2019

Bilder

RITUALE II Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2019,
RITUALE II
ZEREMONIEN
BILDER Nr. 316

CARLA DELLA BEFFA (IT), ORIT ISHAY (IL), HELMUT & JOHANNA KANDL (AT),
JULIAN LEE-HARATHER (AT), ANJA MANFREDI & NICOLE HAITZINGER (AT), BENEDEK REGÖS (HU), GABRIELE ROTHEMANN (DE/AT), YAROSLAV SOLOP (UA),
DAFNA TAL (IL), BOGLÁRKA ÉVA ZELLEI (HU)


Eröffnung: Montag, 25. November, 19.00 Uhr

Einführende Worte: Petra Noll-Hammerstiel
Ausstellungsdauer: 26. November 2019 – 11. Jänner 2020
Die Galerie ist vom 24. Dezember 2019 bis einschließlich 6. Jänner 2020 geschlossen.

sponsored by: BKA Österreich; MA7-Kultur; Cyberlab
Dank an: Igor Manko, Charkow, Kurator bei VASA Project;
Avi Sabag, MUSRARA, The Naggar Multidisciplinary School of Art and Society, Jerusalem


Rituale sind ein wichtiger Bestandteil des Ausdrucks- und Kommunikationsverhaltens des Menschen und sagen viel aus über Werte, Rollenverständnis und das soziale Miteinander, in dem sie häufig eine regulierende, unterstützende Funktion einnehmen. Die komplexe Inhaltlichkeit und große Bedeutung des Rituals für den Menschen hat das kuratorische Team der FOTOGALERIE WIEN dazu inspiriert, einen Schwerpunkt mit vier Ausstellungen mit internationalen KünstlerInnen in den Jahren 2019/2020 zu konzipieren. Der Begriff „Ritual“, ursprünglich nur im liturgisch-zeremoniellen Kontext üblich, wird heute für alle gesellschaftlichen Bereiche verwendet. Das Ritual ist eine nach vorgegebenen Regeln und meist in festgelegter Reihenfolge durchgeführte Handlung mit primär identitäts- und sinnstiftendem Ziel, d.h. mit dem Wunsch nach Orientierung, Erkenntnis und gemeinschaftlichem Handeln. Es setzt sich ab von alltäglichen Gewohnheiten bzw. instrumentellen, regelmäßigen und vor allem zweckorientierten Tätigkeiten, denen aber ein „ritueller Charakter“ zugeschrieben werden kann. Das Ritual besetzt somit vor allem den geistigen und emotionalen Raum. Charakteristisch sind zudem Inszenierung, Prozessualität und meist hohe Symbolhaftigkeit.
Die vier Ausstellungen beschäftigen sich mit gesellschaftlichen Ritualen und den damit einhergehenden Beziehungsgeflechten; mit Ritualen, in denen sich Machtdemonstration, Unterdrückung und Ausgrenzung artikulieren, sowie mit religiösen und anderen zeremoniellen Ritualen. Im Zuge dessen werden die mit den verschiedenen Ritualen verbundenen Codes, Haltungen und Kommunikationsformen untersucht.

Im Fokus der zweiten Schau des Schwerpunkts Rituale stehen religiöse, aber auch profane Zeremonien verschiedener Kulturen. Der Ablauf von Ritualen wird bestimmt von meist feierlichen Zeremonien, die in Form festgelegter Ordnungen, Handlungen, Gebärden und Haltungen und zum Teil unter Zuhilfenahme von Objekten, Bildern und Zeichen mit großem Identifikations- und Symbolcharakter für die Ritualteilnehmer durchgeführt werden. Rituelle Zeremonien haben die Kraft, die Hoffnung auf die Erfüllung des jeweiligen Wunsches zu intensivieren. Meist spielen der herausgehobene Anlass und der besondere Ort sowie die Reise zu diesem Ort als Teil der Zeremonie eine zentrale Rolle. Die künstlerischen Arbeiten beschäftigen sich mit religiösen und weltlichen Zeremonien bei Transformations- und Initiationsritualen, durch die Menschen einen anderen Bewusstseinszustand erreichen, sowie bei Heilungs-, Trauer- und Danksagungsritualen. Die KünstlerInnen widmen sich einerseits mit dokumentarisch-authentischen Beiträgen der Thematik, andererseits mit symbolhaft-verdichteten Arbeiten, wobei sich häufig religiöse und profane Verweise vermischen sowie Traditionen in neue Konstellationen in die Gegenwart geführt werden.

Das im Video Rituali von Carla Della Beffa zelebrierte Schneiden von Brot und das Einschenken von Rotwein verweisen auf uralte rituelle Praktiken zahlreicher Kulturen. Im Alltag stehen Brot und Wein symbolhaft für das Zubereiten eines Mahls, das gemeinsame Essen, Feiern und Gastfreundschaft; sie sind zudem in vielen Religionen von großer Bedeutung. In der christlichen Kirche werden sie in einem symbolträchtigen Ritual, dem Abendmahl, dargebracht und miteinander geteilt. In dem Video von Della Beffa geht es nicht nur um das Anbieten und Teilen, den Kern des Rituals, sondern auch um die Problematik von Überfluss und Mangel.

Orit Ishay arbeitet häufig mit Relikten und Symbolen, speziell in Bezug auf Blumen. In der Fotoserie aus der Werkgruppe Terribly Pretty geht es um den Kranz, dem verschiedenste kulturelle, soziale, historische und religiöse Bedeutungen und die damit verbundenen Rituale zugrunde liegen. Die achtteilige Serie besteht aus SW-Fotos von Blumen-Trauerkränzen für Soldaten, die auf zunehmend dunkler werdenden grauen Hintergründen montiert sind. Ohne Information bleibt offen, ob es sich um weltliche oder religiöse Kränze, um Kränze für freudige oder traurige Anlässe handelt. Es wird spürbar, wie nahe beieinander Freude und Trauer, Schönheit und Schrecken, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Leben und Tod liegen.

Das Zweikanalvideo Pygmalion von Helmut & Johanna Kandl beschäftigt sich mit der Wirkmächtigkeit von Bildern im Zusammenhang mit Marienwallfahrten. Ein Video wurde in einer Manufaktur in Lourdes aufgenommen, in der Repliken der (Lourdes-) Madonna und anderer Heiliger als Massenware produziert werden. Ein zweites Video zeigt, wie diese Figuren durch die Verehrung der Gläubigen „lebendig“ und „beseelt“ werden. Helmut & Johanna Kandl haben weltweit Marienwallfahrtsorte besucht und die jeweils ortsspezifischen Verehrungsrituale aufgezeichnet. Die Tonspur nimmt Bezug auf die Operette „Die schöne Galathée“ von Franz von Suppé, in der der Mythos des antiken Bildhauers Pygmalion, bei dem eine von ihm geschaffene Skulptur lebendig wurde, verarbeitet ist.

Julian Lee-Harathers vierteilige Fotoserie Die Zeiten nach Philipp Otto Runge versteht sich als digitale Reinszenierung bzw. Neuinterpretation einer traditionellen Bildsprache der Malerei in Form der Fotocollage. Als Referenz dienten Skizzen zu einem geplanten mythologisch-allegorischen Tageszeiten-Zyklus des frühromantischen Malers Runge. Lee-Harather hat die einzelnen Elemente (mit Ausnahme der Tiere) fotografiert und – in einer ähnlichen Komposition und Atmosphäre wie Runge – montiert; neu sind der aktuelle Zeitbezug und die Loslösung von religiösen Motiven. Die Arbeit beschäftigt sich mit Symbolen als prägnanten Zeichen für rituelle Vorgänge und Handlungen. 

Anja Manfredi zeigt den Film Mit dem Abend beginnt der Tag sowie die Baryt-Fotoarbeiten Hand und Atlas ll und III aus dem Projekt Geste und Atlas, begleitet von einem Text von Nicole Haitzinger. In den Arbeiten werden sakrale Orte in Israel und im Atlasgebirge in Marokko mit der Performance von Gesten in Beziehung gesetzt. Untersucht wird das Verhältnis von Religion und Körper – nicht nur mit Blick auf die – nonverbale – Geste als Teil von Ritualen, sondern auch in Bezug auf ihre materialisierte Form, die Architektur, und ihre Verdichtung, die Hand. Diese taucht hier als Hamsa, als schützende Hand der Fatima (Islam) auf, die ihre Pendants in der Handgeste der Miriam (Judentum) und der Maria (Christentum) hat. 

In Benedek Regös’ Fotoserie Objects of Gratitude geht es um den Ex Voto-Kult, einem uralten sozialen und religiösen, meist mit Volksfrömmigkeit verbundenen Ritual in vielen Kulturen. Einer überirdischen Macht werden aus Dankbarkeit oder in Erfüllung eines Gelübdes („ex voto“) Votivgaben als symbolische Opfer gewidmet, die auf Wallfahrten zeremoniell in einer kultischen Stätte platziert und verehrt werden. Hinter der Symbolik der Votivgaben steht jeweils eine persönliche Geschichte, meist die einer wundersamen Rettung aus einer Notlage. Regös hat nachgebildete Körperteile bzw. Gussformen von Körperteilen sowie Heiligenfigürchen fotografiert. 

Gabriele Rothemann hat sich mit Grablegungsritualen in der Antike und im frühen Christentum beschäftigt und daraus u.a. die Fotoserie Fatschen realisiert. Unter einer Fatsche wird vor allem eine mit Bändern umwickelte (“gefatschte”) Votivskulptur des Jesuskindes verstanden. Dieses Motiv hat sich Gabriele Rothemann angeeignet und – nicht ohne Ironie – zu ebenso mysteriösen wie auch sehr intimen Bildern transformiert. Für die Serie wurden Tiere – hier gezeigt wird Fatsche V, eine Katze – sowie ein Teddybär liebevoll in Pelze gewickelt. Ein Bezug zu ägyptischen Tiermumien und den damit verbundenen Bedeutungen, Symbolen und Riten ist offensichtlich.

