2020

Bilder

BORDERLAND Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2020,
BORDERLAND
BILDER Nr. 321

ANNE GLASSNER (AT), ROSA JOHN (AT), KEVIN KIRWAN (IE), PETER  KÖLLERER (AT), LIDDY SCHEFFKNECHT (AT), STEFANIE SEUFERT (DE),
CLAUS TROELSGAARD (DK), MARIA VILL (AT)

Eröffnung
: Montag, 23. November 2020, 19.00 Uhr
Einführende Worte: Johan Nane Simonsen
Schlafperformance: Anne Glassner
Ausstellungsdauer: 24. November 2020 – 16. Jänner 2021
Die Galerie ist vom 24.12.2020 bis 6. Jänner 2021 geschlossen.
     
sponsored by: BMÖKS; MA7-Kultur; Cyberlab
 
Die Ausstellung Borderland versammelt Positionen, die sich in einem Grenzbereich bewegen, die versuchen, verschiedenartige Schwellen zu ertasten, sie in Frage zu stellen, sie zu markieren oder zu verwischen. Auch wenn in einer von Rationalismus und Positivismus geprägten Welt die Bemühungen noch so groß sind, klar definierte Grenzen zu etablieren – diese sind von Unschärfe und Durchlässigkeit geprägt. Es ist der Schwellenbereich einer psychischen Grenze, um den es in dieser Ausstellung geht, um eine Grenze, die fließend ist, ihre Form verändert, wie ein Vexierbild. Borderland ist der Dämmerzustand zwischen Wachsein und Schlaf, Erinnerung und Vergessen. Borderland ist das Déjà-vu, das Wort, das auf der Zunge liegt, der Punkt in der Kehle, an dem man das Geschluckte zum letzten Mal spürt. Die Arbeiten handeln von einer Schnittmenge, von „Dazwischen“ und „Beides“, einem Gefühl der Surrealität, das uns im Alltäglichen begegnet.

Schlafen ist ein zentrales Thema der künstlerischen Arbeiten von Anne Glassner. In ihren sogenannten Schlafperformances untersucht die Künstlerin Übergangszustände vom wachen Bewusstsein zum träumenden, die immer auch eine Transformation bedeuten. Zur Eröffnung der Ausstellung in der FOTOGALERIE WIEN wirft die schlafende Künstlerin eine Reihe von Fragen auf: nach der Differenz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, den Schnittmengen von Intimität und Öffentlichkeit sowie von Verweigerung und Performance.

Rosa John begreift in ihren Arbeiten (analoge) Medienapparaturen und menschliche Sinne als Erfahrungen und Gestaltungsweisen von Welt. Zugleich zeigt sie deren Potenzial auf, alternative Erfahrungswelten zu imaginieren. Zentrales Motiv der gezeigten Arbeiten ist das Kino als Zeitkapsel und als Möglichkeit, mit der Vergangenheit in Kontakt zu treten. Kontakt bedeutet hier auch konkret die sinnliche Interaktion mit der Projektion, die physische Berührung des Lichtkegels, bei der sich ein intimer Projektionsraum öffnet.

Kevin Kirwan
unterzieht in einer Multimedia-Installation jene häuslich-heimelige Welt einer Untersuchung, die uns allen wohlbekannt ist. Aus Aufnahmen mit Kontaktmikrofonen, Hydrofonen und elektromagnetischen Mikrofonen hat er eine Geräuschwelt konstruiert, die eine Art Akustisch-Unbewusstes im Alltäglichen freilegt. Als visuelles Pendant zeigt er eine Montage von auf alten Videokassetten vorgefundenem Material. Kirwan konzentriert sich vor allem auf Bildstörungen, Fehler und unbeabsichtigt aufgenommene Momente, in denen sich die Materialität und die medialen Herstellungsbedingungen des Films in den Vordergrund drängen.

Bei Peter Köllerers Arbeit NAMEN / NAMES handelt es sich um ein kontinuierlich anwachsendes fotografisches Archiv modellierter Köpfe, versehen mit den Namen der Absender von Spam-Mails. So wie die Buchstaben des Alphabets immer neue angebliche Individuen (als Absender) bezeichnen, formt Peter Köllerer ein ums andere Mal seine ANDEREN – ausschließlich für den kurzen Moment einer fotografischen Aufnahme –, um sie dann wieder zu verwerfen. Die Modelliermasse, aus der diese Scheinsubjekte geformt werden, bleibt stets dieselbe und nur die Fotografien zeugen von der Bildhauerei Köllerers.

Auf sehr buchstäbliche Art und Weise verwendet Liddy Scheffknecht Sonnenlicht als bildnerisches Material. Durch ein Fenster fallende Sonnenstrahlen werden mithilfe einer auf Fensterglas angebrachten Schablone geformt. Es entsteht ein Lichtbild, welches, angetrieben durch die Erdrotation, durch das Zimmer wandert und sich in Form, Größe und Proportion langsam verändert. An einem bestimmten Moment am Tag verbindet sich das geformte Licht mit einem Alltagsobjekt im Raum; es entsteht die Illusion einer Einheit von Gegenstand und Licht- oder Schattenprojektion.

Stefanie Seufert
bedient sich des fotografischen Bildes selbst als Arbeitsmaterial für ihre raumgreifenden Installationen. In der Dunkelkammer stellt sie großformatige Abzüge her, die immer wieder neu gefaltet und belichtet werden und die schließlich die Grenze zur Skulptur überschreiten. Zweidimensionale Bilder werden zu Körpern im Raum, denen die Berührung des Lichts eingeschrieben ist.

Der dänische Fotograf Claus Troelsgaard legt in seinen Fotografien das Hauptaugenmerk auf die formalen und materialästhetischen Eigenschaften von alltäglichen Objekten. Diese arrangiert er zu kleinen Installationen oder poetisch-surrealen Stillleben: Triviale Gegenstände werden mit viel visuellem Gespür inszeniert und mit großer technischer Sorgfalt in Bilder übersetzt; den dabei entstehenden Kompositionen haftet eine poetisch-surreale Aura an.

