Kataloge

IDENTITÄT
Fotobuch Nr. 45

„Was konstituiert Identität heute?“, fragt das kuratorische Team der Fotogalerie Wien anlässlich des Themenschwerpunkts für das Jahr 2010. Die dreiteilige Ausstellungsserie fokussiert Identit ät der Gegenwart in ihrer vielfältigen wie prozessualen Gestalt, ebenso wie die gezeigten künstlerischen Positionen die gleichsam unabschließbaren und vor allem uneindeutigen Facetten der Identitäten heutiger spätmoderner Subjekte widerspiegeln: Die KünstlerInnen visualisieren, wie die miteinander verwobenen Ausformungen personaler und kollektiver Identitäten zwischen Selbst- und Fremdbestimmung paradox changieren.

Identität I – Biografie reflektiert die Relation von Biografie und Identität als ‚Entwicklungslinie alltäglicher Identitätsarbeit’. Wie lässt sich biografische Selbsterfahrung heute bewältigen? Wie je nach Lebensphase und Handlungsaufgaben jeweils unterschiedliche, widersprüchliche und divergente Teilidentitäten in einer Biografie dominieren, die es im Wechselspiel mit den Anforderungen von außen und von innen zu synthetisieren gilt, zeigen auch die für den Auftakt des Jahresschwerpunkts ausgewählten KünstlerInnen. Insbesondere der Seriencharakter aller fünf künstlerischen Statements verweist indirekt auf die fragmentierte wie inkonstante Beschaffenheit heutiger Subjekte.

Das Themenfeld der zweiten Ausstellung, Identität II – Identitätsstiftung, hinterfragt die ambivalenten Interpretationsmodelle der Identitätsstiftung, die je nach Kontext zwischen Identifikation und Ideologisierung divergieren:
Kollektive Identität ist nach Jan Assmann immer nur „so stark oder so schwach, wie sie
im Denken und Handeln der Gruppenmitglieder lebendig ist […]“. Sie ist Ausdruck dessen, was Personen an einheitlichen Selbst- und Weltbeschreibungen miteinander verbindet und auf welche Weise sich Individuen damit identifizieren.
Identitätsstiftung gerät jedoch unter Ideologieverdacht, sobald sich in Gesellschaften die Annahme kultureller Homogenität oder geschichtlicher Kontinuität abzeichnet.
Der manipulative Gebrauch des Identitätsbegriffs zur Stiftung einer symbolischen Einheit zeigt, wie dieser zur Konstruktion von Großgruppen instrumentalisiert wird. Solche Universalisierungstendenzen entlarven sich als normierende Suggestion, welche die begriffliche Verwandtschaft von Identität mit Autonomie umso bedeutsamer erscheinen lässt.

Für die Abschlussausstellung IDENTITÄT III – Verortung hat das kuratorische Kollektiv der Fotogalerie Wien künstlerische Positionen eingeladen, die sich mit der Verortung des Subjekts in der Spätmoderne kritisch auseinandersetzen. Während in der frühen Moderne kollektive Identitäten ein sicheres Bezugssystem bereit hielten, in denen die individuellen Identitäten ihren Platz kannten, erfuhren ehemals stabilisierende Rahmenbedingungen wie Klasse, Nation, Ethnie, Kultur, Religion oder Geschlecht in der Spätmoderne Auflösungstendenzen. Aus der gegenwärtigen Sehnsucht nach Verortung spricht ein Bedürfnis, ein Gefühl von Zugehörigkeit und sozialer Anerkennung zu erleben. Denn die spätmoderne, (post)postkoloniale Welt steht infolge der Globalisierung unter dem Einfluss eines entgrenzten Welthorizonts, in welchem zusätzlich die Mediatisierung normierend auf Identität wirkt. Solche gesellschaftlichen Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse münden in eine Destabilisierung und Fragmentierung von Identitäten. Stärker denn je tritt dabei die Bedeutung von Machtgefügen in den Vordergrund, in denen sich die Frage von Zugehörigkeit als Kampf um Inklusion und Exklusion bisweilen drastisch abzeichnen.


Bild- und Textbeiträge: Oreet Ashery, Hubert Blanz, Katharina Cibulka, Shahram Entekhabi, Gianmaria Gava, Conny Habbel, Orit Ishay, Peter Köllerer, Friedl Kubelka, Astrid Korntheuer, Trish Morrissey, Julia Müller-Maenher, Liza Nguyen, Natascha Stellmach, Tim Sharp, Oliver Ressler & Dario Azzellini, Christian Wachter

Text: Claudia Marion Stemberger 


Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Format: 22x19cm, dt./engl. 144 Seiten,
ISBN 978-3-902725-30-1

Preis: EUR 19,00 › Bestellen

WERKSCHAU XV: LISL PONGER
FACT OR TRUTH
Katalog Werkschau Nr. 44

Texte von: Kurt Kladler und Tim Sharp

A4, 40 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, dt./engl.