Yaroslav Solops Fotoprojekt The Last Haven zeigt Heiligenbilder, Statuen und Kruzifixe, platziert an allen nur erdenklichen, auch skurrilen privaten und öffentlichen Orten in der Ukraine. Menschen suchen innerhalb ihrer täglichen Lebensgewohnheiten das Zusammentreffen mit ihnen wichtigen Devotionalien und einen damit verbundenen Moment der Andacht – viele kleine Zufluchtsorte abseits der Institution Kirche. Das Projekt spricht von „... Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit, von der Suche nach neuen Bedeutungen in einer postsowjetischen Gesellschaft, in der die Religion die … kommunistische Ideologie abgelöst hat und zu einer Phantomhoffnung ... geworden ist. (Y.S.)"

Für ihre Videoinstallation You Don’t Have To Do A Thing hat Dafna Tal in einem Studio in Jerusalem ortsansässige Menschen verschiedener Religionen und kultureller Hintergründe den traditionellen Gebetsgesängen der drei dort vertretenen Hauptreligionen – Christentum, Islam und Judentum – ausgesetzt. Von deren mimischen und gestischen Reaktionen der Ablehnung und Zustimmung wurden drei Videoporträts angefertigt. Die unterschiedlichen religiösen und kulturellen Hintergründe der TeilnehmerInnen bleiben den Zuschauern verborgen, wodurch zahlreiche Interpretationen möglich sind, aber auch ähnliche Reaktionen religionsübergreifend festgemacht werden können.

Boglárka Éva Zelleis Fotoserie Furnishing the Sacred beschäftigt sich mit den Ritualen der Immersions- (Ganzkörper-)Taufe heutiger christlicher Gemeinschaften in Ungarn. Obwohl die Immersionstaufe eine uralte Tradition hat, variieren die Zeremonien in den verschiedenen Orten. Zudem realisieren die Gemeinden in Bezug auf die Gestaltung der Innenräume ihre eigenen, sich von ursprünglichen Bräuchen entfernenden Geschmacksvorstellungen. Das Ambiente wirkt teilweise skurril, aber immer auch sehr persönlich, intim und authentisch – eine Zeremonie, bei der sich die Menschen „wie zu Hause“ zu fühlen scheinen und dennoch der transzendenten Welt nahe sind.

Petra Noll-Hammerstiel, im Namen des Kollektivs

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VORSCHAU

SOLO XI – PETER HOISS (AT)
Eröffnung: Montag, 20. Jänner 2020, 19.00 Uhr
Dauer: 21. Jänner – 22. Februar 2020
Begleitprogramm: Künstlergespräch mit Peter Hoiß
 

WERKSCHAU XXIV: MICHAELA MOSCOUW Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2019,
WERKSCHAU XXIV: MICHAELA MOSCOUW
AUS DER DEPONIE DER FOTOGRAFIE
BILDER Nr. 315

Eröffnung: Montag, 14. Oktober, 19.00 Uhr
19.30–20.30 Uhr: speed dating – meet the artist – ask a question
Finissage & Bildertausch – bring & nimm:
Donnerstag, 14. November, 19.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 15.10–16.11.2019

sponsored by: BKA Österreich; MA7-Kultur; Cyberlab

WERKSCHAU XXIV ist die Fortsetzung der seit über 20 Jahren jährlich stattfindenden Ausstellungsreihe der FOTOGALERIE WIEN, in der zeitgenössische KünstlerInnen präsentiert werden, die wesentlich zur Entwicklung der künstlerischen Fotografie und neuen Medien in Österreich beigetragen haben. Gezeigt wurde bisher ein Querschnitt durch das Schaffen von Jana Wisniewski, Manfred Willmann, VALIE EXPORT, Leo Kandl, Elfriede Mejchar, Heinz Cibulka, Renate Bertlmann, Josef Wais, Horáková + Maurer, Gottfried Bechtold, Friedl Kubelka, Branko Lenart, INTAKT – Die Pionierinnen (Renate Bertlmann, Moucle Blackout, Linda Christanell, Lotte Hendrich-Hassmann, Karin Mack, Margot Pilz, Jana Wisniewski), Inge Dick, Lisl Ponger, Hans Kupelwieser, Robert Zahornicky, Ingeborg Strobl, Michael Mauracher, PRINZGAU/podgorschek, Maria Hahnenkamp, Robert F. Hammerstiel sowie Sabine Bitter & Helmut Weber. Für die diesjährige Werkschau konnten wir Michaela Moscouw gewinnen.


aus der deponie der fotografie heißt die Werkschau der in Wien geborenen und dort lebenden Foto-, Video- und Installationskünstlerin Michaela Moscouw. Der Begriff „Deponie“ bezieht sich auf ihre Zugehensweise: Im Gegensatz zur Herstellung und Archivierung „wertvoller“ Kunstwerke präferiert sie das Wiederverwenden und Weiterverarbeiten von Arte Povera-Materialien und älteren Fotoarbeiten. „Müllbilder“, so Moscouw, haben dieselbe Daseinsberechtigung wie „gute Bilder“. So wendet sie unorthodoxe Methoden der Bildfindung an, indem sie bewusst fehlerhaftes, kostengünstiges und leicht verfügbares Material sowie Billigapparaturen einsetzt, zufällig entstandene Flecken gerne zulässt und sich auch von der „perfekten“ Präsentation distanziert. Damit gibt sie der Hässlichkeit ein Forum.

Immer wieder hat sich Moscouw im Laufe ihrer jahrelangen künstlerischen Beschäftigung gängigen Festschreibungen und Erwartungshaltungen widersetzt, Grenzen bewusst gesucht und überschritten, auch was ihre obsessive Arbeitsweise unter oft extremen Bedingungen und häufig im öffentlichen Außenraum betrifft. Es entstanden Arbeiten, denen das Verschwinden und der Verfall inhärent ist und deren Zerstörung – vor allem in früheren Zeiten – sich für die Künstlerin scheinbar konsequent ergab. Von bewusst mangelhafter Bildqualität ist das ungeschnittene Schwarz-Weiß-Video Kooijen; hier hat sie aus Naturmaterialien und Zeitungen Hütten im Wald gebaut, diese dem natürlichen Verfallsprozess überlassen und das langsame Verschwinden im Video festgehalten.  
Fotogramme als direkte Spuren des Realen zeigen immer den Verlust von etwas, das nicht mehr da ist: Diese schnellste und direkteste Art der Bildherstellung kommt Moscouws Vorstellungen sehr nahe. Unwirklich, Gespenster assoziierend, wirken ihre ganz frühen großformatigen Schwarz-Weiß-Fotogramme (1997–2000) von Händen, Füßen, einem Sessel oder gefaltetem Papier.

Basis einer weiteren Fotogramm-Serie sind Möbel und Gegenstände aus ihrer Wiener Wohnung, in der sie seit langem lebt. Durch die Langzeitbelichtung bei Tageslicht sind eigenartige rosa Farbwerte entstanden. Gemäß ihrem Verständnis, dass kein Bild „sakrosankt“ ist, hat Moscouw diese Arbeiten für die Ausstellung mit pflanzlichen Chemikalien, die Flecken erzeugen, weiterbearbeitet, wodurch die ursprünglichen Bilder unsichtbar wurden. Auf Schragen, verteilt im Raum, liegen sogenannte Pizzen. Auf kreisrunden Kartonplatten mit je einem Durchmesser von 160 cm hat sie – bewusst „sorglos“ verarbeitet – Collagen aus verschiedenen Bildmaterialien montiert; einige Fotos entstammen dem Buch „Wien und ein Blick in die Alpengaue“ von 1941, wodurch Moscouw eine sarkastisch-politische Komponente einbringt. Durch das Überlagern der Bildmaterialien und der damit provozierten uneindeutigen Bildaussage gelangt sie wieder in einen Bereich von Unsichtbarkeit, Verschwinden. Vor allem aber produziert sie Leere, verstanden nicht als „Nichts“, sondern als Freiraum, den die BetrachterInnen füllen sollen.

Petra Noll-Hammerstiel, im Namen des Kollektivs

sprechblase

das ist die überraschungspizza das hat man nicht gedacht dass es eine überraschungspizza geben wird aber sie ist jetzt hergestellt und daher ist das gewicht leichter weil alles aus papier ist und hier sind verschiedene zusammenstellungen aufgeklebt die miteinander nichts zu tun haben und jetzt miteinander das bemerkenswerteste ist das auto das auto ist extra für diese pizza angefertigt und dann aufgeklebt worden jetzt die pizza von ihrer schönsten seite diese pizza wird auf böcke gelegt nicht gehängt die meisten dieser teigrestln sind herausgeschnitten aus einem werk mit dem titel wien und die alpengaue hier sind des führers strassen und des führers museen und des führers lieblingsbilder und des führers lieblingszimmer und des führers lieblingsberge und des führers führerscheine verzeichnet gewesen und sind jetzt hier draufmontiert auf diese extrapizza was zu sagen ist dass ein blumenstillleben über diese führerpizza drüberfotografiert wird von jemand der noch nicht eingeladen ist und mit dem blumenstillleben diese teigrestln zudeckt und man beachte den pizzaboden nummer vier die schlampige verarbeitung noch lose stücke die hier weghängen und wölbungen die sich abheben und platz anbieten für schmutz und bakterien diese pizzen sind an schlampigkeit und hässlichkeit nicht zu überbieten und das war auch der zweck der deponie der fotografiert was ist denn das da ist ja überhaupt nichts zu sehen das ist ja ein ganz finsteres zimmer aber jetzt wirds heller und da kommt jemand der macht sich wichtig obwohl noch niemand wichtiger da ist da stehen ja überall riesige schinken herum die hat sich dieser jemand zusammengezimmert aus ganz dünnen holzlatten und dann abgedeckt mit grossen weissen tüchern sind diese schinken vielleicht schon gestorben was macht denn dieser jemand hier jetzt kommen endlich pakete aus fleisch herein endlich eine szene zum hinschauen die wurde später extra hinein und geboren in wien und lebt und arbeitet da zugeschnitten an der graphischen vernäht keine besonderen kennzeichen zu sehen


