstehen künstliche Räume, "Kulissen des Glücks", die „schön“, ungefährlich und praktisch sind und, so verspricht es die Werbung, oft „realistischer“ sind als die Wirklichkeit. Diese Scheinwelten spiegeln die medial beeinflussten Sehnsüchte und Träume vieler Menschen wider. Anstatt nach der Verwirklichung eigener Ideen und Wünsche zu streben, werden von den Medien suggerierte Sehnsüchte im Instant-Verfahren konsumiert und gelebt.
 
Eva Würdinger (Wien) hat in Form einer „topologischen Feldforschung“ den ehemaligen Jugendgerichtshofs, den es seit den 1920er-Jahren im 3. Bezirk in Wien gab und der 2003 unter großen Protesten – da somit keine jugendspezifische Betreuung mehr gewährleistet war – geschlossen wurde, fotografiert. Eva Würdingers Arbeit Jugendgericht (2006) geht weit über das Dokumentarische hinaus, da sie einfühlsam die Atmosphäre der leeren Räume eingefangen hat: Die Spuren und räumlichen Konstruktionen weisen auf die Jugendlichen und ihr von Langeweile, Überwachung und Disziplin geprägtes Leben, auf das staatliche System und seine Machtstrukturen sowie auf die Tristesse eines verlassenen Ortes. Von den ehemaligen Inhaftierten sind die Graffiti mit Bildern und Symbolen aus ihrem Leben als eine Art Tagebuch zurückgeblieben – Spuren eines kollektiven Gedächtnisses.Petra Noll im Namen des Kollektivs

JUBILÄUMSAUSSTELLUNG Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Jahrgang: 2011,
JUBILÄUMSAUSSTELLUNG
30 JAHRE FOTOGALERIE WIEN
BILDER Nr. 255

Mit einer Jubiläums-Ausstellung und einem vielfältigen Begleitprogramm feiert die FOTOGALE RIE WIEN in diesem Jahr ihren 30jährigen Geburtstag.

Die Ausstellung besitzt einerseits Werkschaucharakter, für die zahlreiche Dokumente der ereignisreichen 30jährigen Geschichte aus Archiven geborgen wurden, „Schätze“, die normalerweise im Verborgenen schlummern und die nun anlässlich des Jubiläums ausgestellt bzw. in einer gemütlichen Lounge zum Schmökern bereit gestellt werden:
Kataloge, BILDER-Magazine (Nr. 1–255), Broschüren, Plakate, Fotos, Presseartikel u.v.m. Foto- und Filmdokumentationen lassen vergangene Ausstellungen und Ereignisse in einer Videoinstallation Revue passieren. Anderseits werden alle ehemaligen und jetzigen Kollektivmitglieder durch die Präsentation ihrer Foto- und Videoarbeiten
„sichtbar gemacht“. Auch diese Zusammenschau besitzt einen eher installativen
als einen Ausstellungscharakter. Es geht vor allem um die Vielfalt der künstlerischen Haltungen, die Pluralität, die prägend für den offenen Geist der Galerie war und ist. Und natürlich geht es auch um den Hinweis, dass die Fotogalerie Wien durch das Engagement all dieser vielen einstigen und jetzigen MitarbeiterInnen entstanden, weitergetragen und zu dem gemacht wurde, was sie heute ist.

Zum Jubiläum erscheint dieses besonders umfangreiche BILDER-Magazin als Festschrift. Ein Geschenk an alle BesucherInnen, FreundInnen und auch an uns. Die Publikation umfasst die Darstellung der Kollektiv- MitgliederInnen in Wort und Bild, 30 Statements zum 30. Geburtstag von Foto-KünstlerInnen und -Fachleuten sowie eine Chronologie und Dokumentation der 30jährigen Galerietätigkeit.

