2012

Bilder

ANEIGNUNG Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2012,
ANEIGNUNG
Teil III: Soziokulturelle Prägungen
BILDER Nr. 265

TANJA BOUKAL (At), JENS KLEIN (DE), SVÄTOPLUK MIKYTA (SK)
PAULA MUHR (RS/DE) ANA TORFS (BE)

Eröffnung: Montag, 17. Dezember um 19.00 Uhr
Einleitende Worte: Petra Noll
Ausstellungsdauer: 18. Dezember 2012 – 26. Jänner 2013

Soziokulturelle Prägungen
Petra Noll

In der dritten Ausstellung zum Thema ANEIGNUNG mit dem Untertitel Soziokulturelle Prägungen werden Arbeiten von fünf west- bzw. osteuropäischen KünstlerInnen präsentiert, die sich auf der Basis von Found Footage-Materialien mit gesellschafts- und (kultur-) politischen Fragen auseinander setzen. Als Grundlage dienen ihnen Materialien aus Archiven und Medien sowie aus wissenschaftlichen und literarischen Publikationen. Sie erforschen und analysieren nicht nur die Geschichte von Ländern und deren Mechanismen von Darstellung, Klassifikation und Repräsentation, sondern auch die damit eng verbundenen Fragen nach der eigenen Herkunft und Identität. Durch die verfremdende Bearbeitung der Basismaterialien wird nicht nur eine Neubewertung von Geschichte möglich, sondern es eröffnen sich auch neue Aspekte für das Verständnis des Heute und des eigenen Ichs.


Für die in der Fotogalerie Wien präsentierte sozialkritische Werkserie Am seidenen Faden (work in progress seit 2008) hat Tanja Boukal Zeitungsbilder von Bootsflüchtlingen, denen die Hoffnung, die Erschöpfung und die Verzweiflung, die solche Fahrten ins Ungewisse mit sich bringen, ins Gesicht geschrieben steht, als Vorlage verwendet und sie pixelgetreu mit der Hand nachgestickt. Der Titel ist nicht nur technisch, sondern auch in Bezug auf das „am seidenen Faden hängende“ Schicksal von MigrantInnen zu verstehen. Mit der Serie kritisiert Boukal unser flüchtiges Rezeptionsverhalten und unsere Abgestumpftheit gegenüber Bildern, selbst wenn sie dramatischen Inhalts sind. Sie verleiht ihrer persönlichen Betroffenheit Ausdruck, indem sie dem schnellen Schauen das langsame Sticken entgegenhält – ein Kampf gegen die Zeit, das Vergessen und Verdrängen. Dieselbe Thematik behandeln die großformatigen, in gestrickten Goldrahmen eingefassten Strickbilder der Serie All that Glitter and Gold (2010), denen Schwarz-Weiß-Bilder von MigrantInnen in der Realität ihres Fluchtortes zugrunde liegen. Sie bleiben namenlos, nur die Orte der Geschehen sind genannt; dies zeigt, wie austauschbar ihre Schicksale sind. Das warme Material der Wolle, der Goldrahmen und der Titel der Serie stehen im Kontrast zum Inhalt und erreichen gerade dadurch den Effekt des genaueren Hinschauens.

Jens Klein zeigt Fotografien, einen Stapel mit Take away-Postern, ein Video und Texte aus der Serie Hundewege. Index eines konspirativen Alltags (2009–2012), Teil einer Werkgruppe, die sich mit der Konstruktion von Geschichte befasst. Zugleich ist es eine Auseinandersetzung mit der ehemaligen DDR, Kleins Geburtsland, sowie mit seiner eigenen Herkunft, Erinnerung und Identität. Die Serie basiert auf den im Jahr 1990
sicher gestellten Fotografien des Ministeriums für Staatssicherheit, die in den Archiven der BStU aufbewahrt werden. Die dort von Klein gefundenen und untersuchten Fotografien, die Mitarbeiter der Staatssicherheit von vermeintlichen Regimefeinden unerkannt aufgenommen haben, hat er zu thematisch ausgerichteten Bildfolgen (Mopedfahrer, Spaziergänger, Briefkasten) neu zusammen gestellt und mit literarisch fiktiven Texten verbunden. Der Betrachtungsfokus verschiebt sich durch die Entkontextualisierung und serielle Neuordnung von Klein und liegt nun auf menschlichen, alltäglichen Situationen. Hierbei interessiert Klein die Frage, inwiefern die Fotografien der Staatssicherheit tauglich für eine (von dieser nicht beabsichtigten) Alltagsbeschreibung sind, ohne dabei ihre ursprüngliche Absicht der Kontrolle und Überwachung außer Acht zu lassen, die scheinbar selbst vor den banalsten Situationen nicht Halt machte.

Seit mehreren Jahren arbeitet Svätopluk Mikyta schwerpunktmäßig an Überzeichnungen und Übermalungen von fotografischen Reproduktionen aus historischen Bildbänden. Seine künstlerische Arbeit beginnt bereits mit dem Sammeln und Archivieren. Die meist anonymen Fotos, aus denen er jeweils Details isoliert und dann bearbeitet, werden zu Serien kombiniert und installativ präsentiert. Mikyta geht es um die Erforschung, Hinterfragung und Neubewertung der Geschichte seiner Heimat Slowakei sowie Mitteleuropas und speziell um die Untersuchung totalitärer Entwicklungen von damals bis heute. Dies beinhaltet auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Erinnerung und Identität. In seinen teils minimalen, teils aber auch großflächig-dynamischen Überarbeitungen der Fotos bezieht er sich bewusst auf die suggestive Ästhetik sozialistischer Regime: So setzt er gerne gestische oder streng konstruktivistische Akzente in der expressiven Farbe Rot, die für politische Totalität, für Blut, Emotion und Unruhe steht. Wichtige Themen seiner konzeptuellen Arbeiten sind sozialistische Massenveranstaltungen und Körperkultur-Events (Found Footage: Schwarz-Weiß-Bilder von Turnern, Militärparaden oder Ballettaufführungen) – hier lotet er die Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft aus – sowie nationale und religiöse Symbole Osteuropas, die er, häufig mit einer Portion Ironie, kompositorisch und inhaltlich umgestaltet und damit neue Verbindungen ins Heute ermöglicht.  