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VORSCHAU

RITUALE II – ZEREMONIEN

Carla della Beffa (IT), Orit Ishay (IL), Helmut & Johanna Kandl (AT/DE) Julian Lee-Harather (AT), Anja Manfredi & Nicole Haitzinger (AT) Benedek Regös (HU), Gabriele Rothemann (AT) Yaroslav Solop (UA), Dafna Tal (IL), Éva Boklárka Zellei (HU)

Eröffnung
: Montag, 25. November um 19.00 Uhr
Einführung: Petra Noll-Hammerstiel
Ausstellungsdauer: 26.11.2019 – Mitte Jänner 2020
 

RITUALE I Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2019,
RITUALE I
Korrelationen
BILDER Nr. 314

ADIDAL ABOU-CHAMAT (DE), IRIS ANDRASCHEK (AT), VESNA BUKOVEC (SI), DENIS BUTORAC (HR), ANDRÉS DUQUE (VE/ES), BRIGITTE KONYEN (AT), SIMON LEHNER (AT), ERIK LEVINE (US), MARTA ZGIERSKA (PL)

Eröffnung:
Montag, 2. September, 19.00 Uhr
Einführende Worte
:
Petra Noll-Hammerstiel
Ausstellungsdauer:
3. September – 5. Oktober 2019

Begleitprogramm: Mittwoch, 2. Oktober 2019, 19.00 Uhr
Lesung mit Projektion:
Das Flüstern der Dinge – aus dem fotografischen Tagebuch 2008 – 2016 von Thomas Krempke, Zürich

sponsored by: BKA Österreich; MA7-Kultur; Cyberlab
Thanks to: Dejan Sluga, Miha Colnar, Lisl Ponger und 
Slowenisches Kulturinformationszentrum SKICA


Rituale sind ein wichtiger Bestandteil des Ausdrucks- und Kommunikationsverhaltens des Menschen und sagen viel aus über Werte, Rollenverständnis und das soziale Miteinander, in dem sie häufig eine regulierende, unterstützende Funktion einnehmen. Die komplexe Inhaltlichkeit und große Bedeutung des Rituals für den Menschen hat das kuratorische Team der FOTOGALERIE WIEN dazu inspiriert, einen Schwerpunkt mit vier Ausstellungen mit internationalen KünstlerInnen in den Jahren 2019/2020 zu konzipieren.
Der Begriff „Ritual“, ursprünglich nur im liturgisch-zeremoniellen Kontext üblich, wird heute für alle gesellschaftlichen Bereiche verwendet. Das Ritual ist eine nach vorgegebenen Regeln und meist in festgelegter Reihenfolge durchgeführte Handlung mit primär identitäts- und sinnstiftendem Ziel, d.h. mit dem Wunsch nach Orientierung, Erkenntnis und gemeinschaftlichem Handeln. Es setzt sich ab von alltäglichen Gewohnheiten bzw. instrumentellen, regelmäßigen und vor allem zweckorientierten Tätigkeiten, denen aber ein „ritueller Charakter“ zugeschrieben werden kann. Das Ritual besetzt somit vor allem den geistigen und emotionalen Raum. Charakteristisch für das Ritual sind zudem Inszenierung, Prozessualität und meist hohe Symbolhaftigkeit.

Die vier Ausstellungen beschäftigen sich mit gesellschaftlichen Ritualen und den damit einhergehenden Beziehungsgeflechten; mit Ritualen, in denen sich Machtdemonstration, Unterdrückung und Ausgrenzung artikulieren, sowie mit religiösen und anderen zeremoniellen Ritualen. Im Zuge dessen werden die mit den verschiedenen Ritualen verbundenen Codes, Haltungen und Kommunikationsformen untersucht. 

Die erste Ausstellung mit dem Titel Korrelationen zeigt Arbeiten von KünstlerInnen, die in ihrer Beschäftigung mit Identität, Rollenbildern und Strukturen von Gesellschaften und Kulturen verschiedener Länder rituelle Verhaltensweisen herausarbeiten. Dabei gehen sie einerseits vom eigenen Ich und seinen von Erziehung, Tradition, Religion und Konventionen geprägten, zum Teil genderspezifischen Erfahrungen aus, die von gesellschaftlicher Relevanz sein können. Andererseits untersuchen sie Verhaltensweisen, Strukturen und Normen von Gemeinschaften, denen in Ritualen Ausdruck verliehen wird. Es werden Beziehungsgefüge analysiert, die geprägt sind von jeweils verschiedenen rituellen Verhaltens- und Interaktionsformen. Diese Rituale verbinden einerseits die spezifischen Gruppen zu einer Gemeinschaft, die Halt und Sicherheit verheißt, andererseits können sie auch Zwänge, Einengung und andere grenzwertige Erfahrungen auslösen. Die hier ausgewählten KünstlerInnen visualisieren das Phänomen „Ritual“ in erster Linie in Form von Metaphern, symbolischen Inszenierungen bzw. Weiterverarbeitung dokumentarischen Materials.


In dem Video Ver-Wicklung von Adidal Abou-Chamat bindet sich eine junge Frau zu arabisch-türkischer Popmusik in diversen, länderspezifischen Techniken ein Kopftuch um. Indem Abou-Chamat symbolhaft verschiedene Rituale des Kopftuchbindens und -tragens aus Religion und Alltag zitiert, dekonstruiert sie festgefahrene weibliche Rollenbilder. Höhepunkt ist dabei der Schluss; hier wird das zunächst von einem Niqab verschleierte Gesicht der Protagonistin durch einen Windzug freigelegt. Dadurch wird das islamische Verschleierungsgebot, das die deutsche Künstlerin mit syrischen Wurzeln anspricht – und damit alle „von oben“ verordneten Kleidervorschriften –, spielerisch entschärft.

In den eng zusammengehörenden Werkgruppen Where to Draw the Line sowie 30 Reasons a Girl Should Call It a Night / Passion of the Real von Iris Andraschek mit Fotografien bzw. Zeichnungen geht es um weibliche Jugendliche, die sich prekären und riskanten Körperritualen hingeben und Fotos davon in den Sozialen Medien posten. Andraschek hat zwei junge Frauen mit Texten auf dem nackten Körper, die negative Postings reflektieren, auf Fotografien von inszenierten Grenzübertritten platziert. Es wird die Frage gestellt, wer denn Grenzen zieht und wer neue (Beziehungs-)Rituale erfindet, die über Dabeisein oder Ausgrenzung entscheiden. In den Zeichnungen bezieht sich Andraschek auf Facebook-Fotos von exzessiv agierenden, betrunkenen Mädchen.

Vesna Bukovec zeigt White Performances / Positive Affirmations, vier Kurzvideos, in denen häusliche Arbeiten so performt werden, dass deren ritueller Charakter deutlich wird. Dazu sind optimistische, autosuggestive Aussagen, wie sie in der populären Selbsthilfekultur üblich sind, kombiniert. Die Videos verstehen sich als kritisch-ironische, feministisch konnotierte Hinterfragung der oft zwanghaften Suche des Individuums nach Image, Glück und Perfektion. Sie beziehen sich vor allem auf Frauen, denen man speziell diese „typisch weiblichen“ häuslichen Tätigkeiten zuschreibt, die ihnen angeblich Selbstverwirklichung bringen sollen.

Um Männlichkeits- und Familienrituale geht es in der Fotoserie Homesick von
Denis Butorac. In seiner kroatischen Heimat wird die Teilnahme von Buben am traditionellen Schlachten von Tieren als Beweis von Männlichkeit verstanden. Es handelt sich um eine Art Initiationsritus, um in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen zu werden. Nach längerem Zögern überwand Butorac Angst, Ekel und Unverständnis und nahm als passiver Beobachter an diesem sozialen Ereignis teil. Durch die Inszenierung, in der er Teile der getöteten Tiere auf symbolhaft-religiöse Weise und ästhetisch außergewöhnlich angeordnet hat, hält er die Erinnerungen fest, um neue zu schaffen und damit seiner Familie und Heimat näherzukommen.

Der Filmemacher Andrés Duque, der sich häufig mit schamanischen Ritualen auseinandersetzt, zeigt in seinem Video Paralelo 10 das individuelle, täglich praktizierte Ritual der Philippinin Rosmarie an einer Ecke der Avenida del Paralelo in Barcelona. Es ist ein magisch-geometrisches Ritual, in dem sie eine Sonnenkartierung mit Zeichendreiecken durchführt und die Fahrbahn mit kryptischen Zeichen markiert. Sie scheint das Geheimnis der Welt zu kennen; die „Fakten“ dazu liefert der öffentliche Raum: Sie zählt Fenster, Stufen, entschlüsselt Zeichen auf Kanaldeckeln, stellt Messinstrumente für geomantische Zwecke her. Einfühlsam gibt Duque dieser fremdartigen Frau und ihrem rätselhaften Ritual Raum. 