Download der Jubiläumsnummer 255 als pdf


TECHNIK & METHODE Künstlerische Prozesse der Bildfindung Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Jahrgang: 2011,
TECHNIK & METHODE Künstlerische Prozesse der Bildfindung
Teil II: Mediale Untersuchungen
Autoren: Petra Noll

BILDER Nr. 254

Als John Herschel einen Aufsatz an die Royal Society 1839 „Notes on the art of photography“ betitelte, führte er nicht nur den Namen für diese neue Erfindung ein, sondern es begann auch ein Diskurs über das, was man das „Fotografische“ nennen könnte: auf der einen Seite ein auf rationalen chemischen und optischen Gesetzmäßígkeiten beruhender Vorgang, auf der anderen Seite eine scheinbar magische Erscheinung oder eine spezifische Darstellungsweise, die uns Bilder als „fotografische“ erkennen lassen. Der zweite Teil des diesjährigen Schwerpunkts aktualisiert unter dem Titel Mediale Untersuchungen exemplarisch diesen Diskurs durch das Zusammenführen von vier vordergründig sehr unterschiedlichen Positionen. Ist, was wir als Fotografie zu erkennen glauben, tatsächlich Fotografie? Wo könnte eine Grenze zwischen Fotografie und anderen Abbildverfahren gezogen werden? Wie könnte diese Grenze beschrieben werden? Entpuppen sich Bilder, die nicht Sichtbares in Bildern von magischer Geisterhaftigkeit präsentieren, dann doch als Resultat rationaler technologischer Entwicklung, zerlegbar in einfache Grundmuster von Farbsystemen und Projektionsregeln?
 
Beatrix Bakondy zeigt in der Ausstellung sogenannte „kinetische Fotogramme“ aus der Serie Aerosole. Sie platziert dreidimensionale Dinge wie Taschen, Flaschen oder Stäbe auf einer Ebene und besprüht sie mit schwarzem Spraylack. Die direkte „Belichtung“ erfolgt über freie Partikel, d.h. Aerosole, die aus der Spraydose kommen und den Schatten des Objekts auf dem Trägermaterial sichtbar machen. Die Objekte wirken dennoch wie positiv durchstrahlt, seltsam visionär leuchtend. Das Abbild zeigt das Objekt, aber vielmehr noch den Raum, den es eingenommen hat: „Ich bilde den taktilen Luftraum der Objekte ab“ (B.B.) In diesen konzeptuellen und gleichzeitig sehr sinnlichen Arbeiten geht es um die Gegensätze Hell und Dunkel bzw. Tag und Nacht, um den Kontrast zwischen Gefühl und Denken, zwischen Vision und Realität, aber auch um die Auseinandersetzung mit Raum sowie Bild und Abbild.
 
In seinen Arbeiten beschäftigt sich Thomas Freiler analytisch mit dem Medium der Fotografie bzw. mit bildgebenden Apparaturen; seine Verfahrensweise ist die des Experiments und der Versuchsanordnung, sein Ziel nicht nur die Hervorbringung eines künstlerischen Bildes, sondern vor allem die Untersuchung des Einflusses der  Technik auf die Bildproduktion. „Wo ein Bild beginnt oder endet“, so Andreas Spiegl, „ist keine Frage des Formats oder der Schärfe, sondern ein Produkt der Erwartungen gegenüber dem Bild. Und aus dieser Perspektive ist der eigentliche Apparat, der hier zur Diskussion gestellt wird, das Subjekt selbst“. Seit ca. zehn Jahren baut Thomas Freiler auch eigene Kameras für spezielle Bildproduktionen, die sonst nicht möglich wären. In der Ausstellung präsentiert er die von ihm 1992 entwickelte Camera obscura (CO _1) auf einem Sockel mit den damit entstandenen Fotografien.