Maria Vill
konstruiert filigrane Objekte, die sie abfotografiert, um gleichsam abstrakte Stillleben entstehen zu lassen. Immer wiederkehrendes Thema ist dabei der Großbuchstabe A. Oft ist es nur ein Hauch von einem Bild, der den BetrachterInnen in diesen Fotografien gegenübertritt. In einem verwirrenden Spiel von transparenten und opaken Körpern, Flächen, Schatten und Konzentrationen von Licht entstehen flüchtige, poetische Bildräume.

Johan Nane Simonsen und Petra Noll-Hammerstiel, im Namen des Kollektivs

DOWNLOAD BILDER 321 hier
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VORSCHAU

SOLO XII – ANJA NOWAK (DE/AT)
Eröffnung: Montag, 25. Jänner 2021, 19.00 Uhr
Einleitende Worte: Julia Hölzl
Dauer:  26.01.– 27.02.2021
 
 
UNSERE CINEMATHEK:
Alle Ausstellungen der FOTOGALERIE WIEN sind von kurzen Videodokumentationen mit Interviews oder Statements der KünstlerInnen begleitet, zu finden unter: http://www.fotogalerie-wien.at/Online-Cinemathek_157.html



 

WERKSCHAU XXV: GÜNTHER SELICHAR Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2020,
WERKSCHAU XXV: GÜNTHER SELICHAR
NO MEDIA BEYOND THIS POINT
BILDER Nr. 320
Soft opening und Katalogpräsentation: 
Montag, 12. Oktober 2020, 17.00 Uhr
Einführende Worte: Ruth Horak, 19.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 13. Oktober–14. November 2020
Künstlergespräch und Finissage: Samstag, 14. November, 19.30 Uhr
Hinweis: Open Studio, Günther Selichar: 14. + 15. November, 13.00–18.00 Uhr
Open Studio Days im Rahmen der Vienna Art Week 2020   www.viennaartweek.at 
  
sponsored by: BKA Österreich; MA7-Kultur; Cyberlab; Gering Druck GmbH; Studio Christian Schepe;
True Vue, Inc; Bildrecht Wien
Dank an: Museum der Moderne Salzburg; OÖ Landes-Kultur GmbH; private Leihgeber
 
WERKSCHAU XXV ist die Fortsetzung der seit über 20 Jahren jährlich stattfindenden Ausstellungsreihe der FOTOGALERIE WIEN, in der zeitgenössische KünstlerInnen präsentiert werden, die wesentlich zur Entwicklung der künstlerischen Fotografie und neuen Medien in Österreich beigetragen haben. Gezeigt wurde bisher ein Querschnitt durch das Schaffen von Jana Wisniewski, Manfred Willmann, VALIE EXPORT, Leo Kandl, Elfriede Mejchar, Heinz Cibulka, Renate Bertlmann, Josef Wais, Horáková + Maurer, Gottfried Bechtold, Friedl Kubelka, Branko Lenart, INTAKT – Die Pionierinnen (Renate Bertlmann, Moucle Blackout, Linda Christanell, Lotte Hendrich-Hassmann, Karin Mack, Margot Pilz, Jana Wisniewski), Inge Dick, Lisl Ponger, Hans Kupelwieser, Robert Zahornicky, Ingeborg Strobl, Michael Mauracher, PRINZGAU/podgorschek, Maria Hahnenkamp, Robert F. Hammerstiel, Sabine Bitter & Helmut Weber und Michaela Moscouw. Für die diesjährige Werkschau konnten wir Günther Selichar gewinnen.
 
 
NO MEDIA BEYOND THIS POINT – so lautet Günther Selichars Appell an sein Publikum, bewusst und kritisch den Einfluss von medienvermittelten Bildern bzw. gelenkten Informationen zu sehen. Mit Begriffen wie OBSERVING SYSTEMS oder EMBEDDED [journalist] legt Selichar Tags an, die den theoretischen Rahmen für seine Auseinandersetzung mit Phänomenen rund um die Massenmedien abstecken – unter ihnen Zitate von Heinz von Foerster, Jacques Derrida, aber auch der Satz aus Miguel de Cervantes Don Quijote: „... rechtschaffen blind muss der sein, der nicht durch ein Sieb schauen kann“, der sich über zehn Doppelseiten des 320. BILDER-Magazins zieht.
Wichtig ist Selichar neben dem „was“ auch immer das „wie“, d.h. eine Bildsprache, die auch visuell anziehend und „tricky“ ist. Die Tags etwa sind Makroaufnahmen von Bildschirmen und aus der Ferne gut lesbar. Mit abnehmender BetrachterInnen-Distanz verschwinden sie jedoch hinter den RGB-Bausteinen des Bildschirms, die sich in ca. 50-facher Vergrößerung am Höhepunkt ihrer Farbintensität präsentieren, während sie ursprünglich ein winziges, weißes Wort bildeten. Der Unterschied zwischen dem, was wir am Display sehen, und dem, was der Apparat während 120 Aufnahmen in 0,01 mm-Fokussierschritten gesehen hat, könnte kaum größer sein.
 
Ein Werkblock, der die Übertragung von Botschaften gänzlich verweigert, ist WHO’S AFRAID OF BLUE, RED AND GREEN?. Zahlreiche Variationen dieser Beschäftigung mit den Grundfarben der additiven Farbmischung sind seit 1990 entstanden und 2017 in einer umfassenden und mit internationalen Preisen ausgezeichneten Publikation des Verlags für moderne Kunst zusammengefasst worden. 
 
Die in der Werkschau gezeigte von 2002–2003 ist eine der stringentesten: Mit Hilfe einer speziellen Software wurden Rot, Grün und Blau nicht nur in ihren „reinsten“ Zustand gebracht, sondern tatsächlich voneinander getrennt. Das Interesse am Detail und dessen Abstraktionspotential reicht in die 1980er-Jahre zurück. Durch ein Fulbright-Stipendium am Art Institute of Chicago 1984–1985 hatte Selichar die Gelegenheit, an einem Stereomikroskop zu arbeiten. Was eigentlich zur Kontrolle kleinster Schäden an historischen Fotografien gedacht war, funktionierte der damals 24-Jährige in eigener Sache um und reproduzierte Details eines in dicken schwarzen Versalien verwackelt geschriebenen Titels HOMMAGE À FRANZ KLINE/AARON SISKIND, sodass die Aufnahmen an die gestische Malerei Klines erinnern. Kline gehörte jener Generation von Künstlern an, die nach dem 2. Weltkrieg die Kunstgeschichte mitbestimmte und vom europäischen Kontinent in die USA geholt hatte. In den 1980er-Jahren ging zudem eine neue künstlerische Haltung von den USA aus, die gleichermaßen einen Kniefall vor der Übermacht dieser Künstlergilde machte und sie kritisierte: die Appropriation Art. Selichar griff diese postmoderne Art des Readymades auf und konnte so medien-, gesellschafts- und kunstkritische Inhalte mit einer ironischen Mehrdeutigkeit versetzen.
 