Brigitte Konyen
beschäftigt sich in ihrer Fotocollage-Serie Snapshots mit religiös geprägten, konservativen Verhaltensformen und -zwängen früherer Generationen, von denen sich die nachfolgenden befreien. Ausgehend von ihren weiblichen Vorfahren, schließt sie auf allgemeine gesellschaftliche Traditionen, Konventionen und Verhaltensweisen. Basis sind Familienfotos, die sie fragmentiert. Aus den Körperteilen von Frauen unterschiedlicher Zeiten entstehen neue Bilder von surrealer Anmutung. Die rituellen Handlungen, die in den Inszenierungen, Gesten, Posen und dem jeweiligen modischen Erscheinungsbild sichtbar werden, sind solche, die die Zurichtung und Definition des weiblichen Körpers betreffen.

Simon Lehner zeigt die Zweikanal-3D-Videoanimation September. Die Videos beziehen sich auf ein durch frühkindliche familiäre Erfahrungen ausgelöstes Trauma eines Jungen, das er, nun erwachsen, noch immer als wiederkehrende Flashbacks erlebt. Diesen liegt ein zwanghaftes rituelles Muster zugrunde. Der 3D-animierte Junge verkörpert dieses Trauma, das den Kampf zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein immer wieder neu entfacht. Er spricht direkt mit den Betrachtenden wie eine Stimme in ihrem Kopf, spielt mit Kontrolle, Selbstzerstörung und der Sehnsucht nach einem Wiedererleben der Kindheit. Als BetrachterIn steht man inmitten der Projektion und wird selbst zur aktiven Ebene des Bewusstseins.
 
Erik Levine untersucht in dem Kurzvideo More Man männliche Übergangsriten beim American Football sowie die Beziehung zwischen Befehlsgebern und -empfängern. Es wird gezeigt, wie erwachsene Coaches die jungen Spieler massiv physisch herausfordern und psychisch formen, um aus ihnen „mehr Mann“ zu machen. Der Film ist geprägt von wüstem Gebrüll und Pfiffen der Trainer; man sieht die Demütigung, die Angst, die Müdigkeit der Spieler, aber auch Triumph und Teamgeist. Levine verwendet dokumentarisches Material, das er durch Nahaufnahmen, Zeitlupe, Unschärfe und Segmentierung der Bilder verfremdet, um damit die Manipulation stärker zu betonen. Und dennoch charakterisiert er auch die „Täter“ als Opfer ihrer Macho-Vorstellungen. 

Marta Zgierska zeigt Fotoarbeiten aus der Serie Afterbeauty, eine Auseinandersetzung mit weiblichen Körperritualen. Dargestellt sind Überreste gebrauchter Gesichtsmasken; sie sehen aus wie abstrakte Skulpturen von bizarrer, sich auflösender und gleichzeitig ästhetischer Form. Das Auftragen der Gesichtsmaske ist ein beliebtes Beautyritual für junge Mädchen, die damit gerne Selfies in den Sozialen Medien posten. Zgierska setzt sich kritisch mit dem gegenwärtigen Schönheitsbegriff und dem damit verbundenen sozialen Druck auseinander. Sie unterzieht sich diesem rituellen Prozess des mühsamen Auftragens mehrerer Schichten und deren Abnahme ausschließlich deshalb, um Material für die Kunst zu bekommen.

FOTOGALERIE WIEN
Petra Noll-Hammerstiel, im Namen des Kollektivs
      

VORSCHAU

WERKSCHAU XXIV
Michaela Moscouw – aus der deponie der fotografie

Eröffnung: Montag, 14. Oktober, 19.00 Uhr
19.30–20.30 Uhr: speed dating – meet the artist – ask a question
Finissage & Bildertausch – bring & nimm: Donnerstag, 14. November, 19.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 15. Oktober–16. November 2019
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FOTOGALERIE WIEN BEI DER "PARALLEL VIENNA" 2019

Lasallestr. 5, 1020 Wien, www.parallelvienna.com

Eröffnung: Dienstag, 24. September., 17.00–22.00 Uhr
Messe-Öffnungszeiten: Mittwoch, 25.9.–Sonntag, 29.9.,12.00–19.00 Uhr

Wir freuen uns, folgende KünstlerInnen aus unseren SOLO-Ausstellungen zu präsentieren:
Thomas Albdorf, Robert Bodnar, Katharina Cibulka, Markus Guschelbauer, Olena Newkryta, Corinne L. Rusch, Lea Titz und Christina Werner

Seit 2010 wird jährlich eine der in der FOTOGALERIE WIEN stattfindenden Ausstellungen einem/einer jungen aufstrebenden KünstlerIn als Einzelausstellung gewidmet. Diese Ausstellungsreihe mit Titel SOLO, fungiert als Plattform und Sprungbrett für KünstlerInnen, die gerade am Beginn ihrer Karriere stehen, aber bereits über ein umfangreiches Werk verfügen, das wir einer breiten Öffentlichkeit präsentieren wollen. Ziel ist es, eine nachhaltige Bekanntheit für die/den ausgewählte/n KünstlerIn zu schaffen; dies inkludiert auch die Vermittlung von Kooperationen und Wanderschaften.

PROPELLER Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2019,
PROPELLER
KUNSTSTUDIERENDE IN ÖSTERREICH
BILDER Nr. 313

NAHITA ASADIFAR, JOACHIM BØGEDAL, JOJO GRONOSTAY,  ERLI GRÜNZWEIL, TOBIAS IZSÓ, LIM JANG, GAŠPER KUNŠIČ, MORITZ MATSCHKE, MARIYA VASILYEVA, SUCHART WANNASET, ANGELIKA WIENERROITHER

Eröffnung: Montag, 3. Juni 2019, 19.00 Uhr
Einführende Worte: Johan Nane Simonsen
Ausstellungsdauer: 4. Juni – 6. Juli 2019

Begleitprogramm:
Videoscreening am Freitag, 28. Juni, 19.00 Uhr
Teilnehmende KünstlerInnen:
Anna Barbieri, definite security, 2019
Viktoria Bayer, I didn’t come here to perform, 2018
Adina Camhy, Mensch Maschine Or Putting Parts Together, 2019
Pille-Riin Jaik, Still of a house, 2018/2019
Gašper Kunšič, Awkward Silence, 2019
Hyeji Nam, 파리 PA RI, 2018
Anna Watzinger, living image_deleted, 2018

sponsored by: BKA Österreich; MA7-Kultur; Cyberlab

Die Ausstellung Propeller (von lateinisch propellere „vorwärts treiben“) zeigt eine Auswahl von Werken Studierender an österreichischen Kunsthochschulen. Die Fotogalerie Wien möchte so einerseits ihre Arbeit für ein breiteres Publikum sichtbar machen und ihnen weiters die Möglichkeit geben, den Ausstellungsbetrieb besser kennenzulernen. Wie arbeiten junge Kunstschaffende heute in den Bereichen Fotografie und Neue Medien? Für diese Generation sind digitale Bilder ebenso selbstverständlich wie gattungsübergreifendes Arbeiten – und auch der analoge Papierabzug scheint nichts von seiner Magie verloren zu haben. Die hier gezeigten Werke tragen dieser Vielfalt und Vielschichtigkeit Rechnung, sie sind dokumentarisch und manipuliert, appropriiert und inszeniert. Fotografie ist mehr als nur ein Medium, sie ist Material, Strategie und Pose.

Das Video A student kept herself busy learning about photography whilst not doing photography zeigt Anahita Asadifars Versuch, den Prozess des Fotografierens in einem erweiterten Sinn zu beschreiben. Bei Auftragsarbeiten stellt sich die Frage, wie ein unmittelbarer Umgang mit der Fotografie möglich bleibt. Die Wahl einer Wärmebildkamera bietet Asadifar einen willkommenen Perspektivenwechsel: So wie man mit der Fotokamera Licht aufnimmt, kann man hier kontrollieren, welches Spektrum von Wärmestrahlung aufgenommen wird. Das ermöglicht jenes Spiel mit Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, welches auch dem Medium der Fotografie inhärent ist. Für ihre Videoarbeit entkontextualisiert sie Zitate großer AutorInnen der Kunst und Kunsttheorie, eignet sie sich an und verleiht so ihren Gedanken zur Fotografie Ausdruck.

Die Serie Untitled (Stream of Consciousness) von Joachim Bøgedal ist an die Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms angelehnt, an den Versuch, die Art, wie die menschlichen Gedanken fließen, in geschriebener Form wiederzugeben. Das ungeordnete Hin- und Herspringen zwischen Wahrnehmung, Gefühlen, Erinnerungen und Reflexionen wurde von ihm in eine visuelle Form übersetzt, die diesem Spannungsverhältnis von großer Freiheit und gleichzeitiger Kontinuität Rechnung trägt. Verschiedene Orte, verschiedene visuelle Qualitäten und Stufen der Manipuliertheit kommen in einer zusammenhängenden „Geschichte“ in einer Serie zusammen. Fast alle Bilder sind mit einer analogen Großformatkamera auf Schwarzweißfilm aufgenommen und in der Dunkelkammer entwickelt worden.

DEAD WHITE MEN´S CLOTHES (DWMC) ist ein transdisziplinäres Fashion-Label von Jojo Gronostay. Die Kleidung von DWMC wurde auf dem Kantamanto Markt von Accra in Ghana gekauft. Dieser Markt ist einer der größten Sammelstellen für Secondhandkleidung weltweit. Die oft gespendeten, aus Asien, Europa, Nordamerika und Australien stammenden Kleidungsstücke werden hier wieder dem Kreislauf des Kapitalismus zugeführt. Die gebrauchte Kleidung wird in Ghana als „Obroni Wawu“ bezeichnet, was sich als „Kleidung toter weißer Männer“ übersetzen lässt. Als in den 1970er-Jahren zum ersten Mal Secondhandkleidung importiert wurde, konnten die GhanaerInnen nicht glauben, dass jemand so schöne Kleidung verschenken würde und gingen davon aus, dass die Kleidung von Verstorbenen stammte.