Edgar Lissel beschäftigt sich seit langem mit der Bildfindung durch Algen und Bakterien, eine Auseinandersetzung mit Zeit, Licht und Reproduktion. In der FOTOGALERIE WIEN zeigt er Bakterienbilder auf Leinwänden oder Gips bzw. Fotografien zur Entstehung dieser Arbeiten (aus den Serien: Domus Aurea, Myself II und Natura Viva). In der Selbstporträtserie Myself II, die Fortführung einer bereits 2004 begonnenen Arbeit, ist es ihm erstmals gelungen, seine Hautflora auf einem Leinenstoff wachsen zu lassen und dort zu dauerhaft zu konservieren. Frühere Abdrucke wurden mit der Fotografie fixiert und so zum Bild. In Domus Aurea beleuchtete er die Bakterien, die am Originalschauplatz römische Fresken zersetzen, mit dem Bild eines bereits zerstörten Freskos. Durch die Tatsache, dass diese Bakterien sich zum Licht hin bewegen, ist ein neues Bild entstanden – aus einem zerstörerischen Prozess wurde ein konstruktiver.
 
Der experimentell-konzeptuell arbeitende Medienkünstler Stephan Reusse zeigt thermografische Arbeiten. Bei diesem Verfahren werden mit einem speziellen Apparat Wärmedifferenzen von Sensoren aufgefangen und digital übertragen. Bei der thermografischen Bildgewinnung können Wärmespuren eines Menschen, der beispielsweise vor drei bis höchstens 15 Minuten seinen Platz verlassen hat, aufgenommen werden (z.B. die Serien Zeitstühle oder Leaving Shadows). Je schneller die Aufnahme erfolgt, desto präziser werden die Körperumrisse („Schatten“) abgebildet.  Anders als die Fotografie, die etwas Vergangenes als scheinbar Anwesendes zeigt, handelt es sich hier um Bilder physischer Abwesenheit, sie zeigen „etwas Unsichtbares“ und erweitern somit das Terrain der Fotografie. Von den wenig detailgetreuen Aufnahmen geht eine magische, geisterhafte Wirkung aus, weshalb Reusse seine Arbeiten auch „Thermovisionen“ nennt.
 
Thomas Freiler und Petra Noll

WERKSCHAU XVI - HANS KUPELWIESER Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Jahrgang: 2011,
Format: a,
WERKSCHAU XVI - HANS KUPELWIESER
Arbeiten 1981 – 2011
Autoren: Ruth Horak

BILDER Nr. 253

Fotogramme haben eine andere Beziehung zur Realität

Das Fotogramm ist die indexikalischste Form der Fotografie. Es weist die größte Nähe zum Original auf, das es tatsächlich berührt hat, und gleichzeitig die größte Distanz, weil es dessen Aussehen nicht in der gewohnten Weise vermittelt. Es sind andere Kriterien als die Wiedererkennbarkeit, die die Beziehung dieses direkten Abdrucks zur Realität bestimmen. Aber auch die ursprüngliche Definition von Fotografie reiht das Aufzeichnungsverfahren mittels lichtempfindlicher bzw. fixierender Substanzen vor die Verwendung eines Apparates, und das Wort „Fotografie“, ähnlich wie „Telefon“ oder „Computer“, beschreibt den Prozess und ist nicht der Name eines Gegenstandes.

Bei Hans Kupelwieser, unten dessen Händen seit den frühen 1980er-Jahren hunderte Fotogramme entstanden sind – Serien auf 40 x 50 cm großen Blättern, aber von Anfang an auch große Formate (120 x 180 cm ) – ist der Herstellungsprozess ein wesentlicher Teil des Bildes. Die Fotopapiere werden wie Arbeitsplatten benützt: Am Belichtungstisch liegend oder am Boden ausgerollt, schüttet, legt oder stellt Kupelwieser auf ihnen Dinge aus, die dem Menschen nahe stehen – Erdäpfel, Spaghetti, Melanzani, Plastiksäcke, Kabel oder Möbel. Fast immer ist es ein waagrechtes Tun, ein von der Schwerkraft getragenes, vom Druck, von Größe, Volumen und Materialdichte abhängiges Kontaktporträt, das dem Betrachter dann jedoch vertikal entgegentritt, 90° von der ursprünglichen Orientierung entfernt, aufrecht, wie sein Gegenüber1. Was zuerst auf dem Papier liegt und steht, ist letzten Endes mit diesem verschmolzen. So werden Dinge mit einer ausgeprägten Körperlichkeit – wie Tische und Sessel – von ihren schräg übers Papier fallenden Schatten genauso in die Fläche gestürzt und dort fixiert wie Papierstreifen, Gummibänder oder Kabel.

