2015

Bilder

TEXT:BILD / BILD:TEXT III Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2015,
TEXT:BILD / BILD:TEXT III
Inspiration
BILDER Nr. 288

CARLA DELLA BEFFA (IT), OLIVIER CORNIL (BE), PAUL DROGLA (DE), THOMAS GARCIA (AT), ROWENA HUGHES (UK), SVEN JOHNE (DE), CORINNE RUSCH (CH/AT)

Eröffnung:
Montag, 23. November um 19.00 Uhr
Einführende Worte: Annika Lorenz
Ausstellungsdauer:
24. November 2015 bis 16. Jänner 2016
 
sponsored by: BKA Kunst; MA7-Kultur; Cyberlab, Bezirkskultur Alsergrund
Dank an Michael Goldgruber
 
 
Der Ausdrucksapparat des Menschen ist vielseitig. Eines seiner ursprünglichsten Artikulationsmittel – der Körper – wurde stetig durch immer abstrakter werdende Zeichensysteme ergänzt und in manchen Bereichen sogar durch diese ersetzt. Neben Bildern war und ist die Sprache, verbunden mit ihrer grafischen Form, eine der Hauptstrukturen der Kommunikation, Vermittlung und Darstellung. Daher ist die semiotische Untersuchung der spannungsvollen Wechselbeziehungen dieser beiden spezifischen Kodierungen ein wiederholt auftretendes Feld in der Kunst. Diese setzt sich mit dem gesellschaftlichen Umfeld, dessen Besonderheiten und ihrer eigenen Positionierung innerhalb dieser auseinander. Verbunden mit der Hinterfragung der medialen Spezifika in diesem Konnex, müssen die künstlerischen Arbeiten immer wieder erneut ausgelotet werden. Die FOTOGALERIE WIEN präsentiert in ihrem diesjährigen Schwerpunkt Text:Bild / Bild:Text künstlerische Arbeiten, die sich jenen komplexen Wechselbeziehungen und deren Bedingungen zuwenden, wobei durch das kuratorische Kollektiv in dieser dreiteiligen Ausstellungsserie das Hauptaugenmerk auf die Unterthemen Transformation, Symbiose und Inspiration gelegt wird.

Nach Transformation und Symbiose in Hinblick auf die gegenseitige Beeinflussung der Zeichensysteme Text und Bild, schließt der diesjährige Schwerpunkt mit der Thematik Inspiration. Die KünstlerInnen beschäftigen sich in dieser Ausstellung mit dem direkten Zusammenhang von Text- und Bildbeziehungen durch verschiedene Herangehensweisen. Neben klassischen literarischen Genres wie Gedichten, Märchen und Sagen stehen auch die Geschichten des täglichen Lebens im Fokus sowie die Frage nach der medialen Umsetzung und die sich daraus entwickelnden Auswirkungen auf die Narrationen und die Bilder. Durch die Interpretation, Reflexion und Übersetzung in differente Medien wie Fotografie, Video, Animationsfilm, Wandinstallation oder Skulptur kontextualisieren die KünstlerInnen diese neu bzw. laden sie mit weiteren Diskursen auf.
 
Corinne Rusch
s Fotografien beschäftigen sich mit der Natursagenwelt verschiedener Länder. Die kurzen Erzählungen basieren auf fantastischen Ereignissen, die wie Berichte nach tatsächlichen Begebenheiten aufgebaut sind. In ihren Arbeiten sucht sie die real existenten Schauplätze der Geschichten auf, inszeniert Auszüge daraus interpretativ und visualisiert diese in Schwarz-Weiß, in Nebelstimmung, düster mit einem Hauch zur Mystik. In der formalen Umsetzung der fortlaufenden Serie, hier exemplarisch mit Arbeiten vertreten, die in der Schweiz entstanden sind, lässt sich die durch Schrecken erzeugte Urangst des Menschen erahnen, die die Sagen transferieren. Das Medium Text tritt in dieser Arbeit in den Hintergrund und öffnet die Bilder den Betrachtenden für ihre eigenen Narrationen.

Mit einer Figur der Mystik setzt sich auch Paul Drogla in seiner Arbeit Die Metamorphosen des Vampirs (2007–10) auseinander. Ursprung dieses Werkes ist das Gedicht „Die Verwandlungen des Vampir“ von Charles Baudelaire aus „Die Blumen des Bösen“. Mittels verschiedenster sich überlagernder Animationstechniken werden die beschriebenen Metamorphosen eines Vampirs anhand der Figur einer Femme fatale in Kürze durchexerziert. Das Spiel zwischen stereotypen Rollenklischees, deren Verwandlung und Auflösung, die Nähe zum Film Noir, die Gegenüberstellung von Schwarz und Weiß verweisen auf immer wiederkehrende Polaritäten, die in der Filmgeschichte auftreten. Nicht zuletzt ist das Video eine visualisierte Form einer subjektiven Lesart eines literarischen Textes, welche im klassischen Film ebenfalls immer wieder zu finden sind.

Auch in der Videoarbeit Petit Chaperon Rouge (Wolf-dating) (2009) von Carla Della Beffa dreht sich alles um die interpretative Umsetzung eines literarischen Themas. Wie in „Rotkäppchen“ der Gebrüder Grimm, trifft das Mädchen auch hier auf den bösen Wolf, der es auffrisst. Die Künstlerin orientiert sich jedoch im Speziellen an der Verfilmung von Charles Perraults’ “Rotkäppchen”, einer brutaleren Version des Märchens. Das Aufeinandertreffen der beiden Akteure erfährt auf medial-mehrschichtige Weise differenzierte narrative Umdeutungen. Die Überlagerung ermöglicht es, eine eigene Geschichte zusammenzustellen, die das kollektive Wissen der Betrachtenden nutzt, um sie direkt einzubinden. Das Quellenmaterial wird darin zur Grundlage weiterer Diskurse wie Essen, Sexualität und Rollenverteilungen. Die überlagernde Schrift ist damit die Intentionsgeberin, die das Bildliche mit einem bestimmten Inhalt verbindet oder diesen hervorhebt und zu einer neuen Lesart des Märchens anregt.
 
Olivier Cornils Arbeit Vladivostok (2010) vereint eine Zusammenstellung von Bildern differenter Reisen mit eigenen Textpassagen in einem Buchformat. Die Texte entstanden parallel zu den Aufnahmen und sind somit als eine Erweiterung zu diesen zu verstehen. Durch die fehlende Zuordnung vermitteln sie keinen die Einzelbilder erklärenden Inhalt, sondern unterstreichen eher eine subjektive Wahrnehmung in ihrer Momenthaftigkeit. Der einzige Hinweis auf eine Verortung ist der Titel – Vladivostok. Allerdings stammen weder die Bilder noch die Texte von dort, da Cornil selbst noch nie in dieser Stadt war. Damit ist selbst der Titel des Buches nicht mit dem Inhalt verbunden. Er steht als Symbol für die Neugier auf das Unbekannte, für eine subjektive Vorstellungskraft und lädt so den oder die BetrachterIn ein, sich seiner Reise anzuschließen.

Sven Johnes Werk Jutta (2014) hingegen befasst sich mit einer wahren Geschichte. Der Film spielt auf einer Südseeinsel; er basiert auf dem Leben des deutsch-brasilianischen Finanzunternehmers Eike Batista, der als Initiator lukrativer Öl- und Goldgeschäfte zum einst siebtreichsten Menschen der Welt wurde, aber letztlich an seinen Scheinprojekten in Brasilien scheiterte. Der biografische Mono-/ Dialog, den die Mutter mit der abwesenden Haushälterin führt, stellt die Handlungen des Sohnes in seiner positivistischen Scheinwelt einer realen der Mutter gegenüber. Diese Differenz wird durch die Zeichnungen im Film unterstrichen, die als Metapher für die Abkopplung der globalen Finanzmärkte von der Realität gelesen werden können. Nicht als Dokumentation, sondern als Interpretation eines vorgefundenen Themas angelegt, stellt Johne auch die Authentizität und den Beweischarakter des Mediums Film in Frage.

Rowena Hughes dekonstruiert in ihren Arbeiten Dipole Moments (2010), Logic in Practice (2012), Applications of Interferometry (2014), Glass (2013) und Magnetism (2013) alte wissenschaftliche Bücher, indem sie sie mit Zeichnungen, Fotografien oder gefundenen Bildern aus dem Internet in verschiedenen Druckverfahren überarbeitet. Anschließend werden die Seiten in ihrer Ursprungsform in den originalen Buchrücken eingesetzt. Die differenten Materialien und deren Überlagerung verweisen formal auf die instabilen Verbindungen von Texten und Bildern im Digitalen gegenüber dem Analogen. Die linguistischen Readymades heben zudem die ursprüngliche Leserichtung auf und erzeugen durch das Fragmentarische eine Räumlichkeit, die die Vieldeutigkeit des Mediums unterstreicht. Diese Verräumlichung und Haptik wird besonders in der Arbeit Undue Flexure (2015) deutlich, in der die Entwicklung vom lesbaren Inhalt zum kinetischen Potenzial und zur Objekthaftigkeit eine besondere Qualität offenbart.