Mit der Serie Mundane Confusion Constant Mystification versucht Erli Grünzweil, den nichtlinearen Weg eines Jungen, der sich von seinem Herkunftsmilieu entfremdet hat, zu (re-)konstruieren. Es ist die Suche nach der eigenen Haltung und zeigt Konflikte, Gegensätze und Unsicherheiten verschiedener sozialer Milieus. Grünzweil eröffnet eine Welt, die so abstrakt und fragmentarisch ist, dass sich der/die BetrachterIn in das Bild- und Sound-Universum projizieren kann. Linsenbasierte und nicht linsenbasierte Bilder treffen aufeinander und verschwimmen. Manipuliertes erscheint glaubhaft, nicht Manipuliertes wirkt surreal. Die Fotos thematisieren die Bewältigung von verdrängter Vergangenheit, verträumter Gegenwart und verfluchter Zukunft hin zum entfernten Ziel eines glücklichen und zufriedenen Lebens.

Auch Tobias Izsó ist auf der Suche nach einer Form der Repräsentation von Gedanken. Ausgangspunkt für Etwas Tot-Denken ist eine ca. DIN A3 große Collage „aus sechs unabhängig voneinander geborenen, zusammengewürfelten Zufällen“. Durch den Zwang, die geschaffene Situation zu reflektieren und logisch zu erfassen, beginnt der Prozess der Elimination der Situation: das Tot-Denken. Das rätselhafte Bild entpuppt sich als Keimzelle für einen ganzen Werkzyklus, für eine scheinbar unkontrollierbare Dynamik der semiotischen Bezugnahmen und der medialen Vervielfältigungen. Das Spiel mit dem Bild-im-Bild-im-Bild, mit Spiegelungen und nicht zuletzt mit der Fotografie wird immer verschachtelter und ist erst recht nicht zu Ende, wenn der/die BesucherIn vor dieser raumgreifenden Installation steht und sich fragt, was hier eigentlich zu sehen ist.

Die digitale Collage 우리들을 무찌르자 (DEFEAT US); uoaea von Lim Jang betont die Eingebundenheit des Bildes in einen (medialen) Kontext. Dieser ist nie neutral und beeinflusst unsere Auffassung des präsentierten Inhalts. Jangs Themen sind das Ineinandergreifen von Politischem und Privatem, die staatliche Kontrolle über Entscheidungsfreiheit und Körper von Frauen, aber auch allgemein das wechselseitige Konfliktverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. Das verwendete Foto ist das Destillat aus einem früheren Performance-Video. Der Bildausschnitt treibt die Sexualisierung von Frauen auf die Spitze, die rasierte Bikinizone verweigert sich aber der Perfektion: spitze Stoppeln bohren sich durch den Badeanzug – poetischer Widerstand der Körperbehaarung.

Das Künstlerbuch Enthusiastic Gaze ist Ergebnis von Gašper Kunšičs laufender Recherche und Materialsammlung zur Ästhetik des sozialistischen Realismus, öffentlicher Skulptur und Ornamenten aus Zentral- und Osteuropa. Die Objekte werden in einer fragmentierten und dekonstruierten Form präsentiert, neu miteinander kombiniert und unter einem Farbschema zusammengefasst. Leitthemen sind der Kontrast zwischen den starken, unversehrten Körpern der Skulpturen und den gescheiterten politischen Systemen, die sie hervorgebracht haben. Das Buch nimmt die historischen Elemente auf und versucht, sie von ihren ideologischen Rollen zu befreien und sich stattdessen auf die ästhetischen Qualitäten zu konzentrieren. Kunšič untersucht das Verhältnis zur eigenen Identität, zum öffentlichen Raum, zur Geschichte und jenem Gesellschaftssystem, das die jungen Generationen zwar nicht miterlebt haben, dessen Echo aber immer noch spürbar ist.

Moritz Matschkes Projekt Zug Vogel Mensch basiert auf einer parametrischen Reise mit einem Zugvogel für die Dauer eines Wanderzyklus’ im Jahre 2018. Sowohl Storch als auch Mensch waren mit einem GPS-Logger ausgestattet und über ein telemetrisches Signal miteinander verbunden. Ziel und Route der Reise wurden vom Vogel festgelegt. Moritz Matschke experimentiert mit verschiedenen Formen möglicher Sichtbarkeit der Beziehung Mensch-Storch. Die Fotografien erzählen zum einen von unterschiedlichen Nähe- und Distanzverhältnissen zwischen beiden. Zum anderen sind es Fotografien, die über gegenständliche und nicht-gegenständliche Artefakte des „Animal Tracking“ berichten. Hier liegt das Augenmerk auf der Fülle an AkteurInnen und ihren persönlichen Weisen, sich in den Apparatus einer praktizierten Ornithologie einzuschreiben.

Eine wichtige Referenz für die Videoarbeit Altar von Mariya Vasilyeva ist das Gemälde "Der Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch: Der tableauartige Bildraum wird von vielen kleinen Akteurinnen bevölkert, die erst bei näherer Betrachtung das groteske Thema dieser Arbeit offenbaren. Schlüsselfigur ist die „Prolapskugel“, für die ein Pornofilm als Vorlage dient, welcher einen Rektumprolaps zeigt, einen Vorfall des Enddarms infolge harter analer Penetration – ein neuartiger Trend in der Mainstream-Pornografie. Vasilyeva versucht, den Fetischismus der pornografischen Bildsprache in einer dekonstruktiven Persiflage überzuaffirmieren – bis zu dem Punkt, an dem sie in ihr Gegenteil umschlägt: Fragmentierte Körperteile, ja sogar das Körperinnere gewinnen ein Eigenleben und werden zu Protagonisten des Geschehens.

Suchart Wannaset hat aus gefundenen Super8- und Normal8-Filmen den eindringlichen Film Herrschaft montiert. Den Bildern haftet eine seltsame Nostalgie an, ohne dass man mit Sicherheit sagen kann, aus welcher Zeit das gezeigte Material tatsächlich stammt. Die immersive Tonspur lädt dazu ein, in dieser seltsamen, überzeitlichen Welt zu versinken. Dem Titel entsprechend geht es um das scheinbar zutiefst menschliche Streben nach Macht und Kontrolle – nicht nur über andere Menschen, sondern auch über die Natur und die Elemente. „Und am Ende steht man doch im Stau in den Massen mit den Autos“, wie der Künstler anmerkt.

Die Auseinandersetzung mit Zeit ist die treibende Kraft in Angelika Wienerroithers fotografischer Arbeit. Sie gibt ein Setting vor und überlässt es dem Leben, die Fotografien zu machen. Hinter jedem Bild der 16-teiligen Serie liegt ein individueller und analoger Entstehungsprozess; das fertige Werk ist Dokument einer Langzeitbelichtung. Acht Stunden lang tropft etwa Regenwasser auf ein unbelichtetes Negativ. Der Film speichert, was in dieser Nacht passiert. In 35 Stunden und 30 Minuten reist die Künstlerin 18.612 Kilometer; das Negativ fliegt in einer Dose voll Sand im Koffer mit – und jedes Ruckeln hinterlässt Spuren in der sensiblen Oberfläche.

Kuratiert von Brigitte Konyen, Johan Nane Simonsen und Patrick Winkler
 
Johan Simonsen und Petra Noll-Hammerstiel, im Namen des Kollektivs
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VORSCHAU

SCHWERPUNKT 2019/ 2020: RITUALE 
Rituale I – Internationale Gruppenausstellung
Eröffnung: Montag, 2. September, 19.00 Uhr
Einführende Worte: Petra Noll-Hammerstiel
Ausstellungsdauer: 3.9.–5.10.2019

ABSENT Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2019,
ABSENT
BILDER Nr. 312

JUDITH HUEMER (AT), HERMES PAYRHUBER (AT/US), ELIZAVETA PODGORNAIA (RU/AT), HESSAM SAMAVATIAN (IR/AT), OZAN TURKKAN (TK/AT), SOPHIA UCKMANN (DE/AT), PATRICK WINKLER (AT)

Eröffnung: Mittwoch, 24. April 2019 um 19.00 Uhr
Einführende Worte: Petra Noll-Hammerstiel
Ausstellungsdauer: 25.04.–25.05.2019

sponsored by: BKA Österreich; MA7-Kultur; Cyberlab
 
Transformatorische Prozesse, die einhergehen mit der Auflösung oder der Abstrahierung bzw. Mutation von Form, um daraus neue Formgebungen zu gewinnen, bestimmen die Arbeiten der ausstellenden KünstlerInnen. Die „abwesende Form“ ist oftmals der Körper, von dessen Präsenz nur noch Spuren, Abdrücke, Fragmente zeugen, aus denen wiederum Bilder von minimalistisch-skulpturaler Qualität entstehen. Die KünstlerInnen bewegen sich in den Bereichen zwischen Materialität und Immaterialität, Fläche und Raum, innen und außen, positiv und negativ. Neben der Beschäftigung mit Form-Nichtform liegt den Transformationen die Auseinandersetzung mit der Existenz – deren Charakteristikum und Triebkraft die Unbeständigkeit, die ständige Veränderung ist – wie auch mit sozialen, künstlerischen und nicht zuletzt fotografischen Prozessen zugrunde.  
 