In Zeiten, in welchen Fotografien fast ausschließlich als JPEGs auf kleinen Displays konsumiert werden, ist eine Ebene im Werk Selichars besonders hervorzuheben: die Materialisierung der Fotografien in komplexen Produktionsschritten, mit High End-Reproverfahren und ausgewählten Materialien. Sie machen das Bild zu einem vieldimensionalen Werk, im Unterschied zum eindimensionalen JPEG am Bildschirm. 
(Ruth Horak)
 
Zur Ausstellung erscheinen:

WERKSCHAU XXV – FOTOEDITION 19/2020    
GÜNTHER SELICHAR 
aus der Serie: NO MEDIA BEYOND THIS POINT, 2019/20  
Inkjet-Direktdruck auf Bilderdruck matt, 135 gr., 30,5 x 210 cm
Auflage: 50 + V, handsigniert und fortlaufend nummeriert in Kartonrolle
Preis: € 450,- (exkl. Versandspesen) 
 
 
WERKSCHAU XXV – FOTOBUCH 62/2020
GÜNTHER SELICHAR – NO MEDIA BEYOND THIS POINT
Hg.: FOTOGALERIE WIEN
Text: Ruth Horak
40 Seiten, Deutsch/Englisch, 21 x 29,7 cm, Softcover
Preis: 15,- (exkl. Versandspesen)
ISBN: 978-3-902725-47-9
 
FOTOGALERIE WIEN
Petra Noll-Hammerstiel und Ruth Horak, im Namen des Kollektivs
 
 
VORSCHAU
 
BORDERLAND
ANNE GLASSNER (AT), ROSA JOHN (AT), KEVIN KIRWAN (IE), PETER KÖLLERER (AT), LIDDY SCHEFFKNECHT (AT), STEFANIE SEUFERT (DE), CLAUS TROELSGAARD (DK), MARIA VILL (AT)
Eröffnung: Montag, 23. November 2020, 19.00 Uhr
Einleitende Worte: Johan Nane Simonsen
Anna Glassner: Schlafperformance
Ausstellungsdauer: 24.11.2019 – 16.01.2020
 
 
 
PETER HOISS IN BERLIN
Wir freuen uns, die Ausstellung Wave Land unseres Solokünstlers 2020, 
Peter Hoiss, im Projektraum KRONENBODEN in Berlin, Schwedenstraße 16, 
als unsere erste Vermittlung anzukündigen:
Eröffnung: Freitag, 30. Oktober 2020, 19.00 Uhr
Einleitende Worte: Michaela Obermair
Artist Talk: Sonntag, 1. November, 15.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 31.10.–29.11.2020 
www.kronenboden.de 
www.koloniewedding.de 
Dank an: Österreichisches Kulturforum Berlin
 
 
Unsere neue CINEMATHEK auf: www.fotogalerie-wien.at
Günther Selichar wird hier mit einem Interview mit Ruth Horak vertreten sein.
 
 
 

   

RITUALE IV Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2020,
RITUALE IV
Körper
BILDER Nr. 319
MALIN BÜLOW (SE/NO), STINE DEJA (DK/UK), TOBIAS IZSÓ (AT), EVA KOT’ÁTKOVÁ (CZ), MAFALDA RAKOŠ (AT), RAPHAEL REICHL (AT), ROLAND REITER (AT), ALBERT SACKL (AT), ANNA WITT (DE/AT)  

EröffnungMontag, 31. August 2020, 19.00 Uhr
Einleitende Worte: Petra Noll-Hammerstiel
Eröffnungsperformance:
Malin Bülow, Elastic Still Lives, performt von Chiara Bartl-Salvi und Pia Wu
Finissage und Katalogpräsentation Schwerpunkt Rituale 2019/2020:
Donnerstag, 1. Oktober um 19.00 Uhr

Ausstellungsdauer: 1. September – 3. Oktober 2020 
Die Galerie ist bis zum 30. August geschlossen.
 
sponsored by: BMKÖS; MA7-Kultur; Cyberlab
Dank an: Galerie hunt kastner, Prag, und Galerie Tanja Wagner, Berlin
 
Rituale sind ein wichtiger Bestandteil des Ausdrucks- und Kommunikationsverhaltens des Menschen und sagen viel aus über Werte, Rollenverständnis und das soziale Miteinander, in dem sie häufig eine regulierende, unterstützende Funktion einnehmen. Die komplexe Inhaltlichkeit und große Bedeutung des Rituals für den Menschen hat das kuratorische Team der FOTOGALERIE WIEN dazu inspiriert, einen Schwerpunkt mit vier Ausstellungen mit internationalen KünstlerInnen in den Jahren 2019/2020 zu konzipieren. Der Begriff „Ritual“, ursprünglich nur im liturgisch-zeremoniellen Kontext üblich, wird heute für alle gesellschaftlichen Bereiche verwendet. 

Das Ritual ist eine nach vorgegebenen Regeln und meist in festgelegter Reihenfolge durchgeführte Handlung mit primär identitäts- und sinnstiftendem Ziel, d.h. mit dem Wunsch nach Orientierung, Erkenntnis und gemeinschaftlichem Handeln. Es setzt sich ab von alltäglichen Gewohnheiten bzw. instrumentellen, regelmäßigen und vor allem zweckorientierten Tätigkeiten, denen aber ein „ritueller Charakter“ zugeschrieben werden kann. Das Ritual besetzt somit vor allem den geistigen und emotionalen Raum. Charakteristisch sind zudem Inszenierung, Prozessualität und meist hohe Symbolhaftigkeit. 