Mit der jährlich stattfindenden WERKSCHAU-Reihe – Retrospektiven österreichischer KünstlerInnen, die wesentlich zur Entwicklung der künstlerischen Fotografie und neuer Medien hierzulande beigetragen haben – weist die FOTOGALERIE WIEN auf herausragende und innovative Leistungen hin und bietet einen geschichtlichen Überblick. Gezeigt wurde bisher ein Querschnitt durch das Schaffen von Jana Wisniewski, Manfred Willmann, VALIE EXPORT, Leo Kandl, Elfriede Mejchar, Heinz Cibulka, Renate Bertlmann, Josef Wais, Horakova+Maurer, Gottfried Bechtold, Friedl Kubelka, Branko Lenart, INTAKT – Die Pionierinnen (Renate Bertlmann, Moucle Blackout, Linda Christanell, Lotte Hendrich-Hassmann, Karin Mack, Margot Pilz, Jana Wisniewski) und Inge Dick.

Im Gegensatz zu bisherigen Ausstellungen der Werkschau-Reihe handelt es sich bei Lisl Pongers WERKSCHAU nicht um eine Retrospektive im klassischen Sinn, sondern um eine Art „dekonstruierter Werkschau“ (Ponger), einer installativen Arbeit bestehend aus einem Fotostudio, einer Dunkelkammer und einem Kino. Ponger arbeitet über Stereotype, Rassismen und Blickkonstruktionen an der Schnittstelle von Kunst, Kunstgeschichte und Ethnologie. Der Werkschau-Untertitel Fact or Truth zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung und verweist auf Pongers thematische Anliegen und Untersuchungen innerhalb ihres Werkes. Die Installation kann als eine Art Visualisierung ihrer Arbeitsmethode, als ein begehbares Beispiel gelesen werden.
 
Der Fotograf Edward Sheriff Curtis (1868–1952), der durch seine „Indianer“-Fotos, die er im Laufe von mehr als dreißig Jahren anfertigte, Bekanntheit erlangte, ist Ausgangspunkt des Denkmodells, auf dem die Installation aufbaut. Ausgehend von Curtis  Fotos und Pongers eigenen Bildern, die während eines Rechercheaufenthalts in Vancouver entstanden, wird in der Installation die dichotome Unterscheidung von dokumentarischer versus inszenierter Fotografie, Dokumentarismus versus Pictorialismus in Frage gestellt und eine exotisierende Blickperspektive dekonstruiert.

Das Kernstück der Installation ist Pongers inszenierte Fotoarbeit Indianer Jones I – Fact or Truth: Indianer Jones steht als Rückenfigur in einem Fotostudio und blickt auf eine Landschaft, ähnlich Caspar David Friedrichs Der Wanderer über dem Nebelmeer (1818). Die Figur Indiana Jones – fiktiver Charakter, Archäologe, Abenteurer und Professor mit Beziehungen zu Museen – eignet sich insbesondere, um über die Gleichzeitigkeit der Zerstörung außereuropäischer Kulturen und der (Auf-)Bewahrung ihrer materiellen Objekte (in Museen, als Fotos etc.) zu reflektieren. Ponger demontiert mittels des Mediums der Fotografie – das ja vermeintlich ein Mittel zur ‚Abbildung der Wirklichkeit’ ist –, den Begriff der Authentizität, der im Wunsch nach Bewahren und Festhalten eine zentrale Rolle einnimmt. So wollte noch Curtis mit seinen „romantischen“ Fotos die „Indianer“ Nordamerikas vor ihrem „Verschwinden“ (Curtis) bewahren, ihre „Sitten und Gebräuche“ vor der Inbesitznahme durch die weißen Kolonisatoren dokumentieren, oder besser gesagt, inszenieren.

Im Fotostudio sowie in der Dunkelkammer werden neben Kulissen, Foto-Equipment, einer Sitzecke mit Büchern auch einige Fotoarbeiten Pongers zu sehen sein. In der Installation spielt das X eine bedeutende Rolle – wie auf einer Schatzkarte verweist es auf Spuren, die in der Installation gelegt werden. An Hand von Texten, Zitaten, Fotos, Ansichtskarten und beschrifteten Objekten können die Spuren, die durch viele Schichten von Bedeutungen führen, enträtselt werden. Alles innerhalb der Installation ist miteinander verbunden – ob inhaltlich, über unterschiedliche Medien oder formale Aspekte. Es liegt an den BesucherInnen, sich auf die Spurensuche einzulassen und die Fährten zu entschlüsseln.


Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Format: A4,
ISBN 978-3-902725-29-5

Preis: EUR 11,00 › Bestellen