Paula Muhr zeigt die audio-visuelle Installation (Video, zwei Inkjet-Prints, Broschüre, roter Vorhang, Wandschrift) Females under tension (2010/11), in der sie die Darstellungspraktiken von Film, Fotografie und Texten des späten 19./frühen 20. Jahrhunderts in Bezug auf Weiblichkeit, Sexualität, Sehnsucht und „Normalität“ und deren Einfluss auf die heutige Gender-Debatte untersucht. Ein Ausgangspunkt war das Buch „Abnormal Woman“ des Erziehungswissenschaftlers Arthur Macdonald (USA, 1895), der sich mit weiblicher Abnormalität beschäftigte. Für ihn waren abnorme Personen in der Minderheit und weniger konform mit gesellschaftlichen Regeln als die normalen und damit untypisch. In dem Buch sind Briefe von Frauen veröffentlicht, die er durch Kontaktanzeigen gefunden hatte und mit denen er teils schmerzhafte Körpermessungen durchführte. Für ein Video hat Muhr Szenen aus dem Film How a French Nobleman Got a Wife… (Edison Company 1904), in dem elf Frauen als hysterische Masse einen Mann verfolgen, der eine Partnersuche-Anzeige aufgegeben hat, mit Text hinterlegt. Für diesen Text hat sie Frauen (und einen Mann als Ghostwriter) eingeladen und gebeten, aus heutiger Sicht auf die von ihr leicht veränderte Annonce von Macdonald zu antworten. Elf Positionen wurden ausgesucht und zu einem Bericht über weibliche Beziehungserwartungen zusammengefasst. Zur Installation gehören auch zwei Fotos, Bearbeitungen und damit Reinterpretationen von historischen medizinischen Abbildungen von Frauen, die einen hysterischen Anfall hatten: Die Fotos wurden in Hinblick auf die fragwürdigen Versuche von Macdonald mit farbigen Pinn-Nadeln durchstochen.  

Ana Torfs widmet sich in ihrem Werk häufig Persönlichkeiten und Ereignissen aus Geschichte, Wissenschaft, Literatur und Film. In der fotografischen Serie Family Plot #1
(2009) beschäftigt sie sich erstmals mit Ordnungssystemen der Natur. Anhand 25 ausgewählter botanischer Gattungen bezieht Torfs sich explizit auf die binäre Nomenklatur des schwedischen Naturforschers Carl von Linné (1707–1778), dem „Vater der modernen Taxonomie“. Aufgrund von dessen Benennungssystem wurden botanische und zoologische Gattungen und Arten manchmal ihren Entdeckern und anderen wichtigen Persönlichkeiten, meist westlich-weißen Männern, gewidmet (die Bougainville z. B. dem französischen Admiral Louis Antoine de Bougainville). Bereits existierende, indigene Namen – kolonialistische Willkür – wurden meistens ignoriert. Dieses als autoritär und elitär („sprachlicher Imperalismus“) empfundene System war Anlass für Torfs Arbeit. Benennen ist immer ein Akt der Besitznahme und wirft Identitätsfragen auf, die den Verlauf von Geschichte(n) bestimmen. Aber dies ist nur ein Aspekt, der in dem Titel Family Plot mit schwingt. „Plot“ kann im Englischen ebenso eine Geschichte wie eine Intrige, ein Stück Land, einen Plan oder ein Diagramm meinen. Wie in einem Familienstammbaum präsentiert Family Plot #1 neben Linné 24 fotografisch reproduzierte historische Portraits von Namenspatronen und, jeweils kleiner, das eines den Namen gebenden Botanikers samt Diagramm der Namensgebung. Diese „Dokumentation“ positioniert Torfs unter einem Schwarz-Weiß-Siebdruck der Blume oder der Frucht auf Glas. Durch den Kontrast dieser zwei Bildebenen – wunderschöne,
sinnlich-erotische Blumen und Früchte im Close-up, konfrontiert mit traditionell-
repräsentativen Porträts und rationalen Schemata – werden, über Linné hinaus, starre und ideologische Kategorisierungen ad absurdum geführt.

RECOMMENDED BY … Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2012,
RECOMMENDED BY …
Aktuelle Tendenzen in der polnischen Foto- und Videoszene
BILDER Nr. 264

Im Rahmen des Monats der Fotografie Wien - eyes on 2012

Eröffnung: Montag, 12. November um 19.00 Uhr
Einleitende Worte: Jakub Swircz und Krzysztof Candrowicz

Ausstellungsdauer: 13. November – 7. Dezember 2012

„Die polnische Fotoszene boomt“ – darin sind sich die Kuratoren Krzysztof Candrowicz und Jakub Swircz, die wir um zwei kurze State-ments gebeten haben, einig. Wir können diese Aussage nur bestätigen, hatten doch Susanne Gamauf und Brigitte Konyen von der Fotogalerie Wien im letzten Jahr die Gelegenheit während einer Studienreise die vibrierende polnische Kunstszene kennenzulernen. „Goldgräberstimmung“, staunten sie. So entstand die Idee, unsere neugewonnenen Kontakte – Galerien, Institutionen, Kuratoren – einzuladen, polnische KünstlerInnen aus den Bereichen Fotografie und Neue Medien zum Monat der Fotografie bei uns zu präsentieren. Wir baten darum, uns je eine/n KünstlerIn zu nennen, der/die für sie eine wichtige Position in der gegenwärtigen polnischen Kunstszene einnimmt. Unsere Ausstellung Recommended by… präsentiert nun das Ergebnis dieser inspirierenden Zusammenarbeit:


Galeria Czarna, Aga Czarneka, Warschau:

Dorota Buczkowska/Przemek Dzienis, Joanna Pawlik

Galeria Refleksy, Katarzyna Zebrowska, Warschau:
Mateusz Torbus

Galeria Leto, Marta Kolakowska, Warschau:
Maurycy Gomulicki

Jakub Swircz, Kurator, Warschau:
Michal  Jelski

Lodz Art Center, Krzysztof Candrowicz, Lód´z:

Anna Orlikowska, Przemyslaw Pokrycki

Zacheta Narodowa Galeria Sztuki, Joanna Kinowska, Warschau:
Rafal Milach

Marek Grygiel, Kurator, Warschau:
Krzysztof Pijarski
 

Die polnische Fotografie ist nach wie vor auf der Suche nach ihrer Geschichte und Sprache. Vieles geriet in Vergessenheit, viel Material wurde zerstört oder ging verloren. Die gegenwärtige Fotokunst in Polen ist eine Carte Blanche; wir haben nun die Freiheit, künstlerische Arbeiten einzuordnen und offen zu diskutieren. 

Jakub Swircz
 

Die letzten 20 Jahre waren in Polen von dramatischen Veränderungen geprägt: Der wirtschaftliche und politische Wandel hat viele Aspekte des täglichen Lebens beeinflusst - die kulturelle Haltung und das, was wir “the spirit”, “the soul” nennen, blieb jedoch davon unberührt. Im Gegensatz zum polnischen Kino und Grafikdesign fand die Fotografie früher kaum internationale Beachtung. Heute aber werden polnische FotokünstlerInnen in bedeutenden Museen und Galerien gezeigt und es gibt große Fotofestivals wie das Photomonth Krakau oder das Fotofestiwal Łódź.. Einige der talentiertesten und aufstrebendsten polnischen FotokünstlerInnen werden in der Ausstellung Recommended by… in der Fotogalerie Wien gezeigt.