Die vier Ausstellungen beschäftigen sich mit gesellschaftlichen Ritualen und den damit einhergehenden Beziehungsgeflechten; mit Ritualen, in denen sich Machtdemonstration, Unterdrückung und Ausgrenzung artikulieren, sowie mit religiösen und anderen zeremoniellen Ritualen. Im Zuge dessen werden die mit den verschiedenen Ritualen verbundenen Codes, Haltungen und Kommunikationsformen untersucht. 
 
Eines der formalen Grundelemente des Rituals ist seine Performativität. Die KünstlerInnen der vierten Ausstellung zeigen Arbeiten, in denen der Körper in rituellen Handlungen formal und inhaltlich eine explizite Rolle einnimmt. Dazu gehört das Thema Selbstoptimierung in den Bereichen Fitness, Gesundheit, Schönheit, Sexualität, Glück und Leistung. Die hier durchgeführten Rituale basieren oft auf moralisierenden, manipulierenden Vorgaben der Gesellschaft sowie auf Lifestyle-Trends aus dem Internet und können zu Zwangshandlungen des Individuums führen. Thematisiert wird auch, wie sich künstliche Intelligenz und Automatisierung auf die (körperliche) Arbeit des Menschen auswirken und wie durch Virtualität neue Körperdefinitionen entstehen. Andere KünstlerInnen untersuchen, wie familiäre, hierarchische Strukturen die Positionen der einzelnen Mitglieder bestimmen oder wie pädagogische Regeln und Konventionen Menschen in eine Gratwanderung zwischen Unterwerfung und Aufbegehren bringen.  
 
Die Künstlerin und Choreografin Malin Bülow zeigt die Performance Elastic Still Lives, die im Verlauf der Ausstellung als Video präsentiert wird – eine Metapher für das Körperhafte und Prozessuale des Rituals. In ihren Performances und performativen Installationen verwendet Bülow elastische Stoffe als Handlungselement, wie auch in Elastic Still Lives mit zwei Darstellerinnen, sogenannten „Aktivatoren“. Diese sind bekleidet mit Neoprenanzügen, die die beiden Körper wie ein Kokon umgeben und fast bis zum Ende komplett verbergen. Ein langer Neoprenschlauch fusioniert die Körper. Langsame, organisch fließende, scheinbar endlos dauernde, sehr ästhetische Bewegungen prägen dieses skulpturale „elastische Stillleben“. Es werden Grenzen von Körper sowie die Beziehung zwischen diesen verhandelt: Im Bemühen das Gleichgewicht zu halten, stützen sich die Darstellerinnen auf den jeweils anderen Körper. 
 
Stine Dejas Kurzvideo The Perfect Human basiert auf dem gleichnamigen Kurzfilm des dänischen Filmemachers Jørgen Leth (1967), in dem dieser seine Gedanken darüber, was es denn bedeutet, ein Mensch – oder vielmehr ein perfekter Mensch – zu sein, in der Ästhetik der 1960er-Jahre in Schwarz-Weiß visualisiert hat. Ein Mann und eine Frau führen Tätigkeiten aus. Eine Off-Stimme stellt sie uns als perfekte Menschen vor, erklärt ihre Körpermerkmale und ihr Tun. Deja hat den Film „neu geschrieben“ und digitalisiert. Ein silberner, nackter Avatar bewegt sich im grenzenlosen virtuellen Raum. Auch hier erklärt eine männliche Off-Stimme, wie der „perfekte Mensch“ funktioniert, wie er aussieht, wie er sich anfühlt, was er gerade tut, fragt danach, was er denkt. Ist dieser technologische Körper perfekter als der menschliche? Deja fragt nach dem Verhältnis von Mensch und Maschine in einer digitalen Zukunft.
 
In der Rauminstallation Der hölzerne Versuch einer Familienaufstellung von Tobias Izsóstehen Holzskulpturen, Fotoobjekte und Fotografien jeweils für ein Familienmitglied. Die Arbeit bezieht sich auf das gleichnamige Problemlösungsverfahren in der Psychotherapie, wo während wechselnder Positionierungen und Befragungen Beziehungsmuster (räumlich) sichtbar gemacht werden. Die im Raum verteilten Arbeiten von Izsó stehen für Personen – das Ich, Vater, Mutter, Oma, Geschwister – und zeigen deren Beziehungen zueinander. Ihnen sind „typische“ Gendermerkmale sowie individuelle Eigenschaften – so empfunden vom „Ich“ –, zugeordnet. Diese artikulieren sich in dem jeweils zugeschriebenen Möbel und dessen Materialität, in der Sitzordnung und den Haltungen der Personen. Sie verweisen auf zugrundeliegende Alltagshandlungen mit rituellem, Struktur gebendem Charakter.
 
Zentrales Thema in den meist bühnenhaft inszenierten Arbeiten von Eva Koťátková sind Machtstrukturen hinter (pädagogischen) Normierungs-, Manipulations- und Kontrollmechanismen, Konventionen und Ritualen, die unreflektiert zu reglementiertem Denken, Zwängen und Einschränkungen des Körpers führen können – im biologischen, sozialen und politischen Sinn. 
In dem 46-minütigen, in Episoden gegliederten, surrealen Film Stomach of the World sind Kinder die Protagonisten. Sie führen nach zum Teil bedrohlichen Anweisungen aus dem Off befremdliche „Exercises“ durch. Die Welt wird von Koťátková symbolisch als Körper bzw. Verdauungssystem verstanden, als alles verschlingender Magen – ein chaotischer Organismus zwischen Anpassung, Stillstand, Kontrolle, Angst sowie Empathie oder Aufeinanderprallen der BewohnerInnen.
 