Eine Reduktion auf Interpretation und Aufhebung von Syntax und Grammatik wird auch in Thomas Garcias Arbeit Verzichte von der Liebe. Ein Bildband sichtbar. Das Ausgangsmaterial, ein Gedichtband von Erich Fried, durchläuft in seiner Digitalisierung einen Umdeutungsprozess. Die Bilddateien werden mittels eines OCR-Programmes einer automatisierten Texterkennung unterzogen, die daraus resultierenden Fragmente durch den Künstler neu interpretiert und im Video abwechselnd zwischen interpretiertem und fragmentiertem Gedicht vorgetragen. Dieser inhaltliche wie mediale Übersetzungs- und Deutungsprozess verdeutlicht die Differenz zwischen einer technischen und einer subjektiven Deutung von textuellen Fragmenten. Die Prägungen, die im Programm des Computers bzw. in der Entwicklung des Einzelnen eingeschrieben sind, werden hervorgehoben.
 

TO DRAW A BOW TO BEND A LINE Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2015,
TO DRAW A BOW TO BEND A LINE
BILDER Nr. 287

ALAN CICMAK (DE), EDGAR LISSEL (DE/AT), MARTINA MENEGON / STEFANO D'ALESSIO (IT), ANDREAS MÜLLER (AT), INGO NUSSBAUMER (AT), SARAH RECHBERGER (AT), KARLHEINZ STOCKHAUSEN (DE) / FRANK SCHEFFER (NL), HERWIG TURK (AT)

Eröffnung
: Montag, 12. Oktober um 19.00 Uhr
Einleitende Worte: Julian Tapprich
Ausstellungsdauer: 13. Oktober bis 14. November 2015

Begleitprogramm: 23. Oktober um 20.00 Uhr
Filmscreening  Karlheinz Stockhausen: Helikopter-Streichquartett von Frank Scheffer,1995, 78 min., mit einer Einführung von Andreas Müller
 
sponsored by: BKA Kunst; MA7-Kultur; Cyberlab, Bezirkskultur Alsergrund
Dank an: Stockhausen-Stiftung für Musik und Frank Scheffer, Galerie Stadtpark Krems, Eye Filmmuseum Amsterdam

Lange Zeit geradezu in geschwisterlichem Naheverhältnis gesehen, ist heute fast vergessen, wie viele Berührungspunkte es zwischen Kunst und Wissenschaft gibt. Gilt es doch da wie dort die Welt neu zu denken, neue Verstehensmodelle zu erproben oder Bilder für etwas zu finden, das gerade noch ungreifbar erschien. Experiment und Versuchsanordnung liegen dabei nicht selten im Kern des jeweiligen Unterfangens. Die FOTOGALERIE WIEN zeigt acht künstlerische Positionen, die unerwartete Erkenntnisse hervorbringen. Was eben noch als Linie gedacht wurde, darf jetzt einen Bogen schlagen: In der Ausstellung To Draw a Bow to Bend a Line werden Lichtwellen gebrochen und Wellenbewegungen eingefangen, die DNA zum Klingen gebracht und Bakterien in ungeahnten Beschäftigungsmöglichkeiten eingesetzt.

Julian Tapprich
Kurator: Julian Tapprich
Co-Kurator: Andreas Müller

Alan Cicmak
IBREAKWATER, 2008–2010

Das Filmmaterial, das der Arbeit Breakwater zugrunde liegt, stammt aus dem Film „Building a Harbor at San Pedro“ von Thomas A. Edison, gedreht am 19. Dezember 1901. Während der Konstruktion eines Hafendamms in San Pedro installierte Edison eine Kamera auf einem kleinen Boot, um von dort aus die Arbeiten am Pier zu dokumentieren.
Aus diesem Film wurde eine Sequenz entnommen (2 sec. / 48 frames), um die Bewegung der Kamera, die durch den starken Wellengang auf dem Wasser verursacht wurde, nachzuempfinden und in der Folge zu korrigieren. Die 48 Bilder sind neu ausgerichtet, indem sie an einer Horizontlinie angesetzt wurden. Ausgedruckt auf transparenten Folien, sind die Einzelbilder im Raum aneinandergereiht, um die originäre Narration der Aufnahme wiederzugeben.
Wenn der Betrachter aus einem gewissen Winkel auf diese Bögen blickt, wird die Kamera­bewegung sichtbar und stellt somit eine Rekonstruktion der Welle in diesem speziellen Moment dar. Durch die Methode der Hängung ist es jedoch auch möglich, zwei Sekunden Film in realem Raum zu sehen.
Alan Cicmak

Edgar Lissel
Bakterium – Selbstzeugnisse, 1999–2001

Cyanobakterien besiedeln die Erde seit etwa 3,5 Mrd. Jahren und waren dafür verantwortlich, erstmalig Sauerstoff in die Uratmosphäre der Erde abzusondern. In dieser Atmosphäre, in der Sauerstoff bisher allenfalls in nur sehr geringen Konzentrationen enthalten war, schufen die Cyanobakterien so die Grundlage für die Evolution zahlreicher Lebewesen und unsere heutigen Lebensbedingungen.
Es sind genau diese Bakterien mit ihren Bezügen in die frühe Evolutionsgeschichte als Basis unseres heutigen Lebens, die für mich als bildenden Künstler seit nunmehr 15 Jahren von größtem Interesse sind. In dem Werkzyklus Bakterium werden die Bakterien nicht nur abgebildet, sondern vielmehr selbst zum Bildträger. In diesen Arbeiten stellt die Eigenschaft der Bakterien, sich zum Licht hin zu bewegen, ein zentrales Thema dar. Die Bakterien sind fotosensibel, wandern aus den Schattenbereichen ab und orientieren sich über mehrere Tage und Wochen hin zu den Stellen, auf die Licht trifft. Die Idee des „Fotografischen“ und grundsätzliche Parameter der Fotografie werden hier in einen biologischen Prozess übertragen. Ephemere Zustände der Bildobjekte werden in diesen Arbeiten nicht nur abgebildet, der Prozess des Werdens und Vergehens ist im Innersten des lebenden Mediums selbst enthalten.
Für Bakterium – Selbstzeugnisse wurden Mikroskopaufnahmen der Strukturen einzelner Bakterien auf mit Bakterienlösung gefüllte Petrischalen projiziert. Auf diese Weise bilden die Bakterienkulturen ihr eigenes Mikrobild nach. Eine Unmenge für das Auge nicht erkennbarer Organismen formiert sich zu einem Superzeichen eben dieser Organismen, deren Lebendigkeit in ihr Abbild eingeht.
Edgar Lissel

Stets ging es Lissel um autografische beziehungsweise autoreproduktive Verfahren. Lissels Kunst liegt sozusagen in der Buchstäblichkeit der Fotografie. Und es liegt nahe, hier diesen Prozess einen Bio-Grafischen zu nennen, in dem sich also tatsächlich, buchstäblich, eine organische Bewegung zur gestaltenden Bilderschrift einschreibt. Die von Lissel gestellte Zeit ist schwerlich eine Zeit der fotografischen Repräsentation zu nennen, sie stellt historischen Grund und Jetztzeit in ein gespenstisches Werden. Die bakterielle Zeit der Fotografie ist die eines gedehnten Augenblicks ... im Verschluss der Petrischale.
Hubertus von Amelunxen (Auszug)

Edgar Lissel gelangt durch seine Beschäftigung mit Cyanobakterien zu einer eigenen Methode der Bilderzeugung. Er nutzt die Eigenschaft dieser Bakterien, sich zum Licht hin zu orientieren: In einer Agar-Nährlösung in durchsichtigen Petrischalen wachsen die Bakterienkulturen entlang der von ihm vorgegebenen Bilder. Anschließend fixiert er diesen biologischen Prozess mittels Fotografie. Für die Arbeit Bakterium – Selbstzeugnisse (1999–2001) zeichnen die Bakterienkulturen Mikroskopaufnahmen ihrer selbst nach. Lissels Fotografien dokumentieren den Moment dieses Verlebendigungsprozesses des Bildes, in dem die sonst von bloßem Auge unsichtbaren Wesen sich selbst in Überlebensgröße sichtbar machen.