Krzysztof Candrowicz

Tatort:UMWELT Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Jahrgang: 2012,
Tatort:UMWELT
BILDER Nr. 263

MICHAEL GOLDGRUBER (A), LOIS HECHENBLAIKNER, (A), ROBERT KNOTH & ANTOINETTE DE JONG (NL), ERNST LOGAR (A), INA LOITZL (A)

Eröffnung: Montag, 8. Oktober 2012 um 19.00 Uhr
Einleitende Worte: Statements der KünstlerInnen und Greenpeace

Tatort: UMWELT-Filmbegleitprogramm:  EUROPÄISCHE VORPREMIERE!


Donnerstag, 18. Oktober, 19.00
Uhr (mit einer Einführung von Greenpeace).
Chasing Ice, Regie: Jeff Orlowski, USA 2012, 76 min.  Der „National Geographic“-Fotograf James Balog und sein Team installierten an 18 Gletschern gleichzeitig 43 Zeitraffer-Kamera-Systeme, um so das rasante Verschwinden der Eisberge zu dokumentieren. Chasing Ice liefert den Beweis, dass uns die Folgen des Klimawandels unaufhaltsam in eine Umweltkatastrophe führen.

Wir ersuchen auf Grund der begrenzten Platzanzahl um E-mail-Voranmeldungen: fotogalerie-wien@wuk.at
Kooperationspartner: Greenpeace; Wiener Linien; Submarine Deluxe, N.Y.

sponsored by: BMUKK; MA7-Kultur; Cyberlab, Wiener Linien; Filmladen Wien; Submarine Deluxe, N.Y.
Kooperationspartner: Greenpeace
 
Die Bedrohung unseres Lebensraumes durch massive zerstörerische und ausbeuterische Eingriffe des Menschen in die Natur hat ein Ausmaß angenommen, das viele KünstlerInnen heute zu deutlichen und kritischen Statements veranlasst. Tatort: UMWELT heißt die Oktober-Ausstellung der FOTOGALERIE WIEN mit fotografischen und filmischen Positionen, in denen sich gesellschaftspolitisches Engagement und Kunst miteinander verbinden. Sechs KünstlerInnen visualisieren, ohne vordergründig pädagogisch, rein dokumentarisch oder moralisch zu sein, die gravierenden Auswirkungen globaler Umweltzerstörung. Die Arbeiten zielen – über rein ökologische Botschaften hinaus – auf philosophische Fragestellungen, auf unser grundlegendes Verständnis von Existenz. Parallel zu den künstlerischen Arbeiten werden im Ausstellungsraum Videos der Umweltorganisation "Greenpeace" gezeigt, die neben Dokumentationen von Aktionen und relevanten Umweltthemen auch künstlerische Beiträge beinhalten. Im Kino wird es ein Begleitprogramm mit aktuellen Filmen zum Thema geben. Mit der Ausstellung Tatort: UMWELT möchte die FOTOGALERIE WIEN als öffentliche, diskursive Institution dezidiert Haltung beziehen und zu einer aktiven Auseinandersetzung anregen.

Michael Goldgruber zeigt das Video Monoculture (2012), zu dem es auch eine gleichnamige Fotoserie gibt. Hier beschäftigt er sich mit den negativen Auswirkungen einseitig betriebener Land- bzw. Forstwirtschaft, speziell mit Fichten-Monokulturen, die große Landstriche in Zentraleuropa vereinnahmen. Die aus Gründen der Gewinnoptimierung und besseren Kontrollmöglichkeit durchgeführte Reduktion auf eine Baumart sowie die meist zu enge Pflanzung lassen die Bäume absterben und die Landschaft veröden. Goldgrubers Bilder zeigen diese dunklen, eintönig-gespenstischen Situationen, begleitet von dem immer lauter werdenden bedrohlichen Rauschen des Windes und dem Knacken von Ästen. Die Bilder signalisieren die Betroffenheit des Künstlers über den ökonomisierten Wald wie auch über medial und kulturell transportierte Klischees in der Wahrnehmung von Natur, andererseits haben sie, ohne einer romantischen Verklärung zu unterliegen, hohen ästhetischen Reiz.

In zahlreichen Fotoserien – so auch in der hier gezeigten Serie BergWerk – hat der gebürtige Tiroler Lois Hechenblaikner sich mit den zerstörerischen Auswirkungen des alpinen Massentourismus beschäftigt. Für den Bau von Ski-Pisten, Seilbahnen, Anfahrtsstraßen und diversen Architekturen für den Freizeitsport werden massive Eingriffe wie Geländeaufschüttungen oder -abtragungen, Felssprengungen usw. vorgenommen, die aus der ehemals idyllischen Bergbauernlandschaft trostlose "Industriezonen" (Bernhard Kathan) gemacht haben. In der Serie BergWerk hat Hechenblaikner vor der Kulisse der mächtigen Berge Bagger bei der Planierungsarbeit, die Landschaft aufwühlende Kabel und Röhren, vorbereitete Teile zum Bau von Entertainmentarchitektur u.a. fotografiert. In seinen perfekt komponierten, meist menschenleeren Fotografien liegt nicht nur der Protest, die persönliche Betroffenheit, sondern auch eine Portion Resignation, wenn sich die Baumaschinen wie gefräßige Tiere in die Landschaft eingraben.  
 
Robert Knoth & Antoinette de Jong untersuchen in ihren Arbeiten die komplexen Auswirkungen sozialer, ökonomischer und politischer Katastrophen auf das Leben der Menschen, so auch in der Fotoserie Shadowlands, the Fukushima nuclear accident. Das Künstlerduo besuchte im Herbst 2011 die Orte Iitate und Namie, 40 km von Fukushima/Japan entfernt, um sich ein Bild von den Auswirkungen des verheerenden Reaktorunfalls zu machen. Die Arbeit zeigt stille, poetische Natur- und Kulturlandschaften, denen man die Kontaminierung nicht ansieht – die unheimliche Schönheit einer von der Natur zurückeroberten, verlassenen Region, auf der ein lebensbedrohender, unsichtbarer Schatten lastet. Die Angaben des Grades der Verseuchung in Microsievert zu jedem Foto brechen den ungetrübten Blick. Auch die zweite Arbeit, das Schwarz-Weiß-Video Certificat no. 000358/ (2008) beschreibt die drastischen Auswirkungen von atomarer Verseuchung. Es geht im Besonderen um die zahlreichen Nukleartests und -unfälle an entlegenen Orten in der früheren Sowjetunion, von denen Tschernobyl nur ein Beispiel ist. Unterlegt mit traurig-melancholischer, auch bedrohlicher Musik werden Porträts von Menschen mit Angaben ihrer Erkrankungen infolge zu hoher Strahlenbelastung, verlassene Orte, Interieurs...gezeigt.