Alternierende Verfahren, die einmal dem Gegenstand, einmal dem Abbilden den Vorrang geben – Kupelwieser lässt etwa den Schatten eines Aluminiumsessels wieder in Aluminium gießen – verorten seine fotografischen Arbeiten in einem transmedialen Bereich, in dem die Dinge verschiedene Arten der Repräsentation durchwandern, oder auch verschiedene Weisen des Abdrucks, einmal in der lichtempfindlichen Schicht, ein anderes Mal in erhitztem Plexiglas, erfahren. Die Verzahnung von Gegenstand und Abbild, die Variationsbreite der Abbilder und die Wandelbarkeit der Fotogramme machen den Bildhauer Hans Kupelwieser als untrennbares Alter Ego spürbar und die Ausstellung mit einem für die Galerie produzierten 3 x 10 m langen Fotogramm, frühen konzeptuellen Arbeiten, raumgreifenden Fotogrammen und Collagen, und nicht zuletzt den Objekten selbst, zu einem formenreichen installativen Setting.

Ruth Horak

TECHNIK & METHODE Künstlerische Prozesse der Bildfindung Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2011,
TECHNIK & METHODE Künstlerische Prozesse der Bildfindung
Teil I: Apparative Konstruktionen
BILDER Nr. 252

Apparative Konstruktionen

Während üblicherweise die Bilder als Resultate der Technologie im Mittelpunkt des Interesses stehen, legt die erste der Themenausstellungen den Fokus auf die apparativen Konstruktionen und wie deren technische Beschaffenheiten inhaltlich und ikonografisch bildgebend werden. „Apparative Konstruktionen“ versammelt fünf unterschiedliche künstlerische Positionen in ihrer Eigenschaft als Kamerakonstrukteure.
Von Apparaturen erstellte Bildaufzeichnungen folgen den konstruktionsbedingten Mechanismen der Technologien, der sie entstammen. Ein Apparat richtet her, richtet zu („apparare“, lat.: zurichten, herrichten, bereitstellen) und ist dabei selbst eine Konstruktion.
Die Resultate seines Funktionierens und seiner Benutzung bilden mit ihm selbst die beiden Seiten der Medaille: seine ihm zugrunde liegende Technologie.
Schritt um Schritt wurden deren Möglichkeiten und Eigenschaften erweitert bzw. verändert, wurden für uns selbstverständlich und vertraut und mit ihren Bildern eine Art Natur zweiter Ordnung. Vilém Flusser sprach schließlich von einem Universum der Bilder, dem Bilderuniversum.

Philipp Fleischmann hat für seine Arbeit Cinematographie eine Camera Obscura entwickelt, die 16 mm-Film nicht als Aneinanderreihung von Einzelbildern wie im Kino behandelt, sondern für ein in einem Zug entstehendes Bild verwendet. Diese Kamera
ermöglicht aufgrund ihrer 360°-Konstruktion eine durchgehende und zeitgleiche Einschreibung der Umgebung. In der Kamera befinden sich zwei aneinanderliegende Filmstreifen, die sowohl die äußere als auch die innere Umgebung und somit auch den Apparat und die Bildproduktion selbst aufzeichnen. Diese durchgängigen, zeitgleichen Aufnahmen der Situation vermitteln in der Installation durch die Animation der filmischen Projektion die Wahrnehmung einer Kamerafahrt und repräsentieren doch einen filmischen Stillstand.