MARTINA MENEGON / STEFANO D’ALESSIO
TRANSLATION

Translation ist das Ergebnis einer Untersuchung mit dem Ziel, einen experimentellen audio-
visuellen Fingerprint des räumlichen Kontexts eines ausgestellten Werkes zu schaffen. Die Installation besteht aus einer Kamera, einem Computer, zwei Monitoren, einem Lautsprecher und einem Mikrofon.
Die Kamera nimmt das Bild der Umgebung auf, das anschließend vollständig eingescannt wird. Die eingescannte Pixelreihung wird auf dem ersten Monitor gezeigt und unmittelbar in Ton übersetzt. Über den Lautsprecher wird der Ton in den Raum abgegeben, wo er sich mit im Raum real vorhandenen Tönen und Geräuschen vermischt und anreichert.
Dieser Ton wird schließlich vom Mikrofon wieder eingefangen und in ein Videobild rückübersetzt, sodass der vorangegangene Ablauf nun in umgekehrter Form erfolgt.
Dies erzeugt ein im zweiten Monitor sichtbares „Überbild“, ein visuelles Abbild des Raumes, das auch seine akustischen Charakteristika beinhaltet.
Martina Menegon, Stefano D’Alessio

Ingo Nussbaumer
Ingo Nussbaumers Lichtinstallationen loten gezielt die Möglichkeiten farbiger Erscheinungsweisen von Spektralfarben aus, die mittels Spalt- und Stegblenden und Prismen erzeugt werden können. Durch seine spezielle Art, Vollspektren zu fragmentieren, gelingt ihm eine Simultanität sonst vereinzelter physikalischer Experimente, welche die BeobachterInnen im Raum und vor dem Instrument und Objekt ermitteln können. Die Fotogalerie Wien zeigt eine dieser Möglichkeiten, beschränkt auf die einfachste experimentelle Situa­tion einer „dunklen Kammer“, in der Licht in ein Regenbogen- bzw. Newton-Spektrum zerlegt wird.
Ingo Nussbaumer

Andreas Müller
begann 2010 für vier Jahre, in Zusammenarbeit mit Michael Hämmerle als technischem Leiter, die Videoarbeit Kairos (Zur Topologie der Zeit) zu entwickeln. Wie der Titel bereits suggeriert, wird in ihr das System der Zeitmarkierung, genauer die Dauer eines Tages, auf differente Weise visualisiert und verortet. Der Ausgangspunkt der Arbeit liegt in der klassischen digitalen Zeitanzeige, die hier genutzt wurde, um die in ihr inhärente Symmetrie und das gleichzeitige Ungleichgewicht, welches durch sie entsteht, in die Ästhetik eines choreografischen Bewegungssystems zu übertragen. Durch die Sichtbarmachung der Übersetzung in eine computersprachliche Notation mit Hilfe der präzisen Steuerungsmethode einer CNC-Fräse wird das unsichtbare Potenzial dieser Systeme durch die künstlerische Forschung hervorgehoben.
Um diese zu visualisieren unterlegt der Künstler die Bewegungsabfolge mit einem kartesischen System, das durch den schwarzen Grund und die fehlende Perspektive nicht räumlich verankert ist und somit einen Zustand des Schwebens vermittelt. Die Länge und Richtung der Laserbewegung wird bestimmt durch die Anzahl der gleichen Zahlenwerte im Timecode links unten im Bild. Wenn die Anzeige auf 00:01 fällt – und somit ein Verhältnis 1:3 entsteht – beginnt die Abfolge des Weges aus Sicht der BetrachterInnen mit einem Feld nach rechts und drei nach unten. Durch die Drehbewegung der Einzelpunkte der Laser und den hinzugefügten Nebel entwickelt das Licht eine permeable Körperhaftigkeit, die durch ihr leichtes Trägheitsmoment innerhalb der Richtungsänderung an eine tanzende Figur oder Säule erinnert.
Kairos (Zur Topologie der Zeit) nutzt die Notation, um die Zeit ihrem gewohnten Messungssystem zu entziehen und sie neu zu interpretieren. Es kommt zu einer Verdichtung, welche die Dauer einer Minute hin zu vier Sekunden durch das Zahlenverhältnis verkürzt und so ein ganzer Tag in einer zweistündigen Projektion greifbar gemacht werden kann. Giorgio Agambens Verständnis des Kairos als gestauchte Wiederholung des Chronos ist nicht nur im Formalen, sondern auch im gewählten Medium selbst verankert, da das Videoformat ein ständiges Wiederkehren bzw. ein Festhalten des vermeintlichen Augenblickes ermöglicht. Der rechte Moment verliert damit seine Besonderheit der Unwiederbringlichkeit. Gleichzeitig erfährt er aber eine erneute Aufladung durch die Augenblicke des Stillstandes, die entstehen, wenn alle Werte übereinstimmen und mit einer kurzen fixierten Drehbewegung hervorgehoben werden.
Annika Lorenz, 2015

Sarah Rechberger
Die Projektion ist ein einfaches Quadrat. Von unten bescheint sie den Kubus. In der Mitte ist eine Kurbelwelle angebracht.
Durch Rotation bewegt der exzentrische Punkt die vier Drähte, die an dem elastischen Stoff angebracht sind, hin und her.
Die Oszillationsmaschine zieht sich zusammen und dehnt sich aus – ähnlich einem Herzschlag oder der Atmung. Durch die Druck- und Zugpunkte (Vektoren) zeichnet sich die Lichtlinie. Durch Druck nach außen krümmt sich die Linie nach oben, und der Zug nach innen krümmt sie nach unten. Die Wellen auf dem semitransparenten Stoff pulsieren in einer ähnlichen Frequenz des Herzrhythmus’. Es scheint so, als würde die Welle dem Draht (bzw. dem Druck- und Zugpunkt) entweichen. In der Mitte berührt der Punkt die gerade Horizontlinie, bevor sie sich wieder entzieht.
Im Ausstellungsraum erzeugt die Maschine durch ihr Rotieren und Pulsieren eine Dynamik und bezieht den Betrachter mit ein. Er wird von dem Lichtspiel angezogen aber auch auf Distanz gehalten, weil die Drähte nach außen spießen.
Sarah Rechberger

Herwig Turk
Das Ausgangsmaterial für die Videoinstallation DNA-Film (2008), die DNA-Sequenz, sind kleine, etwas unscharfe schwarz-weiße Rechtecke auf Filmmaterial, wie sie durch Elektrophorese gewonnen – in Reihen angeordnet – im Labor zu finden sind. Sie haben Ähnlichkeit mit den Lochkartensystemen, welche für die frühen Computergenerationen verwendet wurden, aber auch Analogien zum schwarz-weiß flackernden Anfang oder Ende einer Filmrolle. Das Video wurde durch eine einfache lineare Animation generiert, die Tonspur entstand durch direkte Übersetzung der Luminanzschwankungen der einzelnen Frames. Es geht in dieser Arbeit um die Information, die sich prinzipiell aus der Sequenzierung herauslesen lässt, wenn die Parameter der Interpretation modifiziert werden und damit die Übersetzung in eine direkte sensuelle Erfahrung erfolgt. Durch diese Übersetzung wird die Sequenz nicht weniger exakt wiedergegeben und könnte – durch spezielle Empfänger dechiffriert –
sogar reichhaltigere Information beinhalten als das Ausgangsmaterial. Im weiteren Sinn ermöglicht die Arbeit die Verhandlung von Leserlichkeit und Übersetzung wissenschaftlicher Daten. Entscheidend dabei ist der Sprung von einer zweidimensionalen grafischen Abbildung zu einer zeitbasierten Schleife, in der die Information auch akustisch verfügbar gemacht wird. Durch diese Transformation verändert sich die Qualität des Ausgangsmaterials grundlegend und verlangt eine andere Erfassung und Wertung jenseits der etablierten Konventionen.
Herwig Turk

Karlheinz Stockhausen / Frank Scheffer
„Das Helikopter-Streichquartett ist allen Astronauten gewidmet“
Karlheinz Stockhausen

Das Helikopter-Streichquartett vom deutschen Komponisten Karlheinz Stockhausen ist eines der komplexesten musikalischen Werke, die jemals aufgeführt wurden. Es wurde 1991 vom Salzburg Festival als Teil von Stockhausens Opernzyklus Mittwoch aus Licht in Auftrag gegeben. Dieses einzigartige Klangerlebnis, welches für ein Streichquartett-Ensemble geschrieben wurde, das separiert in vier Helikoptern zusammen mit ihren Piloten spielte – begleitet von vier Tontechnikern, vier Videosendern, 4 x 3 Tonübertragungsgeräten und einem Auditorium mit vier Bildschirmen und vier Lautsprechertürmen, dem Tonregisseur und einem Moderator, erlebte schließlich 1995 seine Premiere in den Niederlanden beim Holland Festival.
Während sie einander nicht hören konnten und es nur möglich war, den Takt mittels eines Click-Tracks untereinander zu synchronisieren, spielten die Streicher zumeist Tremolos,
welche so gut in die Klangfarbe der Rotorblatt-Rhythmen übergingen, dass diese wie Musik­instrumente klangen. Somit wurden die Piloten der Holländischen Luftwaffe, welche die Helikopter flogen, ebenfalls zu Ausführenden. Im Verlauf der Aufführung übertrugen Kameras und Mikrofone über vier Bildschirm- und vier Lautsprechertürme in der Bodenstation das Spiel der vier Musiker zum Publikum. Gleichzeitig konnte durch die gläsernen Cockpits der Helikopter die Welt von oben betrachtet werden.
Dieses Projekt ist eines der wichtigsten in dem Sinn, was technisch in großem Ausmaß erreicht werden kann. Die Live-Aufführung war an jenem Tag exklusiv dem Publikum, welches die Inszenierung und Realisierung von Stockhausens Traum erleben durfte, vorbehalten.
Es war Irvine Arditti, welcher meine Aufmerksamkeit auf das Projekt lenkte. Nachdem ich schon 1987 mit ihm zusammengearbeitet hatte, dachte er, das Projekt würde mich interessieren. Es wurde klar, dass das Holland Festival die Premiere wollte, aber nicht das Geld hatte diese umzusetzen. Darum bin ich finanziell eingestiegen, um das Projekt zu ermöglichen. Der erste Filmtag im Mai 1995 war sehr wichtig für mich. Am Morgen drehte ich Mahlers 2. Symphonie mit dem Royal Concertgebouw Orchester – unter der Leitung von Bernd Haitink – für meinen Film Conducting Mahler und am Nachmittag filmte ich die erste Probe des Helikopter-Streichquartetts mit Stockhausen. Innerhalb eines Tages sprang ich ein Jahrhundert nach vorne.
Frank Scheffer


Wir freuen uns mitzuteilen, dass wir an der Art Photo Budapest (8.–11. Oktober 2015) teilnehmen und unseren SOLO-Künstler 2015, Thomas Albdorf (AT), präsentieren.
Dank an: Österreichisches Kulturforum Budapest
Das Kollektiv der Fotogalerie Wien erklärt sich solidarisch mit der nicht regierungskonformen ungarischen Kulturszene.
 