Ernst Logar zeigt Fotoarbeiten aus der Serie Oil Rigs aus seinem mehrteiligen Forschungsprojekt Invisible Oil (2008) und das dazu erschienene, prämierte Buch (2011). Das Projekt konfrontiert uns mit der allumfassenden Abhängigkeit unserer Zivilisationsgesellschaft vom Rohstoff Erdöl und möchte dem Blick der Öffentlichkeit entzogene Prozesse und Orte der Machtzentren der Ölindustrie aus der Unsichtbarkeit hervorholen. Das Projekt basiert auf ausführlichen Recherchen in der schottischen Erdölmetropole Aberdeen. Für die Fotoserie hat Logar an Stränden bei Aberdeen angeschwemmte – aus dem Material Rohöl produzierte – Plastikobjekte gesammelt. Aus diesem Müll unserer Wegwerfgesellschaft hat er vor Ort temporäre Arte Povera-Skulpturen in Form von Öl-Förderanlagen gebaut und diese nach den fünf sozial benachteiligsten Regionen der Stadt benannt – eine Arbeit, die durch die Skurrilität der Skulpturen die Problematik ironisch aufbricht.
 
In dem in Legetricktechnik entstandenen, dreiteilig konzipierten Video PARADOXON setzt sich Ina Loitzl  – auf der Grundlage von umfassenden Recherchen bei Umweltorganisationen, Supermarktketten, sozialen Institutionen, Energiebetrieben sowie unter Zuhilfenahme von Found Footage-Material aus Zeitschriften, Internet und Werbematerial – mit dem gravierenden Fehlverhalten unserer Gesellschaft in Produktions-, Konsum- und Entsorgungsprozessen in der Energie-, Lebensmittel- und Produktindustrie auseinander. Die Bilderabfolgen laufen, zum Teil rasend schnell, im Loop wie ein Perpetuum Mobile ab, den Kreislauf der häufig paradoxen Auswirkungen unseres Handelns symbolisierend. Loitzl arbeitet mit Slapstickelementen und schrillen bunten Bildern – ein lautstarkes, aufrüttelndes Plädoyer für eine sozial gerechtere, ökonomischere, weniger von Konsumgier geprägte und umweltfreundlichere Welt.

Petra Noll, im Namen des Kollektivs

ANEIGNUNG Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2012,
ANEIGNUNG
Teil II: Re-enactment - Neukontextualisierung
BILDER Nr. 262

Auf Grund der aktuell bei zahlreichen KünstlerInnen im internationalen Kunstgeschehen erkennbaren Affinität für die Verwendung und Neukontextualisierung von vorgefundenem Material hat das kuratorische Team der FOTOGALERIE WIEN zusammen mit der Kunsthistorikerin und Kuratorin Petra Noll den diesjährigen Schwerpunkt ANEIGNUNG entwickelt. Geistige Basis ist die „Appropriation Art“ der 1970er-/1980er-Jahre, wo sich KünstlerInnen in erster Linie bereits existierende Kunstwerke konzeptuell „aneigneten“. Die dreiteilige Ausstellungsserie fasst die Thematik weiter und präsentiert Foto- und VideokünstlerInnen, die sich mit Found Footage-Material aus den unterschiedlichsten Kontexten sowie mit Strategien des Re-enactments auseinander setzen und damit neue Perspektiven und Bildrealitäten eröffnen. Über die zentralen Themen der „Appropriation Art“ – Autorenschaft und Originalität – hinaus, geht es hier auch um Fragen der Repräsentation und Wahrnehmung, um gesellschafts- und kulturpolitische Auseinandersetzungen sowie um Geschichte, Erinnerung und Identität.

Für das Thema ANEIGNUNG bieten die schon per se auf die Vergangenheit weisenden Medien ‚Fotografie‘ und ‚Film‘ eine zusätzliche Reflektionsebene.
In der zweiten Ausstellung zum Thema ANEIGNUNG geht es um die Strategie des  Re-enactments. Die KünstlerInnen der Ausstellung gehen weit über die traditionelle Vorstellung des möglichst authentischen Nachstellens bereits vorhandener Inszenierungen (z.B. historischer Gemälde/Tableaux Vivants) hinaus. Sie eignen sich sowohl Materialien aus der Bildenden Kunst wie auch aus u.a. Film, Theater, Sprache und (Print-)Medien an, um sie über den Weg der Aktion, des Rollenspiels, des körperlichen Sich-Hineinversetzens in die Medien Fotografie und Film zu transferieren. Ihre künstlerische Arbeit ist die der Erforschung, Analyse und letztendlich Transformation, Neukontextualisierung und Neudefinition. Die Vorgehensweise ist dabei oft spielerisch, ironisch, frech, die Bandbreite der Themen komplex: Es geht um Medienreflexion, um Wahrnehmung, um Erzählstrukturen, um Realität und Fiktion, um ‚Original‘ und ‚Reproduktion‘ und letztendlich auch um die Auseinandersetzung mit Identität und gesellschaftlichen Normierungen.


Tableau Vivant/ Projektarbeit Akademie: Bettina Henkel
, Künstlerin und Lehrende an der Akademie der bildenden Künste Wien im Medienbereich, zeigt stellvertretend für die Gruppe die filmische Arbeit Tableau Vivant, eine Gemeinschaftsarbeit Studierender der Akademie, die gemeinsam mit den Lehrenden Patrice Blaser, Friedemann Derschmidt, Ludwig Löckinger und Katharina Cibulka (Assistenz) 2009 realisiert wurde. Die Gruppe hat das Gemälde "Szene aus einem Theaterstück" des niederländischen Malers Hendrick Pot /1640) in historischen Kostümen getreu der Vorlage nachgestellt. Über das klassische "Tableau Vivant" hinausgehend, wird die Szene auf der Filmebene "weitererzählt" und damit ins Heute geholt. Die in ihren Bewegungen erstarrte Schauspielgruppe wird in einer langsamen Kamerafahrt abgetastet. Zuletzt werden aus den StatistInnen Agierende: Sie erheben sich, entwickeln ein lockeres Gespräch und verlassen den Bilderrahmen, um mit "ZeitgenossInnen" in Kontakt zu treten – eine Arbeit, die sich mit den gruppendynamischen Prozessen des "Tableau Vivant" sowie mit den erweiterten Möglichkeiten des bewegten Bildes auseinandersetzt.
 