Judith Huemer präsentiert die work-in-progress-Fotoserie wornout. Textile Arbeiten sind von Anfang an in ihrem feministisch geprägten Werk von großer Bedeutung. Für diese Serie hat sie farbige Strümpfe und Strumpfhosen, die von ihr über Jahre getragen und aussortiert wurden, zu einem stetig wachsenden Knäuel gewickelt und die einzelnen Stadien der Transformation bzw. des Wachstums fotografisch festgehalten. Es ist nicht nur eine Auseinandersetzung mit Skulpturalität im zweidimensionalen Bild sowie mit malerischen Aspekten, sondern auch mit verstreichender (Lebens-)Zeit. „Wie Jahresringe an einem Baum legt sich eine Schicht um die nächste, bewahrt die darunterliegende – so wie sich Erlebtes festsetzt und eine Persönlichkeit prägt“ (Nina Schedlmayer). Der Körper der Künstlerin ist abwesend; nur an wenigen Stellen sind Abdrücke ihrer Füße wahrnehmbar. Dennoch beinhaltet jedes der Strumpfknäuel etwas von ihrem gelebten Leben und von ihrer Identität.

Mit Arbeiten aus seiner großformatigen Serie von Digitaldrucken, Rien-Larache, geht Hermes Payrhuber an die Grenzen des Existentiellen. Die Prints zeigen die extrem vergrößerten Oberflächen von klebrigem Papier eines Kleiderfusselrollers mit Haaren, winzigen farbigen Fäden, Haut- und Staubteilchen sowie anderen mikrokosmischen Rückständen. Durch die Materialisierung dieser „überflüssigen“, ephemeren Abfälle der Reinigung von Kleidung verweist Payrhuber unmittelbar auf die Existenz bzw. auf den abwesenden Menschen. Payrhuber geht wie ein Forensiker vor, aber auch mit viel Ironie in Bezug auf die formale Methode. Durch die fotografische Transformation der Rückstände, die für das Auge nicht sofort sichtbar sind, in einen Makrobereich stimuliert er im Unterbewusstsein liegende Emotionen. Die abstrakt-expressiv wirkenden Bilder eröffnen eine Welt zwischen Ästhetik/Sinnlichkeit und Ekel, Leben und Vergänglichkeit, Präsenz und Absenz. „Eine Fotografie“, so Payrhuber, „kann uns zeigen, was unsere Augen nicht sehen können (…), kann ein Ereignis herstellen und Bedeutung erzwingen (…). Sie kann verführen oder abstoßen.“ 

In der fotografischen Serie Ochre, Canvas, Focus, Loop beschäftigt sich Elizaveta Podgornaia mit fotografischen Prozessen in Verbindung zu anderen Medien. Mit Objekten, Stoff und Farbe schafft sie neue Konstruktionen und Räume, die fotografisch in die Zweidimensionalität überführt werden. Sie ist demnach zuerst Bildhauerin, die die Konstruktionen baut, dann Malerin, die die Farbe aufträgt und zuletzt Fotografin, die das Licht setzt sowie Auswahl, Ausschnitt und Größe des Fotos bestimmt. Die Fotografien werden nicht digital nachbearbeitet. Ihre Arbeitsweise ist die der Mutation von Form, die Transformation realer, alltäglicher Materialien, aus denen abstrahierte, ästhetische Kompositionen entstehen. In diesen sind die Materialität bzw. die Strukturen der Stoffe und die aufgetragene Farbe sichtbar, aber das Bild als solches ist nicht eindeutig zuzuordnen. Podgornoia setzt sich mit der menschlichen Wahrnehmung in unserer Welt der Bilderflut auseinander und untersucht das Verhältnis von Realität und fotografischem Bild.
 
Hessam Samavatian zeigt mit Fotoemulsion beschichtete und in einem eigens entwickelten Verfahren belichtete sowie teilweise auch bemalte Gipstafeln. Es geht ihm, was die Motive auf den Tafeln anbelangt – Fotografien aus dem Besitz seines Großvaters –, um die Auseinandersetzung mit seiner Biografie, aber auch sehr stark um Form und Negativform, Präsenz und Absenz sowie um die Transformation von Materie von einem Zustand in den anderen. Als Negativform für die Gipstafeln dienten Fotoschachteln. Das Interessante am Gips, einem beliebten Material für Abgüsse und Negativformen, sind für Samavatian dessen konträre Zustände: Anfangs ist Gips geschmeidig, nach dem Aushärten jedoch spröde und zerbrechlich. Als Träger für autobiografische Aufzeichnungen geht Hessam Samavatian von diesen beiden Eigenschaften aus. Er sieht eine Parallele zum fotografischen Lichtabdruck, der konkrete Erlebnisse aufzeichnen kann. Und er vergleicht die Brüchigkeit des Materials mit der Entwicklung von Leben, das ebenso von durchgehenden Linien wie Brüchen gekennzeichnet ist. 
 
Ozan Turkkan konzentriert sich in seiner Arbeit auf experimentelle Medien und digitale Künste mit Fokus auf Virtual Reality-Erfahrungen und interaktiver Kunst. Bewegte Bilder und Bewegung versteht er als Spiegelung einer unbeständigen Existenz. Im Kino zeigt er die Virtual Reality-Installation Animum Fractum, die mit generativen 3D-Fraktalbildern unter Verwendung neuronaler Daten hergestellt wurde. Fraktal ist ein Begriff des Mathematikers Benoît Mandelbrot (1975), der bestimmte natürliche oder künstliche Gebilde oder geometrische Muster bezeichnet. Vereinfacht gesagt, ist eine fraktale Figur eine geometrische Figur, die in allen Teilen das gleiche Muster wiederholt. Das heißt, je näher man der Figur kommt, desto mehr sieht man die Wiederholung derselben Figur. Die Figur ähnelt sich selbst und wiederholt sich unendlich oft. In der Installation wird der Mensch diesem Phänomen ausgesetzt. Er befindet sich durch die 3D-Animation mitten im Geschehen und ist dennoch außerhalb davon.

Bei Sophia Uckmanns Werkgruppe Cyanotypes handelt es sich um gefaltete Cyanotopie-Unikate, die als Objekte präsentiert werden. Obwohl üblicherweise bei Cyanotypien meist nur die Vorderseite beschichtet und belichtet wird, sensibilisiert Uckmann beide Seiten des Trägermaterials und ist somit in der Lage, eine dreidimensionale Fotografie, die ihren gesamten Umraum aufnimmt, anzufertigen. Im Falle der Cyanotypes bearbeitet sie das Papier nach der Sensibilisierung und formt es zum Objekt. Durch die Entwicklung im Sonnenlicht wird das Trägermaterial somit gleichsam zum Bildinhalt und zum eingeschriebenen Objekt selbst. Uckmann geht es um eine Befragung des fotografischen Materials, um die Fotografie an sich. Aus der materialbasierten Abstraktion, die sie vornimmt, erarbeitet sie ein neues Bild, eine spezifische Form, die auch auf die Herstellung verweist. Versteht man die Abstraktion als Konzentration auf das Wesentliche, verbleiben Licht, lichtsensibles Papier und Zeit als mögliche Parameter der künstlerischen Handlung.

In der seit 2012 stetig wachsenden Fotoserie Documentary of a well known object becoming a sculpture ent- und verwirft Patrick Winkler Raumkonzepte auf der Basis einer Auseinandersetzung mit Form bzw. Nicht-Form. Das jeweils im Zentrum der Fotos abgebildete Objekt, ein Fundstück aus dem öffentlichen Raum, in dem es entsorgt oder als temporäre Schlafstätte genutzt wird, entwickelt sich nach diversen transformatorischen Eingriffen – wie der Manipulation der sichtbaren Kanten – zu einer skulpturalen abstrakten Form. Der reale Hintergrund der Fotos wurde in einen schwarzen Raum verwandelt – ein „Nicht-Raum“ jenseits unserer Wahrnehmung von Perspektive. Die Arbeit versteht sich als Dokumentation eines plastischen Prozesses, aus dem ein neues räumliches Gefüge hervorgeht. Die Spuren auf der Oberfläche der Objekte verweisen auf die Abwesenheit des Körpers und lassen einen sozialen Hintergrund assoziieren. Durch das Abbild aber wird das Objekt auch von seinen Inhalten befreit und kann als Skulptur wirken.

Petra Noll-Hammerstiel, im Namen des Kollektivs

SOLO X - OLENA NEWKRYTA Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2019,
SOLO X - OLENA NEWKRYTA
if it all seems too abstract, let me provide a literally embodied image
BILDER Nr. 311

Eröffnung: Montag, 11. März 2019 um 19.00 Uhr
Einführende Worte: Juliane Bischoff
Ausstellungsdauer: 12. März–13. April 2019
 
Begleitprogramme:
FOCUS ON UKRAINE, Samstag, 23. März von 17.00 – 22.00 Uhr
Vorträge und Screenings:
Igor Manko – The Kharkiv Photo-School
Kateryna Radchenko – The Odessa Photo-Days
ARTIST TALK, Mittwoch, 3. April um 19.00 Uhr
 

sponsored by: BKA Kunst, MA7-Kultur, Cyberlab, Botschaft der Ukraine Wien, Österreichisches Kulturforum Kiew
Dank an: Igor Manko, Kateryna Radchenko, VASA – Roberto Muffoletto
  
SOLO X: OLENA NEWKRYTA im Rahmen von FOTO WIEN 2019 –  www.fotowien.at

Foto Wien

Er sagt, dass er eines späten Abends in sein Studio zurückgekehrt sei,
als noch einige Lichtstrahlen auf den Leinwänden schimmerten, die er während des Tages bemalt hatte und die nun, seitwärts gedreht, an der Wand lehnten. Was er sodann erblickte, war für ihn die Enthüllung wahrer Malerei: Ein Bild, aus dem ein inneres Leuchten quillt, nichts als Form und Farbe, mit einem unverständlichen Inhalt

Ein Bild machen

Olena Newkryta
sucht in ihren Arbeiten die „Realität“ der Welt nicht in ihren Abbildern1, sondern in der Diskrepanz zwischen Anwesenheit und Abwesenheit. Sie beschäftigt sich mit Momenten der Nähe und des Verschwindens und übersetzt diese in abstrakte fotografische Bilder. Einige ihrer präsentierten Werke sind „im (Sichtbar-)Werden“ und thematisieren den Akt des Herstellens selbst. Newkryta gibt dabei nicht nur Einblick in die bildgebenden Prozesse, sie macht Betrachter*innen oder Bekannte zu Kollaborateur*innen ihrer Arbeiten und verhandelt den Umgang mit Bildern in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten. Ein wiederkehrendes Motiv ist die Spur: als materialisierter Kontakt des Lichts mit dem Fotomaterial ebenso wie als Abdruck eines Körpers. Die Idee der Berührung verbindet auch die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten. Newkryta zeigt uns Eindrücke des Dagewesenen, die sich als Einschreibungen von gelebten Erfahrungen und kollektiven Gesten in ihren Bildern manifestieren.