TEXT:BILD / BILD:TEXT II Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2015,
TEXT:BILD / BILD:TEXT II
Symbiose
BILDER Nr. 286

EDWIN FAUTHOUX-KRESSER (FR), HANAKAM & SCHULLER (DE/AT), MARIA A MÄSER (AT), MARTIN NYTRA (CZ), WOLFGANG PLÖGER (DE), CHIBUIKE UZOMA (NG), ARYE WACHSMUTH (DE/AT), PHILLIP WARNELL (GB)

Eröffnung
: MITTWOCH, 2. September um 19.00 Uhr
Einführende Worte: Annika Lorenz
Ausstellungsdauer: 3. September bis 3. Oktober 2015

Rahmenprogramm: Filmvorführung in Anwesenheit Phillip Warnell:
Freitag, 2. Oktober um 19.00 Uhr
Phillip Warnell, Ming of Harlem: Twenty One Storeys in the Air, UK/BE/US, 2014, DCP, 71:00 min., mit Antoine Yates, Ming und Al
Text: Jean-Luc Nancy; Musik: Hildur Gudnadottir; Cinematografie: David Raedeker; Produktion: Phillip Warnell & Madeleine Molyneaux;
Co-Produktion: Big Other Films (London), Picture Palace Pictures (New York), Michigan Films (Brüssel)

 sponsored by: BKA Kunst; MA7-Kultur; Cyberlab, Bezirkskultur Alsergrund
Dank an: KulturKontakt Austria, Wien

Der Ausdrucksapparat des Menschen ist vielseitig. Eines seiner ursprünglichsten Artikulationsmittel – der Körper – wurde stetig durch immer abstrakter werdende Zeichensysteme ergänzt und in manchen Bereichen sogar durch diese ersetzt. Neben Bildern war und ist die Sprache, verbunden mit ihrer grafischen Form, eine der Hauptstrukturen der Kommunikation, Vermittlung und Darstellung. Daher ist die semiotische Untersuchung der spannungsvollen Wechselbeziehungen dieser beiden spezifischen Kodierungen ein wiederholt auftretendes Feld in der Kunst. Diese setzt sich mit dem gesellschaftlichen Umfeld, dessen Besonderheiten und ihrer eigenen Positionierung innerhalb dieser auseinander. Verbunden mit der Hinterfragung der medialen Spezifika in diesem Konnex, müssen die künstlerischen Arbeiten immer wieder erneut ausgelotet werden. Die FOTOGALERIE WIEN präsentiert in ihrem diesjährigen Schwerpunkt Text:Bild / Bild:Text künstlerische Arbeiten, die sich jenen komplexen Wechselbeziehungen und deren Bedingungen zuwenden, wobei durch das kuratorische Kollektiv in dieser dreiteiligen Ausstellungsserie das Hauptaugenmerk auf die Unterthemen Transformation, Symbiose und Inspiration gelegt wird.

Die Verbindung von Schrift und Bild ist eine ständige Begleiterin in unserem Alltag – unzählige Bilder entstehen, werden im Internet und anderen Medien geteilt, kommentiert oder befinden sich im öffentlichen Raum. Die Besonderheiten und Konnotationen, welche die Systeme besitzen – wie sie sich bedingen oder stören – werden bewusst eingesetzt oder völlig übersehen. Im Rahmen des Schwerpunktes Text:Bild / Bild:Text der FOTOGALERIE WIEN werden in der zweiten Ausstellung Symbiose diese gegenseitigen Aufladungen, ihr Verschmelzen und die daraus resultierenden Einflüsse innerhalb oder außerhalb des Kunstwerkes hinterfragt. In der internationalen Gruppenausstellung wird neben zahlreichen Arbeiten der Bereiche Fotografie, Video, Installation, ein Schwerpunkt auf das Format des Künstlerbuches gelegt


Edwin Fauthoux-Kressers variable Wandinstallation L’instabilité des phénomènes (2013) aus Text- und Bildmaterial verbindet dokumentarisches Archivmaterial der TU Wien und seines Großvaters, einem Hydrologen, mit der subjektiven Auseinandersetzung des Künstlers zur Thematik Wasser. Die historischen Fotografien aus der Zeit der Wiener Donauregulierung werden von visuellen und textuellen Kommentaren begleitet, die Fauthoux-Kresser ortsspezifisch ausrichtet. Die Zusammenführung dieser beiden Formen führt zu einer Poetisierung und Fiktionalisierung der dokumentarisch-wissenschaftlichen Materialien. Dieser Eindruck wird besonders ersichtlich in seinem zur Arbeit erschienenen gleichnamigen Buch.

In der Videoarbeit Trickster (2014) erschaffen Hanakam & Schuller durch eine spielerische Komposition von abstrakten Einzelelementen einen Katalog differenter Archetypen von Orten, Figuren, Artefakten und Aktionen. Durch den Wechsel der Formen entsteht eine narrative Linie, die auf einer kohärenten, global-verständlichen Designästhetik basiert. Diese wird durch die eingeblendete historische Fachsprache eines musealen Inventarkataloges der National Gallery of Scotland textuell aufgeladen und gleichzeitig einer Irritation unterzogen. Durch die Neukontextualisierung der schriftlichen Auszüge rücken die spezifische Rezeptionsform, die mit ihr verbundene Semiotik und damit das Verhältnis von sprachlicher und ästhetischer Erkenntnis in den Vordergrund.

Maria a Mäser präsentiert in ihrer Installation maybe it was u... (2014) an verschiedenen Stationen die Reflexion von Strukturen visueller Erfahrungen, deren Einbettung in sprachliche Systeme und somit die Beeinflussung auf die Betrachtenden bzw. deren Rolle innerhalb der Erschließung des Werkes selbst. Ausgehend von adaptierten Fotografien und Objekten erschafft die Künstlerin einen visuellen Referenzrahmen, den sie mit verschiedenen Formen textuellen Inhaltes auditiv ergänzt. Diese Tonspuren werden von Mäser aus verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen entnommen und erweitern sich durch einen subjektiven Erfahrungsbericht der Künstlerin. Die thematischen Schwerpunkte der Texte reflektieren vor allem die Beziehungen zwischen RezipientInnen und dem zu Betrachtenden, dessen Deutungssysteme und das Bildhafte an sich. Damit werden die BesucherInnen zu einem essentiellen Teil des Werkes, welches sich wiederum in einer ständigen Selbstanalyse befindet.

Durch die Vermischung von verschiedenen Erzählsträngen in Ton- und Bildspur hinterfragt Martin Nytra in seiner Videoarbeit Valgrind (2013) das anthropologische Bild des Menschen, sein Verhältnis zu seinen Mitmenschen und zu den ihn umgebenden Objekten. Das adaptierte Bild- und Sprachmaterial kreiert durch seine digitale Montage sowie durch die Positionierung bzw. Geschwindigkeit einen eigenen Inhalt und Erzählrhythmus. Daneben spricht der Künstler durch seine Auswahl der genutzten Ausschnitte aus Kinofilmen oder popkulturellen Referenzen das kollektive Gedächtnis an. Diese Aufladung und die daraus resultierenden Einflüsse von Sprache auf visuelle Systeme bzw. deren Verschmelzung innerhalb der virtuellen Verwendung werden verdeutlicht und gleichzeitig einer selbstreferenziellen Frage unterstellt, die den Bildstatus und dessen traditionelle Wahrnehmung im Zeitalter des Digitalen untersucht.

Wolfgang Plöger nutzt das Suchportal Google, um mit Hilfe verschiedener Sprachsysteme ein Wort mit gleicher Bedeutung bzw. dessen Bildresultate zu suchen und anschließend gegenüberzustellen. Die ausgeschütteten Inhalte werden in der mathematisch vorbestimmten Reihenfolge des genutzten Systems in einem Buchformat gesammelt: Iraq, Google Image Search, July 29 (2012) und العراق, Google Image Search, June 14 (2012). Die Arbeit this is / Iraq (2012) beschäftigt sich so mit der Differenz der Suchergebnisse für das Wort Irak, welches in Englisch und Arabisch eingegeben wurde. Hierin wird der immanente Einfluss dieses übergeordneten Fremdsystems in den Vordergrund gerückt. Die Beeinflussung der NutzerInnen und die damit einhergehende Informationsgenerierung wird dadurch deutlich gemacht.