Mafalda Rakoš zeigt Fotos aus der Serie A Story to Tell, or: Regarding Male Eating Disorders, für die sie und der Journalist Ruben de Theije mit an verschiedenen Essstörungen leidenden Männern zusammengearbeitet haben. Dazu werden Zeichnungen der Betroffenen, die deren Gefühle und Erfahrungen widerspiegeln, auf die Ausstellungswand übertragen. Essstörungen sind vor allem in den westlichen Industrieländern weit verbreitet, besonders bei Frauen. Männer sind hier in der Minderzahl und werden deshalb weniger wahrgenommen. In  therapieähnlichen Treffen mit Rakoš und Theije erzählten sie von ihren Gefühlen und Ängsten, vom Druck sozialer Erwartungen und von Ausgrenzung. Aus diesen Gesprächen, begleitet von Selbstoptimierungsritualen, entstanden intime Porträts der Protagonisten und Texte. Zu der Serie erscheint ein Buch in der Fotohof edition, Salzburg.
 
Raphael Reichls konzeptueller tonloser 16mm-Kurzfilm t t t touch me (aus einem Super 8-Film) beschäftigt sich mit Kommunikationsritualen der digitalen Gesellschaft, mit neuen Gesten und Körperhaltungen, die im Gegensatz zu den meist unterbewusst ausgeführten Bewegungen beim Live-Gespräch gezielt und vom Verstand gesteuert eingesetzt werden. Die charakteristischen Fingerbewegungen beschränken sich auf Tippen, Drücken, Streichen, Wischen; das Gegenüber ist der Touchscreen eines Smartphones. Diese Standardgesten führen zu einem veränderten Kommunikationsverhalten. In seinem Film versetzt Reichl die Handbewegungen einer digitalen Unterhaltung vom Touchscreen auf die sensible Oberfläche eines nackten männlichen Körpers, ein Verweis auf die Gefahr des Verlusts der sinnlichen Berührung durch die digitale Kommunikation. 
 
Roland Reiters großformatige Fotoserie Transformed Identity zeigt inszenierte Ganzkörperporträts von Männern und Frauen, deren Gesichter mit transluzentem Silikon bedeckt sind. Durch die „Maskierung“ und Verfremdung des Subjekts werden Fragen der Identität und Transformation eröffnet. Realitätsverschiebungen verhandelt Reiter auch in seinen bildhauerischen Arbeiten, die, ebenso wie diese Fotos, häufig grotesken, absurden Charakter annehmen. Mit dem Zitat der Maske spricht er auch deren Verwendung in kultisch-rituellen Handlungen an, verbunden mit hoher sozialer, kultureller und religiöser Bedeutung. Die Maske wird verwendet zu Zwecken der Verehrung, des Schutzes, der Abwehr und der Verwandlung in etwas Anderes. Sie macht, wie auch bei Reiter, immer neugierig auf einen Blick dahinter. 
 
Albert Sackl unterwirft sich alle zehn Jahre einem selbst aufoktroyierten Zwangsritual, das die gängigen gesellschaftlichen Erwartungen von Männlichkeit bzw. Potenz auf humorvolle wie auch ernste Weise untergräbt. Hierfür stellt er frontal und schonungslos seinen nackten Körper und eine rituelle Tätigkeit zur Schau – er versucht über vier Stunden lang die Erektion seines Penis zu erhalten. Aus diesem Konzept ist ein bisher dreiteiliges Filmwerk ohne Ton entstanden, steifheit 1–3 / 7, wobei die 7 auf vier weitere Male verweist. Animiert durch Pornohefte und später auch durch das Smartphone kämpft er einen absurden Kampf vor einer Kamera. Während zunächst das Spielerische, Slapstickhafte seiner Schau dominiert, kommen später – auch aufgrund des zunehmenden Alters – immer mehr Aspekte der Qual, Verlorenheit und Verunsicherung zum Vorschein. 
 
In Anna Witts Dreikanal-Videoinstallation Unboxing the Future werden die Auswirkungen wirtschaftlich gelenkter Automatisierung auf die Arbeit des Menschen, dessen Selbstbestimmung und die Gemeinschaft untersucht. Gedreht wurde in der japanischen Stadt Toyota in der gleichnamigen Autofirma, wo die Hälfte der ArbeiterInnen Roboter sind. Im Film werden parallel zur Roboterarbeit von den (Fließband-)ArbeiterInnen – in Zusammenarbeit mit der Künstlerin – Bewegungen ihres täglichen, rituellen Arbeitsprozesses ausgeführt. Es gibt zusätzlich verschiedene performative Einlagen, u.a. eine Aktion, während der sich ArbeiterInnen als Akt der Befreiung von maschineller Dominanz gegenseitig die Uniformen vom Körper schneiden. Kombiniert sind sie mit persönlichen Statements von ArbeiterInnen und Angestellten, philosophischen Gedanken und einer kritischen Analyse von Arbeitssystemen.
 
Petra Noll-Hammerstiel, im Namen des Kollektivs

BILDER 319 als PDF Download
 
VORSCHAU
 
 
WERKSCHAU XXV
GÜNTHER SELICHAR – NO MEDIA BEYOND THIS POINT
Eröffnung: Montag, 12. Oktober, 19.00 Uhr
Einführende Worte: Ruth Horak
Dauer: 13. Oktober – 14. November 2020
 
 
NEWS
 
Unsere neue CINEMATHEK:

 Alle Ausstellungen der FOTOGALERIE WIEN werden ab Herbst von kurzen Videodokumentationen mit Interviews oder Statements der KünstlerInnen begleitet sein, die auf unserer Website anzusehen sind.   