Martin Reinhart konstruierte im Laufe der Jahre unterschiedliche Apparaturen im Bereich des Bewegtbildes. tx-transform stellt die übliche Wahrnehmung eines filmischen Ablaufs auf den Kopf, indem die dafür entwickelte Apparatur Zeit- und Raumachse vertauscht. In welchem Maß Apparaturen und Methoden ihrer Anwendung filmische Inhalte generieren und damit selbst zu Bilderfindern werden, zeigen Projekte, die mit und für andere Künstler und Filmemacher entstanden sind.
Kurze Filmsequenzen, irritierende visuelle Déjà-vus, waren das Ergebnis einer Konstruktion für Christoph Brunners Film 3 Minuten, bei der viele Male dieselbe Rolle Film während der Aufnahme durch die Kamera lief. Die technische Realisierung eines Dolly Zooms (ein Kamerazoom, das mit einer Kamerafahrt synchronisiert ist) verflüssigt
in Vertigo Rush von Johann Lurf den Raum und überantwortet diesen stufenlos derAbstraktion bis hin zu einem sich auflösenden Bild. In der Ausstellung sind erstmals parallel zu den Filmen auch die dafür entwickelten Apparaturen zu sehen.

Michael Schuster: Das Cover der Zeitschrift CAMERA AUSTRIA Nr. 33 + 34 zeigte
1990 eine Hasselblad mit Objektiven an allen vier Seiten und geöffnetem Schachtsucher: eine Art Symbol und Versprechen totaler Wahrnehmung. Das Objekt war Teil des Projekts „Alle haben Alles gesehen“ von Michael Schuster / Hartmut Skerbisch. Dass sich dieses Objekt bei näherer Betrachtung als eine sich selbst verhindernde Apparatur zeigt – da ihr die Filmebene fehlt, weil sie eben alles sehen will – ist ein in dieser Ausstellung gezeigtes Beispiel für die intelligente und teils ironische Methode, wie Michael Schuster Fragen nach Realität und Wirklichkeitskonstruktionen unseres mediendurchsetzten Zeitalters in räumlichen Inszenierungen und Installationen verhandelt.

Gebhard Sengmüller bezeichnet seine Apparatur A Parallel Image als medienarchäologische, interaktive Skulptur, als elektronische Camera Obscura: eine skelettierte Apparatur, der offensichtlich das Gehäuse, die äußere Form entfernt wurde – ein vermeintliches Abbild – das Modell eines komplizierteren Mechanismus, der auf seine wesentlichen Funktionen reduziert zu sein scheint. Und tatsächlich präsentiert diese Skulptur eine für apparative (mechanische, chemische oder elektrische) Bildproduktion
signifikante Methode: das, was die menschliche Wahrnehmung schließlich als Bild dekodiert, wird aus ähnlich gestalteten Elementen zusammengesetzt. Mit dieser Apparatur wird die Beschaffenheit moderner Bildsysteme hinterfragt.

Acheiropoietron nennt Konrad Strutz schließlich seine spezielle Maschine zur Übertragung eines Raums in eine Ebene – in Anlehnung an die griechische Bezeichnung „Acheiropoieton“ für ein nicht von menschlicher Hand, sondern selbsttätig entstandenes Bild. Acheiropoietron ordnet jedem Bildpunkt eine genaue, orthogonal dazu liegende Stelle des Raums zu. Einem Scanner ähnlich, liest die automatisierte, programmierte Mechanik ihr Gegenüber Bildpunkt für Bildpunkt und Zeile für Zeile in einem Zeitraum von mehreren Stunden in digitaler Form ein.
Anders als in der herkömmlichen Fotografie werden dabei nicht Lichtstrahlen unterschiedlicher Winkel in einem Brennpunkt gebündelt und rund um einen Fluchtpunkt zu einem Bild geformt, sondern jede einzelne Stelle im Bild hat die Eigenschaften eines Fluchtpunkts.