In den digitalen Fotocollagen Deaf and Dumb Settlement versus Box Office (2013) von Chibuike Uzoma verschränken und ergänzen sich, formal wie auch inhaltlich, textuelle und visuelle Ebenen. Die Sprache des kapitalistischen Ausverkaufes im Bild – For Sale – und die Stempel von Kassierern und Banken, die wie ein Schleier transparent über den Bildern liegen, referieren auf die aktuellen Ereignisse in Nigeria. Die Auszüge und Kopien von Pässen, Gerichtsakten und gestempelten Visa verweisen wiederum zurück auf die in den Fotografien exemplarisch dargestellten Menschen, die als Stellvertreter eines durch Kolonialisierung und Diktaturherrschaft ausgebeuteten Landes, einer „deaf and dumb“ gehaltenen Bevölkerung, die für Erstarrung steht. Gleichzeitig schwingt in dem Verweis auf Reisedokumente eine Hoffnung auf Bewegung, Veränderung und ein Leben mit einer selbstbestimmten Zukunft außerhalb dieser „box“ mit.

Arye Wachsmuth hebt in seinem Werk Plus minus W.W.P.Y.B. >>> (We Will Push You Back) von 2013 die Aufladung von Zeichen durch kontextualisierte Sprache und deren geschichtliche Verankerung hervor. Die Symbole „Plus“ und „Minus“, gedruckt auf historisches Briefpapier, beziehen sich hier auf eine in der NS-Bürokratie verwendete Markierungsmethode in Euthanasie-Anstalten. Ein rotes Kreuz galt dabei nicht – wie heute – als positives, humanistisches Symbol, sondern wurde negativ konnotiert dem Tod zugeschrieben, während das blaue „Minus“-Zeichen Weiterleben bedeutete. Diese historische Klammer, welche im Material, im Formalen und Thematischen verbunden ist, rahmt die Kopien von heutigen nationalen Boulevardberichten zur österreichischen Asylpolitik, die ebenfalls auf das Briefpapier gedruckt wurden. Wachsmuth macht darin die einhergehende Gefahr der Vereinheitlichung und Diffamierung, welche zu  willkürlichen Urteilen führen kann, sichtbar.

Phillip Warnells Film Ming of Harlem (2014) ist eine Durchmischung verschiedenster Narrationsgrammatiken. Die Grundstruktur bildet die Geschichte von Antoine Yates, der mehrere Jahre mit seinem Tiger (Ming) und seinem Alligator (Al) in einem Hochhaus in Harlem, New York, lebte, bis dies entdeckt wurde und einen öffentlichen Aufruhr auslöste. In der Arbeit vereinen sich Interview, Tatsachenbericht, Dokumentation, subjektive Empfindung und Interpretation, die in der Rekonstruktion des Geschehenen durch einen Nachbau der ursprünglichen Wohnsituation im Bronx-Zoo seinen Höhepunkt findet. Neben der Selbstreflexion des Mediums Film wird die Präsenz der Raubtiere genutzt, um die philosophischen Ansätze von Jean-Luc Nancy, der die Bedingungen des „wilden Inneren“, Tiernamen, fremde Territorien und die Beziehung von Mensch und Tier überdenkt, zu integrieren.

Annika Lorenz und Petra Noll, im Namen des Kollektivs

WERKSCHAU XX - PRINZGAU/podgorschek Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2015,
WERKSCHAU XX - PRINZGAU/podgorschek
Ganz Ohne TiTel
BILDER Nr. 285

Eröffnung und Katalogpräsentation: Montag, 22. Juni um 19.00 Uhr
Einleitende Worte: Werner Fenz
Ausstellungsdauer: 23. Juni – 25. Juli 2015
Werkstattgespräch mit PRINZGAU/podgorschek und Eskalationsschach:
Donnerstag, 9. Juli um 19.00 Uhr

Sponsored by: BKA Kunst; MA7-Kultur; Kulturland Oberösterreich, pixelstorm, Cyberlab
 
WERKSCHAU XX ist die Fortsetzung der seit 20 Jahren jährlich stattfindenden Ausstellungsreihe der FOTOGALERIE WIEN, in der zeitgenössische KünstlerInnen präsentiert werden, die wesentlich zur Entwicklung der künstlerischen Fotografie und neuen Medien in Österreich beigetragen haben. Gezeigt wurde bisher ein Querschnitt durch das Schaffen von Jana Wisniewski, Manfred Willmann, VALIE EXPORT, Leo Kandl, Elfriede Mejchar, Heinz Cibulka, Renate Bertlmann, Josef Wais, Horáková + Maurer, Gottfried Bechtold, Friedl Kubelka, Branko Lenart, INTAKT – Die Pionierinnen (Renate Bertlmann, Moucle Blackout, Linda Christanell, Lotte Hendrich-Hassmann, Karin Mack, Margot Pilz, Jana Wisniewski), Inge Dick, Lisl Ponger, Hans Kupelwieser, Robert Zahornicky, Ingeborg Strobl und Michael Mauracher. Für die Werkschau XX konnten wir das in Wien lebende Künstlerpaar PRINZGAU/podgorschek, das seit 1984 zusammenarbeitet, gewinnen.

Für die Werkschau XX mit dem Titel Ganz Ohne TiTel haben PRINZGAU/podgorschek ein auf die Räumlichkeiten der FOTOGALERIE WIEN zugeschnittenes, interdisziplinäres Ausstellungskonzept mit Fokus auf Fotografie und Film entwickelt; gezeigt wird ein Querschnitt aus ihrem umfangreichen und vielseitigen Werk mit älteren und neuen Arbeiten und Werkansätzen. Die Werkschau versteht sich als Fortsetzung von PAARLÄUFER, einer 2004 entstandenen Video-Dokumentation der 20-jährigen Zusammenarbeit des Künstlerpaares. In der Ausstellung werden in Form von Kurzvideos Projekte und gesammeltes Bildmaterial in einen installativen Kontext eingebunden. In einem semi-dokumentarischen Ansatz verweben PRINZGAU/podgorschek Alltag, Beobachtungen und Aussagen zu einem essayistischen Erzählstrang; es sind kleine Geschichten über unterschiedliche Themen innerhalb von Projekten und deren Realisierung. Thematischer Fokus ihres konzeptuellen  Werks liegt auf sozialen und politischen Fragestellungen, auf der Auseinandersetzung mit Architektur sowie auf der Hinterfragung konventioneller Wahrnehmungsmuster – immer mit viel Humor, symbolischen und assoziativen Verweisen sowie irritierenden Lösungen umgesetzt. PRINZGAU/podgorschek arbeiten seit 30 Jahren in den unterschiedlichsten Medien: Skulptur, Objekt, Intervention im öffentlichen Raum, Land Art, Installation, Malerei, Collage, Film und Fotografie. Häufig verwenden sie Arte Povera- Materialien und Fundstücke, die im künstlerischen Prozess eine neue Lesbarkeit erfahren. Ihre Zusammenarbeit lässt einerseits individuellen Ideen Raum, verbindet aber andererseits die einzelnen Objekte und Bilder wieder zu einem gemeinsamen künstlerischen Werk.

Petra Noll, im Namen des Kollektivs

Wann gibt π endlich auf?!
(Auszug aus Werkschau-Katalog)

Ein Wohn/Atelier-Rundgang bei PRINZGAU/podgorschek wirft eine schwer zu beantwortende Frage auf: Sind die unterschiedlich arrangierten, letztlich
ineinandergreifenden Material- und Kompositionsparzellen die unübersehbaren Infiltrationen? Oder ist das Künstlerduo in dieses scheinbar gegen alle
Regeln der Kunst entstandene Weltmodell eingesickert? Man mag jetzt sofort an das ungelöste Henne-Ei-Rätsel denken und kommt daher ebenso wenig weiter. Vor dem üppigen Hintergrund mögen die vorhin angestellten Überlegungen als Spekulation eine gewisse Berechtigung besitzen. Aber wie schaut es im Kunst-, Ausstellungs-, Präsentationskontext aus? Was passiert, wenn dieser Ding- und Denk-Kosmos selektiert in den White Cube übertragen wird? Zuerst: Es steht der Kunstbegriff oder es stehen die Möglichkeiten, künstlerisch zu argumentieren zur Diskussion. Und das mit voller Konsequenz. Ob es sich um Installationen, Collagen oder Fotoarbeiten handelt – genau diese und andere Schemata verlieren zusehends an Bedeutung – sie stemmen sich nicht gegen jede Form, sondern gegen die zu erwartende, die perfekte Form. Das will heißen, dass die Musterkollektionen, die gut gefüllten Regale der erprobten Möglichkeiten künstlerischer Angebote nicht abgerufen und nicht erweitert werden. Man ist bei kaum einer Position wie der von PRINZpod derart in Versuchung, das Offene Kunstwerk des Umberto Eco wieder einmal zur Sprache zu bringen. Herausgelöst aus der Zeit der 1960er-Jahre mit ihrer bemerkenswerten Geschichte ist eine Feststellung des Semiotikers in bester Erinnerung geblieben: Sein Begriff ziele nicht so sehr darauf ab, wie die künstlerischen Probleme gelöst, sondern wie sie gestellt werden. Der Gegenstand der hier verhandelten künstlerischen Arbeit erneuert sich immer wieder aus dieser Fragestellung heraus.