RITUALE III Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2020,
RITUALE III
MACHT
BILDER Nr. 318
CHRISTIAN EISELT (AT), KÖKEN ERGUN (TR), G.R.A.M. (AT),ANNJA KRAUTGASSER (AT), EDGAR LECIEJEWSKI (DE), AERNOUT MIK (NL),ANNA MITTERER & MARCUSE HAFNER (AT), SANDRA MONTERROSO (GT), LISL PONGER (AT), ELINORA SCHWARTZ (IL), ANGELIKA WISCHERMANN (DE/AT)


Eröffnung: Montag, 2. März, 19.00 Uhr
Einleitende Worte: Petra Noll-Hammerstiel
Ausstellungsdauer: 3. März – 4. April verlängert  19.5. - 13. 6.  2020
Begleitprogramm: Donnerstag, 19. März 2020, 19.00 Uhr:
Videoscreening Memory Trilogy, Maya Zack (IL)
In Kooperation mit dem Jüdischen Filmfestival Wien vorläufig abgesagt.

sponsored by: BMKÖS; MA7-Kultur; Cyberlab
Dank an: Rita Jelinek und Frédéric-Gérard Kaczek – Jüdisches Filmfestival Wien; Christiane Kuhlmann, Museum der Moderne Salzburg; MUSRARA, The Naggar School of Art and Society, Jerusalem; Lisl Ponger, Wien; Carla Bobadilla, Wien; Galerie carlier | gebauer, Berlin/Madrid; Pro Av Saarikko Oy, Espoo, Finnland; Ruth Films, Jerusalem


Rituale sind ein wichtiger Bestandteil des Ausdrucks- und Kommunikations­verhaltens des Menschen und sagen viel aus über Werte, Rollenverständnis und
das soziale Miteinander, in dem sie häufig eine regulierende, unterstützende
Funktion einnehmen. Die komplexe Inhaltlichkeit und große Bedeutung des Rituals für den Menschen hat das kuratorische Team der FOTOGALERIE WIEN dazu inspiriert, einen Schwerpunkt mit vier Ausstellungen mit internationalen KünstlerInnen in den Jahren 2019/2020 zu konzipieren. Der Begriff „Ritual“, ursprünglich nur im liturgisch-zeremoniellen Kontext üblich, wird heute für alle gesellschaftlichen Bereiche verwendet. Das Ritual ist eine nach vorgegebenen Regeln und meist in festgelegter Reihenfolge durchgeführte Handlung mit primär identitäts- und sinnstiftendem Ziel, d.h. mit dem Wunsch nach Orientierung, Erkenntnis und gemeinschaftlichem Handeln. Es setzt sich ab von alltäglichen Gewohnheiten bzw. instrumentellen, regelmäßigen und vor allem zweckorientierten Tätigkeiten, denen aber ein „ritueller Charakter“ zugeschrieben werden
kann. Das Ritual besetzt somit vor allem den geistigen und emotionalen Raum. Charakteristisch für das Ritual sind zudem Inszenierung, Prozessualität und meist hohe Symbolhaftigkeit.

Die vier Ausstellungen beschäftigen sich mit gesellschaftlichen Ritualen und den damit einhergehenden Beziehungsgeflechten; mit Ritualen, in denen sich Machtdemonstration, Unterdrückung und Ausgrenzung artikulieren, sowie mit religiösen und anderen zeremoniellen Ritualen. Im Zuge dessen werden die mit den verschiedenen Ritualen verbundenen Codes, Haltungen und Kommunikationsformen untersucht. 

Die KünstlerInnen der dritten Ausstellung analysieren und dekuvrieren Demon­strationen von Macht, wie sie von Autoritätspersonen inszeniert werden; diese
zielen auf Beherrschung, Unterdrückung, Indoktrinierung, Kontrolle und Disziplinierung von Menschen. Hierzu gehören symbolische Formen wie Gestik,
Mimik und Pose sowie in Szene gesetzte Insignien der Macht und suggestive oder aggressive verbale Order. Diese sind in allen Ländern und Gesellschaften üblich und oft ähnlich; sie sind auf Grund ihres gezielt eingesetzten und sich wiederholenden Charakters als Rituale der Macht zu lesen. Die KünstlerInnen untersuchen Mechanismen von Machthabenden aus u.a. Politik, Militär, Polizei und Kirche sowie in hierarchisch orientierten Gesellschaften, wobei zum Teil eigene Erfahrungen von Repressalien einfließen. Vielfach werden Macht­demonstrationen als (sinn-)entleerte, absurde Rituale entlarvt. Angesprochen werden auch aus Machtansprüchen resultierende Rituale des Protests, der Verweigerung oder der Befreiung der Unterdrückten.


Christian Eiselts Künstlerbuch 08/15 basiert auf Tagebucheintragungen aus seiner Militärzeit Anfang der 2000er-Jahre in Österreich, Geschichten eines ganz normalen – 0815 – Soldatenalltags, kombiniert mit Fotos eines Reenactments einer Schlacht, das 2014 zum 100-jährigen Jubiläum der Kämpfe zwischen der k.u.k.- und der russischen Armee inszeniert wurde. Rituale der Machtausübung von Oberen prallen auf die Rituale von Militärdienstleistenden, deren Alltag bis ins Kleinste von den Befehlshabern vorgegeben ist. Immer und überall verlaufen diese ähnlich, wenn Menschen für kriegerische Zwecke ausgebildet werden. Der Wahnsinn des Krieges ist allgegenwärtige Bedrohung. 
 
Bei Köken Erguns Zweikanal-Videoinstallation I, Soldier handelt es sich um den ersten Teil einer kritischen Analyse von staatlich kontrollierten Zeremonien anlässlich der Nationalfeiertage der Türkischen Republik. Diese werden begleitet von nationalistischen und militaristischen Attributen und Ritualen. I, Soldier wurde am Nationalfeiertag für Jugend und Sport gefilmt. Die jährliche Zeremonie findet in vielen Städten statt und besteht aus Vorführungen von Jugendlichen, die zeitlos sozialistisch-realistisch choreografiert sind. In I, Soldier wird ein nationalistischer Hip-Hop-Song während der Gymnastikvorführungen von Militärschülern gespielt, untermalt von einem herrischen Gedicht eines hochrangigen Soldaten über soldatische Tugenden.

Die Künstlergruppe G.R.A.M., Martin Behr und Günther Holler-Schuster, zeigt eine Auswahl von auf Zeitungspapier gedruckten Fotografien aus der Serie Der Coup der tadellosen Männer, Reenactments von Situationen mit in erster Linie politischen Machthabenden, die auf Pressebildern basieren und deren Titel realen Meldungen aus Zeitungen entstammen. In persiflierender Weise wurden diese Männer abseits der Zwänge und Manierismen protokollarischer Handlungen und Haltungen inszeniert. Posen, die gewöhnlich eingesetzt werden, um sich wichtig und mächtig zu präsentieren, werden als leere Rituale entlarvt und ad absurdum geführt.
 
