Kataloge

PERFORMANCE
Performance im Bild und im medialen Übertrag
Fotobuch Nr. 43

Der Themenschwerpunkt 2009 der FOTOGALERIE WIEN reflektiert das aktuelle Wechselverhältnis von Bewegung und

Stillstand, das Zwischenspiel von Echtzeit, Sichtbarmachen und Festhalten. Das Ephemere der Performance trifft auf die bildgebenden Medien Fotografie und Video.

Somit wird die Einmaligkeit eines Performanceablaufs im Bildraum dauerhaft fixiert und als Kunstwerk sowohl (re)präsentier- als auch wiederholbar. Das Ereignis wird deshalb, anders als beim unmittelbaren Erleben und Erinnern, über Ausschnitte, Fragmentierungen, Detailansichten und Entkontextualisierungen sichtbar und ermöglichen neue Inhalte, Perspektiven und Bedeutungsebenen zu kreieren.

Den zentralen Schwerpunkt der gezeigten Arbeiten in der Ausstellungsreihe bildeten Studio-Performances und Performed Photography mit spannenden unterschiedlichen inhaltlichen Fokussierungen im künstlerischen Werk. Aktionen und Handlungen wurden für die Aufnahme inszeniert. Damit tritt der Live-Akt in den Hintergrund des Interesses und das visuelle Ergebnis wird zum bedeutenden Part. Der mediale Raum des bleibenden Dokuments wird somit zum spezifischen Raum der Performance.

Das Kollektiv der FOTOGALERIE WIEN erarbeitete in einer Vielzahl intensiver Inhaltsrunden diesen interessanten Themenschwerpunkt. Das Ergebnis ist eine Gegenüberstel-lung jüngerer zeitgenössischer Positionen mit KünstlerInnen, die Performancegeschichte geschrieben haben. So zeigt der zeitliche (Entstehungs-) Rahmen der ausgestellten Arbeiten Werke der frühen 70er Jahre bis heute, mit spezifischen inhaltlichen Parallelen aber auch Unterschiedlichkeiten in der Umsetzung und eröffnet ein breites diskursives Feld über Veränderungen aber auch Wiederholungen in der Performancekunst.

Diese Publikation zur Ausstellungstrilogie stellt eine Neue-rung im Vergleich zu unseren früheren Katalogen dar. Zusätzliche Dokumentationen der künstlerischen Arbeiten und weiterführende theoretisch-inhaltliche Auseinander-setzun-gen umrunden das Thema und bieten einen umfassenden Einblick:

Der Reader ermöglicht eine Vertiefung zum Thema mit umfangreichen Text- und Bildbeiträgen. Er versammelt Artist Statements aller beteiligen KünstlerInnen, sowie wissenschaftliche Überlegungen zu unterschiedlichen Fragestellungen im Kontext der Performancekunst. Dazu haben wir fachspezifische TheoretikerInnen als Autoren gewinnen können. Umfangreiche Bilddokumente aller dreiundzwanzig zu diesem Schwerpunkt geladener (inter)nationaler KünstlerInnen ermöglichen einen konzentrierten Blick auf aktue-le Diskurse der Performance Studies innerhalb zeitgenössischer bildender Kunst, begleitet von beschreibenden wie reflektierenden Texten zu den jeweiligen Ausstellungen und Arbeiten.

Texte: Barbara Clausen, Felicitas Thun-Hohenstein, Maren Lübbke-Tidow, Astrid Peterle, Thomas Trummer und Statements aller beteiligten KünstlerInnen 

 

Bildbeiträge: Artists Anonymous, Miriam Bajtala, Clarina Bezzola, Katrina Daschner, Peter Dressler, G.R.A.M., Katharina Gruzei, Nilbar Güres, Judith Huemer, Johanna Kirsch, Richard Kriesche, Lena Lapschina, Roberta Lima,

Jan Machacek, Michaela Moscouw, Tatsumi Orimoto, Katarina Sevic, Nina Rike Springer, Benjamin Tomasi, Milica Tomic, Zsolt Vasarhelyi, Jennifer Wille und Martha Wilson


Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Format: 22x19cm, 130 Seiten,
ISBN 978-3-902725-28-8