Werner Fenz

Zur Ausstellung erscheinen ein Katalog und eine Edition:

 

WERKSCHAU XX - PRINZGAU/podgorschek

Fotobuch Nr. 54/2015
Hg.: FOTOGALERIE WIEN
Texte: Katharina Blaas und Werner Fenz
ISBN 978-3-902725-39-4
A4, 40 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, dt./engl.
Preis: € 12,- (exkl. Versandspesen)
 

WERKSCHAU-FOTOEDITION Nr. 14/2015
PRINZGAU/podgorschek

Ganz Ohne TiTel, 2015
Pigment-Print auf Bütten, 40 x 50 cm, Bildformat 30 x 43 cm
Auflage: 30, handsigniert und fortlaufend nummeriert.
Preis: € 250,-  (exkl. Versandspesen)

TEXT:BILD / BILD:TEXT I Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2015,
TEXT:BILD / BILD:TEXT I
Transformation
BILDER Nr. 284

JOCHEN HÖLLER (AT), MARGRET KREIDL (AT), FALK MESSERSCHMIDT (DE),JULIE MONACO (AT), ULRICH NAUSNER (AT), BASTIAN SCHWIND (DE/AT), LAWRENCE WEINER (US), CHRISTINA WERNER (CH/AT)


Eröffnung
: Montag, 11. Mai um 19.00 Uhr
Einführende Worte: Annika Lorenz
Ausstellungsdauer: 12. Mai bis 13. Juni 2015
 
sponsored by: BKA Kunst; MA7-Kultur; Cyberlab
Dank an: Galerie Winter, Wien; Camera Austria, Graz; Rhizom, Graz; Galerie Hilger, Wien; Galerie Mauroner, Wien und Salzburg; Bettina Kattinger, Wien

In Kooperation mit der KUNSTHALLE WIEN im Rahmen von
Destination Wien 2015 EXTENDED

Der Ausdrucksapparat des Menschen ist vielseitig. Eines seiner ursprünglichsten Artikulationsmittel – der Körper – wurde stetig durch immer abstrakter werdende Zeichensysteme ergänzt und in manchen Bereichen sogar durch diese ersetzt. Neben Bildern war und ist die Sprache, verbunden mit ihrer grafischen Form, eine der Hauptstrukturen der Kommunikation, Vermittlung und Darstellung. Daher ist die semiotische Untersuchung der spannungsvollen Wechselbeziehungen dieser beiden spezifischen Kodierungen ein wiederholt auftretendes Feld in der Kunst. Diese setzt sich mit dem gesellschaftlichen Umfeld, dessen Besonderheiten und ihrer eigenen Positionierung innerhalb dieser auseinander. Verbunden mit der Hinterfragung der medialen Spezifika in diesem Konnex, müssen die künstlerischen Arbeiten immer wieder erneut ausgelotet werden. Die FOTOGALERIE WIEN präsentiert in ihrem diesjährigen Schwerpunkt Text:Bild / Bild:Text künstlerische Arbeiten, die sich jenen komplexen Wechselbeziehungen und deren Bedingungen zuwenden, wobei durch das kuratorische Kollektiv in dieser dreiteiligen Ausstellungsserie das Hauptaugenmerk auf die Unterthemen Transformation, Symbiose und Inspiration gelegt wird.

Den Auftakt der Ausstellungstriologie Text:Bild / Bild:Text bildet die radikalste Umsetzung der Thematik: die Transformation. Die Transmedialität des klassischen Bildformates mit Schriftelementen bzw. der Sprache als solche ist ein immer wieder auftretendes Moment innerhalb der künstlerischen Auseinandersetzung. Die  stärker werdende Reduktion auf das rein grafische Element der Buchstaben führt dabei zur Lingualisierung des Werkes. Durch diese Implementierung der visuellen Sprachfragmente in das Bild erfolgt ein Eindringen des Alltäglichen in die Kunst und ermöglicht eine Evokation bei den Betrachtenden, die durch solche vertrauten Strukturen auf sich selbst zurückverwiesen werden. Hierin liegt ein Moment der differenten Wahrnehmungs- und Rezeptionsebenen des Lesens, Sehens und somit auch der aktiven und passiven Rollenverteilung. In Verbindung mit dem Medium der Fotografie rückt vor allem die Wirklichkeitswahrnehmung in den Fokus, da gerade im digitalen Zeitalter die Verlinkung des Abbildes mit seinem Abgebildeten vermehrt verloren geht oder bewusst aufgelöst wird. Die De-, Re- und Konstruktion der gesellschaftlichen und individuellen Wirklichkeit rücken in den Mittelpunkt der bildnerischen Konzeption, sei es in formal-ästhetischer, medialer, semiotischer oder sozialkritischer Auseinandersetzung.


Jochen Höllers Arbeiten Gespräche zwischen Russell, Wittgenstein, Whitehead, Gödl, Cantor, Frege, einem Professor, einem Patient, Odysseus, Superman und Wonder-Woman (2013), Odyssee (2013) und Logic Comics – An Epic Search Of Truth/Bertrand Russell (2012) stehen exemplarisch für seine Arbeitsweise, die sich aus der Dekonstruktion und der Rekombination von Informationen zusammensetzt. Einzelelemente werden aus dem Zusammenhang herausgelöst, während der Kontext in den Hintergrund tritt, ohne dabei zu verschwinden, und bewirken durch eine Umordnung neue Denkanstöße. Die Fragmente aus Büchern oder Bildbänden erfahren durch ihre ornamentale Anordnung eine Verdichtung, die ihre Materialitätsverwandschaft hervorhebt und in ihrer Positionierung die kollektiven Gewohnheiten von Informationstransfers in Frage stellt.

Der Traum als utopischer Ort, imaginäres surreales Erlebnis, Verarbeitung von Alltagserfahrungen, des Unbewussten und dessen Deutung steht in Margret Kreidls literarischer Arbeit im Vordergrund. Durch die Fixierung in gedruckter Schrift macht Kreidl diese Formen visuell fassbar. Die Traumtücher, die in Zusammenarbeit mit dem Künstlerkollektiv Rhizom aus Graz entstanden sind, tragen die Gedanken vom Privat- in den Außenraum. Diese werden im Rahmen der Ausstellung an der Innen- und Außenfassade des WUKs  präsentiert. In ihrem Kompendium der Träume Einfache Erklärung. Alphabet der Träume werden die Traumfragmente in Form von Prosastücken, Dialogen und Gedichten mit Interpretationsansätzen ergänzt. Im Kino der FOTOGALERIE WIEN werden daraus Auszüge als Hörlesung (Off-Stimme der Autorin) vorgestellt.

In der Arbeit Russian Night (2009) von Falk Messerschmidt erfolgt eine Schwerpunktverlagerung vom Bild auf die beschreibenden Untertitel. Durch seine nebelartige Konstitution referiert es zwar auf seine ursprünglichen Träger, die ohne Durchlicht gescannten Diaaufnahmen, aber die Repräsentation des Inhaltes wird einem differenten Zeichensystem übergeben. Die Bilder der Stadt Leningrad, die als solche nicht mehr existent ist, wurden geschwärzt und verbannt. Durch das bewusst fälschlich genutzte Reproduktionsverfahren wurde der Bildinhalt vereinheitlicht und verweist auf ein Unvermögen der Fotografie, Geschichtlich- und Zeitlichkeit in seiner Gänze festzuhalten. Indem die Beschriftungen die Rezipienten anregen, die inhaltiche Leerstelle durch subjektiv imaginäre Ergänzung aufzuladen, bezieht sich der Künstler auf das Medium selbst zurück.

Seit 2001 liegt Julie Monacos Schwerpunkt auf einer Untersuchung der Bildgenerierung innerhalb digitaler Softwaresysteme und deren Umsetzung in analoge Formen. Sie schließt damit an ihre vorherige Beschäftigung mit Zahl-, Zeitsystemen und Codierungen an. Im Zentrum der Arbeiten CS_02/4 S/W  und  CS_01/1 B2 S/W steht die Transformierung von computerspezifischer Sprache, die mit Hilfe fraktaler Algorithmen und Rendering in visuell fassbare Landschaftsoberflächen umgewandelt wird. Die so geschaffene, dramatisch inszenierte Hyperrealität referiert auf die Immaterialität der Bildinformation und auf die unendlichen Variationsmöglichkeiten einer aus binären Codes geschaffenen Welt.

Ulrich Nausner beschäftigt sich in seinen „Hypertext-Zeichnungen“ mit dem Format digitaler Textinformation. In den Arbeiten der Serien Untitled (definition) von 2013 und Untitled (selection) von 2014 wählt der Künstler jeweils einen Begriff mit verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten und kontextabhängiger Bedeutung aus. Die Resultate der Internetrecherche werden gesammelt, von spezifischen Webelementen gereinigt und auf die Schriftgröße von 1 pt verkleinert. Die vorgefundene Formatierung verändert sich und drängt den Text zu einzelnen Zeilen zusammen. Die so komprimierte Informationsmenge wird anschließend durch einen Pigment-Print in eine analoge Form übertragen. Die Minimierung verdichtet die Buchstaben zu einer unlesbaren grafischen Menge, die die inhaltliche Erfassung unmöglich macht und durch reine Zeichenhaftigkeit ersetzt wird.

Bastian Schwind erstellt mit Hilfe einer Schreibmaschine und Zeichenpapier getippte Landschaften, die fotografiert und anschließend auf Barytpapier kaschiert werden. In Landschaft_getippt 3 (2014) und Teststreifen (2014) schaffen die genutzten Wörter Assoziationsketten, differente Grauwerte, und kreieren durch ihre Positionierung im Werk eine schemenhafte Andeutung des Beschriebenen. Inhalt und Bildgeber in einem, bedingen sich beide und ermöglichen damit erst das Gesamtbild. Das so entstandene grafische System verweist in seiner Konzeption auf visuelle Informationen, verknüpft verschiedene medienspezifische Potenziale und spielt darin gleichzeitig auf seine Differenzen an.