Thomas Freiler

GEFRORENE ZEIT Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2011,
GEFRORENE ZEIT
BILDER Nr. 251

In den fotografischen Arbeiten der Ausstellung Gefrorene Zeit geht es um die Auseinandersetzung mit der Darstellung von Zeit als Prozess, verdichtet („gefroren“) in einem Bild. Mit oft extremen Langzeitbelichtungen, mit der Camera Obscura oder mit digitalen Montagen rücken die KünstlerInnen die Fotografie ins Filmische und visualisieren, was Zeit ausmacht: Veränderung, Entwicklung und Bewegung. Unzählige Einzelmomente aus realen Situationen wie Architektur, (Stadt)Landschaft oder Theater bzw. aus Beobachtungen von Menschen überlappen sich oder werden nahtlos aneinandergefügt. Daraus resultieren Bilder, die so nie mit dem Auge, sondern nur mit der Kamera entstehen können. Neben den fotografischen Arbeiten werden Videos gezeigt, bei denen durch die Vervielfältigung und Aneinanderfügung der immer gleichen Filmsequenz ebenfalls neue Zeit-Raum-Gefüge entstehen.

Robert Bodnar (Time Scans) richtet seine Kamera für Stunden oder Tage auf ein Motiv, hier in erster Linie Landschaften, und löst in regelmäßigen Abständen mehrere hundert oder tausend Bilder aus. Aus jedem Bild isoliert er digital vertikale Streifen von nur einem Pixel und fügt sie in zeitlicher Reihenfolge aneinander, so dass sie gemeinsam den gesamten Bildausschnitt ergeben. Auf diese Weise wird beispielsweise ein gesamter Tagesverlauf zu einem einzigen Bild verdichtet, wobei jeder Streifen einen anderen Moment des Tages repräsentiert.

Michael Michlmayrs Videos oder besser die bewegten Bilder aus KONTINUUM behandeln – wie seine Fotoarbeiten – Zeit und Raum bzw. die Verdichtung von Zeit und Raum. Alltägliche Szenarien im urbanen Raum werden von derselben Position aus gefilmt und zu „Filmtableaus“ zusammengefügt. Es wird dieselbe Filmsequenz vervielfältigt und aneinandergereiht. Durch synchronisierte und desynchronisierte Filmabläufe entsteht eine neue Raum-Zeit Bühne.

Sophie Pölzlhat in ihrer Serie 20 Minuten Menschen in einem Studio vor eine Lochkamera gestellt, die mit Direktpositiv-Papier bestückt war. Hellem Licht ausgesetzt, durften sich die Porträtierten 20 Minuten nicht bewegen. Sie waren sich selbst überlassen. Diese Situation wurde teils als psychische Anspannung, teils als angenehmer Stillstand empfunden. Jedes Bild trägt sozusagen den Denkprozess bzw. die Empfindungen eines Menschen in 20 sehr intensiven Minuten in sich.

Paul Schneggenburgerhält in der Schwarz-Weiß-Serie Der Liebenden Schlaf in Langzeitbelichtungen von sechs Stunden jeweils die Nacht eines gemeinsam schlafenden Paares auf einem Foto fest. Die Zu- und Abwendungen der Schlafenden – die in einem mit Kerzen beleuchteten Zimmer in der Wohnung des Künstlers nächtigen, ohne dass dieser anwesend ist – überlagern bzw. verdichten sich zu einem emotional sehr berührenden, fast tänzerisch-poetischen Bild. Der gemeinsame Schlaf wird als Zustand der Kontrolllosigkeit, aber auch der Hingabe und Vertrauensbekundung visualisiert.

Karen Stuke(Opera Obscura) „will das ‚andere’, das absolute Theaterfoto machen. Das Bild, das alles in sich vereint, die ganze Szene, den ganzen Akt, das ganze Programm. So kam sie fast zwangsläufig zu dem anachronistisch langsamen Instrument, der Camera Obscura, das dies ermöglicht (…). Auf die Inszenierung der Bühne reagiert sie mit der Inszenierung der Kamera, der die Inszenierung des Bildes in bühnenähnlichen Kästen folgt. Ein eigenes Bildsystem entsteht“. (Gottfried Jäger)

Michael Weselybaut analoge Kameras, um zum Teil extreme Langzeitbelichtungen durchführen zu können. Diese ermöglichen es ihm, urbane bzw. architektonische Entwicklungen – wie zum Beispiel in den in der Fotogalerie Wien gezeigten C-Prints Palast der Republik, Berlin (2006-2008) – aber auch biologische Veränderungen in jeweils einem Foto festzuhalten. Weselys künstlerische Arbeit kreist um die Auseinandersetzung mit dem Wesen der Fotografie, um die Visualisierung und Strukturierung von Licht und Zeit. Das Foto als Momentaufnahme wird zugunsten eines von mehreren sich überlagernden, prozesshaft entstandenen Situationen neu definiert.