In ihrem Performance-Video Rollenszenen beschäftigt sich Annja Krautgasser mit Manipulation und Fremdbestimmung des Individuums durch die Gesellschaft. Eine Frau in weißem Overall sitzt in einem klaustrophobischen Raum an einem Tisch und blickt frontal in die Kamera. Aus dem Off kommen provozierende Fragen, Vorwürfe, Beurteilungen und Regieanweisungen für Positionen und Handlungen, die sie bereitwillig ausführt, ebenso wie sie auf Anforderung Aussagen wiederholt. Gefühle werden ihr suggestiv eingeredet, sie wird ständig mit Ängsten und Unsicherheiten konfrontiert. Die „von oben“ vorgegebene Struktur ist als Ritual der Disziplinierung zu lesen, von dem sie sich erst am Ende befreit.

Edgar Leciejewskis Fotoinstallation A Circle Full of Ecstasy zeigt internationale Personen der politischen Elite und Würdenträger, die die rechte Hand in ähnlicher Weise heben. Die Bilder basieren auf Pressematerial, das von Leciejewski in Cyanotypien übertragen wurde. Der Bilderblock beginnt und endet jeweils mit einer Frontalansicht; die an dem Zyklus beteiligten 77 Personen drehen sich um 360 Grad. Das Ritual der Handhebung, das jeweils visuell fokussiert wird, ist immer anders zu interpretieren – als harmlos-freundliche Begrüßung, als werbender Solidaritäts-, schützender Segens- oder Friedensgestus, aber auch als manipulative Verführungspose sowie als dominante Machtdemonstration.

In Aernout Miks Zweikanal-Videoinstallation a swarm of two brechen soziale Ordnungen und Strukturen zusammen, werden Rituale der Macht ad absurdum geführt. Zwei Paar PolizistInnen, Garanten für Sicherheit und Schutz vor (vermeintlicher) äußerer Bedrohung, schlendern nachts durch eine ausgestorbene Einkaufsstraße. Ihre Uniformen und Bewaffnung, ihre Codes und Gesten symbolisieren Autorität und Macht. Plötzlich wird ihr Kontrollgang durch eine absurde Choreografie von Macht und Unterwerfung, Anziehung und Misstrauen gebrochen. Sie geraten in eine ambivalente Interaktion, krabbeln, stürzen, agieren feindselig und liebevoll zugleich. Ihr Auftrag hat seinen Sinn verloren. Die absolute Stille verstärkt das Gefühl von Desorientierung, Ausgeliefertsein und Bedrohung.

Auch in dem Kurzfilm La Chambre d' Ortolan von Anna Mitterer & Marcuse Hafner werden Rituale der Macht bloßgelegt. Als Bühne dient ein theatralisch inszenierter Raum mit wenigen Personen bei der Zeremonie des letzten Mahls eines alten, ehemals mächtigen Politikers. Nun ohne politische Funktion vermag er dennoch, mit nur minimal eingesetzter Gestik und Mimik andere zu beherrschen. Es wird ihm ein Ortolan, eine Delikatesse der Elite und damit Symbol für Macht, serviert. Tücher über dem Kopf verhindern, dass man hört und sieht, wie der Vogel verspeist wird. Auch die anderen Gäste haben Tücher über dem Kopf, bekommen aber signifikanterweise keinen Vogel zu essen.

Sandra Monterroso fokussiert in ihrer Arbeit postkoloniale Kritik, dekoloniale Strategien sowie Ahnenpraktiken und Missstände ihres Heimatlandes Guatemala. Ihr Performance-Video Musiq’ / Respiración del espíritu / Breath of the Spirit thematisiert die koloniale Machtausübung auf ihr Land, die noch heute für rassistisches Gedankengut verantwortlich ist, und ihre Befreiung davon. Sie läuft in einem Maya-Kostüm durch eine Schulklasse und atmet mit einer Papiertüte – ein Ritual zur Befreiung des Geistes, mit dem sie den Glauben an die Möglichkeit einer besseren Welt signalisiert. Auf der Tüte steht geschrieben: „Rassismus ist eine Wunde aus der Kolonialzeit, die geheilt werden kann.“ 

Auch Lisl Ponger beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Machtausübung von Kolonialländern auf indigene Völker sowie mit der oft verzerrten Vorstellung vom „Anderen“. Die Wegnahme außereuropäischer Kultur- und Wirtschaftsgüter und deren Aneignung ist als Ermächtigung über fremde Dinge zu lesen. Die Fotografie Western Still Life zeigt solche Trophäen, die, in einer stilllebenhaften, rituellen Inszenierung auf roten Stoffen präsentiert, das westliche Selbstverständnis ironisch-kritisch hinterfragen. Das Foto Geisterbeschwörung basiert auf Georg Baselitz’ Bild Nachtessen in Dresden. Nachgestellte Mitglieder der Künstlergruppe „Die Brücke“ inszenieren von jenen mitgebrachte und gemalte außereuropäische Objekte. 
 
Elinora Schwartz zeigt Videos und Fotos, die die Unterdrückung der Frau in Israel auf der Basis autobiografischer Erfahrungen und ihren engagierten Kampf dagegen thematisieren. Vor ihrer jüdischen ultra-orthodoxen Community muss sie ihre künstlerischen (und zudem kritischen) Aktivitäten verbergen. Ihre Arbeit zeigt den Schmerz von Frauen, die in einer autoritären, männergeprägten Gesellschaft im Namen der Religion benutzt, unterworfen und zum Schweigen gebracht werden. In dem Video You are consecrated to be silent wird eine Frau – die Künstlerin selbst – durch mehrfach wiederholtes, wie ein Ritual inszeniertes Überstülpen von Strumpfhosen symbolisch zum Stillsein verdammt.
 
In Angelika Wischermanns Videoinstallation Gespannt erwarten wird auf mehreren Röhrenfernsehern gezeigt, wie eine Vase in einem langsamen, rituellen Prozess solange von der Künstlerin mit einer weißen Schnur umspannt wird, bis sie unter dem zu groß gewordenen Druck zerbricht. Wischermann ist interessiert an der Frage, ob Handlungen, die sich wiederholen oder sehr lange dauern, nicht gerade durch die zeitliche Ausdehnung ihren Sinn verlieren, weil sie nicht länger einem Zweck dienen. Die Vase zerbricht auf Grund einer körperlich anstrengenden Aktion ohne praktische Funktion – ein Ritual, das auch als Symbol für die Auswirkungen von Machtausübung gelesen werden kann.