Die in Wien und Niederösterreich lebende Medienkünstlerin Gerda Lampalzer setzt sich mit dem Verhältnis von Bild, Text und Sprache auseinander. In ihrem experimentellen Video Transformation (2009) werden in vier Kapiteln (Remontage/ Konversation/ Substanz/ Demonstration) Texte von fünf in ihren Muttersprachen (Tschechisch, Slowakisch, Ungarisch, Slowenisch, Italienisch) sprechenden Personen als Lautmaterial für eine Verwandlung zu Deutsch in Wort, Schrift und Bild verwendet. Durch speziell gesetzte Schnitte hat Lampalzer deren Texte in einer Weise neu zusammengesetzt, dass sie letztendlich deutsche Worte sprechen. Diese neu entstandenen deutschen Texte haben eine vom ursprünglich Gesagten unabhängige Bedeutung. Sie basieren auf der Verbindung von auditiven und visuellen Assoziationen der Künstlerin (Audiovision). Entstanden ist ein Video, das sich auf poetisch-heitere Weise à la Jandl mit sprachwissenschaftlichen Untersuchungen sowie mit Kommunikationsproblemen beschäftigt.
Für den aus mehreren Serien bestehenden fotografischen Werkkomplex Remind me - Rewind me (2007) hat Sissa Micheli (geb. 1975 in Bruneck/I., lebt in Wien) – inspiriert von Zeitungsberichten der New York Times – mit sich und Freunden Geschichten inszeniert. Die Fotografien tragen die Titel der Schlagzeilen, z.B. Victim of Apartment Fire Is Mourned by Neighbors. Die Arbeiten sind angesiedelt zwischen Realität und Fiktion: Die Zeitungsberichte geben nur einen Teil der Wirklichkeit und dies in interpretierender Weise wieder; Micheli ergänzt ihre subjektiven Assoziationen und Emotionen und inszeniert die Personen auf rätselhaft-surreale, manchmal dramatische oder auf ganz alltägliche Weise in den unterschiedlichsten Stimmungen im Raum. Was genau passiert ist, bleibt unklar. Dadurch gelingt es Micheli, Spannung aufzubauen; die BetrachterInnen werden zu ErmittlerInnen nach dem Hintergrund dieser uneindeutig-geheimnisvollen Erzählungen. Michelis fotografische Bildgeschichten konfrontieren mit der Frage nach Sinn und Wahrheit von Texten und Fotografien. Sie sind aber auch eine Auseinandersetzung mit Zeit und Raum sowie mit der (eigenen) Identität

Rita Nowaks
 (geboren 1979 in Wels, lebt in Wien) Fotoarbeiten basieren auf Re-enactments meist jeweils eines konkreten Meisterwerks der Kunstgeschichte. Dabei werden die Nachinszenierungen nie wörtlich aufgefasst; eindeutigen Aufschluss gibt manchmal nur der Titel. Nowak verzichtet auf alle historisierenden Elemente. Sie inszeniert ihre (Künstler-) FreundInnen in Alltagskleidern und mit zeitgemäßen Requisiten an gewöhnlichen Orten, die auf das Umfeld der ProtagonistInnen deuten. Ihre scheinbar spielerisch-leichten Arrangements resultieren aus dem Agieren der Personen im Raum. Nowak untersucht, wie sich Aussagen auf Grund von Neukontextualisierung verschieben können. Zudem geht es um die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Fotografie und Malerei/ Skulptur sowie mit Identität bzw. Geschlechterrollen.

Christopher Richmond (1986 geboren in La Jolla/USA, lebt und arbeitet in Los Angeles) zeigt zwei Filme, die sich mit Erzählstrukturen, Dramaturgie und Montagetechnik von Hollywoodfilmen auseinander setzen. The Yellow Eye Without Its Way Twice-Told  rekurriert auf eine kollektive Vorstellung vom Genre "Western" und bricht gleichzeitig mit dessen Blicktradition. Richmond verweigert die konventionell-lineare Weise des Geschichtenerzählens, vielmehr greift er eine einzige Kinoszene heraus und stellt sie nach: Ein junger Mann beobachtet einen älteren beim Reinigen seines Gewehrs, während im Hintergrund ein schnaubendes Pferd in einem Gatter hin-und herläuft. Richmond lädt die Situation atmosphärisch so auf, dass eine Erwartungshaltung und Spannung entsteht, die nicht – wie im Western – aufgelöst wird. An diese Szene hängt er zum Schluss eine Sequenz aus einem alten Film an, der einen Falkenflug zeigt, wodurch die "Story" noch rätselhafter, aber umso assoziativer wird.

Benjamin Tomasi/ Bernhard Garnicnig
 (geb. 1978 in Bozen bzw. 1983 in Bregenz, leben in Wien) zeigen eine medienübergreifende Installation, deren Zentrum das Video Soundscape Synthesis for John Smith's Girl Chewing Gum (1976) bildet. Die Arbeit ist Bestandteil eines langjährigen Werkkomplexes (Ast fällt auf Tonspur), in denen die Künstler sich mit Darstellungs- und Visualisierungsstrategien von Pop Musik und experimentellen Sounddesigns auseinander setzen. Der zugrunde liegende Kurzfilmklassiker von Smith wird von den beiden Künstlern neu vertont. So wie John Smith die Off-Stimme erst nachträglich, mitten in der Natur stehend, eingespielt hat, zeigt das Video die Künstler, wie sie in einem Foley-Tonstudio den für den Betrachter unsichtbar bleibenden Film von Smith fixieren und dabei mit alltäglichen Gerätschaften eine neue Geräuschkulisse aufnehmen. Die aus dieser kuriosen Performance entstandenen Geräusche werden nicht übertragen, so dass für den Betrachter letztendlich Sound und Story offen (für Assoziationen) bleiben.

Petra Noll, im Namen des Kollektivs

WERKSCHAU XVII Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Jahrgang: 2012,
WERKSCHAU XVII
Robert Zahornicky - Arbeiten 1981 - 2011
BILDER Nr. 261

WERKSCHAU XVII ist die Fortsetzung der seit 17 Jahren jährlich stattfindenden Ausstellungsreihe der FOTOGALERIE WIEN, in der zeitgenössische KünstlerInnen präsentiert werden, die wesentlich zur Entwicklung der künstlerischen Fotografie und neuen Medien in Österreich beigetragen haben. Gezeigt wurde bisher ein Querschnitt durch das Schaffen von Jana Wisniewski, Manfred Willmann, VALIE EXPORT, Leo Kandl, Elfriede Mejchar, Heinz Cibulka, Renate Bertlmann, Josef Wais, Horakova + Maurer, Gott-fried Bechtold, Friedl Kubelka, Branko Lenart, INTAKT – Die Pionierinnen (Renate Bertlmann, Moucle Blackout, Linda Christanell, Lotte Hendrich-Hassmann, Karin Mack, Margot Pilz, Jana Wisniewski), Inge Dick, Lisl Ponger und Hans Kupelwieser.

Für die diesjährige Werkschau konnte die FOTOGALERIE WIEN Robert Zahornicky gewinnen. Die Auseinandersetzung mit den Themen „Eingriffe in die Wirklichkeit“ bzw. „Das Spiel mit Wahrnehmung und Wirklichkeit“ zieht sich als roter Faden durch die retrospektive Schau des Künstlers.
Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog und die Werkschau-Fotoedition Nr. 11.