Die für die Räumlichkeiten der FOTOGALERIE WIEN angefertigte Textinstallation ROCK DOES SOMETHING TO PAPER PAPER DOES SOMETHING TO SCISSORS SCISSORS DOES SOMETHING TO ROCK & SO ON & SO ON und die Collage DER DAS DIE (2015) von Lawrence Weiner greifen die vielschichtigen Bedeutungs- und Wertungsebenen kulturell wie geschichtlich geprägter Zeichensysteme – wie der Sprache, der Bilder und der Gestik – auf. Durch die Neukombination erfolgt eine Infragestellung ihrer Genealogie, Genderfixierung und vor allem ihrer Nutzung. Das referierte Spiel Stein Schere Papier steht hier stellvertretend als Versuchsanordnung, um immaterielle Sprache als generierendes, vermittelndes Element zu verstehen und die festgelegte Verwendung und die begrifflich fixierte Funktionalität von Materialien durch eine neue Zusammensetzung in Frage zu stellen.

Christina Werner beschäftigt sich in ihrer Arbeit Pipal mit postkolonialen Einflüssen im urbanen Raum der indischen Stadt Ahmedabad und dem damit verbundenen Moment der Irritation. Die zwölf gezeigten Snapshots beschreiben in textueller Form die flanierenden Bewegungs- und Blickabfolgen der Künstlerin, die auf einem von ihr vorgegebenen Weg entlang der im Bau befindlichen Promenade in Ahmedabad entstanden. Die minimalistischen Betonbilder – Promenade Nr. 1-6 – verweisen dabei unter anderem auf den Zwischenzustand der Architektur.

Annika Lorenz und Petra Noll
 

SMELLS LIKE TEEN SPIRIT Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2015,
SMELLS LIKE TEEN SPIRIT
BILDER Nr. 283

OLE JOHN AANDAL (NO), CLAUDIA BALSTERS (DE), DK (SI),
PAUL KRANZLER (AT), SIRA-ZOÉ SCHMID (AT), AXEL STOCKBURGER (DE/AT)


Eröffnung
: Montag, 30. März um 19.00 Uhr
Einführende Worte: Petra Noll
Ausstellungsdauer:  31.3. – 2.5.2015

Diese Ausstellung zum Thema Jugend beschäftigt sich mit den Lebensentwürfen, Wünschen, Hoffnungen und Ansichten Heranwachsender und ihrer Position in den Verbänden Familie, Freunde und Gesellschaft. Hier erhalten sie zum einen Leitbilder, Unterstützung und Orientierung, zum anderen erfahren sie Manipulation, Bevormundung und Erwartungsdruck. Die Adoleszenz ist bestimmt von dem schwierigen Prozess der Sinn-Findung und dem Suchen nach der eigenen Identität. Sie ist zudem geprägt von der Entdeckung und Entwicklung des Körpers sowie von widersprüchlichen emotionalen Zuständen wie Zweifel und Unsicherheit, aber auch von Rebellion, Unbeschwertheit und dem Gefühl „alles ist möglich“. Die KünstlerInnen beschäftigen sich mit den Emotionen und Lebensverhältnissen junger Menschen in Bezug auf die aktuelle soziale Realität. Die Jugendlichen sind heute in ganz besonderer Weise mit einer globalisierten Medien-, Werbe- und Casting-Gesellschaft konfrontiert, die in aller Deutlichkeit ihre Kommunikations- und Verhaltenskodexe einfordert. Die Schwierigkeit hier „mithalten“ zu können sowie diffizile ökonomische und politische Verhältnisse führen die Teenager nicht selten – in ihrem wohl labilsten Lebensabschnitt – in Desillusion, Apathie, Isolation, Aggression, Gewalttätigkeit und Abhängigkeit.

Ole John Aandal (*1960 in Oslo/NO, lebt in Oslo) präsentiert Fotoarbeiten aus der Serie Juvenilia – Constructing a Soul in Capitalist Societies (2009), die auch als Buch publiziert wurde. Aandal befasst sich mit dem Einfluss von Fotografie und Rhethorik in Werbung und Neuen Medien auf unsere Kultur. Er stellt die Frage, wie die Bilder- und Textflut insbesondere Teenager, die gerade im Prozess der Identitätsfindung stecken, beeinflussen und verändern. Ausgangspunkt der Serie Juvenilia  war sein Interesse an dem Phänomen „MMS“ (Multimedia Message Service), das mit dem Handy oder Computer schnell zu schießende und weiter versendbare Foto. Besonders Jugendliche haben sich diese komplikationslose, rasche Kommunikationsmöglichkeit angeeignet. Persönliches wird rigoros öffentlich gemacht, dabei sein ist alles. Das Projekt Juvenilia  besteht aus zahlreichen Porträtfotografien von Jugendlichen aus dem Internet; diese zeigen sie in teilweise intimen Situationen, wenngleich auch häufig verdeckt, abgewandt, verschwommen, fragmentarisch, verunklärt durch das bunte Kunstlicht der Nacht. Dies betont ihre Verletzlichkeit – eine Situation zwischen dem Wunsch nach Schutz und gleichzeitg nach dem sich-Präsentieren, dem gefallen-Wollen, nach der Aufmerksamkeit durch den Blick von außen.

Claudia Balsters (*1978 in Wilhelmshaven/DE, lebt in Berlin) zeigt in ihrer Fotoserie Love is Not a Victory March (2009) junge FechterInnen und BoxerInnen sowie die Utensilien, die zur Ausübung nötig sind. Die Serie versteht sich als Metapher: Fechten und Boxen sind Kampfsportarten und verlangen ähnliche Verhaltensweisen und Erfordernisse wie sie im Prozess der Entwicklung Jugendlicher nötig sind. Es geht um ein Austaktieren des Körperbewusstseins, um eine Gradwanderung zwischen Herauswagen und Rückzug, zwischen Angriff und Verteidigung, zwischen selbstbewusstem Handeln und Abwarten. Rollen werden gesucht, geübt, müssen ausgehalten und gewechselt werden. Die Fotografien zeigen die jungen SportlerInnen einerseits kampfbereit und selbstbewusst inszeniert in ihren Kampfanzügen, aber andererseits auch labil, schüchtern und verlegen in ungestellten Situationen. Love is not a Victory March – sich selbst zu lieben, zu finden ist wohl die größte Herausforderung für einen jungen Menschen.

DK (*1970 in Ljubljana, dort lebend) beschäftigt sich in seiner Fotoserie The Thorn (2002) mit durch prekäre soziale Verhältnisse ins Abseits geratenen Jugendlichen. Die Fotografien zeigen junge Leute, die aufgrund von Perspektivlosigkeit und Frust in Abhängigkeiten wie Drogen, Alkohol usw. geraten sind. Apathie, Isolation und Einsamkeit sind die Folge – in einem Alter, in dem „Socialising“ für die Entwicklung lebensnotwendig ist. Zusammengekauert, abgewandt, in der Kleidung versteckt, reduziert auf anonyme Körper „ohne Gesicht“, so hat DK die jungen Leute in ihrem Lebensumfeld – auf Treppen, in Clubs, auf der Straße, in schmuddeligen Lokalitäten – uninszeniert und in der grellen Farbigkeit der Nacht festgehalten. DK bezieht deutlich Stellung, spricht nicht nur eindrücklich von der Gefährdung Jugendlicher im Allgemeinen, von den sozialen und ökonomischen Missständen in unserer Gesellschaft, sondern zeichnet auch ein authentisches Porträt der Verhältnisse in seinem Heimatland.

Paul Kranzler (*1979 in Linz, lebt und arbeitet dort und in Leipzig) präsentiert Arbeiten aus der 120-teiligen Fotoserie Tom (2007), die auch als Buch in der Fotohof edition, Salzburg erschienen ist. Die Fotografien zeigen nicht nur sehr persönliche Einzelporträts des gerade volljährig gewordenen Tom, sondern auch Porträts seiner Familie, Stillleben, Architektur und Interieurs aus seinem Lebensumfeld, einem Bauernhaus in der österreichischen Provinz. Zwei Jahre lang, von 2004–2006, hat Kranzler Tom, dessen Stiefvater und Stiefbruder immer wieder besucht, an ihrem Leben teilgenommen und fotografiert. Entstanden ist ein ungeschöntes,  einfühlsames Porträt eines Jugendlichen, dessen Alltag nichts Außergewöhnliches hat, der in der Landwirtschaft mithilft, auf dem Bau arbeitet, zum Bundesheer geht, an Autos bastelt, Memphis raucht und mit dem Heimtrainer trainiert. Kranzler zeigt uns Tom und seine Familie als funktionierende Gemeinschaft und sieht das Besondere ihres einfachen Lebens.