Preis: EUR 19,00 › Bestellen

BILDER Nr. 236: PERFORMANCE I
BILDER Nr. 238: PERFORMANCE II
BILDER Nr. 241: PERFORMANCE III
WERKSCHAU XIV - INGE DICK
Arbeiten 1989-2007
Katalog Werkschau Nr. 42

Die Bewegung der Farben

Rot. Tag-Rot, Boston Red, Zinnoberrot. In zahlreichen Arbeiten ist Rot bisher das Motiv von Inge Dick gewesen. Und Rot ist auch die überwiegende Farbe in ihrer Werkschau in der Fotogalerie Wien. Dabei ist Rot nur ein Hilfsausdruck für die nuancenreiche Palette an Rottönen, die Inge Dick für die vielteiligen Polaroidserien seit den frühen 1980er Jahren bzw. zuletzt für den 13 ½ -stündigen Film zinnober den Apparaten entlockt hat.

Der Schriftsteller Bodo Hell hat für sie eine „rote Liste“1 geschrieben, nach der im deutschen Sprachgebrauch zumindest 81 Rottöne einen eigenen Namen tragen, noch ohne Berücksichtigung der Pantone-Nummerierungen oder der RGB-Werte.

Gleichzeitig ist Rot aber auch nur ein Modell, ein Statist, nur ein Vorwand, denn, was Inge Dick eigentlich darstellen will, ist das Licht und seine Intensitätsschwankungen – die Veränderungen des natürlichen Lichts mit der Tageszeit, bzw. die Auswirkungen der apparativen Einstellungen auf das Kunstlicht. An den Farben (neben Rot verwendet Inge Dick vor allem Weiß, Schwarz und Blau) lässt sich das Licht visualisieren. Die Farben selbst nehmen sich dabei zurück, besitzen keine eigenständigen Farbkörper und keine ursprüngliche Stofflichkeit, erst wieder jene des darstellenden Mediums. Damit hebt sich auch der Unterschied zwischen Abbild und Bild auf: die Farben sind weniger abgebildet, als dass sie selbst Bild sind.

Mit der Entscheidung, das Spektrum der natürlichen Lichtintensitäten auch filmisch zu erfassen, macht Inge Dick den Schritt zur kontinuierlichen Bewegung - in zinnober ist der Tag wieder ganz. Während in den fotografischen Serien einzelne Farben abhängig von bestimmten Zeit- und Lichtwerten herausgegriffen werden, bewegt sich das Rot nun. In den Polaroidserien regen die Einzelbilder zum Vergleich an – die Dunkelheit des Rots frühmorgens, seine Blässe tagsüber und seine Ähnlichkeit mit der Vorlage gegen Abend – im HD-Video zinnober hingegen lässt unser schlechtes Farbgedächtnis ähnliche Vergleichsmomente kaum zu. Wir registrieren Veränderungen, aber die vorangegangenen Rot-Töne sind unserem Gedächtnis längst wieder entschwunden. Dafür liegt ein ganzes Taglicht ununterbrochen und in Echtzeit vor uns.

Bei all diesen Experimenten mit der Kausalität von Farbe, Licht und Zeit – sei es mit der kleinen SX 70 Polaroidkamera oder den mittel- und großformatigen Polaroids seit 1995, sei es in den Malereien (die in ebenso großem Umfang wie die Fotografien entstehen) oder in ihrem ersten Filmprojekt: es geht Inge Dick immer um das „Programmieren“ einer Serie, um den Prozess der Umsetzung, um Strukturelles, das sie in Form von Zeitcodes etwa mit ins Bild holt. Inge Dick versteht es, Wahrnehmungsschwellen zu initiieren und deren Immaterialität eine Form zu verleihen. Und sie versteht es, die strenge Programmatik ihres Konzepts immer neu zu bezaubern.

Ruth Horak

[1] Bodo Hell, Listen der Liste. In: Inge Dick, Lichtzeiten, Landesgalerie Linz / Fotohof edition 2008, S.76ff. 


Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Format: A4, 40 Seiten,
ISBN978–3-902725-27-1

Preis: EUR 11,00 › Bestellen