Die WERKSCHAU von Robert Zahornicky, 1952 in Wien geboren und in Pressbaum lebend, umfasst einen umfangreichen Querschnitt seiner künstlerischen Tätigkeit, die in den 1980er-Jahren ihren Anfang nahm. Neben ‚experimentellen‘ Polaroids, Fotogrammen – unter anderem auch Polaroidfotogrammen –, Aquagrammen und verschiedenen anderen fotografischen Techniken zeigt er auch skulpturale Arbeiten wie die Serie Sarkophage, zu Blöcken gepresste Bücher- und Zeitschriftenschnipsel, das Video Communication Breakdown sowie Dokumentationen seiner frühen Aktionen wie Die letzte Reise der Venus von Willendorf oder Carnuntum Camac. Die Serie Zeit – Spuren thematisiert sowohl Veränderungen am Fotomaterial wie auch an Personen im Zeitraum eines Jahres.

Thematischer Schwerpunkt des Werks von Robert Zahornicky ist die Natur, an der er nicht nur ein künstlerisches, sondern auch ein philosophisches und wissenschaftliches Interesse hat. Grundlage seiner Fotogramme sind Blätter, Zweige, Pflanzen, die er während der Belichtung auf dem Fotopapier bewegt. Diese Bewegung steht für Wachstum und Veränderung. Erstmalig zu sehen sein wird auch der letzte, 2005 entstandene Zyklus der Serie Wildnis, Farne unterschiedlicher Wachstumsstadien, die der Künstler aus ihrem ursprünglichen natürlichen Kontext genommen und vor neutralem weißen Hintergrund platziert hat. Auch diese stehen für den zeitlichen Ablauf, für den Kreislauf des Lebens. Die Arbeiten der Serie Shredder, für die Zahornicky alle Arten von Schriften durch den Papierwolf geschickt hat, leiten über zu der neuen Serie Double Vision – Zeitungs- und Zeitschriftenseiten, bei denen sich bei Durchleuchtung Bilder der Vorder- und Rückseite irritierend zu neuen Bildern vermischen. Hier wird die Frage nach der Aussagekraft bzw. dem Wahrheitsgehalt von fotografischen Bildern gestellt. In allen seinen Arbeiten geht es Zahornicky um die Verschiebung von Kontexten und somit um die Frage nach Realität; er ist ein Meister von Täuschungsmanövern und Verunsicherungen von Sehgewohnheiten.

Petra Noll, im Namen des Kollektivs

Sponsored by: BMUKK; MA7-Kultur; Cyberlab; Sammlung Volpinum Wien; NÖ-Landesmuseum; FOTORAUM, Wien

ANEIGNUNG Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Wien: 2012,
ANEIGNUNG
Teil I: Bildbefragung
BILDER Nr. 260

CLAUDIA ANGELMAIER (G),  ANNA ARTAKER (A),  NATALIE CZECH (G), 
MISHKA HENNER (B/GB),TATIANA LECOMTE (F/A),  A.D. MARTINZ (A),
ABIGAIL REYNOLDS (GB),  JULIAN TAPPRICH (S/A)

Auf Grund der aktuell bei zahlreichen KünstlerInnen im internationalen Kunstgeschehen erkennbaren Affinität für die Verwen-dung und Neukontextualisierung von vorgefundenem Material hat das kuratorische Team der FOTOGALERIE WIEN zusammen mit der Kunsthistorikerin und Kuratorin Petra Noll den diesjährigen Schwerpunkt ANEIGNUNG entwickelt. Geistige Basis ist die „Appropriation Art“ der 1970er-/1980er-Jahre, wo sich KünstlerInnen in erster Linie bereits existierende Kunstwerke konzeptuell „aneigneten“. Die dreiteilige Ausstellungsserie fasst die Thematik weiter und präsentiert Foto- und VideokünstlerInnen, die sich mit Found Footage-Material aus den unterschiedlichsten Kontexten sowie mit Strategien des Re-enachtments auseinander-setzen und damit neue Perspektiven und Bildrealitäten eröffnen. Über die zentralen Themen der „Appropriation Art“ – Autorenschaft und Originalität – hinaus, geht es hier auch um Fragen der Repräsentation und Wahrnehmung, um gesellschafts- und kulturpolitische Auseinandersetzungen sowie um Geschichte, Erinnerung und Identität. Für das Thema ANEIGNUNG bieten die schon per se auf die Vergangenheit weisenden Medien ‚Fotografie‘ und ‚Film‘ eine zusätzliche Reflektionsebene.

Auf „Was repräsentieren Bilder?“ ist die zentrale Fragestellung der ersten Ausstellung BILDBEFRAGUNG mit acht internationalen KünstlerInnen, die sich mit Found Footage-Materialien beschäftigen. Die gefundenen fotografischen und filmischen Bilder werden nicht mehr als Zeitdokument behandelt, sondern durch bildnerische, textliche und klangliche Manipulationen so verfremdet und verändert kontextualisiert, dass Bedeutungen und ästhetische Repräsentationen in Frage gestellt und neue Sinnzusammen-hänge möglich werden. Dies beinhaltet die Auseinandersetzung mit der Authentizität von (fotografischen und filmischen) Bildern, mit Realität und Fiktion sowie mit Fragen der Wahrnehmung und dem Stellenwert von Reproduktionen.  
                   
 
Claudia Angelmaier untersucht in ihren großformatigen analogen Farbfotografien das Verhältnis von Original und Kopie, Bild und Text. Für ihre Serie Works on Paper bildet eine Sammlung von Kunstpostkarten, die weibliche Rückenfiguren zeigen, den Ausgangspunkt. Angelmaier konzentriert sich auf die Kartenrückseiten und fotografiert und vergrößert diese so, dass die Rückenfigur der Vorderseite schemenhaft durchscheint. Im Fokus der Serie ist die Bildlegende, das heißt der Kontext des jeweiligen Bildes. Es geht Claudia Angelmaier um Fragen der Repräsentation von Kunst, um die Frage nach dem Original und immer auch gleichzeitig um die Auslotung der Grenzen des fotografischen Bildes.  
 
Anna Artaker geht es um die Hinterfragung der Abbildfunktion von Fotografie sowie um die Untersuchung der Fotografie als Zeitdokument. Für ihre Arbeit Unbekannte Avantgarde hat sie sich Dokumentationsfotografien von Künstlergruppen des 20. Jahrhunderts angeeignet und befragt. Die Fotos zeigen, bis auf jeweils eine Frau, nur männliche Künstler – eine Aussage, die auf Grund der anzunehmenden Wahrheitstreue von Fotografie glaubhaft scheint. Um diese Wahrnehmung zu korrigieren, kombiniert Anna Artaker die auf Baryt neu ausgearbeiteten Fotos mit Zeichnungen, die als Legende fungieren. Sie zeigen die Umrisse der Dargestellten, die sie mit Namen von Künstlerinnen bezeichnet hat –  ein Verweis darauf, dass neben der offiziellen Geschichtsschreibung auch andere Bilder und Texte existieren.
 