Sira-Zoé Schmids (*1985, lebt und arbeitet in Wien und Salzburg) Ausstellungsbeitrag ist der ca. sieben Sekunden dauernde Fotofilm Happy Slapping (2012), in dem sie sich mit dem Aggressionspotential von Jugendlichen und deren Drang danach, ihre Kräfte zu messen, auseinandersetzt. Als „Happy Slapping“ (lustiges Schlagen) wird ein unmittelbarer körperlicher Angriff – häufig von einer Gruppe – auf meist unbekannte Passanten, Mitschüler oder Lehrer verstanden, der mit einer Handy- oder Videokamera gefilmt und anschließend  im Internet oder per Mobiltelefon verbreitet wird, um die Taten medial zu inszenieren und die Opfer zu erniedrigen. „Happy Slapping“ begann als "Freizeitspaß" – wohl eher Jugendwahn – britischer Jugendlicher Ende 2004. Schmids Film basiert auf der Reinszenierung eines fiktiven „Happy Slapping“ und steht als Metapher für das Bekriegen, für die alltäglichen Konfrontationen von Individuen. In Schmids Film vollzieht sich in ganz kurzer Zeit ein häufiger Wechsel in den Positionen von Opfer und Täter.

Axel Stockbauer (*1974 in München, lebt in Wien) beschäftigt sich in Videoinstallationen und Texten mit den Auswirkungen einer globalisierten Medienwelt auf das kulturelle Selbstverständnis von Jugendlichen. Hier fokussiert er in erster Linie das weltweite Phänomen, dass Jugendliche sich in Fanclubs und auf großdimensionierten Treffen dem Rollenspiel hingeben. In der Video-Trilogie (White, Red und Sylvanas Transformer, 2011) thematisiert Stockbauer das Rollenspiel "Cosplay", wo sich Jugendliche in fiktionale Charaktere aus Computerspielen bzw. japanischen Animationsfilmen verwandeln. Gedreht wurde mit der bekanntesten Gruppe, der "Century Noah Cosplay Group" aus Chongqing/China, die Kostüme von Charakteren aus Serien wie Gundam, Starcraft oder World of Warcraft herstellen. Diese Transformation, das Schlüpfen in von der Entertainment-Industrie entworfene Fantasy-Rollen mit "Helden"-Charakter bedeutet eine temporäre Befreiung aus der alltäglichen Begrenztheit, aber auch die Auseinandersetzung mit dem Platz im realen Leben.  

Petra Noll, im Namen des Kollektivs
 

SOLO VI Thomas Albdorf Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2015,
SOLO VI Thomas Albdorf
Oh Fail, You Beauty
BILDER Nr. 282

Eröffnung: Montag, 16. Februar 2015, 19.00 Uhr  
Einführende Worte: Brigitte Konyen
Ausstellungsdauer: 17. Februar – 21. März 2015
Werkstattgespräch mit Thomas Albdorf:
Donnerstag, 12. März um 19.00 Uhr

Seit 2010 wird jährlich eine Ausstellung in der FOTOGALERIE WIEN einem/einer jungen aufstrebenden KünstlerIn als Einzelausstellung gewidmet.
Diese Ausstellungsreihe fungiert als Plattform und Sprungbrett für KünstlerInnen, die gerade am Beginn ihrer Karriere stehen, aber bereits über ein umfangreiches Werk verfügen, das einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden soll. Ziel ist es, eine nachhaltige Bekanntheit für die/den ausgewählte/n KünstlerIn zu schaffen; dies inkludiert auch die Vermittlung von Kooperationen und Wanderschaften. Für SOLO VI haben wir den österreichischen Künstler Thomas Albdorf eingeladen.

Oh Fail, You Beauty


Wenn man bedenkt, wie einflussreich und allgegenwärtig Fotografie in unserer Gesellschaft ist, überrascht es nicht, dass KünstlerInnen die Gelegenheit wahrgenommen haben, die Bedingungen, innerhalb derer das Medium operiert, grundlegend zu überdenken.

Wenn nun die Produktion von Bildern so verbreitet ist, wie ist dann das individuelle (selbst erstellte) Bild zu verstehen? Heutzutage scheint es – wenngleich wohl nicht zum ersten Mal – als ob eine technologische Revolution auch neue konzeptionelle Möglichkeiten eröffnet hätte. Man könnte es so sagen: Die Fotografie wurde von sich selbst befreit. Dies bedeutet jedoch nicht, dass jene KünstlerInnen, die sich mit dieser Problematik beschäftigen, eine fotografische Arbeitsweise aufgegeben haben, eher ist das Gegenteil der Fall: Ihr Verständnis dafür, was das beinhaltet, hat sich erheblich erweitert. Eine der deutlichsten Antworten darauf ist eine „skulpturale“ Herangehensweise – sozusagen eine Untersuchung von Materialeigenschaften – und Thomas Albdorfs Arbeit fügt sich hier ausgezeichnet ein, ohne sich jedoch ausnahmslos darauf zu beschränken.

Die Behauptung, seine Arbeit sei rein fotografisch, ist wohl zu eng gefasst. Auch wenn die Fotografie zweifellos im Mittelpunkt seiner künstlerischen Arbeit steht, bedeutet dies jedoch nicht, dass Albdorf an einer Grundsatzdebatte, was Fotografie an und für sich sein kann, teilnimmt. Hier liegt lediglich der künstlerische Ansatz, ohne dass eine wesentliche Definition dessen, was das Medium an sich ist, gegeben wird. Vielmehr präsentiert uns Albdorf eine Reihe von Vorschlägen, um herauszufinden, wie Fotografien funktionieren, also was sie als Fotografien „tun“. Es handelt sich also nicht um eine Praxis, die als grundsätzlich fotografisch verstanden werden könnte und um keine übersteigerte Verwendung des Mediums.

Weiters muss man zwischen Albdorfs digitalen Interventionen im Bildraum und den physischen Manipulationen der fotografierten Subjekte vor der eigentlichen Aufnahme unterscheiden. Es scheint, als würde er eine materielle Kontinuität vorschlagen, die sich von unserer realen Erfahrungswelt zu abstrakten, imaginierten Bildräumen erweitert. Es geht hier um die Frage, wie sich das eine in das andere einschreibt.

Für Albdorf wird das Bild zu einem Raum der Untersuchung bestimmter Effekte und Möglichkeiten, die zumeist medienspezifisch sind, wenn nicht sogar darauf beschränkt.
Interessant ist hier, wie man von eben diesen Effekten auf ein Verständnis von Repräsentation als Prozess schließen kann, der notwendigerweise bestimmte Werte aufzwingt. Seine Bedingtheit bedeutet, dass es selbst auf der grundlegendsten Wahrnehmungsebene kein monotones (oder neutrales) Bild geben kann; und doch wird das allzu leicht vergessen, da unser Sehen gewöhnlich als transparent wiedergegeben wird. Es scheint, als wäre Albdorfs wichtigste
Motivation, dieser vertrauten Annahme visueller Transparenz zu widerstehen, ihre Machart durch reflexive oder sogar widersprüchliche Anwendungen aufzudecken. Zugleich haben diese „glitches“ (Störungen) ein völlig eigenständiges ästhetisches Potential, zumindest nachdem sie in die Struktur des Bildes integriert wurden. Scheinbar kann die Elastizität des Auges selbst deutliche Instabilitäten tolerieren.

Aber es ist exakt dieses Spannungsfeld, das sich Albdorf zunutze machen möchte: die ständige Auseinandersetzung mit der Unsicherheit, die unsere optische Wahrnehmung bestimmt. Und die Fotografie dient als Arena, wo diese Komplexität verhandelt wird. Die Konzeption des Bildes als Objekt ist weitgehend in die skulpturalen Effekte, von denen Albdorf häufig ausgeht, transferiert worden.

Das aber etwas nur geschaffen wird, um fotografiert zu werden, ist in sich selbst bereits eine bemerkenswerte Erscheinung unseres zeitgenössischen Zugangs zum Medium, in dem Erfahrungen selbst fotografisch sind und nicht lediglich fotografische Sujets.
Es existiert auch eine nahtlose Integration in der Art und Weise, wie Albdorf die jeweiligen Effekte digitaler Manipulation auf das räumliche Arrangement seiner skulpturalen Elemente handhabt. Im Grunde ist es eine bildhauerische Bearbeitung des fotografischen Raumes, so dass dieser selbst zum Schauplatz wird, wo Fragen zur Materialität verhandelt werden, anstatt nur ein passives Behältnis für das Objekt zu sein.

Zu diesem Zweck setzt er eine ganze Reihe an Ausdrucksmöglichkeiten ein, mit der Absicht, die Fotografie in ihre Grundelemente aufzuspalten, insbesondere wie es scheint, um eine besondere Art visueller Realität zu bestätigen, deren bestimmende Charakteristik es natürlich ist, wie eine unweigerliche Konsequenz menschlichen Sehens zu erscheinen.

Aber was wir sehen, ist niemals bloß das; es ist tatsächlich ein ganzer Komplex an Kräften – sowohl perzeptiv wie auch sozial – die die Welt, in der wir leben, ausmachen. Repräsentationsmechanismen zu verstehen heißt also zu verstehen, wie diese Kräfte konstituiert sind. Albdorfs verschiedenartige Herangehensweisen eignen sich perfekt, um das Netz an Möglichkeiten zu entwirren, das die Fotografie als Medium definiert – und welche im Gegenzug bestimmen, wie Fotografie verwendet wird. Sein Werk stellt die Frage, was, wenn überhaupt außerhalb der konventionellen „Begrenzungen“ des Bildes zu finden ist.

Darren Campion, 2014 (Übersetzung: Brigitte Konyen)