Für die Fotoserie to grasp. carnal thoughts tastete die Künstlerin ihr Bett mit einem Handscanner ab. Die fragmentierten Abbilder von körperlichen Abdrücken in Leintüchern und Kissen setzte sie anschließend digital zusammen. Generiert durch die Handbewegung der Künstlerin entstanden Einzelaufnahmen, die im Gesamtbild niemals ganz zur Deckung kommen. Es sind bruchstückhafte Erinnerungen an den Körper, der den Abdruck erzeugt hat. Der Scanner überträgt die haptische Materialität der Stoffe in die Fläche des Bildes und macht den Moment der Berührung erfahrbar. Gleichzeitig zeugen die Bilder von der Abwesenheit der/des Referent*in, durch die/den der Abdruck zustande kam. Die „Nachträglichkeit“2, die zwischen Objekt und Spur vermittelt, verweist auf etwas Dagewesenes. Diese Verbindung aus Realität und Vergangenheit, die Roland Barthes auch „Botschaft ohne Code“ nennt, ist wesentlich für das fotografische Bild, da ihr Referent „die notwendig reale Sache [ist], die vor dem Objektiv platziert war“3.

Vom direkten Kontakt mit dem fotografischen Material dagegen zeugt die Serie one month on skin. Dafür bat Newkryta Freund*innen, ein entwickeltes, doch unbelichtetes Negativ für die Zeit eines Monats am Körper zu tragen. Bewegungen und körperliche Reaktionen schrieben sich so in das Material ein. Als Abzug des Negativs ist die Arbeit sowohl ein intimes Porträt einer befreundeten Person wie auch Ergebnis eines gemeinschaftlichen Akts. Die geteilte Urheberschaft spiegelt sich auch in der zweifachen Ausfertigung des Bildes, wobei eine bei der porträtierten Person verbleibt.  
In der Installation denn erst das gesehene Bild ist in Wahrheit ganz Bild geworden lässt Olena Newkryta die Besucher*innen der Ausstellung Teil des bildgebenden Prozesses werden.

Auf einem Tisch bringt sie dafür lichtempfindliches Fotopapier an, auf dem sie anschließend einen Stoff drapiert; genauer: ein Einstelltuch. Dieses findet Anwendung in der Großformatfotografie, um den Raum unmittelbar um die/den Fotograf*in zu verdunkeln und das aufzunehmende Bild auf der Mattscheibe sichtbar zu machen. Das Tuch in Newkrytas Arbeit schützt einen Teil des Fotomaterials vor Lichteinfall, während der andere belichtet wird. Die Besucher*innen sind eingeladen, den Stoff anzuheben und die Aufnahme des jeweiligen Moments zu betrachten. Der Lichteinfall, der durch die Verschiebungen des Tuchs eintritt, transformiert jedes vorherige Bild und lässt dadurch ein neues entstehen. Am Ende der Ausstellung fixiert die Künstlerin das gemeinsam erzeugte Bild. Newkryta setzt hier das Fotogramm als Minimaldefinition der Fotografie ein: ohne Kamera, als Spur, materialisiert sich das Licht auf dem Fotopapier. Wenngleich die Bilderzeugung als „natürlicher“ Prozess anmutet, unterliegt das Bild offensichtlich Codierungen4: durch die Auswahl des Papierformats, den Standort und die Dauer der möglichen Belichtung sowie anschließend durch die Fixierung und den Abzug. „Denn erst das gesehene Bild …“ (Gottfried Böhm) erinnert daran, dass die Abbildungen von Welt auch Zeichen sind, die kollektiv hergestellt werden. 

Die zeitliche Dimension der Fabrikation von Kultur und die materiellen Bedingungen der Bildproduktion nimmt auch sewing screens in den Blick: Drei Projektionen zeigen die Hände der Künstlerin aus verschiedenen Perspektiven, wie sie Stoffbahnen über eine Nähmaschine bewegen. Sie stellen die Leinwand her, auf die die Videos projiziert werden. Das Format der Stoffbahnen bestimmt sich aus dem Verhältnis des Videos (16:9) und dessen Länge wiederum durch die Dauer des Nähens. Newkryta verweist in sewing screens auf die Interdependenz von Material und Medium: Projektionsfläche und Video bestehen nur gleichzeitig; das eine existiert nicht ohne das andere. 
    
In ihrer Installation on image devotion (storing collective gestures) thematisiert die Künstlerin nicht zuletzt auch den Umgang mit Bildern. Aufgewachsen in der Ukraine, beobachtete Newkryta die Bilderverehrung in orthodoxen Kirchen. Die Ikonen, meist Repliken der ursprünglichen, dienen als Platzhalter, um mit einer Gottheit oder einem übersinnlichen Wesen in Kontakt zu treten. Typische Handlungen der Verehrung sind das Küssen der Bilder oder das Stirnauflegen. Die Berührungen hinterlassen Spuren von Körperfett, die in den Kirchen mittels beiliegender Tücher entfernt werden. Ausgehend von einem konkreten gesellschaftlichen Kontext, verweist Newkryta durch die Abstraktion in ihrer Übersetzung auf die Wertigkeit, die wir Bildern auch in anderen Bereichen zusprechen.

Vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Drangs, unseren unmittelbaren Erfahrungshorizont durch Fotografien auszuweiten, beschrieb Susan Sontag dies eindrücklich: „Ein Foto ist zugleich Pseudo-Präsenz und Zeichen der Abwesenheit. [… ] Die Fotografie des Geliebten, im Geldbeutel einer verheirateten Frau versteckt, das Fotoposter eines Rock-Stars [sic], über dem Bett eines Halbwüchsigen an die Wand geheftet, […], der Schnappschuss von den eigenen Kindern, den ein Taxifahrer an der Blendschutzscheibe befestigt hat – solch talismanartiger Gebrauch von Fotos drückt eine Mischung aus Sentimentalität und verborgenem Glauben an magische Kräfte aus: Er ist ein Versuch, mit einer anderen Wirklichkeit Fühlung aufzunehmen oder sie für sich zu beanspruchen“5.
Mittels der Darstellung von Berührungen, Spuren und Einschreibungen zeugen Newkrytas fotografische und filmische Arbeiten von Spannungsverhältnissen zwischen Präsenz und Repräsentation und implizieren dabei auch politische Aspekte. Subtil werfen ihre Werke Fragen danach auf, wer Sichtbarkeit erhält, wer repräsentiert und dadurch letztlich Teil eines kollektiven Gefüges ist. Produktion und Umgang mit Bildern werden so als soziale Praktiken lesbar, die gesellschaftliche Funktionen erfüllen und dadurch auch Verhältnisse in der Welt (re)produzieren.

Juliane Bischoff

1    Vgl. Susan Sontag (200818): Über Fotografie, Frankfurt/Main: S. Fischer, S. 29.
2    Peter Geimer (2009): Bilder durch Berührung: Fotografie als Abdruck, Spur und Index, in:
      Ders.: Theorien der Fotografie zur Einführung, Hamburg 2009, S. 47.
3    Roland Barthes (1989): Die helle Kammer, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 86.
4     Vgl. Philippe Dubois (1990): Die Fotografie als Spur eines Wirklichen.
      In: Texte zur Theorie der Fotografie (2010), hrsg. von Bernd Stiegler, Stuttgart: Reclam, S. 111.
5    Susan Sontag (200818): Über Fotografie, Frankfurt/Main: S. Fischer, S. 22.


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Wir freuen uns über folgende Vermittlungen für Olena Newkryta:
 
Plat(t)form 2019 – Fotomuseum Winterthur
25.–27.1.2019
www.fotomuseum.ch
 
Odessa Photo Days 2019
17.–21.4.2019
www.thephotodays.org
 
Festival Musrara Mix 2019
und Ausstellung Whispers, New Gallery, Musrara, Jerusalem
28.–30.5.2019 + 28.5–26.6.2019
www.musrara.org
 
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Herzliche Einladung zu:

LANDSCHAFT
Teil II: Kunstaustausch
FOTOGALERIE WIEN – GALERIA POSIBILĂ
Thomas Albdorf, Robert Bodnar, Markus Guschelbauer,
Michael Höpfner, Claudia Rohrauer, Lea Titz (AT)
Eröffnung: Donnerstag, 21. März um 19.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 22. März–27. April 2019

www.posibila.ro
Dank an: Österreichisches Kulturforum Bukarest

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VORSCHAU

THEMENAUSSTELLUNG
Judith Huemer (AT), Hermes Payrhuber (AT/US), Elizateva
Podgornaia (RU/AT), Hessam Samavatian (IR/AT), Ozan Turkkan (TK/AT),
Sophia Uckmann (DE/AT), Patrick Winkler (AT)
Eröffnung: Montag, 24. April 2019 um 19.00 Uhr
Dauer: 25.04.–25.05.2019

THE STARS LOOK SO DIFFERENT TONIGHT Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2019,
THE STARS LOOK SO DIFFERENT TONIGHT
BILDER Nr. 310