Natalie Czech arbeitet mit Found Footage-Text- und Bildmaterial aus Printmedien. In ihren Arbeiten reflektiert sie einen subjektiven Prozess des Lesens und Findens, der, ohne die Lektüre zu steuern, poetische Sensationen des Alltags aufzeigt. Die Werkgruppe Hidden Poems besteht aus Fotografien fragmentarisch zitierter Text- und Bildseiten aus Zeitschriften und Büchern. In den Texten sind Buchstaben und/oder Wörter durch Farbe oder Streichungen in der Form hervorgehoben, dass sich aus dem originalen Sachtext ein Gedicht eines Lyrikers herauslöst, das auf oft surreale Weise mit dem Ursprungstext bzw. dem Bild korrespondiert. Der künstlerische Akt besteht aus einer Neukontextualisierung, womit Originalität und Authentizität zur Diskussion gestellt werden.
 
Für seine Serie Dutch Landscapes hat Mishka Henner Luftaufnahmen von Google Earth von strategisch wichtigen, durch grobe Pixelung unkenntlich gemachten Flächen verwendet. Durch Henners komponierende Auswahl entstehen neue Landschaften, nahezu abstrakte Kompositionen. Es geht ihm um die beliebige Verfügbarkeit von Bildern im Internet, um Zeigen und Verbergen, um die Inhalte, die Bilder (nicht) repräsentieren. Das trifft auch zu für Henners Buch Less Americains, ein bearbeitetes Remake von Robert Franks Klassiker, dem Fotobuch "The Americans". Hier ist der Künstler über das Auswahlprinzip hinausgegangen. Von den Bildinformationen Franks hat er einen Großteil digital gelöscht: "weniger Amerikaner" – eine ironische Auseinandersetzung mit Inhalt, Form und Autorenschaft.
                 
Tatiana Lecomte verwendet gefundene Bilder, wie beispielsweise bei ihrer Arbeit Auflösung, die aus mehreren Farbaufnahmen besteht, die jeweils einen stark vergrößerten Ausschnitt einer Fotografie des brennenden Warschauer Ghettos von 1943 wiedergeben. Dieses Foto hat Lecomte in Abschnitten – bewusst nicht exakt und vollständig – abfotografiert. Durch die Mittel der Vergrößerung, Fragmentierung, Motivverdoppelung bzw. -auslassung sowie durch die Neukontextualisierung in Form von Verschiebungen und Überlappungen erzählen die Bilder keine eindeutige Geschichte mehr. Mit dieser  Verweigerung der Sichtbarmachung stellt Lecomte den Wahrheits- und Informationsgehalt von fotografischen Bildern in Frage.
 
A.D. Martinz hat eine zentrale Szene mit der Schauspielerin Isabella Adjani aus dem Horrorfilm "Possession" von Andrzej Zulawski (1981) zum Ausgangspunkt für die audiovisuelle Komposition The rate of change over time verwendet. Die alptraumhafte, irrational wirkende Szene aus Zulawskis Film zeigt Adjani in einer U-Bahnunterführung, wie sie aus einem wilden Lachen heraus immer wahnsinniger wird. Martinz geht es um die Wechselbeziehung zwischen Bild, Ton und Emotion. Durch visuelle und akustische Veränderungen wie Zeitmanipulationen, Wiederholungen, Überlagerungen, Verschiebungen, Unschärfe, Verstärkungen usw. hat der Komponist und Künstler die Szene zu einer Gesamtstimmung verdichtet, die noch stärker unter die Haut geht als in dem Originalfilm "Possession".
 
Abigail Reynolds arbeitet mit Fotografien aus Second Hand-Führern. Die Serie Transposed zeigt historische Repräsentativräume, deren Architekturen merkwürdig konstruiert, ja grotesk erscheinen – ein Resultat von Reynolds' Bildbearbeitung. Sie hat die Bilder meist entlang der Mitte der Buchseite durchgeschnitten und die beiden Hälften danach ausgetauscht. Dabei hat sie grundsätzlich keine Bildinformation hinzugefügt oder weggelassen. Reynolds geht es darum, festgelegte Wahrnehmungen und Sehgewohnheiten in Frage zu stellen. Die Arbeiten sind eine Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Täuschungen des menschlichen Auges sowie mit den Grenzen des Kamera-"Auges".
 
Julian Tapprichs Videoarbeit Coming Soon basiert auf einem Trailer zu dem Film "La pianiste" von Michael Haneke. Tapprich setzt sich mit der Verweishaftigkeit von Trailern auseinander. Der Trailer zu "La pianiste" verweist nicht nur auf eine Geschichte, sondern trägt auch selbst einen Verweis in sich. In einer mit Schubert-Musik unterlegten Szene kündigt die Pianistin (Isabelle Huppert) einen Brief an, der sofort erhalten und ihr gleich wieder vorgelesen wird. Diesen Closed-Circuit nimmt Tapprich auf: Der Brief wird immer wieder angekündigt und durch immer neu eingefügte literarische Texte verlängert. Durch den Mix der literarischen mit den Trailer-Texten ändern sich die Stimmung und der Tonfall des Vorlesers dauernd – eine Verfremdung, die auf die Verkürzung von Bild, Text und Ton in Trailern verweist.

Petra Noll, im Namen des Kollektivs

SOLO III Katharina Cibulka Jahrgang: 2012,
SOLO III Katharina Cibulka
BILDER Nr. 259

Seit 2010 wird eine der acht jährlich stattfindenden Ausstellungen in der FOTOGALERIE WIEN einem/einer jungen aufstre-benden KünstlerIn als Einzelausstellung gewidmet. Diese Ausstellungsreihe, SOLO, fungiert als Plattform und Sprungbrett für KünstlerInnen, die gerade am Beginn ihrer Karriere stehen, aber bereits über ein umfangreiches Werk verfügen, das einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden soll. Ziel ist es, eine nachhaltige Bekanntheit für die/den ausgewählte/n KünstlerIn zu schaffen; dies inkludiert auch die Vermittlung von Kooperationen und Wanderschaften. Wir freuen uns, dass wir für SOLO III die in Innsbruck lebende, multimedial arbeitende Künstlerin Katharina Cibulka gewinnen konnten. Zur Ausstellung erscheint eine Ausgabe der von der Fotogalerie Wien herausgegebenen Schriftenreihe BILDER mit einem Text der Kunstkritikerin Manisha Jothady.