F O T O G A L E R I E    W I E N

Petra Noll, im Namen des Kollektivs

SOLO II - Martin Bilinovac Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2011,
SOLO II - Martin Bilinovac
Exposure
BILDER Nr. 250

Die FOTOGALERIE WIEN hat 2010 mit einem neuen Ausstellungsformat gestartet: SOLO. Jährlich wird nun eine der acht stattfindenden Ausstellungen einem/einer jungen aufstrebenden Künstler/in als Einzelausstellung gewidmet. Die neue Ausstellungsreihe fungiert als Plattform und Sprungbrett für KünstlerInnen, die gerade am Beginn ihrer Karriere stehen, aber bereits über ein umfangreiches Werk verfügen, das einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden soll. Ziel ist es, eine nachhaltige Bekanntheit für die/den ausgewählte/n Künstler/in zu schaffen, wozu auch das Anliegen gehört, die jeweiligen SOLO-Ausstellungen national und international auf Wanderschaft zu schicken.
 
Für die zweite Ausstellung, SOLO II, konnte der 1981 in Graz geborene, in Wien und Linz lebende Künstler Martin Bilinovac gewonnen werden. Bilinovac hat in der Schule für künstlerische Fotografie Friedl Kubelka Wien, an der Universität für Angewandte Kunst Wien und an der Kunstakademie Münster studiert.

Unter dem Titel „Exposure“ zeigt er in der FOTOGALERIE WIEN einen Überblick über seine Arbeiten aus den Jahren 2009 bis 2011. Martin Bilinovacs hier ausgestellte Fotografien zeigen Interieurs – menschenleere Räume, in denen er Einrichtungsgegenstände in zum Teil surreal wirkenden Konstellationen inszeniert hat. Die Arbeiten untersuchen die Beziehung von Wahrnehmung und Raum beziehungsweise von Ding und Mensch. Bilinovacs Räume sind grundsätzlich streng, oft symmetrisch komponiert und zeigen Gegenstände in frontaler Direktheit, was zunächst auf die Unmittelbarkeit einer Momentaufnahme verweist.

Bei näherer Betrachtung jedoch irritieren seine Bilder – so fällt der Blick beispielsweise auf eine mit Matratzen verbarrikadierte Türe, die die Szene als zweiter Rahmen umschließt, was einerseits ein abgerundetes Bild im Bild und andererseits eine Entrückung des Betrachters zur Folge hat. Dadurch gelingt es Bilinovac, die spezifischen Merkmale der Fotografie hervortreten zu lassen.
 
„Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge“, so der deutsche Dichter Novalis. Das Wesen der Dinge zu ergründen bedeutet, der „Wahrheit“ näher zu kommen. Wird ein Ding aus seinem ursprünglichen (Funktions-)Zusammenhang beziehungsweise unseren vorgeprägten Ordnungen genommen und in ein anderes Bezugssystem (z.B. in das der Kunst wie bei Bilinovac) gestellt, wächst seine Bedeutung durch die veränderte Realität über seine bloße Erscheinung hinaus und wird zum Anlass geistiger Beschäftigung. Der Fotografie als Medium zwischen Sein und Schein kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Bilinovac lotet in seinen Arbeiten den Bereich zwischen Realität und Imagination, zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit aus und eröffnet uns damit neue Deutungsräume.
 
F O T O G A L E R I E    W I E N
Petra Noll, im Namen des Kollektivs