ANTHONY CARR (UK), NIKOLAUS GANSTERER (AT), WILLIAM MOKRYNSKI (CA/UK)
ANDREAS MÜLLER (AT), ANJA NOWAK (DE/AT), SHEUNG YIU (HK)

Eröffnung
: Montag, 28. Jänner 2019 um 19.00 Uhr
Einführende Worte: Petra Noll-Hammerstiel                       
Dauer: 29.1. - 3.3.2019

sponsored by: BKA Österreich; MA7-Kultur; Cyberlab


Der gewählte Ausstellungstitel  The Stars Look So Different Tonight versteht sich als Metapher für das „Sich-Wundern“, den Ausgangspunkt des menschlichen Wissensdursts. Den versammelten künstlerischen Positionen ist der subjektive Zugang zu grundlegenden naturwissenschaftlichen Fragestellungen sowie die Untersuchung von Wahrnehmungsprozessen und Visualisierungsstrategien gemeinsam. In der poetisch-sinnlichen Aneignung von wissenschaftlicher Bildsprache mit fiktiven bzw. hyperrealen Inszenierungen und spekulativen Laboratorien öffnet sich ein neuer Blick auf das Vertraute. Den objektiv-nüchternen Methoden der Naturwissenschaften wird ein experimenteller, manchmal spielerischer Zugang entgegengesetzt, der den Untersuchungsgegenständen ihre Ambivalenz und ihr Mysterium zugesteht.

Der achte Kontinent ist eine Serie von Anthony Carr, die sich auf den Mond bezieht. Meist wurde das Basismaterial mit einer Lochkamera erzeugt und mit Elementen von Himmelserscheinungen, lunaren Fakten und Fiktionen kombiniert. Die Serie ist eine Untersuchung unseres Selbst und unserer Sehnsüchte sowie eine Entdeckungsreise ins Unbekannte des Weltalls. In 21 Arcs sind Fotografien in einem Muster aus wellenförmigen Linien angeordnet, diese ähneln Wogen in einem dunklen Meer. Es ist ein Verweis auf den Einfluss des Mondes auf die Gezeiten, deutet aber auch auf Lichtwellen oder interstellare Funkwellen hin. Andere Arbeiten, wie die aus der Supermoon-Serie, sind aus Teilen von Fotografien konstruiert. Sie beschäftigen sich mit der Debatte über Nutzen und Schaden von Weltraummüll und die Ausbeutung des Mondes durch die Menschen. Faltungen und Entfaltungen verwandeln die Fotos der Serien Untitled (47 Rockets) und Fold Me to The Moon zu Objekten, die an Raumfahrzeuge und Mondlandschaften erinnern.

Nikolaus Gansterer versteht sich gleichermaßen als Künstler, Performer und Forscher; er interessiert sich besonders dafür, wie Zeichnen, Denken und Handeln zueinander in Beziehung stehen. In der Ausstellung zeigt er das Buch Drawing a Hypothesis – Figures of Thought (2011) und eine dazugehörige Videoarbeit. Ausgehend von seiner veröffentlichten Publikation nähert sich der Künstler in Kollaboration mit der Schriftstellerin Emma Cocker dem Inhalt des Buches durch gezieltes Querlesen und Live-Zeichnen – ähnlich einem Leser, der durch die Seiten blättert: Mit Hinblick auf den ambivalenten Charakter von Diagrammen – zwischen Bild, Symbol und Zeichnung – gehen sie der Frage nach, wie diese visuellen Artefakte gefasst, artikuliert und performt werden können. Die fragilen Zeichnungen und Modelle stehen für Nikolaus Gansterers konsequente Entwicklung einer spezifischen Sprache zur Materialität von Denkvorgängen und einer performativen Auseinandersetzung mit den vielschichtigen Bedeutungsebenen des Spekulativen.

Sheung Yiu zeigt das Video Water und eine fotografische Wandinstallation, Teil des kunsttheoretischen Buchprojekts Simulation Hypothesis, das wiederum zu dem Projekt The Poetics of Science gehört. Konzeptuelle – gerahmte – Fotografien des Künstlers werden mit Bildern aus wissenschaftlichen Lehrbüchern, die als Fotoaufkleber gedruckt und auf die Wand geklebt werden, kombiniert und gehen mit diesen einen Dialog ein. In dem Projekt wird die ambivalente Beziehung zwischen Wissenschaft und fotografischen Bildern bzw. die Art und Weise, wie den Menschen durch Fotografien wissenschaftliche Inhalte vermittelt werden, kritisch untersucht; als Beispiel hierfür verweist Yiu auf Fotografien des „Schwarzen Lochs“ in „Google Images“, bei denen es sich um aus großen Mengen fotorealistischen Materials konstruierte Bilder handelt, die die Menschen in die Wahrnehmungsfalle tappen lassen. Heute ist die Grenze zwischen den verschiedenen Arten von Bildern verschwommen, dadurch ist die Realität schwer von der Simulation zu unterscheiden. Die Arbeit von Yiu zielt darauf ab, ein kritisches Bewusstsein zu schaffen und den immer noch stark verbreiteten Glauben an die „wahren“ Bilder zu erschüttern.

Wie Sheung Yiu interessiert sich auch William Mokrynski für die problematische Beziehung von Fotografie und Realität. Am fotografischen Bild untersucht er die Möglichkeiten, mit Brüchen und Eingriffen neue Inhalte zu schaffen. Dabei dient historisches, gefundenes sowie aktuelles Bildmaterial als Basis seiner Arbeit. Ihn interessiert die Tatsache, dass die Akzeptanz von zum Teil im wahrsten Sinne des Wortes „unglaublichen“ Weltraumfotografien, deren Wahrheitsgehalt wir nicht überprüfen können, Vertrauen ins Bild erfordert. Für die Serie Galactic Coordinates hat Mokrynski bei einem Straßenhändler in der Ukraine teils schwer beschädigte Negative erworben, über deren wissenschaftlichen Inhalt er nur spekulieren kann. Diese hat er entwickelt, vergrößert und mit visuellen Elementen wie Gittern und Punkten, die aus der astronomischen Bildgebung kommen, versehen. Bei den sehr poetischen, „kosmischen“ Fotografien handelt es sich um während des Entwicklungsprozesses durchgeführte Veränderungen. Weiters präsentiert er ebenfalls bei dem Händler erworbene Fotografien kosmonautischen Inhalts, die echt sein könnten – oder auch nicht.

Andreas Müller zeigt das Video LUKREZ RGB, das Lukrez’ Theorien zur Entstehung unseres Planeten, der Himmelskörper und des Weltalls – verfasst vor über 2000 Jahren – interpretiert. Dadurch liegt dem Film ein Denkmuster zugrunde, das in der zeitgenössischen Forschung überholt zu sein scheint und doch wissenschaftliche Erkenntnisse vorwegnimmt. Lukrez zweifelt an einer übergeordneten Intelligenz, die formgebend das Werden des Weltalls steuert. Geist und Materie stehen für ihn auf gleicher Ebene; der Zufall spielt eine tragende Rolle für den Entstehungsprozess des Kosmos', dessen Elemente auf ihre körperliche Komponente reduziert werden. In Analogie zu diesem Paradigma verweisen die drei Primärfarben Rot, Grün und Blau auf das Nicht-Greifbare. Sie repräsentieren die ‚Lichtfarben‘, aus denen sich alle Farben formen lassen. Der formale Aufbau der Einstellungen wird bestimmt von Rastern und Bogenlinien. Mit einem augenzwinkernden Blick greift der Film auf alte Techniken zurück und spielt durch die enge Verbindung von dokumentarischen und fiktiven Aufnahmen, die den Text illustrieren, mit unserer Wahrnehmung. Die Musik von Cornelius Berkowitz folgt den Bildern des Films und den Ideen Lukrez' in eine Welt versetzter Proportionen und Konstellationen.

Thematischer Ausgangspunkt von Anja Nowaks Foto- und Videoarbeiten sind zwischenmenschliche Beziehungen und deren Darstellbarkeit anhand von Bildern. Dabei dienen geometrische Objekte wie Kugel und Würfel, Schwarz-Weiß-Kontraste (Licht und Schatten), Fragmente und Wiederholungen als Basiselemente. Es werden Objekte gegenübergestellt, die zunächst gleich erscheinen und gerade deshalb eine Suche nach Unterscheidbarkeit provozieren. Die ausgestellten Arbeiten zeigen Schatten-Figuren, wo Figuren und Schatten optisch nicht mehr zu trennen sind, und sie eröffnen, wie ihre Titel zwei gleiche, In Beziehung zu und zwischen-zwei andeuten, ein Netzwerk aus Relationen. Die Serie zwischen-zwei (2017) besteht aus drei Fotos und einer Videoinstallation; in letzterer wird der Loop eines sich drehenden Würfels und seines Schattens von einem statischen schwarzen Acrylglaswürfel gerahmt. Die Schwarzblenden verdunkeln das Videobild und ziehen uns kurzfristig aus dem Geschehen heraus. Der Würfel wird in diesen Momenten wieder zum primären Gegenstand. Die Fotos der Serie sind Momentaufnahmen dieses Würfels und doch eigenständige Bilder. Der Würfel und seine wechselnden Schattenwürfe verschwimmen im Schwarz zu amorphen und flachen Gebilden.

Petra Noll-Hammerstiel, im Namen des Kollektivs
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VORSCHAU

SOLO X: OLENA NEWKRYTA (AT)
(im Rahmen von FOTO WIEN 2019)

Eröffnung: Montag, 11. März 2019 um 19.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 12. März – 13. April 2019
Werkstattgespräch: Mittwoch, 3. April 2019 um 19.00 Uhr