In ihrer SOLO-Ausstellung in der Fotogalerie Wien konzentriert sich Katharina Cibulka auf Arbeiten, die sich der Position der Frau bzw. Künstlerin in der Gesellschaft widmen. Zahlreiche Arbeiten in den Medien Fotografie, Film, Performance und Schrift nähern sich mit Poesie, Ironie, aber auch mit kritischer Distanz der Problematik: die Frau/Künstlerin am Anfang des 21. Jahrhunderts in dem angestrengten Versuch, die Balance zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Anforderungen sowie eigenen Glücksvor-stellungen zu halten. Dabei geht sie auch auf die Suche nach der eigenen Identität in ihrer Mehrfachrolle als Frau, Künstlerin und Mutter. Bin ich zeitgemäß? (Am I Contemporary?), fragt sie in einer Arbeit – wenn ich heute noch immer meinem Wunsch nach Gleichberechtigung Ausdruck verleihe. Stressed Out ist ein Video, das auf eindringliche Art veranschaulicht, dass das Leben – nicht zuletzt für die Frau – von der Geburt bis zum Tod von Identitätsschwankungen und von immer wieder neuen Ängsten davor, in der Gesellschaft und vor allem vor sich selbst bestehen zu können, begleitet ist.
 
Katharina Cibulka untersucht in ihrer komplexen Auseinandersetzung nicht nur Glücksvorstellungen, Befindlichkeiten, Träume und Überlebensstrategien zeitgenössischer Frauen/ speziell Künstlerinnen – wie in den Videos fireflies & GETTING MY NAME UP THERE oder auch in den poetischen Fotoarbeiten Kralya Petra Prvog 10 A, wo eine Frau in selbstbewusster Weise einen Raum in Belgrad „besetzt“, indem sie Blumen in einem Schlagloch in der Straße pflanzt –,  sondern sie interpretiert auch historische Mythen und Geschichten von Frauenschicksalen neu: In den beiden Fotoarbeiten ÜBERLEBENDE # 1+2 holt sie aus tragischen Ereignissen die Frau als starke Persönlichkeit hervor.
 
Zur Eröffnung wird es eine Performance (peek a corner) mit der Künstlerin sowie mit Verena Brückner, Almut Mölk, Margarete Straka und Tina Themel geben – fünf Frauen aus den unterschiedlichsten Bereichen, die darüber sprechen, was sie bewegt.

Petra Noll, im Namen des Kollektivs

MUSHROOMING Herausgeber: Fotogalerie Wien,
Jahrgang: 2012,
MUSHROOMING
BILDER Nr. 258

In der ersten Ausstellung der FOTOGALERIE WIEN 2012 werden unter dem Titel Mushrooming fotografische und installative Arbeiten von vier jungen österreichischen KünstlerInnen gezeigt, die sich mit (Bild)Räumen beschäftigen, in diese eingreifen, sie erweitern, aufbrechen oder neu konstruieren. Durch diese künstlerischen Eingriffe wird der Raum über seine Bestimmung als architektonisches, festes Konstrukt hinaus als "lebendiger", wandelbarer Raum spürbar. Die Bildresultate haben mitunter skurrilen, surrealen oder auch unheimlichen Charakter; in allen Arbeiten geht es um eine Irritation der üblichen Wahrnehmung von Raum und Architektur bzw. um das Verhältnis von Raum und Mensch.

Elisabeth Czihak zeigt eine installative Arbeit, bestehend aus Farbfotografien und einer großformatigen Schwarz-Weiß-Tapete. Hierbei handelt es sich um eine irritierende Verschränkung verschiedener Raumsituationen und -ebenen. Das Motiv der Tapete ist eine von Czihak 2009 ausgeführte, über die Wände eines leerstehenden Industriegebäudes auswuchernde abstrakte Zeichnung. Darauf und daneben platziert sie Farbfotografien der Serie Otto S. Hierbei handelt es sich um Darstellungen uninszenierter, menschenleerer Innenräume, um einen verlassenen Ort, der nur noch die Spuren seines ehemaligen Bewohners Otto S. aufweist; durch diese "Leere" eröffnet sich viel Spielraum für mögliche Geschichten.

Die Fotoarbeiten der Serie Galerie-Raum von Catharina Freuis sind im vorletzten Jahr entstanden. Zugrunde liegen keine realen Räumen, sondern frei erfundene, aber auf kollektiven Gedächtnisbildern basierende Raummodelle. Diese künstlichen Räume sind so minutiös gefertigt, dass sie täuschend echt wirken. In der Bildabfolge der Serie geschieht eine Steigerung vereinnahmender, wuchernder Gebilde, die den Raum letztendlich zur Gänze in Beschlag nehmen und ins Surreale transferieren. Durch die Eingriffe der Künstlerin gerät der Raum zunehmend "in Bewegung", verformt sich von innen heraus und verliert die Starrheit seiner architektonischen Konstruktion. Die Arbeit ist eine Auseinandersetzung mit der Definition von Raum, Wahrnehmung, Wirklichkeit und Fiktion und somit auch mit dem Medium Fotografie.

Markus Guschelbauers künstlerisches Hauptanliegen ist die Beschäftigung mit dem Thema Landschaft sowie mit den Gegensätzen von Kultur- und Naturraum, Zivilisation und Idylle. Er greift mit naturfernen Materialien wie Plastikfolien, Stoffen und anderen Materialien installativ in die Landschaft ein und erzeugt damit optische Widersprüche bzw. surreale Bildkonstellationen, die er filmisch und fotografisch festhält: "Die Plastikfolie ist ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeiten, die sich, eingefügt in die Landschaft, in ein eigenständiges, fast natürlich anmutendes Lebewesen verwandelt." (M.G.) Seine Eingriffe versteht Guschelbauer als Formung, Kultivierung und Ordnen von Natur, aber auch als Abstraktion, um eine neue Definition von Landschaft zu erstellen.

Michael Strassers künstlerische Arbeit changiert zwischen Fotografie, Installation, Skulptur und Performance. Der Schwerpunkt seines Interesses liegt in der Untersuchung der Beziehung zwischen Mensch, Raum und Architektur sowie in der Analyse des Verhältnisses von Repräsentation und Wirklichkeit. Mit surreal anmutenden Settings, die er ausschließlich für seine Foto- und Videoarbeiten konzipiert, greift er in reale Räume ein und transformiert sie. Die Fotoserie Domestic Sculpture Garden ist in verlassenen Wohnräumen, Häusern und Hotels entstanden. Aus dort vorgefundenen Materialien - wie beispielsweise Teppichen oder Parkettbodenelementen - hat Strasser skurrile Skulpturen oder Installationen gebaut und fotografisch und filmisch festgehalten. Diese temporären Konstruktionen verändern nicht nur die Räume, sondern auch die Beziehung zwischen Raum und Mensch.

Petra Noll, im Namen des Kollektivs