Petra Noll-Hammerstiel, im Namen des Kollektivs

BILDER 318 - PDF Download

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VORSCHAU

BORDERLAND
Anne Glassner (AT), Rosa John (AT), Kevin Kirwan (IE), Peter Köllerer (AT), Liddy Scheffknecht (AT), Stefanie Seufert (AT), Claus Troelsgaard (DK), Maria Vill (AT)

Eröffnung: Montag, 20. April  2020, 19.00 Uhr
Dauer: 21. April – 22. Mai 2020
verschoben in den November
  
  
           

 

SOLO XI - PETER HOISS Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2020,
SOLO XI - PETER HOISS
Panoptikum
BILDER Nr. 317

Eröffnung: Montag, 20. Jänner 2020, 19.00 Uhr
Einführende Worte: Michaela Obermair
Ausstellungsdauer: 21. Jänner – 22. Februar 2020
Künstlergespräch: Donnerstag, 13. Februar, 19.00 Uhr
Finissage mit Videospecial: Donnerstag, 20. Februar, 19.00 Uhr

sponsored by: BKA Österreich; MA7-Kultur; Cyberlab     

Panoptikum

Peter Hoiß arbeitet medienübergreifend mit Fotografie, Installation und Video. In Pan­optikum zeigt er einen Einblick in sein künstlerisches Kuriositätenkabinett an Dingen, die für ihn zum Sehen gehören. Dabei bricht er mit konventionellen Sehge­-
wohnheiten und fördert eine Konzentration auf die Verbindung des Mediums Foto­grafie mit einer anderen künstlerischen Ausdrucksform. Gelenkte Sicht nennt er den Werkkomplex, bei dem zweidimensionale Bilder in raumgreifenden Periskopen eine zusätzliche Illusion erhalten. Inhalt geht somit in Form über, als würden sie sich gegenseitig ergänzen und besprechen.

In Panoptikum kann man körperliche Erfahrungen machen und den Blick neu ausrichten.
Peter Hoiß baut eine Art Spiegelreflexkamera und einen Riesengucker, die regelrecht ein Er-Leben von Bildern ermöglichen, und ein Touchscreen ist eine taktile Referenz zum photochemischen Prozess. Auf Bildern sieht man Wald-, Vulkan- und Meeresland­schaften, die sich die Aufmerksamkeit mit Sportfeldern, Sternwarten und Bohrinseln teilen müssen. In den Fotografien wird der Eingriff des Menschen in seine Umgebung herausgefiltert. Menschliche Interventionen in der Natur werden offengelegt, die wir in unserer alltäglichen Lebensrealität oft nicht mehr wahrnehmen. Farbliche Filter machen aus den Schwarz-Weiß-Fotografien Kippbilder, die den Blick in unterschiedliche Richtungen schweifen lassen.

Peter Hoiß will keine Antworten geben, sondern formuliert Fragestellungen. Und er will auch zeigen, was Optik und Fotografie alles sein können. Er isoliert einzelne Elemente seiner künstlerischen Arbeit wie das Rotlicht, die Kameraoptik und das Wässern von analogen Fotografien und bringt sie in den Fokus, stetig tüftelt er an Möglichkeiten fotografischer Repräsentation. Optische Phänomene laden im raumgreifenden Panop­tikum ein, Fragen aufkommen zu lassen. Antworten müssen wir selbst finden.



Harte Kontraste

Als sie den Raum betrat, wusste sie nicht, worauf sie ihre Sinne zuerst lenken sollte, viele verschiedene Eindrücke erweckten ihre Aufmerksamkeit. Irritiert stellte sie sich in die Mitte des Raumes. Vor ihr an der Wand sah sie ein großes Bild, es bewegte sich ganz langsam. Sie sah den Lichtstrahl durch den ganzen Raum schweben bis zu der Stelle, wo er aufklatschte und zu etwas Neuem, jenem Bild wurde, das sich verformt. Sie spürte die leichte Wärme des Lichtstrahls an ihrem Körper vorüberziehen und ging einen Schritt zurück, damit ihr eigener Schatten nicht mehr wie ein Scherenschnitt in der Darbietung vor ihr anwesend war. Jetzt sah sie das bewegte Bild in seinem ganzen Umfang, es war fast farblos, nur ein klein wenig Bunt tauchte auf und verschwand auch wieder.

Wie ein paar Momente zuvor noch im Raum selbst, versuchte sie sich nun in der Aufnahme zurechtzufinden, aber die Orientierung fiel ihr schwer. Sie sah das Wasser, sie sah das Bild vom Wasser, die Farben filterten da und dort Gebilde heraus, auch dahin wollte sie den Blick lenken. Sie fühlte eine beruhigende Stille von den Landschaften ausgehen, aber die tosende Präsenz der farbigen Gestalten erzeugte eine ambivalente
Stimmung.

Grob gebaute künstliche Inseln im Wasser, die aussehen wie Riesenkraken. Geometrisch angelegte Spiel-Felder mit Netzen aus Kunststoff und exakten Linien am Boden, die das Spiel in der Natur regulieren sollen. Kräne auf himmelhohen Wolkenkratzern, die ins Nichts stechen und dort wohl weiter hinauswollen.
Eine eigenartige Welt wurde ihr dort präsentiert.

Michaela Obermair
            

VORSCHAU

RITUALE III – MACHT
Christian Eiselt, Annja Krautgasser, Edgar Leciejewski, Aernout Mik, Anna Mitterer & Marcuse Hafner, Sandra Monterroso, Lisl Ponger, Elinora Schwartz, Angelika Wischermann u.a.

Eröffnung: Montag, 2. März, 19.00 Uhr
Einleitende Worte: Petra Noll-Hammerstiel
Dauer: 3. März – 4. April 2020

Begleitprogramm: Donnerstag, 19. März 2020, 19.00 Uhr:
Videoscreening Memory Trilogy, Maya Zack (IL)